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Poster un nouveau sujet   Répondre au sujet    Forum des germanistes. Index du Forum -> CAPES / Agrégation 2008-2009 -> L'oeuvre poétique de Georg Trakl
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Malte
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:32 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

An die Verstummten




Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit abnehmender Verszahl.
Die erste Strophe enthält fünf Zeilen, die zweite Strophe vier Zeilen und die dritte Strophe enthält zwei Zeilen.
In dem Gedicht liegen neun weibliche Kadenzen vor, welche das Gedicht weich klingen lassen, und zwei männliche Kadenzen. Es ist kein Reimschema aufzuweisen.
Das Metrum ist ein Alexandriner. Es ist ein 12-silbiger jambischer Vers mit einer festen Zäsur nach der dritten Hebung.
In dem Gedicht "An die Verstummten" wendet sich Trakl an eine bestimmte Menschengruppe in der Großstadt. Er spricht damit Menschen an, die in der Anonymität der Großstadt untergegangen sind und keine Chance haben sich zu artikulieren. Sie nehmen die Missstände der Zeit bedingungslos hin, ohne gegen die Missstände anzukämpfen. Es herrscht eine sehr gedrückte Grundstimmung, die von Existenzangst und Lebensangst bestimmt wird. "Memento mori" - gedenke, dass du sterblich bist ist eine der Leitsätze jener Zeit, denn der Tod war allgegenwärtig. Jedoch ziehen die Menschen andere Konsequenzen daraus als z.B. die Menschen im Barock; anstatt an der alten Zeit festhalten zu wollen, versucht man mit allen Mitteln diese zu vernichten und Platz zu schaffen für die neue, hoffentlich bessere Zeit. Daraus folgt der Leitgedanke "Carpe diem" - nutze den Tag, denn obwohl sie wissen, dass der Tod überall lauert, amüsiert man sich in den Vergnügungsvierteln der Stadt. Außerdem spielt der Glaube zu dieser Zeit fast keine Rolle mehr. Der Glaube der in der Barocklyrik den Menschen Halt und Hoffnung gab, scheint jetzt irrelevant und ersetzbar.
Schon mit der ersten Zeile seines Gedichts beginnt Trakls Klagelied. Trakl hat Angst vor dem "Wahnsinn". Der Wahnsinn symbolisiert jetzt schon die Missstände in der Stadt, ohne sie genau zu benennen, denn der Wahnsinn ist etwas, das man nicht anfassen kann, aber etwas, das bedrohlich auf Menschen wirkt.
Das schauderliche und Angst einflössende Szenario seines Gedichts zieht sich nun auch weiter durch die Zeilen und er verbildlicht diese düstere Stimmung, indem er die Stadt am dunklen Abend beschreibt.
In der Dunkelheit wirken viele Dinge bedrohlicher und gefährlicher und so beschreibt Trakl bei seinem Gang durch die nächtliche Stadt "an schwarzen Mauern verkrüppelte Bäume starren", was einerseits für mystische, bedrohliche Gestalten stehen kann, die im Schutz der Nacht nicht wirklich zu erkennen sind und die man daher nur erahnen kann, die verkrüppelten Bäume könnte jedoch auch für die Menschengruppe der Verstummten stehen, die sich in der Dunkelheit verstecken und ihre Anonymität wahren wollen. Sie suchen an etwas Halt, denn sie haben durch die Missstände der Zeit jegliche Vitalität und Lebensfreude verloren, man könnte jetzt sogar sagen, dass diese den Verstummten ganz fehlt, genau wie den verkrüppelten Bäumen. Beide existieren zwar, scheinen aber nicht mehr richtig zu leben. Sie vegetieren vor sich hin. Die Mauern können den Menschen nicht nur Halt geben, sondern sie können die Menschen auch von anderen abschirmen, damit diese weiter in ihrer Anonymität leben können und diese sich nicht weiter der Umwelt auseinander setzen müssen, so wie die "Verstummten" ihr Leben gelebt haben.
Die ganze Situation scheint für den Leser nun immer bedrohlicher zu werden. Hektik und Angst scheinen zu dominieren und dieser Eindruck wird verstärkt, da aus "silberner Maske der Geist des Bösen schaut". Mit der silbernen Maske könnten die Prestigegebäude der damaligen Zeit und die Gebäude der Regierung gemeint sein. Ihre glänzende Fassade steht im totalen Kontrast zu den schwarz verrußten Mauern der Häuser der Arbeiter, wie sie zu dieser Zeit für das Ruhrgebiet typisch waren. Aber es ist halt nur eine schöne, schillernde Fassade, eine Maske eben, hinter der sich geschickt "der Geist des Bösen" versteckt. Hiermit könnten die Menschen gemeint sein, die die Geschicke der Stadt leiten und welche somit auch mitverantwortlich für die Missstände sind. Großfabriken in einer materialistischen und kapitalistischen Zeit, die die Arbeiter ausbeuten, eine Regierung, die dies alles zulässt und eine Zeit, die auf einen Krieg zusteuert und darin endet.
Das Licht, das mit "magnetischer Geißl die steinerne Nacht durchbricht", sind die Straßenlaternen und zahlreichen Lichter der Stadt, welche eine magnetische Anziehungskraft auf die Menschen ausübt. Es zieht die Menschen in die Vergnügungsviertel, um sich von der Realität abzulenken und dem grausamen Alltag zu entkommen.
Die Lichter sollen das Dunkel und damit die alte Zeit erhellen und für bessere Lebensumstände in einer neuen Zeit sorgen.
Die Finsternis und somit die Nacht wird durch diese technische Errungenschaft verdrängt.
Die Nacht wird als "steinern" dargestellt und hinterlässt dadurch ein Gefühl von Kälte und trägt dadurch noch mehr zur seelischen Belastung der Menschen bei. Außerdem könnte das "steinerne" auch für Bewegungslosigkeit und die Starre der Verstummten stehen.
Sie scheinen machtlos gegen die Missstände der alten Zeit und in ihrer Hoffnungslosigkeit haben sie aufgehört für eine neue bessere Zeit zu kämpfen. Diese Menschen stehen wie versteinert da und können aus ihrer Sicht nichts mehr tun, als das Leben so zu ertragen wie es ist.
Daraus folgt der Ruf nach dem "versunkenen Läuten der Abendglocke", wie es damals in ländlichen Gebieten nach Feierabend zu hören war. Damit steht es im Kontrast zu dem Leben in der Stadt. Die Menschen kommen in der Stadt nach Feierabend, also nach Erklingen der Abendglocke nicht zur Ruhe, sondern machen sprichwörtlich die Nacht zum Tag durch ihre Lichter und durch das nächtliche Tummeln in den Vergnügungsvierteln. Das "Läuten der Abendglocke" geht in der Hektik der Stadt unter und versinkt; es wird nicht mehr wahrgenommen und hat somit keine Bedeutung mehr.
In der zweiten Strophe beschreibt Trakl weitere negative Eindrücke und Expressionen, die er von der Stadt bekommen hat. In der ersten Zeile spricht er von einer "Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt". In diesem Fall wird mit der "Hure" die Stadt gemeint. Diese "gebärt" ein totes Kindlein, anders als die heilige Jungfrau Maria. Damit will Trakl sagen, dass hier selbst der christliche Glaube nicht mehr helfen kann, ganz anders als z.B. im Barock, als der Glaube den Menschen Halt und Hoffnung gab, und die Menschen jetzt noch mehr auf sich alleine gestellt sind, denn mit dem totgeborenen Kind ist auch der Glaube gestorben. Des Weiteren spricht er von "Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessnen". Damit bringt Trakl zum Ausdruck, dass die Leute, die nichts gegen die Missstände tun und das Leben in dieser schlechten alten Zeit einfach hinnehmen mit ihrem Leben gestraft werden. "Gottes Zorn" trifft die Mensch in seiner ganzen Härte; die Menschen leiden und es läuft auf einen Krieg hinaus, doch da die Menschen es nicht anders verstehen, müssen schreckliche Dinge geschehen um die Augen der "Besessnen" zu öffnen, damit sie sehen, dass sie etwas gegen die alte Zeit tun müssen, um eine neue Ära einzuleiten.
Es lauern in der Stadt Gefahren, nämlich Seuchen, wie z.B. Syphillis, die zu jener Zeit üblich und weit verbreitet war und großer Hunger. Menschen waren schon oft Geißeln von Hunger und Seuchen, welche sich auf Grund der Missstände und der schlechten wirtschaftlichen Lage und der schlechten hygienischen Bedingungen rasch ausbreiten konnten. Diese schrecklichen Plagen sollen die alte Zeit und die Anhänger dieser Zeit ausrotten, um Platz zu machen für die neue bessere Zeit. Trakl versteht sich hier als Prophet mit dem quasi religiösen Auftrag die "neue bessere Welt" zu verkünden. Die Menschen müssen verstehen lernen, dass es so nicht weitergeht und schnellstens eine Veränderung her muss.
Da die Menschen ja jedoch der Seuche scheinbar machtlos gegenüberstanden, machte sich große Hoffnungslosigkeit in der Bevölkerung breit. Das erklärt die Zeile "grüne Augen zerbricht". Grün ist die Farbe der Hoffnung und die Hoffnung stirbt meist zuletzt. Dies soll also zeigen, wie aussichtslos und vernichtend Trakl wieder die Stadt und die Situation seiner Mitmenschen sieht. In der letzten Zeile der zweiten Strophe beschreibt Trakl wieder den wachsenden Kapitalismus und Materialismus. Alle versuchen Geld zu verdienen und viel "Gold" zu verdienen und doch schafft der einfache Arbeiter dies nicht. Der einfache Arbeiter und somit der Großteil der Bevölkerung litt unter der kapitalistischen Zeit, da sie von den Großfabrikanten ausgebeutet wurden und für sehr wenig Geld arbeiten mussten. Es ist ein Traum der einfachen Arbeiter aus den Missständen auszubrechen; man strebt nach dem Gold und wird es doch niemals erreichen. Dies wissen die Großunternehmer und machen sich lustig über eben jene, die im Glauben sind, irgendwann doch noch einen sozialen Aufstieg zu erleben und den eigen Missständen zu entkommen.

All die schrecklichen Ereignisse und die menschenunwürdigen Lebensumstände haben bisher dennoch nicht bewirkt, dass sich der Geist der Menschen geändert hat und die "Verstummten" nun aus ihrer Anonymität heraustreten und sie nun gegen die Missstände ihrer Zeit ankämpfen. Und so besteht die letzte Strophe auch nur aus zwei Zeilen in denen Trakl hofft, dass die Menschen, die bislang "stumm" waren, aus den "dunklen Höhlen", also ihrer Anonymität heraustreten. Er hofft, dass die Verstummten sich nun endlich von der alten Zeit befreien, die so unerträglich für viele war. Das Leiden der Menschen, die sich bislang in den dunklen Höhlen versteckt haben muss endlich ein Ende finden.
Doch es gibt nur noch ein Mittel, um die alte Zeit und ihre Anhänger zu vernichten. Alle bisherigen Katastrophen konnte nicht bewirken eine neue Ära einzuleiten und so bleibt nur noch das Mittel des Krieges um Platz zu schaffen für diese neue Zeit. Dies erklärt das "harte Metallen"; es steht für Waffen, die ja aus Metall gefertigt werden. Die Waffen beseitigen endlich die alte Zeit, indem sie die Zeit und ihre Anhänger "umbringt" und somit das schafft, was alle vorherigen Katastrophen, wie Seuchen und Hunger, nicht bewältigen konnten. Trakl sieht dies als einzige Möglichkeit die Missstände zu beseitigen und den Weg frei zu machen für eine neue Ära.
Mit der im 19. Jahrhundert in Deutschland im Gefolge der Industrialisierung einsetzende erwuchs dem Menschen ein neuer Lebensraum, der ihn vor neue Aufgaben stellte und ihm neue Erlebnismöglichkeiten ermöglichte.
Seit dem Naturalismus war daher die Stadt auch zum literarischen Motiv geworden, im Expressionismus trat es bestimmend hervor.
Georg Trakl empfand die Stadt jedoch immer als hektisch, Angst einflößend und gefährlich.
Er kann dem neuen Lebensraum nichts Positives abgewinnen und kann nur negative Aspekte und Eindrücke wiedergeben. 
Eine überaus negative Weltsicht ist daher auch typisch für Trakl. In seinen Gedichten versucht er seine negativen Erlebnisse und Eindrücke und sein gescheitertes Leben zu verarbeiten. Trakl kam nie mit seiner Familie und mit seiner Umwelt zurecht und scheiterte immer wieder im Berufsleben. Er war mit seinem Leben einfach überfordert. Seine Welt scheint entzwei zubrechen und seine Gedichte und Prosatexte stellen das in seinen Augen "namenlose Unglück" dar. Dies erklärt wohl die durchweg negativen und klagenden Töne in seinen Gedichten, die aber gleichzeitig immer begleitet werden von einer großen Hoffnung nach einer neuen besseren Zeit, die sich für ihn jedoch nie erfüllen sollte.

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Dernière édition par Malte le Mar 5 Aoû - 19:34 (2008); édité 2 fois
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:32 (2008)    Sujet du message: Publicité

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Malte
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:33 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

An die Verstummten




Georg Trakl, einer der Hauptvertreter des Expressionismus in Deutschland, versuchte mit seinen Gedichten das Empfinden und die Phantasie des Lesers anzuregen und durch die ungewöhnliche Zusammenstellung von miteinander unvereinbaren Inhalten die Kontrolle des Verstandes zu umgehen. Er versuchte dies unter anderem durch die Beschwörung alter Mythen und religiöser Symbole,die unvermittelt mit modernen Gegenständen und Orten zusammengestellt wurden. Doch auch schockierende Vorstellungen von Häßlichem, die oft in der vertrauten Form lyrischer Sprache ausgedrückt sind, erzielten einen ähnlichen Effekt. Im folgenden soll nun Trakls Gedicht "An die Verstummten" interpretiert werden.
Das Thema des Gedichtes ist die Darstellung der als unmenschlich und kalt empfundenen Stadt, die im krassen Gegensatz zum davor erlebten idyllischen Landleben steht. Beim ersten Durchlesen des Gedichtes fallen die letzten zwei Zeilen auf, die bei oberflächlicher Betrachtung des hier behandelten Themas nicht so recht ins Bild zu passen scheinen. Erst bei eingehender Untersuchung des Gedichtes lässt sich ein Zusammenhang herstellen.
Das Gedicht ist "an die Verstummten" gerichtet. Wer diese Personen sein sollen erfährt man erst später: die Verstummten sind all diejenigen, die in der Anonymität der Stadt untergegangen sind. Sie haben keine Chance etwas zu sagen, da ihnen keiner zuhört und keiner auf sie eingeht. Resigniert und verletzt durch die Oberflächlichkeit und die ihnen entgegengebrachte menschliche Kälte ziehen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und verstummen. 
Gleich die ersten Zeile des Gedichts gleichen einem verzweifelten Aufschrei des Erzählers, der an der Kälte der Stadt zu zerbrechen droht: "O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend / An schwarzen Mauern verkrüppelte Bäume starren, / Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut". Im Wort "Wahnsinn" spiegelt sich die maßlose Enttäuschung und die Abscheu des Erzählers vor der Stadt wieder. Er ist von der "großen Stadt" in wohl all seinen Erwartungen enttäuscht worden. Nun hat er Angst davor, hier selbst dem Wahnsinn zu verfallen und möchte wohl am liebsten flüchten, was ihm aber nicht möglich ist. Er läuft "am Abend" durch die Stadt und sieht im blassen Schein der Straßenlaternen gespenstische Mauern und Gestalten. Die "schwarzen Mauern" stellen hier die Gefühlskälte der Stadtmenschen dar. Diese wohnen, abgegrenzt von anderen Menschen und geschützt vor neugierigen Blicken hinter Mauern. Auf diese Weise entziehen sie sich Anäherungsversuchen durch andere Stadtbewohner und schaffen Misstrauen und Gefühlskälte. Vor diesen Mauern starren "verkrüppelte Bäume" auf die Vorbeilaufenden. Die Bäume bilden den Gegensatz zu den schwarzen, kalten Mauern: Eigentlich sollen sie das Stadtbild verschönern und den Stadtmenschen die Natur näher bringen. Jedoch die Gefühlskälte der Menschen, das unbedingte Beherrschen-Wollen der Natur und das Fehlen menschlicher Wärme lassen die Bäume verkrüppelt wachsen. Ausserdem schaut noch "Aus silberner Maske der Geist des Bösen" auf die Menschen herab. Die "silberne Maske" sind die Hochhäuser und Büros der Stadt, sie glänzen silber, da sich das Licht der Strassenlaternen in den Fenstern und auf dem Metall der Bauten spiegelt. Hierbei wird auch auf den unbedingten Fortschrittsglauben der Menschen eingegangen: Alles muss höher, besser und schöner sein als in anderen Städten. Es kommt nur auf die "Maske" an, auf den äußeren Schein. Was sich dahinter verbirgt, ist nicht wichtig, der "Geist des Bösen" soll dem Betrachter verborgen bleiben. Das Licht, das "mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt", sind die Strassenlaternen, eine technische Errungenschaft und gleichzeitig der Sieg der Menschen über die Finsternis, über die Nacht. Die Nacht selbst ist "steinern", sie lastet schwer auf den Gemütern der Menschen, spendet keine Wärme, kühlt sie im Gegenteil sogar noch aus. Aus diesem Gefühl der Kälte heraus erfolgt dann der Ruf nach dem "versunkenen Läuten der Abendglocken." Dies stellt die Erinnerung des Erzählers an seine ländliche Heimat dar, in der er sich wohl fühlte und in der nach Feierabend, also nach dem Läuten der Abendglocken, die Geselligkeit mit der Familie oder mit Freunden auf der Tagesordnung stand. Im Gegensatz dazu steht die immer präsente Hektik der Stadt, in der das Geläute der Abendglocken untergeht, versinkt, kaum beachtet wird. Die Hoffnungen, Träume des Erzählers in Bezug auf die Stadt gehen ebenfalls unter. 
Der Erzähler beschreibt noch mehr negative Eindrücke, die er von der Stadt bekommen hat. So bemerkt er eine "Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kind gebärt". Die Hure steht hier als Zeichen der Gefühlskälte, der Oberflächlichkeit der Menschen, der fehlenden Liebe in dieser Stadt. Sie symbolisiert die Aufgabe der eigenen Würde und der Selbstbestimmung des Menschen. Die "eisigen Schauer" stellen die Gefühlskälte, die Seelenlosigkeit der Stadt dar. Schauer der Angst überkommen sie, wenn sie an die Zukunft denkt. Ihr Kind ist eine Totgeburt: All ihre Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben sind mit dem Kind gestorben. Hier findet sich ein weiterer Beleg dafür, dass Unschuld- zum Ausdruck gebracht durch das Neugeborene- in der oberflächlichen und kalten Stadt nicht überleben kann. Die Wut Gottes über die Entfremdung und das Desinteresse der Menschen untereinander kommt in den nächsten Zeilen zum Ausdruck: "Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen, / Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht." Meiner Meinung nach ist der Besessene der Mensch, der aufgrund seines unbedingten Fortschrittsglaubens nichts anderes mehr an sich heranläßt ausser die Lehren der Wissenschaft. Die Seuche, die sich in der Stadt ausbreitet, ist die Gier nach technischem Fortschritt. Der Hunger symbolisiert hierbei die innere Leere im Menschen, die er durch seinen unbedingten Glauben an den Fortschritt zu füllen versucht. Da Liebe und Wärme in der Stadt fehlen, ist die Hoffnung, die er anfangs mit "grünen Augen" zu sehen glaubte, zerbrochen. Daran erkennt man, dass die Leute in der Stadt abgestumpft sind und blind gemacht wurden dadurch, dass ihr Vertrauen und ihr Glaube an Gott zerbrochen ist. Erschüttert darüber beklagt der Erzähler das Zerbrechen seiner Träume, die er in der Stadt verwirklichen zu können geglaubt hatte: "O, das gräßliche Lachen des Golds:" Hierbei fällt dem Leser das Vorurteil ein, die Strassen der Städte seien mit Gold gepflastert. Eine Vorstellung, die Tausende dazu veranlasste, aus den Dörfern wegzuziehen und in der Stadt ihr Glück zu machen. Jedoch sieht der Erzähler nun, dass diese Vorstellung nichts mit dem wirklichen Stadtleben zu tun hat. Er hört nun das "grässliche Lachen des Goldes". Grässlich deshalb, weil unmenschlich, vernichtend und desillusionierend. Er wird seiner Leichtgläubigkeit und seines Scheiterns wegen verlacht.
Der Schlussatz scheint nun die Erlösung aus dieser unmenschlichen Umgebung zu sein: die in der Überschrift "Verstummten" versammeln sich und wollen die Schrecken der Stadt auslöschen. "Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit, / Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt." Das Nachdenken über die derzeitige Situation soll die Menschen von der Kälte der Stadt befreien. Die "harten Metalle", aus denen "das erlösende Haupt"zusammengefügt wird, sind eigentlich Elemente der Stadt (vgl. Häuser und Mauer). Hieraus kann man ersehen, dass die Kälte und all die anderen Schrecken der Stadt mit ihren eigenen Waffen geschlagen und - wenn möglich - vernichtet werden sollen. Die Verstummten sollen erlöst werden von ihrer Pein. Aber das Ganze soll "stille" geschehen, es soll zu keinem Aufschrei oder gar zu einer Revolution kommen. Die "dunkle Höhle" ist die Stadt selbst und die Wunden, aus denen die Verstummten bluten, sind Verletzungen, die sie durch die Gefühlskälte und das Desinteresse ihrer Mitmenschen bekommen haben.
Georg Trakl beklagt in diesem Gedicht das sich immer weiter ausbreitende Gefühl des Nicht-Verantwortlich-Seins, das mittlerweile einen festen Platz in der Gesellschaft einnimmt. Heute ist dieses Problem aktueller denn je zuvor. Die Kriminalitätsrate und die Gewaltbereitschaft nehmen immer weiter zu, jeder sieht im Anderen zuerst einmal einen absouten Fremden und nicht einen normalen Menschen. Unsere Gesellschaft ist viel misstrauischer geworden und es fällt uns schwer, auf andere Menschen zuzugehen. Dabei wäre es doch wirklich langsam an der Zeit, seine Vorurteile fallen zu lassen, offener auf die Menschen zu- und unbefangener mit ihnen umzugehen.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:36 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Die Raben


Das Gedicht „Die Raben“ (1913) von Georg Trakl beschreibt das lyrische Ich das Verhalten einer Schar von Rabenvögel. Das Gedicht hat drei Strophen mit jeweils vier Versen, verfasst in einem umarmenden Reim (abba).
In der ersten Strophe schildert Sprecher, wie die Raben mittags mit „hartem Schrei“ über den „schwarzen Winkel hasten“ (Z.1f). Wir wissen von Trakl, dass seine Werke meist mit Symbolen verschlüsselt sind und er nur selten eine eindeutige Interpretation zulässt. Es handelt sich hier um einen ganz bestimmten „schwarzen Winkel“, da ihm ein bestimmter Artikel („den“) vorangestellt ist. Dies könnte einfach nur der Teil einer Ortschaft sein, z.B. ein Waldstück. Ich würde mit dem „schwarzen Winkel“ aber eine Anspielung auf einen Galgen sehen; als Stilmittel hätte Trakl hier dann eine Metonymie1 verwendet. Der Galgen ist für mich in mehrerlei Hinsicht schlüssig: Zum einen wird mit dem Adjektiv „schwarz“ seine todbringende Eigenschaft unterstrichen, zum anderen entspricht die Bezeichnung als „Winkel“ seiner typisch rechtwinklige Bauweise. Desweiteren wurden im Jahre 1913, als das Gedicht verfasst wurden (und in dem wahrscheinlich auch die Handlung stattfindet) durchaus noch Hinrichtungen in Österreich durchgeführt; sie fanden häufig Mittags statt und es wurden vermehrt Raben als „Leichenfledderer“ beobachtet, die den Hinrichtungen als Aasvögel beiwohnten. 
Bei den Raben, von den das lyrische Ich hier berichtet, wird es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den Kolkraben handeln. Der Kolkrabe war im Mittelalter häufig ein Beiwohner von Hinrichtungsstätten und ein Aasfresser. Dass der Sprecher die „Schreie“ der Raben als „hart“ empfindet verwundert nicht; zwar zählen Raben zu den Singvögeln, aber die typischen Laute der Raben („kraa“, „kork“ u.ä.) klingen für den Menschen eher befremdlich. Des weiteren streifen die Schatten der Rabenschar an einer Hirschkuh vorbei (Z.3) und manchmal kann der Sprecher die Raben „mürrisch rasten“ (Personifikation2) sehen. Über die mögliche Bedeutung des dritten Verses werde ich später noch eingehen.
In der zweiten Strophe stören die Raben bei ihrer Rast die „braune Stille“ eines Ackers (Z.5). Trakl wendet hier eine Synästhesie3 an, denn „braun“ ist nur über das optische Sinnesorgan zu erkennen, während „Stille“ nur gehört werden kann. Mit der „braunen Stille“ ist wahrscheinlich die Stille des Ackers gemeint, in dass sich der Acker „verzückt“ (Personifikation). Im siebten Vers erfährt der Acker plötzlich eine Art von „Geschlechtsumwandlung“, denn schließlich hat der Acker in der deutschen Sprache einen männlichen Artikel („der Acker“). Im siebten Vers allerdings wird der Acker als „Weib“ personifiziert, für dass der Anflug der Raben wie das Überkommen einer „schweren Ahnung“ ist (Z.7). Welche schwere Ahnung der Acker haben sollte, bleibt dem Leser zunächst unklar. Unterstützt wird diese Vorahnung durch eine weitere Personifikation im achten Vers, bei der die Raben „keifen“; die Raben streiten oder schimpfen sozusagen.
Leider schafft auch die letzte Strophe nur wenig Klarheit über den Sinn der zweiten Strophe. Zweite und dritte Strophe gehen durch einen Enjambement4 ineinander über. Dem Leser wird jetzt bewusst, worüber die Raben sich streiten, nämlich um ein „Aas“, dass sie „irgendwo wittern“ (Z.9). Über die Art des Aases gibt der Sprecher leider keine Aussage (es ist also kein auktorialer Sprecher in diesem Gedicht), denn ob menschlicher oder tierischer Aas, könnte für eine genaue Interpretation später durchaus interessant sein. 
Die Witterung des Aases treibt die Rabenschar zum Flug Richtung Norden an (Z.10, Inversion5 in diesem Vers). Das lyrische Ich beschreibt den Flug der Schar wie ein „Leichenzug“ (Vergleich) und die Luft, die vor „Wollust zittere“ (wiederrum eine Personifikation).
Die eindeutige Interpretation diese Gedichtes erscheint mir sehr waghalsig. Da aber wie bereits gesagt von Trakl bekannt ist, dass er sehr viele (religiöse) Symbole in seinen Gedichten verwendet, werde ich einige dieser Symbole zu entschlüsseln versuchen. 
Zunächst einmal kann man zu den Hauptakteuren, nach denen auch das Gedicht betitelt ist, nämlich den Raben sagen, dass zwischen dieser Vogelgattung und dem Menschen seit jeher ein zwiespältiges Verhältnis besteht. In vielen Anekdoten6, Sagen und Märchen wird der Rabe als Tod- und Unheilsbringer diffamiert7, diese Überzeugung lebt auch in einigen Sprichwörtern wie „Du Unglücksrabe!“ bis heute weiter. Besonders skeptisch war man ihnen gegenüber auch, weil sie bei den Hinrichtungsstätten, aber auch auf Schlachtfeldern als sogenannte „Leichenfledderer“ (Aasfresser) oder „Galgenvögel“ auftauchten. Im Mittelalter wurde die Ernte der Bauern von Krähen und Raben bedroht und so kam auch der Aberglaube auf, dass tote, aufgehängte Krähen oder Raben die Schädlinge fernhalten könnten. Das schwarze Gefieder der Raben gab ihnen auch den Beinamen „Pestvogel“. Ihr sehr schlechter Ruf hat dazu geführt, dass der Kolkrabe gejagt wurde und heute fast nur noch im Alpenraum beheimatet ist. 
In der germanischen Mythologie wurde „Odin“ (auch als „Wotan“ bekannt), der Gott der Weisheit und des Krieges, stehts von seinen zwei treuen Raben „Hugin“ und „Munin“ begleitet, die er in die Welt entsandte und ihn immer über Neuigkeiten benachrichtigten. Odin war für die Germanen damit auch „Der Herrscher der Raben“. Odin ist sowas wie der germanische Merkur und daher ebenso wie Merkur der „Führer der Seelen ins Totenreich“. Darüber hinaus gibt es für Odin neben Wotan noch eine ganze weitere Menge Namen, z.B. „Hangatyr“, der Gott der Erhängten; daher ist Odin auch eine Art „Totengott“. 
Zu guter letzt gelten Raben jedoch auch als sehr intelligente Tiere.
Insgesamt passt dieses Bild des Raben sehr gut in dieses Gedicht. In der ersten Strophe wird der Rabe als „Galgenvogel“ dargestellt, der sich zu den Hinrichtungen bei Mittag am Galgen einfindet. In der zweiten Strophe wird die Saat des noch frischen Acker (dass der Acker noch nicht bewachsen ist, lässt sich an der „braunen Stille“ in Vers fünf ablesen) womöglich von den Raben geplündert. Darüber hinaus aber bedeuten die Raben Unheilsboten für das Acker, da es von „schwerer Ahnung berückt“ (Z.7) wird. Da die Raben auch Vorboten des germanischen Kriegsgottes Odins waren, könnten die Raben eine bevorstehende Schlacht auf diesem Acker bedeuten. 
In der dritten Strophe nun haben die Raben ein Aas gewittert und brechen ihren Flug nach Norden auf. Da Raben auch als „Leichenfledderer“ bei Kriegen gesehen wurden und sollte es sich hier um einen menschlichen Aas handeln, so könnte der Aufbruch der Raben nach Norden auch auf eine bestehende Schlacht oder einen erlegenen Kriegsverletzen in unmittelbarer Nähe Richtung Norden handeln. 
Der Sprecher des Gedichtes könnte sich also in Nähe eines Kriegsgebietes befinden.
Um den dritten Verses dieses Gedichtes nochmal näher zu betrachten, kann es nützlich sein zu wissen, dass der Hirsch ein Christussymbol ist. Die Hirschkuh im speziellen steht für Ehre und Stolz. Der Schatten wiederrum, welcher die Hirschkuh streift, kann eine Anspielung auf den Hades bedeuten. Das Christentum könnte sich also vor dem Untergang durch den Krieg befinden.
Freilich ist diese Interpretation nicht sehr offensichtlich. Aber das zeigt die Vielschichtigkeit und die starke Chiffrierung8 von Trakls Lyrik. Trakl erreicht diese Verschlüsselung hauptsächlich durch (religiöse) Symbole, da er durch die französischen Symbolisten mitgeprägt wurde und aus einem sehr christlichen Elternhaus stammt. Des weiteren kann man auch typisch expressionistische Farben und Motive in diesem Gedicht erkennen. Trakl verwendet häufig Personifikationen (Z.4, Z.6, Z.7, Z.8), es tritt aber auch eine Synästhesie auf (Z.5). Farblich bleibt Trakl bei „schwarz“, was er hier mit dem Tod assoziiert (Z.1: „schwarzen Winkel“, Z.3: „Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei“). Auf das Thema „Tod“ wird immer wieder hingewiesen, z.B. in Vers 1, V.3, V.11 und V.12.

Anmerkungen: 
1 Metonymie (Stilmittel): Ersetzung eines gebräuchlichen Wortes durch ein anderes, das zu ihm in unmittelbarer Beziehung steht: z.B. Autor für Werk, Gefäß für Inhalt, Ort für Person. 
2 Personifikation (Stilmittel): Bei der Personifikation wird ein lebloser oder ein abstrakter Begriff, oder aber auch ein Tier, „vermenschlicht“. Personifikationen treten z.B. immer in Fabeln auf (da Tiere wie Menschenhandeln). Anderes Beispiel: Der Mond schaut zornig drein; der Mond nimmt hier also charakteristische menschliche Züge an. 
3 Synästhesie (Stilmittel): Verbindung unterschiedlicher Sinneseindrücke. Beispiel: „Sehe mit fühlendem Auge“. 
4 Zeilensprünge. Ein Satz wird hier häufig gegen die Logik des Lesers mittendrin umgebrochen und auf zwei Verse verteilt. Je nach Kontext und Art der Umbrechung kann der Satz damit abgehackt (da man wegen der Unlogik zu Gedanken- und Sprechpausen gezwungen wird) oder auch temporeich wirken. 
5 Umstellung des Satzbaus. 
6 Erzählungen. 
7 Etwas oder jemanden schlecht reden. 
8 Verschlüsselung.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:38 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Verfall




In dem 1913 veröffentlichten Gedicht Trakls beschreibt ein lyrisches Ich, wie es im Herbst bzw. in einer Situation des Glücks dessen Verfall erlebt. In den beiden ersten Strophen des Sonetts wird noch nicht deutlich, dass das Ich ein Erlebnis berichtet; es scheint so, als spräche es von dem, was es regelmäßig „am Abend“ (V. 2) im Herbst (V. 5) erlebt. Vielleicht trägt dazu der Umstand bei, dass das Ich nur von seinen Wahrnehmungen spricht und diese ganz allgemein datiert als „am (nicht mit anderen Ereignissen synchronisierten) Abend“ sich ereignend.

Das Ich beschreibt also in einem einzigen Satz, was es wahrnimmt: das Erlebnis, dass es „am Abend“ Glocken läuten hört und Scharen von Zugvögeln fliegen sieht (V. 2-4). Was vernimmt das Ich in seinen Wahrnehmungen? Es hört, wie die Glocken „Frieden“ läuten (V. 2); es sieht wundervolle Vogelzüge (V. 3), die es mit „frommen Pilgerzügen“ vergleicht. Beiden Wahrnehmungen eignet also unterschwellig eine religiöse Qualität; sie erwecken in dem betrachtenden Ich die Ahnung einer letzten Vollendung aller Wege und Reisen; die Vögel entschwinden in „klaren Weiten“ (V. 5), und das Ich folgt ihnen (V. 3), zumindest mit seinen Blicken, vermutlich auch mit seiner Sehnsucht.
Seine einzige Tätigkeit, das Folgen, ist durch die Synkope („folg“, V. 3) aus dem ruhigen Fluss des jambischen Sprechens herausgehoben; durch den Reim (hier umarmender Reim) werden die Flüge der Vögel noch einmal an die mit ihnen verglichenen Pilgerzüge gebunden, die „klaren Weiten“ des Ziels hingegen ans „Frieden Läuten“, womit die Dimension des Friedens in die unendliche Weite aller Ziele ausgedehnt wird. In den ersten drei Versen sind „Frieden“, „wundervoll“ und „fromme Pilgerzüge“ die betonten und damit Sinn tragenden Wörter. Das Ich spricht ruhig; hinter jedem Vers bildet sich wegen der weiblichen Kadenz im jambischen Sprechen eine kleine Pause; größere Pausen entstehen nach V. 2 und V. 4, weil dort Sätze enden. Wegen des umarmenden Reims lässt die Assonanz in V. 3 und V. 4 ebenfalls den Sprechen ganz kurz innehalten - der erinnerte Reimlaut fordert sein Recht.
In der zweiten Strophe spricht das Ich mehr von sich selbst und auch von dem Ort, wo es sich befindet: „Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten / Träum ich...“ (V. 6 f.). Mit dem Partizip „hinwandelnd“ beschreibt es sich als ebenso in Bewegung befindlich wie die Vögel (vgl. die Wiederholung „folg“, V. 9); das Wort erinnert an das christliche Bild vom homo viator, der auf Erden nur Gast ist und zur himmlischen Heimat pilgert. Damit wird die religiöse Bedeutung des Glockenläutens (vermutlich das Ave Maria der Abendglocke) und des Pilgerzug-Vergleichs unterstrichen; das Ich geht allerdings nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern nur durch den Garten „hinwandelnd“. Das Verb „wandeln“ gehört der gehobenen Sprache an und weist deutlich religiöse Bezüge auf [Wortschatz der Uni Leipzig: „Teilwort von: auf seinen Spuren wandeln, auf ihren Spuren wandeln, sich wandeln in, auf Gottes Pfaden wandeln, gerade seinen Weg wandeln, auf abschüssigen Pfaden wandeln, gottlos wandeln, den Weg der Tugend wandeln, auf dem Sündenwege wandeln, in Gleichstrom wandeln, die Bahn der Tugend wandeln“]. Der Garten wird als dämmervoll wahrgenommen (V. 6); die helleren Ziele der Vögel stehen dazu im Kontrast, sie sind entsprechend Gegenstand der Sehnsucht, das lyrische Ich träumt von ihnen, erträumt und ersehnt sie für sich; durch eine Synkope („träum“ betont) wird das träumende Sehnen ins Blickfeld gerückt.
Durch den Reim „Geschicken / rücken“ (V. 7 f.) bindet das Ich seine Sehnsucht nach dem Hellen mit dem gegenwärtig erlebten Glück zusammen. Dass es das Verstreichen oder Vergehen der Zeit nicht mehr wahrnimmt (V. 8), erscheint als Folge seines Sehnens, zumindest damit verbunden (Konjunktion „und“, V. 9). Abschließend deutet es erneut an, dass es gar „über Wolken“ dem Vogelflug folgt (V. 9).; vielleicht hat es sich aus der Gegenwart verabschiedet und im Geist ihrem Flug angeschlossen.

Mit dem betonten „da“ (V. 9) beginnt das Ich in den Terzetten zu beschreiben, wie es einen „Hauch von Verfall“ vernimmt und davon erschüttert wird; es wird durch einen bloßen „Hauch“ aus dem transzendierenden Träumen gerissen (vgl. Hebbel: „Sommerbild“). Es vernimmt, wie die Amsel nicht flötet, sondern (personifiziert) „klagt“; das ist der Gegenklang zu den läutenden Glocken, aber eben in der Nähe. Auch dass die Zweige „entlaubt“ sind, ist Zeichen des Verfalls der Lebewesen. Weitere Zeichen des Verfalls sieht das Ich: das Schwanken des Weins (V. 11) an den „rostigen“ Gittern (Alliteration rot - rostig, vgl. die f-Alliteration in V. 2). Auch die Astern neigen sich, gar „fröstelnd“: Die Personifikation zeigt, dass dieses Frösteln die Menschen angeht, dass sie gleichermaßen vom Verfall bedroht sind. Das wird auch in dem Vergleich „wie blasser Kinder Todesreigen“ angedeutet, mit dem die Astern zum zweiten Mal aufs menschliche Vergehen verweisen. „dunkel“ (statt „dämmervoll“ oder gar „klar“, V. 5 und V. 4) und „verwittern“ sind weitere Boten des Verfalls. „um dunkle Brunnenränder“ könnte Adverbial zu „neigen“ sein, aber auch Attribut zu „Todesreigen“; die gleiche Unbestimmtheit ist bei „über Wolken“ (V. 8) auszumachen; sachlich ist aber ohne größere Bedeutung, für welche Lesart man sich entscheidet.
In der Anfangsstellung werden, abweichend vom Taktschema, „Folg“ (V. 2), „Hin-“ (V. 5), „Träum“ (V. 6) und „So“ (V. 8) betont; „Da“ (V. 9) ist bereits genannt. Durch diese Abweichung von Taktschema kommt etwas Spannung oder Leben ins Sprechen. Das Reimschema in den beiden Terzetten ist ein dreifacher Paarreim. Die Semantik der Reime könnte man leicht aufschlüsseln: Wie das Ich aus seinem „Garten“ sich wegträumt und an den „Fahrten“ der Vögel bei ihrer Himmel-Fahrt teilnimmt, wenn auch nur träumend (V. 5 / 8), usw.

Es ist interessant, dieses Erlebnis der Natur-Transzendenz (Vogelflug als Himmelfahrt) und seine leichte Erschütterbarkeit zu bedenken; wenn man zum Vergleich Psalm 23 heranzieht, sieht man den Unterschied zum religiösen Glauben:
„Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps. 23,4)
Es ist der Stab des guten Hirten, welcher auch im Finstern da ist; das lyrische Ich dagegen kann nur träumend sich aus dem Dämmern entfernen. Wenn es finster und dunkel wird, wird es von den Zeichen des Verfalls eingeholt und erschüttert. Das Ziel des menschlichen Wandels stellt sich von selbst ein: Lebensabend, Frösteln, Tod.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:40 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Voici un site où on peut acheter des interprétation de beaucoup de poèmes de Trakl. Ca peut être intéressant pour la préparation à l'oral.


http://www.interpretationen.de/interpretationen_treffer.cfm?autor=Trakl, Ge…
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:44 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Grodek




Das Gedicht Grodek von Georg Trakl stammt aus dem Jahr 1914 und gehört in die Epoche des Expressionismus (ca. 1910-1920). Der Begriff ‚Expressionismus‘ stammt vom lateinischen Wort expressio (Ausdruck) und bedeutet 'Ausdruckskunst'. Die Expressionisten lehnten sich gegen die Tradition des 19. Jahrhunderts auf, das bisher noch nicht in einer solchen Schärfe kritisiert wurde. Sie kritisierten aktuelle Erscheinungen und Entwicklungen ab, wie die Industrialisierung, Urbanisierung, die Zivilisation und das wilhelminische Bürgertum. Zu den expressionistischen Themen gehören die Großstadt, der Ich-Zerfall, der Weltuntergang, Tod, Krankheit und Verfall bzw. die Ästhetik des Hässlichen und der Krieg.
Das Gefühl sich in einer apokalyptischen Zeit zu befinden verband sich oft mit der Vorstellung, dass ein Krieg die kritisierte Gesellschaft vernichtet, damit sie erneuert werden könnte. Der Kriegsausbruch wurde nicht nur in Deutschland begeistert gefeiert. In den Gedichten vor 1914 findet man dementsprechend teils eine gewisse Kriegsfaszination. Expressionisten entwarfen Visionen eines kommenden Krieges, redeten ihn herbei oder warnten vor ihm, wie zum BeispielGeorg Heym in Der Krieg. Sie sahen den Krieg nicht voraus, sondern verwendeten ihn als Metapher, die für Veränderung und Aufbruch zu etwas Neuem stand. Der Krieg wurde auf zwei Arten beschrieben: als Purgatorium, wie in Heyms Der Krieg oder in Georg Trakls Grodek und als Aufbruchsmetapher zu etwas Neuem wie in Ernst Stadlers Der Aufbruch. Viele Expressionisten, die teils begeistert in den Krieg gezogen waren, fielen bereits in den ersten Monaten, wie Alfred Lichtenstein, Ernst Stadler, Ernst Wilhelm Lotz und August Stramm, während sich Georg Trakl nach der Schlacht bei Grodek das Leben nahm. Durch die grausame Realität schlug die Begeisterung schnell in Schrecken um, was in eine Orientierungslosigkeit mündete.
Georg Trakls lyrischer Text Grodek stellt die Schattenseiten des Krieges dar. Der Titel verweist auf den Namen einer kleinen Ortschaft in der heutigen Ukraine, an dem im Herbst 1914 eine Schlacht zwischen österreichischen und russischen Truppen ausgetragen wurde. Trakl hatte sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet und war dort in einer Sanitätseinheit stationiert. Nach der Schlacht hatte er in einer Scheune ungefähr 90 Schwerstverletzte medizinisch zu versorgen, wobei ihm allerdings die nötigen Medikamente fehlten. Der zeitlebens psychisch labile Dichter erlitt einen Nervenzusammenbruch und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Man brachte ihn ins Krankenhaus, wo er sein letztes Gedicht Grodek schrieb, in dem er versucht, seine schrecklichen Erfahrungen während der Schlacht von Grodek zu verarbeiten. Am 3. November 1914 starb er an einer Überdosis Kokain.
Inhaltlich schildert das Gedicht den Waffenlärm in den Wäldern. Anschließend richtet sich der Blick auf ein Schlachtfeld und die sterbenden Krieger. Die Sonne verdüstert sich und Blut sammelt sich im Weidengrund, während ein unbekannter Gott zürnt. In der Nacht kommt Stille auf und der Schatten einer Schwester huscht umher. Das lyrische Ich denkt zum Abschluss voll Trauer an die ungeborenen Enkel der Krieger.
Der Inhalt kann in zwei Teile unterteilt werden: Vers 1 bis 10 schildern die Schlacht und deren Folgen. Der 10. Vers ist wie eine Art Zusammenfassung. In der zweiten Hälfte werden weitere Folgen des Krieges genannt, die die Zukunft betreffen und erst die wirklich trostlosen Ausmaße des Krieges verdeutlichen.
Das Gedicht enthält keine traditionelle lyrische Form, keinen einheitlichen Rhythmus und kein Reimschema. Ein fester Rhythmus wäre eher unpassend, weil das lyrische Ich unter Kriegsimpressionen leidet und sich ein höchst verzweifelter Mensch nicht in Reimen ausdrückt. Die Kriegsschilderungen werden durch die Formlosigkeit stimmig untermauert, was man auch in August Stramms Patrouille beobachten kann. Grodek besteht aus einer Strophe mit 17 Zeilen und ist im Reihungsstil verfasst, der in der Epoche des Expressionismus häufig verwendet wurde.
Die ersten 9 Verse vermitteln dem Leser Eindrücke vom Kampfgeschehen mitten in einer schönen Landschaft mit blauen Seen (3) und goldene Ebenen (2). Trakl entwirft eine positive Ausgangsstimmung, wobei die erste Zeile die grausame Darstellung der Schlacht noch nicht erahnen lässt: „Am Abend tönen die herbstlichen Wälder” (1). Doch die friedliche Stimmung wird sogleich verworfen: In der zweiten Zeile muss der Leser erfahren, dass die Wälder nicht von hübschem Vogelgesang ertönen, sondern „[v]on tödlichen Waffen” (2). Trakl schafft also gleich zum Einstieg einen scharfen Kontrast zwischen der Schönheit der Natur und der grausamen Schlacht, der sich im ganzen Text findet. Die Begriffe Abend (1), herbstlich (1) und Nacht (4, 11) stehen alle für etwas, das sich zu Ende neigt und künden somit symbolhaft den Untergang der jungen Menschen an, die die Natur frevelnd mit ihren Waffen beeinträchtigt haben.
Die Natur verhält sich gleichgültig gegenüber den Menschen, aber die anfängliche Helligkeit weicht einer Dunkelheit: Die Sonne verdüstert sich, die Nacht umfängt die Krieger und die dunklen Flöten des Herbstes tönen leise. Die Sonne, die sonst ein Symbol für Schönheit, Helligkeit oder Natur ist, wird ganz ungewohnt beschrieben: „darüber die Sonne düstrer hinrollt” (3-4). Das Oxymoron wirkt noch eindrucksvoller, weil ein Enjambement die unaufhaltsame Bewegung der Sonne formal unterstützt. Die rollende Bewegung lässt den Leser eher an ein Gewitter und an das Grollen eines Donners denken, was einen akustischen Eindruck erzeugt und eine bedrohliche Wirkung erzeugt. Die bedrohliche und dunkle Atmosphäre wird dadurch noch mehr gesteigert, dass die Sonne nicht nur düster, sondern „düstrer” (4) ist. Expressionisten wollten die aus der Dichtung ausgeschlossenen hässlichen Elemente darstellen und das Schöne mit dem Hässlichen verschränken. Demnach wurden traditionelle lyrische Requisiten ironisiert oder dämonisiert, vor allem die idyllische Mondpoesie. Georg Heym ließ in Der Krieg sein Kriegsmonster den Mond zerdrücken. Auch die Sonne wurde immer wieder abgewertet, wie in diesem Gedicht, wo sie verdunkelt und bedrohlich über den Himmel rollt. Es handelt sich hierbei um Provokation und Spielerei, um gegen die bürgerliche Gefühlskultur aufzubegehren. Die Dichtersprache wurde zerschlagen, weil sie nicht mehr als Ausdrucksmittel der Wirklichkeit taugte. Ihre Zerstörung wirkte dabei befreiend.
Trakl thematisiert die Schlacht von Grodek, aber die Kampfhandlungen werden nur sehr allgemein im tönenden Waffenlärm dargestellt. Ähnliches kann man in Der Krieg von Georg Heym und in Augusts Stramms Patrouille beobachten. Es geht in allen drei Gedichten mehr um Impressionen und Stimmungen. Im Mittelpunkt stehen bei Trakl und Heym die Folgeerscheinungen des Krieges: Verwundung, Schmerz, Vernichtung, Verwesung und Leid. Dementsprechend wird der Blick gleich auf die sterbenden Krieger und nicht auf den Kampf gerichtet. Sie werden metaphorisch von der personifizierten Nacht umfangen, also von der Dunkelheit der Nacht umgeben. Die Wendung „wilde Klage” (5) ist eine Metapher für ihre Todesschreie, die der Szene einen pathetischen Klang verleiht. Sie klagen mit „zerbrochenen Münder[n]” (6). Die Soldaten werden auf ihre Münder reduziert und verdinglicht, was zeigt, dass sie nur noch Schlachtmaterial und keine Individuen mehr sind. Trakl steigert durch seine verfremdete Darstellung die Aussage.
Nachdem alle Krieger im Sterben liegen, oder bereits tot sind, kehrt im Weidengrund Stille ein und es sammelt sich „®otes Gewölk” (8). Das rote Gewölk deutet auf den Sonnenuntergang hin, steht aber auch in engem Kontakt mit dem Blut, auf das in der nächsten Zeile Bezug genommen wird. Hier sammelt sich auch der Zorn eines unbekannten Gottes, der seine Missbilligung über das unnötig vergossene Blut zeigt. Versteht man das rote Gewölk als Sonnenuntergang, könnte man davon ausgehen, dass hier der Übergang vom Abend zur „mondne[n] Kühle” bzw. zur Nacht geschildert wird. Der Neologismus ‚mondne‘ verstärkt durch den dunklen Ton die düstere Stimmung. Es scheint weder Trost noch Hilfe zu geben. Die Natur bietet in der Nacht lediglich eine Ruhestätte, die für viele Soldaten die letzte ist.
Der 10. Vers bildet eine Art Mittelachse des Gedichts und fasst die bisherigen Eindrücke zusammen: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.” (10). Hier werden die Schilderungen drastisch gesteigert und in der chiffrenartigen Wendung 'schwarze Verwesung' ausdruckstark auf den Punkt gebracht, wo sie alle enden: in Tod und Vernichtung. Die Farbe Schwarz gesteigert das Bild, weil sie mit Trauer, Melancholie und Tod in Verbindung gebracht wird. Die Wendung verdeutlicht die Stimmung des lyrischen Ich, das bei all dem Leid keine Hoffnung und keinen Ausweg mehr sieht. Hier werden auch das Hauptmotive des Gedichts genannt: Verfall, Tod und Untergang. Damit ließe sich der Text den expressionistischen Kriegs- oder Verfallsgedichten zuordnen.
In den folgenden Zeilen wird es immer schwieriger, die bilderreiche Sprache zu deuten. Die 11. Zeile entwirft erneut ein Bild von der Schönheit der Natur, das metaphorisch für den Sternenhimmel steht: „Unter goldenem Gezweig der Nacht und Sternen” (11). Es kommt also doch wieder ein leichter Hoffnungsschimmer auf.
Bis zu diesem Vers wurden die Eindrücke recht real geschildert. Nun kommt eine etwas irreale Episode dazu. In der Zeile 12 und 13 ist in Form einer Alliteration von einer Schwester die Rede, die in den Hain kommt, um die Helden zu grüßen. Dies stellt vermutlich einen biographischen Bezug zu Trakls innig geliebter Schwester Grete dar, die häufig in seinen Werken vorkommt. Sie ist hier dem Bereich der Nähe und des Bekannten zugeordnet und könnte für jede Frau stehen, die im Schlachtfeld nach ihrem Ehemann, Vater oder Bruder sucht. Das Wort Schatten könnte darauf hindeuten, dass die Schwester nur in den Gedanken der Sterbenden aufkommt und für Angehörige und Freunde steht. Es ist auch möglich, dass Trakl Halluzinationen im Todeskampf darstellen wollte. Diese Figur könnte auch eine Anspielung auf die Walküren der nordischen Mythologie sein, die die ruhmreichen toten Helden früherer Zeiten vom Schlachtfeld zu den Ahnen geleiteten. Die mythologischen Anklänge steigern das Pathos. Hier ergeben sich mehrere Deutungsmöglichkeiten und es bleibt dem Leser überlassen, welche Vorstellungen er mit den Zeilen verbindet. Das Bild der Schwester lässt in jedem Fall für einen Moment positive Assoziationen zu. Die Schattenhaftigkeit und das Schwanken vermitteln dem Bild aber eine gewisse Schwäche und einen irrealen Zug, was die Hoffnung etwas dämpft. Sie wird endgültig verworfen, indem das lyrische Ich den Blick auf „die blutenden Häupter” (13) richtet.
Auch wenn der Leser den Eindruck hat, dass der Höhepunkt der Zerstörung in der Beschreibung der sterbenden Soldaten bereits erreicht wurde, steigert Trakl seine Schilderungen in den nächsten Zeilen. Zunächst wirft er den Blick wieder auf die Natur: „Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.” (14). Mit den Flöten des Herbstes könnten Vögel, Frösche im Schilf, Grillen oder der Wind gemeint sein. Hier knüpft er an der ersten Zeile an, die ein positives Eingangsbild entwirft. In der 14. Zeile wirkt das Tönen des Herbstes hingegen düster und traurig, wodurch aber nicht die Schönheit der Natur beeinträchtigt wird. Die Beschreibung der Natur spiegelt die melancholische Stimmung des lyrischen Ich wider, die dadurch auch akustisch untermalt wird. Expressionistische Gedichte sind sehr ichbezogen, weshalb die Wahrnehmung der Natur häufig der Stimmung des lyrischen Ich angepasst wird. Die Natur scheint hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Trauerlied über die großen menschlichen Verluste zu spielen. Grodek vermittelt mehrere akustische Eindrücke: Das Gedicht reicht vom Waffenlärm über die unheimlich rollende Sonne, die Klagen der Krieger und die traurig tönenden Flöten des Herbstes bis hin zur Stille. Die klanglichen Beschreibungen passen zum Inhalt und steigern die Aussage.
Das Gedicht ist von einem Kontrast zwischen der Natur und dem Krieg beherrscht, der sich auch in der Farbgebung zeigt: Die Natur ist hell, golden und blau, während dem Krieg die typisch expressiven Farben Schwarz und Rot sowie dunkle Töne zugeordnet werden. Die Farbe Schwarz steht für Trauer, Tod und Verwesung, während die Farbe Rot ebenfalls für den Tod steht und dem Text in der Beschreibung des Blutes eine gewisse Dramatik verleiht. Durch diesen Kontrast, der die Schönheit der Natur und die Grausamkeit des Krieges unterstreicht, wirkt der Krieg noch schrecklicher und sinnloser. 
Das lyrische Ich wendet sich in den folgenden Zeilen der Zukunft zu. Zunächst folgt ein verzweifelter Ausruf: „O stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre” (15), wodurch Trakl den Eindruck vermittelt, dass die tiefe Betroffenheit regelrecht aus dem lyrischen Ich herausbricht, das sich bei all dem Leid nicht mehr zusammenreißen kann. Er steigert die Trauer, indem er sie nicht als stolz beschreibt, sondern den Komparativ ‚stolzere‘ verwendet. Es scheint keinen Trost zu geben, zumal sich die Trauer auf die Zukunft bezieht.
Die beiden letzten Zeilen verdeutlichen, dass das lyrische Ich bei dem Gedanken an die ungeborenen Enkel von tiefster Trauer erfüllt ist, was Trakl in einem Satzfetzen ausdrückt: „Die ungeborenen Enkel.” (17). Der unvollendete Satz unterstreicht formal die Verzweiflung und ermöglicht zum Abschluss mehrere Assoziationen. Das lyrische Ich könnte beklagen, dass die Großväter umgekommen sind, ohne ihre leidvollen Erfahrungen im Krieg weitergegeben zu haben, die die ungeborenen Enkel vielleicht davon abhalten würden, die gleichen Fehler zu begehen und sich in einem weiteren Krieg zu engagieren. Man denkt aber auch an Enkel, die niemals geboren werden, weil ihre Väter gefallen sind und ihr Leben im Krieg auf den ehernen Altären geopfert wurde. Der Ausblick in die Zukunft wirkt zutiefst hoffnungslos und kann auch nicht durch den Gedanken an die geliebte Schwester relativiert werden. Zum Abschluss herrscht Hoffnungslosigkeit vor, die sich in vielen expressionistischen Texten findet, wie zum Beispiel in Alfred Lichtensteins Die Stadt oder in Georg Heyms Der Krieg. 
Der bildreiche Text enthält viele stilistische Mittel, besonders Metaphern und Chiffren, wie die tönenden Wälder, die umfangende Nacht, die wilde Klage, die schwarze Verwesung, das rote Gewölk und das goldene Gezweig der Nacht. Trakl verfremdet die Sprache, um seine Aussage zu steigern. Er verwendet Ellipsen und Satzfetzen, wie in „mondne Kühle” (9), „ihr ehernen Altäre” (15) und in „Die ungeborenen Enkel” (17). Die Sätze ergeben meist kein vollständiges grammatikalisches Gefüge, was formal das innere Verzweiflung des lyrischen Ich widerspiegelt und steigert. Die zerstörerische Sprachstruktur passt auch zu der Zerstörung durch den Krieg und kontrastiert mit der poetischen Wortwahl, die dem Text einen pathetischen Beiklang verleiht. August Stramm reduziert in seinen Texten auch die Sprache, um sie seiner Aussage anzupassen und geht dabei noch weiter als Georg Trakl. Dieses Verfahren ist gut geeignet, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen, was eines der wichtigsten Anliegen im Expressionismus war. Enjambements beschleunigen den Lesefluss. Trakl verwendet einen heroisch wirkenden Anruf / Vokativ (O stolze Trauer! Ihr ehernen Altäre), Alliterationen (Am Abend, goldenes Gezweig, schwankt der Schwester Schatten), ein Oxymoron (düstre Sonne), Ellipsen und einen Neologismus (mondne). Diese Mittel steigern teilweise das Pathos des Textes und die Darstellung zu einem Klagelied von klassischer Prägung.
Trakl stellt in erster Linie die schrecklichen Folgen des Krieges dar, die er durch den trostlosen Blick in die Zukunft steigert. Die Zerstörung wird inhaltlich, formal und in der sprachlichen Struktur sichtbar. Dem Leser wird nicht eine eindeutige Aussage geboten, sondern er kann seinen Assoziationen freien Lauf lassen. Die gesamte Stimmung des Textes wirkt düster, traurig und hoffnungslos.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:46 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

In den Nachmittag geflüstert


In Georg Trakls Gedicht „In den Nachmittag geflüstert”, geschrieben 1912, macht das lyrische Ich an einem Nachmittag einen Spaziergang in der Natur, welche die Merkmale des Herbstes trägt.
Im Folgenden werden Inhalt und Aufbau des Gedichtes geschildert. 
Es besteht aus vier Strophen mit jeweils vier Zeilen, die nun näher beschrieben werden.
In der ersten Strophe befindet sich der lyrische Sprecher in der Natur und erlebt einen herbstlichen Nachmittag: die Sonne strahlt nur noch schwach, das Obst fällt von den Bäumen, Stille herrscht in blauen Räumen und die Zeit scheint still zu stehen.
Diese Stille wird in der zweiten Strophe durch metallische Töne, die einem weißen Tier den Tod bringen, durchbrochen. Auch die Lieder der braunen Mädchen sind nicht mit dem Fall der Blätter nicht mehr zu hören.
In der dritten Strophe wendet sich der lyrische Sprecher von der Natur ab und mit den Gedanken an Gott. Es spricht von Wahnsinn und sieht Schatten die sich auf einem schwarz scheinenden Hügel formieren.
Schließlich beschreibt das lyrische Ich in der letzten Strophe die Dämmerung voller Ruhe und Wein und Gitarrenmusik. Am Ende kehrt das lyrische Ich (oder der Leser vgl. V. 16) zurück in sein Haus zurück.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in dem lyrischen Text die Wahrnehmungen und Gedanken des lyrischen Ichs dargestellt sind, das in der Natur den späten Nachmittag erlebt und mit der Dämmerung ins Haus zurückkehrt.
Nun werden die sprachlichen und formalen Mittel des Gedichts untersucht. 
Das Versmaß ist ein vierhebiger Trochäus. Der Reim ist umschließend (abba). Dabei sind die Kadenzen der ersten und letzten Zeile jeder Strophe klingend, die zweite und dritte Strophe sind stumpf.
Im Folgenden werden die Stilmittel betrachtet. 
Zu Beginn der ersten, zweiten und vierten Strophe (V. 1, 5, 13) gibt es Ellipsen, also Sätze, die nicht vollständig sind („Sonne, herbstlich dünn und zag V. 1). Dies verstärkt den Eindruck des Lesers, dass er an dem bloßen Gedankenstrom des lyrischen Sprechers teilnimmt1.
In V. 3 f., 7 f. und 15 f. sind Enjambements zu finden. Diese führen dazu, dass der Rezipient den Text langsamer lesen muss, was wiederum den Inhalt an diesen Stellen hervorhebt: die Stille, das Verschwinden der Lieder und die Rückkehr.
Die Personifikation „Stille wohnt” (V. 3) betont die Abwesenheit der Menschen in dem Gedicht. Die Stille scheint sich innerhalb den „blauen Räumen” auszubreiten. Dadurch, dass das Verb „wohnt” gewählt wurde, wird deutlich, dass dies auf eine längere Zeit so bleiben wird. Mit der Tages- und der Jahreszeit ist die Stille eingezogen und beherrscht das Innere des Hauses.
Interessant ist auch die verwendete Farbsymbolik. Allgemein lässt sich sagen, dass in dem Gedicht vier verschiedene bedeutungstragende Farben verwendet werden. 
In Vers drei wird die Stille in „blauen Räumen” beschrieben. Blau wirkt generell beruhigend, steht aber auch für Traurigkeit und Melancholie2. In diesem Kontext ist die Farbe wohl als Symbol der Trauer zu verstehen. So wie die Stimmung in der Natur melancholisch ist, ist sie es auch in den Behausungen der Menschen.
Weiß steht allgemein für Unschuld. Den Grund für das Sterben des weißen Tieres in Vers sechs erfährt der Leser nicht, jedoch scheint dies für das Tier völlig unerwartet zu kommen, da es getroffen niederbricht. 
Die Mädchen in Vers sieben werden vermutlich aufgrund der Sonneneinstrahlung als braun bezeichnet. Noch im Jahre 1912, in dem das Gedicht entstanden ist, galt braune Körperfarbe als Zeichen um zwischen adeliger und nichtadeliger Gesellschaft zu unterscheiden. Die Menschen, die auf dem Lande arbeiten mussten, konnten es nicht vermeiden, dass die Sonne ihre Haut bräunte. Die Adeligen hingegen versuchten sich möglichst fern von Sonneneinstrahlung zu halten. Das heißt, dass sie sich zum einen viel im Inneren des Hauses aufhielten oder schützende Gegenstände (z.B. Sonnenschirme) verwendeten. Weiße Hautfarbe galt somit als „fein” und braune als das Gegenteil. Auch die Information, dass die Lieder der Mädchen „rau” waren (V. 7), stützt diese Vermutung. Des Weiteren verstärkt die Assonanz „braun”, „rau” den Symbolgehalt dieser Farbe. 
Die Tatsache, dass nun die Lieder dieser Mädchen nicht mehr zu vernehmen sind, bedeutet, dass es für die Landbevölkerung keine Arbeit mehr gibt, da die Felder im Herbst schon abgeerntet sind. Die Lieder, welche die Mädchen vermutlich bei der Ernte anstimmten sind verschwunden, so auch die Früchte der Erde.
Die letzte Farbe, die in dem Gedicht verwendet wird ist „schwarz” (V. 12). Sie wird in Verbindung gebracht mit Trauer, Dunkelheit und Tod und ist hier ein Vorbote der Dämmerung und letztendlich auch des Winters, der auf den Herbst folgt.
Ein weiteres Stilmittel ist die Metapher „Sterbeklänge von Metall” (V. 5), die für den Schuss aus einem Gewehr steht. Interessant ist sie deshalb, weil in dem Neologismus „Sterbeklänge” der akustische Laut der Waffe und auch gleich deren Funktion, zu töten, zusammengefasst ist. 
Da die Betonung auf den Klängen liegt ist zu vermuten, dass das lyrische Ich zuerst dieses Geräusch wahrnimmt. Erst durch „von Metall” wird für den Leser verständlich, dass es sich um eine Schusswaffe handeln muss. Unklar ist jedoch zunächst wer sterben wird. Dies wird erst in der nächsten Verszeile geklärt: „Und ein weißes Tier bricht nieder” (V. 6). Es wird deutlich, dass das Lebewesen getroffen wurde und nun tot ist. Durch die Farbsymbolik, die zuvor schon angesprochen wurde, wirkt das Sterben des Tieres besonders eindrucksvoll. Der Tod wird eigentlich mit schwarz assoziiert, das Tier ist jedoch weiß. Dieser Kontrast hebt die Überraschung über das plötzliche Eintreten des Todes für das Tier und auch für das lyrische Ich hervor.
Eine andere Metapher lässt sich in Vers sieben finden: die Lieder sind „verweht im Blätterfall”. Lieder sind generell ein Ausdruck der Lebensfreude und des Frohsinns. Dass sie „verwehen” können, betont ihre Leichtigkeit. Mit dem Blätterfall, also mit dem Eintreten des Herbstes, sind sie verschwunden. Dies zeigt, dass die Lebenskraft, die in Liedern zum Ausdruck gebracht wird, für die nächste Zeit aufgehoben ist. Natur und Menschen ziehen sich allmählich zurück.
„Stirne Gottes Farben träumt” (V. 10) ist eine weitere Metapher, die durch ihren ellipsenhaften Charakter nicht einfach zu deuten ist. Mit „Stirne” sind die Gedanken des lyrischen Ichs gemeint und mit „träumt” der Rückzug des Menschen von der realen zu den phantastischen Dingen. Nun stellt sich die Frage, was „Gottes Farben” bedeuten. Aufschluss darüber kann die Betrachtung des Kontextes geben. Das lyrische Ich befindet sich in auf einem Spaziergang durch die Natur. Es kann dort Anzeichen für den Herbst erkennen: die schwache Sonne, fallendes Obst und Blätter. Dies sind alles Zeichen für die Vergänglichkeit. Am deutlichsten wird dies, als das weiße Tier in Vers sechs stirbt. Die auftretenden Merkmale der Natur machen das lyrische Ich nachdenklich und es zieht sich in das eigene Innere zurück. Dort träumt es „Gottes Farben”. In diesem Traumzustand scheint alles möglich und auch alle Farben, die es gibt zu geben. Das lyrische Ich sieht in der Natur nur noch eine geringe Auswahl der Farbpalette, die diese im Frühling oder Sommer aufweist. In seinem Inneren kann es jedoch das ganze Spektrum an Farben - Gottes Farben - erkennen. Durch den inneren Rückzug des lyrischen Sprechers wird deutlich, dass er versucht die Anzeichen des Herbstes und damit des kommenden Winters zu ignorieren und in sich selbst eine eigene bunte Welt entstehen zu lassen.
In dem nächsten Vers (V. 10) folgt eine Personifikation: „des Wahnsinns sanfte Flügel”. Wieder wird in dem Gedicht ein Bild gezeigt, dass nicht auf Anhieb gedeutet werden kann, sondern eingehender analysiert werden muss. Der Wahnsinn kommt mit „sanften Flügeln”. Die Flügel sind assoziiert mit Leichtigkeit. Wer Flügel trägt, kann an jeden beliebigen Ort gelangen. So auch der Wahnsinn, der sich jedes Menschen bemächtigen kann. Durch die Flügel wird also dessen Dynamik und Verbreitungskraft gezeigt. Interessant ist auch die Verwendung des Adjektivs „sanft”. Der Anflug des Wahnsinns wird also als positiv empfunden. Vielleicht auch, weil er einen seine Sorgen vergessen lässt. Menschen in Notsituationen werden auch manchmal wahnsinnig. Ein Beispiel dafür sind Soldaten, die im ersten Weltkrieg durch das Ausmaß der Brutalität des Vernichtungskrieges wahnsinnig wurden. Dies scheint eine Schutzfunktion des Körpers zu sein. Das lyrische Ich empfindet seine Situation demnach als äußerst unangenehm und sehnt sich nach Ablenkung, auch in Form des Wahnsinns.
Beachtenswert ist auch die s - Alliteration, welche die Schlüsselwörter des Gedichts miteinander verbindet: „Sonne” (V. 1), „Stille” (V. 3), „Sterbeklänge” (V. 5), „Stirne” (V. 9), „spürt”, „sanfte” (V. 10), „Schatten” (V. 11).
Der Pleonasmus „schwarze Schatten” (V. 11 f.) hebt die in Vers zwölf erwähnte Verwesung besonders hervor. 
Zudem sind die „schwarzen Schatten” personifiziert, da sie sich am Hügel drehen. Das Verb „drehen” lässt eine tanzartige Bewegung vermuten. Normalerweise steht der Tanz für Lebenskraft und Ausdruck der Gefühle. Hier tanzen jedoch die Schatten, was der Szene eine eher unheimliche Stimmung verleiht. Außerdem sind diese „von Verwesung schwarz umsäumt” (V. 12). Die vorhergehenden Zeichen waren alle Vorboten der Vergänglichkeit, Verwesung jedoch ist ein direkter Hinweis auf den Tod und vor allem schon einen Schritt weiter. Dabei ist zuerst an die gefallenen Blätter zu denken, die wieder zu Erde werden. Allerdings zwingt sich in diesem Zusammenhang auch die Assoziation mit der Vergänglichkeit des Menschen auf.
Von diesem unangenehmen Bild ausgehend wird in Vers 13 die Dämmerung „voll Ruh und Wein” geschildert. Die unbehagliche Stimmung der dritten Strophe ist verschwunden. Statt der Stille, die in Vers vier in blauen Räumen wohnte, ist nun „Ruh”. Interessant dabei ist, dass für den gleichen Zustand, dass es keinen Laut in der Umgebung gibt, zwei verschiedene Begriffe verwendet werden. Die Stille in der ersten Strophe scheint sich auszubreiten und keine positive Bedeutung zu haben. Ruhe hingegen ist sowohl auf den akustischen als auch auf den inneren Zustand zu beziehen. Beachtenswert ist auch der Zusatz des „Weins”. Dies ist zum einen ein Mittel um sich in einen Rausch zu versetzen und der Realität zu entfliehen. Hier sind wieder Parallelen zu dem Wahnsinn aus der dritten Strophe zu ziehen. Allerdings gilt der Wein auch in doppeltem Sinne als positiv, als Nahrungs- und Genussmittel. Dadurch wird deutlich, dass die Dämmerung vom lyrischen Ich nach dem Anflug des Wahnsinns als etwas Angenehmes empfunden wird.
Die Synästhesie „traurige Guitarren rinnen” in Vers 14 verbindet einen visuellen und einen auditiven Sinneseindruck. Die Traurigkeit des Liedes wird durch das Verb „rinnen” weiter verstärkt. „Rinnen” steht für einen steten Bewegungsablauf. Durch die Personifizierung „traurige Guitarren” wird klar, dass dieser Prozess nicht schnell abläuft und zudem, dass keine fröhliche Musik gespielt wird.
Zum Abschluss werden zentrale Bilder und Symbole in dem Gedicht angesprochen.
In dem lyrischen Text wird zuerst vom Nachmittag und später von der Dämmerung berichtet. Dies sind beides Zeiten, in denen sich der Mensch am ehesten seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Dies steht auch im Zusammenhang mit dem Sonnenstand: der Morgen steht durch den Sonnenaufgang für Aufbruch und Neubeginn, am Mittag erreicht die Sonne ihren höchsten Stand und auch der Mensch wirkt aktiv gestaltend, doch wenn die Sonne untergeht kommt dunkel in das Leben der Individuen und dies veranlasst viele zum Grübeln über die Umgebung und auch die eigene Existenz. Dies geschieht in vorliegendem Gedicht.
Motive des Todes bestimmen mit einer dazu abgestimmten Farbsymbolik die Grundaussage des Gedichtes. Allgemein geht es um die Zeichen der Natur, die sich auf den Winter vorbereitet und um den Menschen, der an der Vergänglichkeit alles Blühenden und Lebenden an seine eigene Sterblichkeit erinnert wird.
Metaphern, die auf Sterben hinweisen, sind: die schwache Nachmittagssonne (vgl. V. 1), das Fallobst (vgl. V. 2), Sterbeklänge (vgl. V. 5), der Tod des Tieres (vgl. V. 6), das Verstummen der Lieder (vgl. V. 7), der Tanz der Schatten (vgl. V. 11 f.), die Dämmerung (vgl. V. 13) und die traurigen Gitarrenklänge (vgl. V. 14).
Der Traum des lyrischen Ichs wird als Metapher für den Zwischenzustand zwischen Leben und Tod gedeutet, der das Bewusstsein für das Metaphysische (in diesem Falle Gott) öffnet. Als Folge dieses Traumes wird dem Menschen die eigene Vergänglichkeit bewusst. Die Einkehr in das Haus am Ende des Gedichts wirkt wie eine Flucht vor der Natur und somit auch vor dem Wissen über die eigene Vergänglichkeit. Dass die Rückkehr als positiv empfunden wird, deutet die Personifizierung „zur milden Lampe” (V. 15) an.
Zuletzt werden die zahlreichen Kontraste in dem lyrischen Text näher betrachtet. Denn das Gedicht wird von Gegensätzlichkeiten bestimmt. Der Nachmittag wird als eine Art Zwischenstadium gesehen, das dem Menschen erlaubt zwischen dem Höchststand der Sonne und deren Untergang über das eigene Leben zu sinnieren. 
Leben und Tod sind die beiden Pole, die sich in zahlreichen weiteren Bildern in dem Gedicht wiederfinden. Ein Beispiel dafür ist der Kontrast zwischen Sommer und Herbst. Ein weiteres ist der zwischen Mittag und Abend oder auch zwischen Natur und Haus.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich das lyrische Ich in dem Gedicht zwischen verschiedenen Polen bewegt: Sommer und Herbst, Mittag und Dämmerung, Natur und Haus. Diese symbolisieren Leben und Sterben und machen dem Sprecher die eigene Vergänglichkeit bewusst. Er selbst befindet sich zu Anfang des Gedichts in einem Zwischenstadium, dem Nachmittag. Auch der geistige Zustand, in den er sich nach der Tötung des weißen Tieres flüchtet, ist eine Befindlichkeit zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit. Der Titel des Gedichts - „In den Nachmittag geflüstert” - weist auf diesen Zustand hin: flüstern ist die Mischung aus sprechen und schweigen. Am Ende des lyrischen Textes kehrt das lyrische Ich in das Haus zurück. Dabei scheint es wie ein Exil vor dem Wissen über die Vergänglichkeit. Im Inneren werden alle Zeichen der Sterblichkeit ausgeblendet und geben dem lyrischen Ich die Möglichkeit zu vergessen. Ein Symbol dafür ist das künstliche Licht der Lampe, die trotzdem strahlt, auch wenn die Sonne - das natürliche Licht - schon untergegangen ist.
In dem Gedicht wird also ein kurzer Ausschnitt im Leben eines Menschen gezeigt, der sich in der Natur seiner eigenen Endlichkeit bewusst wird. Jedoch ist dieser Moment nur kurz und er hält so lange bis er in sein Haus zurückkehrt. Darin versucht er diese Gedanken wieder zu vergessen. Allgemein ist das Gedicht als Sinnbild dafür zu verstehen, dass Menschen den Tod und jeden Gedanken daran fernzuhalten versuchen. Zeichen dafür gibt es viele in der heutigen Welt: das Streben nach Jugendlichkeit, die Existenz von zahlreichen Altenheimen, die Konzentration von Gräbern in großen Ballungsgebieten, oft außerhalb der Stadt. 
Der Mensch ist sich grundsätzlich seiner Vergänglichkeit bewusst, doch das Wissen darüber ist oft zu verstörend für ihn, dass er diese Gedanken verdrängt und Ablenkung sucht.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:50 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Geistliche Dämmerung




Georg Trakl beschreibt in seinem Gedicht „Geistliche Dämmerung“ meiner Meinung nach einen Abendspaziergang im Herbst, Zitat: „Und die sanften Flöten des Herbstes“. Ich denke, dass Trakl hier nicht einen Tag beschreibt, sondern nur einen Abend, da es im Laufe des Gedichtes immer dunkler wird, was er durch Zitat: „Am Hügel endet leise der Abendwind“ und „den Sternenhimmel“ zum Ausdruck bringt. Durch diesen Sternenhimmel verdeutlicht er meiner Meinung nach, dass es immer später wird. Am Anfang des Gedichtes wird, wie schon erwähnt, der Abend dargestellt, der sich gerade über einen Hügel hinweg zieht. In der 2. Strophe wird dies weiter ausgebaut, indem die Amsel, ein Singvogel verstummt, sowie das Rohr, womit das Schilf gemeint ist. Zitat: „Verstummt die Klege der Amsel, und die sanften Flöten des Herbstes schweigen im Rohr“. Die schwarze Wolke in der 3. Strophe, sowie der nächtliche See und der Sternenhimmel in der letzten und 4.Strophe sind Metaphern dafür, dass der Abend in vollen Zügen vorhanden ist. Ich denke, dass in diesem Gedicht ein Abendspaziergang dargestellt wird, indem Trakl einen Weg zu einem Haus beschreibt, in der 1. Strophe musste das lyrische Ich entweder durch einen Wald hindurch oder an jenem vorbei. In der 3. Strophe, so nehme ich an, muss das lyrische Ich einen See mit einem Boot überqueren, Zitat: „befährst ... den nächtogenen Weiher“, auf welchen schon in der 2. Strophe hingewiesen wurde mit Zitat: „schweigen im Rohr“. Als weiteres denke ich, dass in der Nähe des Sees ein Mohnfeld sein muss, wo das lyrische Ich durchgelaufen ist oder an eben diesem genannten vorbei musste. Zitat: „befährst du trunken von Mohn den nächtogenen Weiher“. In der letzten Strophe ist das lyrische Ich nun endlich zu Hause angekommen. Es ist sehr spät und dunkel, was man an dem Sternenhimmel erkennen kann. Durch den Vers Zitat: „immer tönt der Schwester mondene Stimme“ wird beschrieben, wie die Schwester des lyrischen Ichs ihm noch etwas sagt, wie jeden Abend, danach legt sich das lyrische Ich schlafen und träumt, was durch die geistliche Nacht symbolisiert wird. Dass es immer wieder was Neues zu entdecken gibt, zeigt sich durch das Fehlen eines Reimes.

Dies war meine erste Interpretation dieses Gedichtes, aber nachdem ich mir Georg Trakls Biografie zu Rate gezogen habe, ließ diese mir eine weitere Interpretation zu.

Georg Trakl lebte von 1887 bis 1914 als Sohn einer kleinbürgerlich, kaisertreuen Familie eines Eisenwarenhändlers. Trotz seiner sorglosen Kindheit verfiel Trakl den Drogen. Durch seine Kriegserlebnisse erlebte er einen Nervenzusammenbruch und starb mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain. Die Gedichte des Expressionisten spiegeln seine leidvollen Erinnerungen wider.

Zieht man nun Trakls Biographie in Betracht, könnte man zu dem Schluss kommen, dass er einen Drogenrausch an einem Herbstabend beschreibt. Hierbei könnte der Wald symbolisch für die Verwirrtheit und Ausweglosigkeit während eines Drogenrausches stehen, da man sich in einem Wald sehr schnell verläuft und so zu sagen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Doch noch hat sich das lyrische Ich nicht völlig verloren, da es immer noch am Saum des Waldes steht. Das dunkle Wild wiederum zeigt, dass es schon dunkel wird und dass das lyrische Ich nicht klar sehen kann. Man könnte noch einen Schritt weiter gehen und sagen es steht für den Abgrund der sich in greifbarer Nähe befindet. In der 1. und 2. Strophe wird durch das ruhiger werden der Tiere und der Natur verdeutlicht, dass das lyrische Ich immer mehr in seine Scheinwelt versinkt und nicht mehr alles um sich herum wahr nimmt: so hören die Vögel auf zu singen, das Schilf hört auf zu rascheln und die sanfte Musik des Herbstes verstummt, Zitat: „Verstummt die Klege der Amsel, und die sanften Flöten des Herbstes schweigen im Rohr“. In der nun folgenden 3. Strophe wird der Rausch fortgeführt, Zitat: „auf Schwarzer Wolke befährst du trunken von Mohn den nächtogenen Weiher“. Das trunken von Mohn weist direkt darauf hin, dass das lyrische Ich Drogen zu sich genommen hat, denn Mohn wächst im Herbst und aus diesem wird die bekannte Droge Morphium hergestellt. Man könnte so weit gehen zu sagen, dass das Boot für das tatsächliche Leben steht und der nächtliche Weiher den Abgrund der Drogen darstellt, da Weiher allgemein sehr tief und undurchschaubar sind. Das lyrische Ich könnte schnell das Gleichgewicht verlieren und in den Weiher bzw. den Abgrund geraten. Dies alles deutet auf eine Scheinwelt hin, indem das lyrische Ich durch den Drogenkonsum gerutscht ist. Dies wird auch in der 4. Strophe deutlich, indem nun schon der Sternenhimmel sichtbar ist, was zeigt, wie lange das lyrische Ich schon „umnachtet“ ist. Die mondene Stimme der Schwester könnte das lyrische Ich in weiter Ferne hören, während es seinen Rausch ausschläft. Zitat: „Immer tönt der Schwester mondene Stimme durch die geistliche Nacht“. 

Verfolgt man nun diese 2. doch etwas extreme Interpretation des Gedichtes, so bekommt die Überschrift „Geistliche Dämmerung“ eine ganz andere Bedeutung: so könnte „geistliche“ auf den geistigen Zustand des lyrischen Ichs hinweisen, da sich ja alles in seinem Kopf abspielt. Auf diesen Zusammenhang wird auch in der 4. Strophe durch „geistliche Nacht“ hingewiesen. Die Dämmerung knüpft nun daran an, dass man durch z.B. Übermäßigen Drogenkonsum nicht mehr alles um sich herum mitbekommt und es im Kopf so zu sagen Dämmert. Da das Gedicht keinerlei Reim enthält, wird die Tragik und die Bildhaftigkeit des Drogenkonsums verdeutlicht.
Dieses Gedicht mit 4. Strophen zu je 3 Versen gefällt mir sehr gut. Aber erst nach mehrmaligem Lesen denke ich, den Inhalt langsam zu verstehen. Es war schwer eine Lesart zu finden, da dieses Gedicht mehrere Interpretationen, zum Teil sehr extreme, zulässt.
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 19:53 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Grodek (Deuxième interprétation)


"Grodek" gilt als eines der bekanntesten Gedichte Trakls und ist Ausdruck der von ihm selbst erlebten Brutalität des Ersten Weltkrieges; Trakl vermittelt dem Leser eine erschütternde Darstellung seiner Impressionen. Die Schlacht bei Grodek im September 1914 hinterließ bei Trakl so starke Eindrücke, dass er nach vermehrten Selbstmordversuchen noch im Oktober 1914 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis Kokain starb. "Grodek" scheint für sein literarisches Schaffen exemplarisch zu stehen, denn auffallend für Trakls Gesamtwerk sind drei immer wiederkehrende Motive: Das der Nacht, des Herbstes und des Todes, die alle in "Grodek" vereint werden.

Im Folgenden schließt sich die Interpretation des Gedichts "Grodek" von Georg Trakl einschließlich des Bezugs auf den zeit- und literaturgeschichtlichen Hintergrund des Werkes unter Berücksichtigung der Biographie des Autors an.

Das Gedicht lässt sich in vier Sinnabschnitte mit voneinander unterscheidbaren Inhalten einteilen. So wird in V.1 – V.6 die Natur in fast idyllischem Ton beschrieben, die von den Ereignissen des Krieges jedoch überschattet wird; somit wird ein Effekt der Kontrastierung gebildet. Die in dieser Situationsdarstellung dargelegte Grundstimmung hält sich über das gesamte Gedicht. In V.7 – V.10 beschreibt Trakl das groteske Bild der Zerstörung und des Todes, das der Krieg hinterlässt, sowie die damit eintretende Aussichtslosigkeit. Dabei wird das Anfangsbild intensiviert. Im dritten Sinnabschnitt von V.11 – V.14 kontrastieren erneut Natur- und Kriegseindrücke als die Beschreibung der Leichen der Gefallenen unter herbstlichem Sternenhimmel erfolgt. Das Endbild von V.15 – V.17, in dem die Perspektive durch eine direkte Ansprache des lyrischen Ichs einen Wechsel erfährt, wertet die Sinnlosigkeit des sogenannten Heldentodes und stellt die Bedeutung der Ehre angesichts des Elends in Frage.

Das Gedicht "Grodek" besteht formal gesehen aus einer Strophe zu 17 Versen unterschiedlicher Länge und ohne festes Metrum, so dass man von einem freien Rhythmus sprechen kann. Die Versenden reimen sich nicht und weisen ohne erkennbare Regelmäßigkeit wechselnde Kadenzen auf. Durch die große Anzahl von Enjambements vor allem in den ersten beiden Sinnabschnitten erhält das Werk einen prosaischen Charakter, so von V.1 auf V.2, V.2 auf V.3, V.3 auf V.4, V.5 auf V.6 oder zum Beispiel in V.7 auf V.8: "Doch stille sammelt im Weidengrund / Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt". Nur selten fallen Vers- und Satzende zusammen (V.6, V.10). Insgesamt bewirkt dies im Gedicht eine gesteigerte Dynamik, die durch Pausen wie zwischen V.6 und V.7 oder V.13 und V.14 verlangsamt wird, um aber kurz darauf wieder an Geschwindigkeit zuzunehmen.

Durch den Wechsel parataktischen wie auch hypotaktischen Satzbaus überschneiden sich klar verständliche Passagen mit solchen, die verworren erscheinen. In V.10 ("Alle Straßen münden in schwarze Verwesung") oder V.14 ("Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes") zum Beispiel sind keine Nebensatzkonstruktionen vorhanden, wohl aber in V.7ff oder V.11ff. Auffällig sind viele Inversionen, die teilweise grammatikalische Brüche nach sich ziehen. Sie sind verworren und unklar; oft sind die Sätze nicht falsch als solches, jedoch unverständlich im Zusammenhang mit anderen, die sich aneinander reihen oder als Parenthesen eingeschoben sind wie in V.7 – V.9. Hier bildet V.8 einen Faktor der Verwirrung. V.7 und V.9 alleine machen Sinn: "Doch stille sammelt im Weidengrund /... / Das vergossne Blut sich". V.8 ("Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt"), bringt den sonst korrekten Satzbau—wenn durch die eingesetzte Inversion bereits ungewöhnlich—durcheinander. In V.11 ist ein Wort zu viel eingefügt: "Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen / Es schwankt der Schwester Schatten...". Stünde V.12 allein, so wäre er grammatikalisch völlig richtig; allerdings, in Verbindung mit V.11 müsste es vielmehr heißen, "Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen / Schwankt der Schwester Schatten...". In V.9 oder V.13 zeigen sich Appositionen, kürzere Einschübe, die im üblichen Sprachgebrauch zusätzlich erklärend wirken; hier summieren sie sich aber eher bis zur Unübersichtlichkeit auf. Insgesamt kann man bei Betrachtung der Syntax festhalten, dass viele der eingesetzten Elemente eine verwirrende Wirkung haben. Möglicherweise lässt sich dies auf die persönlichen Empfindungen bei Betrachtung eines solchen Szenarios zurückführen, indem sich in der idyllischen Natur Lachen vom Blut der Gefallenen bilden. Dies kann ohne Frage zumindest zu innerer Aufruhr, wenn nicht sogar zu geistigen Schäden führen wie es bei Trakl der Fall war. Die Anrede in V.15 ("...ihr ehernen Altäre") zeigt eine Besonderheit der Syntax auf. Nicht nur findet hier eine direkte Ansprache des lyrischen Ichs statt, das in einem epischen Text durch eine wörtliche Rede dargestellt werden würde, sondern gleichzeitig wandelt sich die Perspektive. Bis einschließlich V.14 tritt das lyrische Ich als beschreibende, erzählende Instanz hinter dem Beschriebenen zurück; hier löst es sich aus seiner Haltung und wertet in seiner Anklage das vorher Erzählte.

Die Wortwahl im Bereich der Nomen basiert zumeist auf konkret vorstellbaren Dingen wie "Wälder" (V.1), "Waffen" (V.2), "Blut" (V.9) oder "Rohr" (V.14). Abstrakta sind kaum vorhanden; Ausnahmen von der Vielzahl der benutzten Konkreta bilden Nomen wie "Gott" (V.8), "Trauer" (V.15) oder beispielsweise "Schmerz" (V.16). Die konkrete Nomenwahl bestärkt die Bildlichkeit des Gedichts. Während ein Leser sich aller Wahrscheinlichkeit nach schwer tun wird, sich "Trauer" bildlich vorzustellen, hat er mit "Waffen" und "Blut" keine Probleme. So ist der Eindruck, den Trakl vermittelt, einprägsamer und aufrüttelnder. Die Verben sind meist solche der Bewegung. Hier dominieren aber nicht rasche, schnelle Bewegungsabläufe wie es bei "rennen" oder "hasten" der Fall wäre, sondern langsame, gemächliche wie "hinrollen" (V.4), "umfangen" (V.4), "münden" (V.10) oder "schwanken" (V.12). Dies könnte Ausdruck der Unaufhaltsamkeit sein; zwar sieht man wie sich das Unheil in der Ferne langsam zusammenbraut, ist aber außer Stande es aufzuhalten. Adjektive benutzt Trakl in großen Mengen. Sie haben bildlich-beschreibende Funktionen ("herbstlichen" (V.1), "goldnen" (V.2), "sterbende" (V.5), "blutenden" (V.13), "heiße" (V.16)) und tragen zur Anschaulichkeit des Gedichts in großem Maße bei. Adverbien sind außer "stille" (V.7) und "leise" (V.14) keine vorhanden. Diese zwei haben allerdings eine entscheidende Funktion in der Bestimmung der Rhythmik. Die ihnen vorhergehenden Pausen geben ihnen größere Wirkungskraft, so dass man tatsächlich "stille" und "leise" weiterliest; die Dynamik wird gebrochen. Erwähnenswert im Bereich der Wortwahl sind noch die von Trakl eingesetzten Wortfelder: Zum einen ist es das der Natur ("Wälder" (V.1), "Ebenen" (V.2), "Seen" (V.3), "Gezweig" (V.11), "Hain" (V.12), "Herbstes" (V.14)), zum anderen das der Zerstörung ("tödlichen" (V.2), "sterbende Krieger" (V.5), "zürnender" (V.8), "blutenden" (V.16)). Diese beiden Wortfelder treten im ständigen Wechsel miteinander auf und sind—wie auch im Inhalt—miteinander verwoben. Somit kontrastieren sich Natur- und Kriegsbilder.

In lyrischen Werken kommen, mehr als in dramatischen oder epischen, Klangfiguren besondere Funktionen zu. Auf meist kleinerem Raum können sie ihre Wirkung intensiver entfalten und kommen so deutlicher zur Geltung. Von Bedeutung in "Grodek" ist zum Beispiel die rhythmisierende Dynamik die in V.15 durch einen Ausruf ("O stolzere Trauer!...") erzeugt wird. Nach Abfall der Spannung in V.14 wird sie hier wieder aufgebaut und hält sich bis zum Schluss des Gedichts in V.17. Besonders auffällig wirken die Alliterationen ("goldnem Gezweig" (V.11), "grüßen die Geister" (V.13)). Vor allem in V.12 ist die klangliche Wirkung unfehlbar: "Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain". Die Sch-Laute bringen einen geheimnisvollen, leisen, gespenstischen Ton mit sich, der in der Wortwahl ("Schatten", "schweigenden") wiederholt wird. Des weiteren sind die Vielzahl eingesetzter Synkopen auffällig. Hierbei muss bemerkt werden, dass beim freien Rhythmus kein Metrum vorhanden ist, das den Dichter veranlassen könnte, Wörter klanglich durch Entfernen unbetonter Vokale dem Schema anzupassen. Durch die Synkopen wird der Blick des Lesers auf die einzelnen Wörter gerichtet ("goldnen/m" (V.2, V.11), "vergossne" (V.9), "mondne" (V.9), "ungebornen" (V.17)). Sie gewinnen verstärkt an Gewicht und Eindringlichkeit. Weiter ist eine Reihe onomatopoetisch klingender Wörter auffällig. So "tönen" in V.1 und V.14, das einen pompösen, fast majestätischen Anspruch hat, "hinrollt" in V.4, das in Verbindung mit dem Versbeginn "Düstrer" unheilverkündend klingt, "stille" (V.7) und "leise" (V.14), die, wie bereits beschrieben, eine klangliche Verzögerung der Dynamik bewirken oder "dunkeln" in V.14, bei dem der Leser sich die akustische Geräuschkulisse des Herbstes noch deutlicher vorstellen kann.

Auch im bildlichen Sprachgebrauch lassen sich Besonderheiten feststellen. So ist der im gesamten Gedicht präsente Kontrastierungseffekt von Natur und Krieg in verschiedenen Antithesen vorhanden. Besonders gegensätzlich erscheint in V.3 / V.4 das Bild der "Sonne" die "düstrer hinrollt", weil die Sonne Leuchtkraft und Helligkeit, nicht Dunkelheit oder Düsternis, ausstrahlt. Weiterhin ist die große Anzahl farblich beschreibender Wörter nicht zu übersehen wie "herbstlich" (V.1), "goldnen/m" (V.2, V. 11), "blauen" (V.3), "rotes" (V.8), "schwarze" (V.10), "blutenden" (V.13) oder "Flamme" (V.16). Sie alle erhöhen die Bildlichkeit und dienen der Detailerfassung. Es sind kräftige, ausdrucksstarke Farben, die dem Herbst zuzuordnen sind. Mit Ausnahme der Farbe Blau kommen vor allem Schwarz, Rot und Gold in verschiedenen Variationen zum Einsatz. Ob dies als Anspielung auf die nationalen Farben der deutschen Flagge verstanden werden kann ist natürlich ungewiss, angesichts der Kriegssituation jedoch durchaus vorstellbar. Mit der Metapher in V.15 ("ihr ehernen Altäre") wird eine bildliche Darstellung der Gräber der "für die Ehre des Vaterlands" Gestorbenen gezeichnet. Eine ebensolche Metapher ist in V.10 zu finden: "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.". Es ist egal, wohin man blickt: Überall ist nur Kriegselend erkennbar, und alle Menschen werden früher oder später daran kaputt gehen. Einprägsam ist auch die Synekdoche in V.16. Hier steht die "heiße Flamme des Geistes" für das größere Ganze, den Menschen, wenn nicht sogar für das deutsche Volk oder die gesamte Menschheit. Immer wieder wird die Natur personifiziert, eine Darstellungsweise, der sich Autoren durch die ganze Literaturgeschichte hindurch—besonders im Realismus oder Expressionismus—gern bedienen. Durch die Vermenschlichung der Natur erzeugt Trakl das Bild, dass die Natur als einziges human bleibt, die Menschen aber durch den Krieg nicht. So beispielsweise in V.1 ("tönen die ... Wälder"), V.4 ("umfängt die Nacht"), V.7f ("sammelt ... Gewölk) oder V.16 ("heiße Flamme ... nährt"). Trakl nutzt auch synästhetische Elemente: "Düstrer hinrollt" in V.4 verbindet Optik und Akustik, die "heiße Flamme" in V.16 kann zugleich Tast- und Sehsinn miteinander verschmelzen. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Lernen auf verschiedenen miteinander verbundenen Kanälen (zum Beispiel Hören, Sehen) besser funktioniert als wenn man nur einen Sinn beansprucht; je mehr Sinne kombiniert werden, desto einprägsamer das Gelernte. So ist dem auch mit der Synästhesie. Durch Verbindung verschiedener Empfindungsebenen kann eine intensivere Empfindung hervorgerufen und die Bildlichkeit gesteigert werden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 zog verlustreiche Jahre nach sich. Schon im September 1914 zeigte sich dies besonders deutlich in der blutreichen Schlacht bei Grodek, dessen Name das Gedichts Trakls trägt. Georg Trakl war zu dieser Zeit freiwillig Mitglied des Sanitätsdienstes und seine Einheit wurde bei ebendieser Schlacht eingesetzt. Trakl musste zwei Tage, ohne helfen zu können, Schwerverwundete betreuen. Diese verheerenden Eindrücke versuchte er wohl in "Grodek" zu verarbeiten. Besonders in den letzten drei Versen wird dabei sein Unvermögen klar, einen Sinn in diesem Massensterben zu erkennen. Trakl, der schon seit der Jugend psychische Probleme aufwies, flüchtete sich nach diesen Erfahrungen noch mehr in die Drogenwelt und beging wiederholt Selbstmordversuche. Schon Ende 1913, noch bevor Grodek, erlitt Trakl seine schwerste Lebenskrise bei der schweren Erkrankung seiner Schwester Margarete, die zudem ein totes Kind zur Welt brachte. Dabei muss erwähnt werden, dass Georg und Margarete zeitweise wohl ein Verhältnis zueinander hatten, das nicht mehr auf der rein verwandtschaftlichen Ebene lag und sicherlich auch zu Trakls psychischer Instabilität beitrug. Es stellt sich die Frage, ob der "Schwester Schatten" in V.13 nicht indirekt eine Anspielung auf Margarete ist. Deutlicher kommen diese Art Bezüge in anderen Werken Trakls heraus, wie zum Beispiel in "Blutschuld", in der nach Verzeihung bei Maria wegen ihrer Liebe gebeten wird. Auch kehren in Trakls Gedichten immer wieder ungeborene Kinder, meist "Enkel" auf (V.17), so beispielsweise auch in "Der Abend". Ob dies mit der Fehlgeburt seiner Schwester zusammenhängt kann nicht geklärt werden; es ist in jedem Fall auffällig, dass Trakl nicht von Kindern sondern Enkeln redet und somit einen Verwandtschaftsbezug aufbaut.

In der Epoche des Expressionismus, in der Trakl, neben Georg Heym oder Gottfried Benn, zu den bedeutendsten Lyrikern gehört, kreisen die Themen um Schwerpunkte wie die Auflösung des Ich, den verfallenden Menschen in der neuen Gesellschaft, die Großstadt oder den Krieg—wie in "Grodek". Der Krieg ruft Elend und Tod hervor, ebenso wie menschlichen Verfall. Angesichts der Grausamkeiten sowie des Gefühls der Ausgeliefertheit, Ohnmacht und Verzweifelung resignieren viele Autoren. Das Ausmaß der Zerstörungskraft des Krieges scheint ihnen zu gewaltig.
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Verfall




Das Gedicht „Verfall“ wurde von Georg Trakl 1910 verfasst, ist aber erst 1913 im Band „Gedichte“ erschienen. In der Handschrift von 1910 trug es noch den Titel „Herbst“. Hier durch wird deutlich, dass das Thema des Gedichts ebenfalls der „Herbst“ ist. 
In den Quartetten wird beschrieben, wie das lyrische Ich Vogelschwärme beobachtet. Es stellt sich dabei vor, ihnen in ein besseres Schicksal zu folgen. In den Terzetten wird das lyrische Ich durch einen Hauch aufgeweckt und beginnt die Realität, den Verfall, zu erkennen. Hier spiegelt sich auch die Überschrift wider. Somit ist an ihr auch das Thema zu entnehmen. 
Das Gedicht ist in Sonettform geschrieben. Es hat zwei Quartette mit umschließenden Reim und zwei Terzette. Die Reimschemen sind zum Teil unsauber. Jeder der 14 Verse hat einen fünfhebigen Jambus. 
Meine These ist, dass der Traumwunsch des lyrischen Ichs gegen die Realität, den Verfall, steht und  davon bedroht oder gar zerstört wird. 
Bei der Sprachuntersuchung fallen folgende Verse auf:  
In Vers 3 vergleicht das lyrische Ich die „wundervollen Vogelzüge“ mit den „frommen Pilgerzügen“. Dies ist ein verständlicher Vergleich, da die Vogelschwärme schwarz erscheinen, genauso wie die schwarzen Kutten der Pilger, die sie bei ihren Zügen trugen. 
In Vers 6 spricht das lyrische Ich von „helleren Geschicken“, hiermit ist ein freundliches, helles und hoffnungsvolles Schicksal im Süden gemeint, denn diese Region ist sehr wahrscheinlich das Ziel der Vögel, die vor dem drohenden Winter fliehen. Hierbei wird auch zum ersten Mal die Lage des lyrischen Ichs deutlich. Ihm droht das schlechte Schicksal des Winters und wünscht sich ein anderes. An dieser Stelle ist ebenfalls die Einsamkeit des lyrische Ichs deutlich. Es ist die einzige Person, die im Gedicht beschrieben wird. Alle, sogar die Vögel, verlassen es um ein besseres Schicksal zu erlangen, nur das lyrische Ich bleibt zurück. 
In Vers 7 liegt ein Neologismus vor „Stunden Weiser“. Hiermit sind Uhrzeiger gemeint. Dies ist ein typisches Motiv zur Darstellung der Vergänglichkeit. Hier ist jedoch ein neuer Begriff hierfür verwendet worden. 
In Vers 8 spricht das lyrische Ich von „Fahrten“, an dieser Stelle müsste eigentlich das Wort „Flug“ stehen. Das lyrische Ich hat jedoch dieses Wort auf die menschliche Art zu reisen übertragen, um so den Vögeln in Gedanken folgen zu können. 
Im letzten Terzett ist ein Enjambement sowie ein weiterer Vergleich zu finden. Hier ist „blasser Kinder Todesreigen um dunkle Brunnenränder, die verwittern“ ein komplizierter Vergleich für die blauen Astern. Hier werden die Astern ebenfalls personifiziert, indem sie mit sterbenden Kindern verglichen werden. Der Begriff „Todesreigen“ stellt hier fast ein Oxymoron dar, weil der Begriff „Reigen“ ein eher freudiger Gruppentanz ist und somit im Gegensatz zu Tod steht. 
Eine weitere sprachliche Auffälligkeit sind die Alliterationen (f–Laute = Frikative) im ersten Quartett. Beispiel: Frieden, Folg, Vögel, (wunder)vollen, Flügen, fromm. 
Bei der Betrachtung der Perspektive des lyrische Ichs wird deutlich, dass es sich in einem verlassenen Garten befindet, die Vogelschwärme beobachtet und in Gedanken versunken ist. Es stellt sich vor, mit den Vögeln in eine gute Zukunft zu reisen und ein besseres Schicksal zu haben. Dabei ist es so sehr in Gedanken vertieft, dass die Zeit für es fast still zu stehen scheint „Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken“ (Vers 7). Dieser besondere Zeitlosigkeit implitiert die Bedrohung durch den Fortgang der Zeit, denn der Winter und mit ihm der Feind des Lebens nähert sich unaufhaltsam.  
Nach den beiden Quartetten folgt eine Zäsur. Im ersten Terzett wird das lyrische Ich durch einen Windhauch vom Traum geweckt, dabei erschrickt es so sehr, dass es erzittert. Nun hört das lyrische Ich das Klagelied der Amsel und sieht den Wein, die Gitter und die Astern, die schon vom Verfall gekennzeichnet sind: Der Wein hat die typisch rote herbstliche Farbe, die Gitter rosten. 
Bei der Untersuchung des Gedichts sind einige Kontraste zwischen dem Quartetten und den Terzetten sehr deutlich: In den Quartetten herrscht eine innere Harmonie, die durch die zahlreichen freundlichen Attribute (wundervoll, fromm, klar, hell) und durch die romantischen Motive (Traum, Sehnsucht, Fernweh, Natur, Vogelzüge) aufgebaut wird. Im ersten Terzett erfolgt ein Ton – oder auch Stimmungswechsel, der gegen Ende des zweiten Quartetts schon angekündigt wird. Im zweiten Quartett entstehen einige Antithesen wie „dämmervollen Gärten“ – „helleren Geschicken“ oder auch „Wolken“, die den vorher beschriebenen „klaren Weiten“ gegenüber stehen. Durch die Wolken und die leichte Verdunklung, die entsteht, wird der Verfall sehr früh angekündigt. 
Im ersten Terzett wird der „ Verfall“ dann auch direkt erwähnt und eine schrittweise Negativierung tritt ein. Das lyrische Ich hört das „Klagen“ der Amsel, was mit einem Klagelied zu verbinden ist. Hier wird erneut ein direkter Kontrast zu den Quartetten deutlich: Die Vogelschwärme stehen der einzelnen Amsel gegenüber und das Gefühl der Einsamkeit wird erneuert. 
Die „entlaubten Zweige“, die das lyrische Ich beschreibt, sind ein Zeichen dafür, dass der Sommer nun endgültig vorüber ist und keine Hoffung auf Besserung mehr besteht. An dieser Stelle ist die Farbmetaphorik zu betrachten. Die Amsel und die entlaubten Zweige erscheinen schwarz, was erneut im Kontrast zu den „helleren Geschicken“ steht, und auf den Tod hinweist. An dieser Stelle ist auch der Kontrast zwischen dem Traumwunsch des lyrische Ich s und der Realität, dem Verfall, zu erkennen. Die Negativierung schreitet fort bei der Betrachtung des Weins und der „rostigen Gittern“, diese scheinen kraftlos und kurz vor dem Tod (Verfall) zu stehen. Im zweiten Terzett wird der Tod direkt erwähnt durch den Begriff „Todesreigen“. Durch die stetige Negativierung der positiven Bilder, den romantischen Motiven, aus den Quartetten in die negativen Bilder der Terzette entsteht vor allem durch den Begriff „Todesreigen“ das Gefühl des „Sterben –Müssens“ für das lyrische Ich. Eine Todesassoziation entsteht. Es scheint keine Besserung und keine Hoffnung mehr für die Zukunft zu geben, somit endet das Gedicht in der absoluten Niedergeschlagenheit des lyrischen Ichs. 
Die „blauen Astern“ sind außerhalb des Gedichts noch weiter zu interpretieren. Die blaue Blume ist ein Zeichen der Romantik und steht als Inbegriff für Sehnsucht und Erfüllung. Die Astern sind im Gedicht die letzten Blumen im Garten vor dem Wintereinbruch. Im Gedicht wird weiter beschrieben, wie sich die Astern neigen und ihr Sterben eintritt. Dies ist ebenfalls ein Zeichen dafür, dass sich die Idee der Romantik dem Ende zuneigt und ebenfalls stirbt: Sehnsucht und Ganzheitlichkeit dieser Epoche sind in der Moderne dem Untergang geweiht. Das stimmt zudem mit der Negativierung der romantischen Motive überein.  
Eine weitere Auffälligkeit in den Quartetten sind die zahlreichen religiösen Motive (Glocken, Frieden, fromme Pilgerzüge, hellere Geschicke). Interpretiert man nun das Gedicht unter diesem „religiösen Aspekt“, gelangt man zu folgendem Ergebnis: Die Vögel sind ein Vergleich für die frommen Menschen, die Pilger, die am Ende ihrer Pilgerfahrt auch in die „helleren Geschicke“, das ewige Leben im Jenseits, gelangen. Das lyrische Ich träumt nun beim Beobachten der Vögel, die in ihre „helleren Geschicke“ reisen, diesen frommen Menschen zu folgen und selbst das ewige Leben im Jenseits zu erlangen. Auch hier wird das lyrische Ich durch den „Hauch von Verfall“ aufgeweckt und erkennt die Hoffnungslosigkeit der Realität. 
Das Gedicht ist der Epoche des Frühexpressionismus einzuordnen. Dies ist unter anderem an folgenden Merkmalen zu erkennen: 
§      Schockeffekte (dämmervollen Garten, erzittern, Todesreigen etc.) 
§      Schockierung durch schreckliche Realität, Hoffnungslossigkeit für die Zukunft und Leid des lyrischen Ichs 
§      Titel (Verfall) und Themen (Einsamkeit, Untergang) der Epoche 
§      Farbmetaphorik 
§      Negativierung der romantischen Motive 
§      Verknüpfung von Form und Formlosigkeit (Sonett mit Reimbrüchen) 
Der Text von Kurt Pinthus „Menschheitsdämmerung“ ist ebenfalls auf dieses Gedicht anzuwenden 
Pinthus prophezeit den Untergang der Menschheit und beschreibt das Leid des lyrischen Ichs. Diese beiden Aspekte stimmen somit mit dem Gedicht überein. Die Besserung für die Zukunft und die Erlösung des Menschen durch sich selbst ist nicht im Gedicht wiederzufinden. Hier bleibt das lyrische Ich hoffnungslos und das Gedicht endet mit dessen absoluter Niedergeschlagenheit. 

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Malte
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 20:03 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

Interpretationsskizze "Die schöne Stadt"




In den 7 Strophen (jeweils 4 Verse, umarmender Reim, je 4 Trochäen) kommen sieben Örtlichkeiten der "schönen Stadt" (Salzburg, die Heimatstadt Trakls?) in den Blick: 

1. Plätze (Buchen), 
2. Kirchen, 
3. Brunnen (Bäume), 
4. Tore, 
5. Kirchen-Stufen, 
6. Gärten, 
7. (Häuser/)Fenster. 

Sie werden in den vier Strophen (II/III, IV, VII), in denen vor allem von Sichtbarem die Rede ist, jeweils im letzten Takt des 1. und 4. Verses genannt (so daß sich rührende Reime ergeben). In den Strophen, die von Hörbarem bzw. Nicht-Hörbarem reden (V/VI, I), sind die Benennungen der Örtlichkeiten im Stropheninneren versteckt (die rührenden Reime sind hier dem Schweigen, den Klängen und dem Singen gewidmet). 

Es deutet sich ein symmetrischer Gedichtaufbau an: Die mittlere Strophe wird dadurch markiert, daß Mädchen "an den Toren" aus der Stadt hinausschauen ("ins farbige Leben") und auf von draußen Kommendes warten, während alle anderen Vorgänge "innerstädtisch" sind, in Str. II/III (Kirchen/Brunnen) im visuellen Bereich, in Str. V/VI (Kirchen/ Gärten) im akustischen. 

Str. I nimmt eine Sonderstellung ein: sie beschäftigt sich mit "Schweigen" (der Plätze und Buchen), das sichtbar ist ("sonnig": Synästhesie!). Zugleich wird, neben Sehen und Hören, durch die "Schwüle" der Buchen ein weiterer Wahrnehmungssinn angesprochen - wie auch in der letzten Strophe, wo vom "Duft von Weihrauch, Teer und Flieder" die Rede ist. Die Sonderstellung der letzten Strophe ergibt sich auch dadurch, daß hier (hinter den "Blumen an den Fenstern") irgendwelche (mögliche) Betrachter der Stadtbilder aufzutreten scheinen, die allerdings mit "silbern flimmernden" "müden Lidern" diese Rolle nicht ausfüllen können. 

Im übrigen fehlt im Text ein ruhender Betrachter, der die flüchtig wechselnden Bilder zusammenzuhalten vermöchte. Die Ordnung der Dinge im Gedicht ist weder in der Orientierung an festen Gegebenheiten der Außenwelt noch in einem erkennbaren inneren Fluchtpunkt begründet, sondern lediglich in ihrer poetischen Anordnung. 

Diese poetische Anordnung zeigt nun bei näherem Hinsehen eine fast völlig aus den Fugen geratene Welt: 

- Die Grenzen zwischen Mensch und Welt verschwimmen, und zwar dadurch, daß einerseits die Personen depersonalisiert sind ("Marschtakt hallt", "Instrumente singen", die "Lider flimmern" und die "Lippen beben") und andererseits die Dinge personalisiert ("des Todes reine Bilder" schauen wie die Mädchen, Standbild-Rösser "tauchen auf", "Blütenkrallen drohn", "Instrumente singen" wie die "jungen Mütter", die Plätze und Buchen "schweigen"). 

- Ein fester Wertungsstandpunkt existiert nicht: Auch die Grenzen zwischen positiv und negativ konnotierten, den hellen und den dunklen Charakterisierungen der Menschen und Dinge verschwimmen ("sonnig - tief", "Blau und Gold", "braun erhellt", "Tod - rein, groß, schön", "scheu - farbig", "hell, schön, jung - leise", "heimlich - blumig", "Weihrauch, Teer und Flieder", "silbern - müde"). Auf diese Weise bildet sich ein in sich widersprüchliches oder aber als indifferent anzusehendes Geflecht von Merkmalzuschreibungen. 

- Die Menschen, von denen die Rede ist, sind offensichtlich von einer heillosen Unsicherheit und Ruhelosigkeit getrieben und aus dem Gleis ihrer traditionellen Rollen geworfen. Die Nonnen, "versponnen" und "traumhaft" durchaus in Übereinstimmung mit der Tradition, "hasten" nervös vorbei oder hin und her. Die "Knaben" spielen zwar, wie seit Jahrhunderten üblich, aber "wirr von Träumen". Mit ihren "bebenden feuchten Lippen" entsprechen die traditionell "scheuen" Mädchen den hastenden Nonnen und wirren Knaben, ebenso die "flimmernden Lider" - wessen? Die mit Kirchen (II/V) und mit Musik (V/VI) zusammenhängenden Vorgänge (v.a. in VI) nehmen weniger deutlich an der allgemeinen Unruhe teil (im "zitternden Flattern" und im "Schwirren"). 

- Trakls späteres Thema "Verfall" scheint nur andeutungsweie in den ersten drei Strophen und in der letzten Strophe durch (in den Motiven des Traums, des Schweigens, der Müdigkeit). 

- Das, was alle Einzelheiten in der "schönen Stadt" miteinander verbindet, ist eine schwüle, bedrohliche, angsterregende Atmosphäre und die langsam-schwerfällig-schwermütige, auch leicht eintönige (ohne Ausnahme!) trochäische Musik der Zweisilbenwörter mit ihren allgegenwärtigen starken Assonanzen und zahlreichen Alliterationen (z.B. "-onn-", "schw-", "gro- - Kro-", "-aun", "-aben", "-ittern - -attern").
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 20:14 (2008)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici. Répondre en citant

De profundis




 
Das Gedicht „De profundis“ von Georg Trakl (1887-1914) ist ein für den nur schwer 
einzuordnenden Dichter charakteristisches Werk. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der 
Zeit, in dem der Naturalismus in den Expressionismus beginnt überzugehen, verwendet er 
Elemente, die heute vornehmlich moderneren Gedichten zugeschrieben werden. 
 
Schon der unsymmetrische Aufbau der Strophen und das Fehlen eines Reimschemas zeigen 
diese modernen Akzente auf. Die Verszeilen der insgesamt sechs Strophen weisen völlig 
unterschiedliche Längen auf. Es werden vollständige Sätze (vgl. Z.1), aber auch nur 
Fragmente eines Gedanken (vgl. Z.13) verwendet. Eine Metrik ist überall erkennbar, jedoch 
vollführt Trakl einen Wechsel zwischen jambischen Versmaß und dem Trochäus. Auch 
Daktylen und der Anapäst finden ihre Verwendung (vgl. Z.5f.). Diese rhythmische 
Inhomogenität unterstreicht die traurig anmutende Stimmung des Gedichts. Der Titel „De 
profundis“ bezieht sich auf den Psalm 130, einem Leidenspsalm aus der Bibel: „Aus der Tiefe 
rufe ich, Herr, zu dir: / Höre meine Stimme!“ 
Stilistisch fallen zwei unreine Binnenreime auf: „Stoppelfeld – fällt“ (Z.1) und „rund – 
Dämmerung“ (Z.7). Die erste Strophe bildet in den Anfängen der ersten drei Zeilen einen 
parallelen Satzbau, die Anapher lässt sich hier erkennen: „Es ist ein“ (Z.1-3). Auch das 
fehlende Verb (vgl. Z.4), eine Ellipse, ist sprachlich hervorzuheben. Die Zeitebene des 
Gedichtes ist die Gegenwart, jedoch finden sich auch Verbformen der Vergangenheit: 
„fanden“ (Z.10), „Trank“ (Z.14), „fand“ (Z.18), „Klangen“ (Z.21). Im gesamten ist die 
Wortwahl des Gedichts keinesfalls außergewöhnlich. Nur heute veralterte oder wenig 
verwandte Wörter wie „Weiler“ (Z.5) und „Hain“ (Z.14) sind von sprachlicher Besonderheit. 
 
Inhaltlich lässt sich das Gedicht klar in zwei Teile gliedern, über die Art der 
Zusammengehörigkeit gibt es mehrere Ansätze. Während im ersten Teil (Z.1-10) das lyrische 
Ich nicht auftritt, ist es im zweiten Teil (Z.12-21) ständig präsent. Den Wendepunkt des 
Gedichts, durch den der obere Teil in einer nur zu ahnenden Weise nach unten gespiegelt 
wird, beschreibt somit die Verszeile „Verwest im Dornenbusch“ (Z.11). Die erste Strophe 
bemüht sich darum, eine herbstlich anmutende, vom Verfall bedrohte, dunkle und einsame 
Umwelt zu beschreiben. In dieser Düsternis tritt in der zweiten Strophe „die sanfte Waise“ 
(Z.6) auf. Es wird nicht von irgendeiner Waisen gesprochen, sondern durch das bestimmte 
Relativpronomen „die“ wird sie dem Leser als eine Person vorgestellt, die jedem bekannt sein 
könnte. Mittels Adjektive wie „rund“ und „goldig“ (Z.7) bezüglich ihrer Augen wird sie als 
eine verführerische, vielleicht noch junge, Frau dargestellt. Es wird berichtet, dass „ihr Schoß 
… des himmlischen Bräutigams (harrt)“ (Z.8). Nach einem Zeitsprung, der beim Übergang 
der zweiten zur dritten Strophe stattgefunden hat, finden Hirten „den süßen Leib / Verwest im 
Dornenbusch“ (Z.10f.). 
Das lyrische Ich, das ab der vierten Strophe inhaltlich weiterführt, wird als Mörder der 
Waisen gesehen. Es spricht von einem Schattendasein fernab der Dörfer und von „Gottes 
Schweigen“ (Z.13), das es erfährt, als es – aufgrund des Präteritums – nach dem Mord aus 
einem Brunnen trank. Erinnerungen an den Mord plagen den Mörder (vgl. Z.15f.). Hierbei 
kann der Begriff „kaltes Metall“ (Z.15) als Angstschweiß betrachtet werden, der ein 
unangenehmes Gefühl beim lyrischen Ich hervorruft. Das Ende von Strophe fünf berichtet 
von einem „Licht, das in … (seinem) Mund erlöscht.“ (Z.17) Hierbei wird das Licht als 
Sinnbild eines – seinem schlechten Gewissen zum Trotz – erfüllenden Gefühls betrachtet, das 
das lyrische Ich nach dem Mord an der Waisen in sich (vgl. „in meinem Mund“ (Z.17)) spürt. 
Dieses Gefühl ist dabei, zu verschwinden. 
 - 3 - 
 
Auch zwischen der fünften und der letzten Strophe findet ein Zeitsprung statt, da das lyrische 
Ich nun plötzlich von einem Erlebnis in der Nacht spricht. Zwischenzeitlich dürfte es ziellos 
umhergirrt sein: „fand ich mich“ (Z.18). Das Gefühl der Überlegenheit eines Mörders über 
das Leben eines anderen Menschen ist schon lange verflogen und das lyrische Ich begreift 
sich als „starrend vor Dreck“ (Z.19) und als nur ein winziges Individuum im Kosmos: „Staub 
der Sterne“ (Z.19). Das Gedicht endet mit der Erwähnung von Engeln, die das lyrische Ich 
bemerkt. Parallel zu dem „Dornenbusch“ (Z.11), in der die Leiche der Waise aufgefunden 
wurde, befinden sich die Engel im „Haselgebüsch“ (Z.20). Dadurch, dass das lyrische Ich, 
aufgrund seines Triebes auch hier ein potentieller Mörder, auf die von ihm so bezeichneten 
Engel aufmerksam wird, befinden sie sich – vielleicht wieder junge, hübsche Frauen –in 
höchster Gefahr. Der Trieb, zu morden, um erneut an das „Licht“ zu gelangen, kann über das 
Gedicht hinaus von ihm fortgesetzt werden. 
 
Die Waise tritt im ersten Teil des Gedichts als das einzig Positive in der düster dargestellten 
Wirklichkeit auf. Sie vermittelt Hoffnung schon allein dadurch, dass sie sogar „spärliche 
Ahren“ (Z.6) noch einsammelt. Dieser Schimmer einer guten Zukunft wird durch ihren Tod, 
verursacht durch einen Mord, alleine durch die Zeile des Wendepunkts, zunichte gemacht. 
Das lyrische Ich tritt als eine gefährlich, durch seine Triebe determinierte Gestalt auf. Es 
verkraftet den Mord nicht sofort, sondern fühlt sich schuldig. Sucht vielleicht deswegen Hilfe 
bei Gott, erhält jedoch nur „Schweigen“ (Z.13). Parallel hierzu ist auch das Warten der 
Waisen auf einen „himmlischen Bräutigam…“ (Z.8) vergeblich gewesen. Es lässt sich hier 
ein Hauch von Gotteskritik von Trakl herauslesen. War es der erste Mord des lyrischen Ichs, 
so hat „Gottes Schweigen“ (Z.13) seine Resignation zur Folge. Das Gefühl des Triebes zu 
Morden siegt über das schlechte Gewissen. Der Begriff des „Schatten(s)“ (Z.12) verdeutlicht 
es: Schatten besitzen kein Eigenleben, sondern sind immer an einen Gegenstand gebunden 
und sind somit vollständig fremdbestimmt. So kommt es, dass das lyrische Ich, das nicht 
gegen seinen Trieb anzukämpfen vermag, diese Unmündigkeit seiner Person im Bezug auf 
Gott als Ausrede benutzt und resigniert vor Gott, vor der Welt und vor sich selbst. 

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MessagePosté le: Aujourd’hui à 22:13 (2017)    Sujet du message: Mettez toutes les interprétations des poèmes ici.

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