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Die Mainzer Republik / La République de Mayence

 
Poster un nouveau sujet   Répondre au sujet    Forum des germanistes. Index du Forum -> CAPES / Agrégation 2008-2009 -> Mutations politiques, sociales, économiques et culturelles dans les pays de langue allemande entre 1789 et 1815
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Malte
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:14 (2008)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence Répondre en citant

1. Liberale Phase (Oktober - Dezember 1792)

Nach dem Scheitern der gegenrevolutionären Invasion bei Valmy (20.9.1792) stießen französische Revolutionstruppen unter General Adam Philippe de Custine (1740-1793) von Landau durch die Pfalz und Rheinhessen auf Mainz vor, das sie nach fast kampfloser Belagerung am 21. 10.1792 besetzten; ihre Eroberungen auf dem rechten Rheinufer (Rheingau, Main-Taunus und Frankfurt am Main) gingen im Dezember 1792 wieder verloren. 
Als Besatzungsgebiete galten Kurmainz und die Reichsstädte Worms und Speyer, die gleichnamigen Hochstifte sowie alle kleineren Herrschaften zwischen Queich und Nahe. In den wittelsbachischen Territorien (Kurpfalz und das Herzogtum Zweibrücken), deren Herrscher sich für neutral erklärt hatten, waren auch einige französische Kontingente stationiert.



Der Mainzer Jakobinerklub 

 

 
In Mainz, wo der Kurfürst, die hohe Geistlichkeit und der Adel vor Ankunft der Franzosen geflohen waren, gründeten am 23.10. 1792 (also schon zwei Tage nach der Kapitulation !) 20 Intellektuelle und Beamte einen Jakobinerklub, die " Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit" . In Worms und Speyer entstanden am 12./13.11. "Tochtergesellschaften", Während dem Mainzer Klub insgesamt mehr als 440 Deutsche beitraten (neben ca.50 Franzosen), kamen die Klubs in den beiden Reichsstädten über 60 bzw. 30 Mitglieder nicht hinaus. Auch waren sie dort sozial anders strukturiert: Bildeten in Mainz die Handwerker die größte Gruppe, so fehlten sie in Worms und Speyer fast ganz. In allen drei "Volksgesellschaften" aber lag die Führung ganz eindeutig bei den (z.T. beamteten) bürgerlichen Intelligenz, die auch Programm und Aktivitäten der Klubs bestimmten. In vielen Dörfern entstanden bald ebenfalls "Klubs", die jedoch mehr informelle Zirkel von ländlichen Revolutionsanhängern waren, die sich meist aus den örtlichen Eliten (vermögende Bauern, Schultheißen, Gerichtsmänner, Lehrer) rekrutierten. Die Beweggründe für den Eintritt in einen Jakobinerklub reichten vom idealistischen Wunsch nach politischer Umsetzung aufklärerischer Postulate, der Enttäuschung über Strukturen und Repräsentanten des feudla-aristokratischen "Ancien Régime", das Mitwirkungs- und Absicherungsstreben von Beamten bis hin zum bloßen Opportunismus. Während in den drei Städten die Existenz aufgeklärter Sozietäten (Freimaurer, Illuminaten und Lesegesellschaften) die Disposition zu revolutionärem Engagement förderten, geschah dies auf dem Land oft durch die "Politisierung" älterer Konflikte, etwa zwischen Kommune und Orts- bzw. Landesherrschaft, zwischen den Konfessionen (Katholiken, Lutheraner, Reformierte) oder der Kirchengemeinde und ihrem Pfarrer. 

 
Verbrüdert mit den "Volksgesellschaften" in Paris, Straßburg und anderen französischen Städten sowie unterstützt von der Besatzungsmacht entfalteten die drei Jakobinerklubs, vorn jener in Mainz, eine außerordentlich große publizistisch-propagandistische Aktivität. so gab es in Mainz zeitweise sieben prorevolutionäre Blätter (Mainzer Nationalzeitung, Neue Mainzer Zeitung oder der Volksfreund, Der Bürgerfreund, Der fränkische Republikaner, Der Kosmopolitische Beobachter, Mainzer Intelligenzblatt), auch die reichsstädtischen Zeitungen (Wormser Nationalzeitung, Speyerer Wochenblatt) waren von den dortigen Jakobinern im revolutionären Sinn umfunktioniert worden. Über 100 Flugschriften und etliche Plakatdrucke mit teilweiser hoher Auflage popularisierten das revolutionäre Gedankengut, und durch gezielten "Export" fand es auch in den von Franzosen nicht besetzten Nachbargebieten Verbreitung.
 

Die Mainzer Jakobiner: Programm, Personen, Propaganda
 

 
Dieses auch in zahlreichen Klubreden entfaltete Programm der Mainzer Jakobiner war -natürlich in Anlehnung an das französische Vorbild - bürgerlich-demokratisch, denn es orientierte sich an den vorstaatlichen Menschenrechten, am Prinzip der Volkssouveränität, an der individuellen (geistigen, religiösen und ökonomischen) Freiheit und an der Rechtsgleichheit; eine soziale Gleichheit lehnten die Mainzer Jakobiner ausdrücklich ab. Die ideale Gesellschaft sollte nach ihren Vorstellungen von einer "heureuse médiocrité" im Sinne Rousseaus geprägt sein, also vom fleißigen, tugendhaften und dennoch selbstbewussten (Klein-)Bürger. Dem sollten sich auch Religion und Kirche unterordnen, die die Jakobiner (im Gegensatz zum Laizismus späterer Revolutionsjahre) nicht eliminieren, sondern instrumentalisieren wollten. Als Wir-Bewusstsein fungierte ein an den ideologischen (nicht an den sprachlich-kulturellen oder historischen) Gemeinsamkeiten orientierter "Patriotismus". Der emotionalen Mobilisierung für diese neue Ordnung diente - neben einem kurzlebigen "Mainzer Nationaltheater" - besonders die Pflanzung von Freiheitsbäumen, die besonders auf dem Land recht erfolgreich, weil sie auf das traditionelle Brauchtum ("Kerbe-Bäume") und religiöse Symbolik ("Baum des Lebens" ) zurückgriff. 

 

 
Exponenten dieser betont volkstümlich konzipierten Agitation waren drei Mainzer Professoren: der Mathematiker Mathias Metternich, der Mediziner Georg Christian Wedekind und der Philosoph Andreas Josef Hofmann. Der bekannteste Mainzer Jakobiner, der Weltreisende, Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster (1754-1794) wirkte zunächst mehr in der"Allgemeinen Administration", an der Jahreswende 1792/93 aber schon als Präsident des Klubs und im März als Vizepräsident des Konvents. Die von Custine am 19.11.1792 eingesetzte "Allgemeine Administration" war für das gesamte, offiziell "befreite" Gebiet (also nicht für die kurpfälzischen und zweibrückischen Territorien) zuständig und wurde von dem ehem. Theologen Anton Josef Dorsch (1758-1819) geleitet. Sie war eines der wirksamsten Instrumente der "Revolutionierung", weil sie dazu den ‚Dienstweg' benutzen konnte, nachdem die bisherigen Beamten nur zu einer administrativen, nicht aber zu einer politischen Zusammenarbeit bereit gewesen waren. Auf lokaler Ebene sorgten die ebenfalls am 19.11. ernannten "Munizipalitäten" von Mainz, Worms, Speyer und Bingen für denselben Effekt. Sie wurden meist von erfahrenen Beamten, die zugleich Aufklärer gewesen waren , geleitet: von Ratzen und Macké in Mainz, von Winkelmann und Lewer in Worms sowie von Petersen und Reissinger in Speyer. Durch solche Männer bekam die "Revolutionierung" gewissermaßen amtlichen Charakter, der ihre Wirksamkeit aber noch erhöhte. 

Reaktionen auf die "Revolutionierung"
 

 
Bei all ihrer revolutionsfreundlichen Propaganda und demonstrativen Unterstützung für die Jakobiner bestanden die "Allgemeine Administration" und ebenso die Munizipalitäten zunächst strikt auf dem von Custine am 23./25.10.1792 proklamierten Selbstbestimmungsrecht, das jede Änderung des politischen und sozialen Status quo von einem freiwilligen Mehrheitsentscheid abhängig machte. Die Übernahme der "fränkischen Konstitution", also der revolutionären französischen Staatsordnung, sollte nur mit Zustimmung der Befreiten geschehen. 
Unter diesen Vorzeichen führte die "Allgemeine Administration" im Dezember 1792 in Mainz und 40 benachbarten rheinhessischen Dörfern eine Abstimmung durch - die erste wirklich demokratische in Deutschland. Denn (wie bei den französischen Konventswahlen vom September 1792) konnten alle selbständigen erwachsenen Männer (ohne Rücksicht auf ihr Einkommen) abstimmen, wodurch das Wahlrecht fast allgemein wurde. Auf den meisten Dörfern entsprach das Ergebnis den Erwartungen der Jakobiner und Franzosen, doch in den Städten gab es zähen Widerstand.
 
Er kam vor allem von den Zünften, die durch und durch konservativ gesinnt waren und sich in ihrer Stellung bedroht sahen; die Handelsbourgeosie lehnte die "fränkische Konstitution" ebenfalls ab und plädierte stattdessen für altständisch-frühliberale Reformen, stark an der ersten, konstitutionellen Phase der Französischen Revolution orientiert. In den beiden Reichsstädten kam hinzu, dass man sich dort ohnehin schon "frei" fühlte, d.h. dem korporativen Republikanismus den Vorzug vor einem individuellen Demokratismus gab. Weiterer Widerstand kam (schon Mitte November 1792) von der bürgerlichen Mainzer Geistlichkeit, die Distanz zu allen Ideologien halten und sich nicht vom "Revolutionschristentum" der Jakobiner vereinnahmen lassen wollte. Wenn es in Mainz und Umgebung auch einige "prêtres rouges" gab, die die Vereinbarkeit der "fränkischen Konstitution mit dem Katholizismus" predigten, so war doch die ablehnende Haltung der Mehrheit des katholischen Klerus gerade in den Landgemeinden besonders folgenreich. Das gilt auch für die meisten lutherischen Pfarrer, während die reformierten tendenziell eher für die Revolution zu gewinnen waren. Alles in allem fühlte sich aber die noch sehr kirchentreue Bevölkerung durch die Geistlichen in ihrer ablehnenden, bisweilen auch nur abwartend-opportunistischen Haltung bestärkt. Dazu trugen freilich auch die -nach anfangs betont ‚volksfreundlichem' Verhalten der Franzosen - steigenden Besatzungslasten, die unsichere Kriegslage (Rückeroberung Frankfurts durch die Deutschen am 2.12.1792) sowie die nun einsetzende gegenrevolutionäre Propaganda bei. 
 

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:14 (2008)    Sujet du message: Publicité

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Malte
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:17 (2008)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence Répondre en citant

2. "Despotismus der Freiheit" (Januar - März 1793)

Entscheidend aber Wurde die Wende in der französischen Besatzungspolitik: Hatte sie zunächst - am Rhein wie in dem zugleich eroberten Belgien und Savoyen - den "Befreiten" die Wahl ihrer künftigen Staatsform völlig freigestellt, so gab sie diese uneingeschränkte Selbstbestimmung auf, nach dem (besonders in Belgien) konservative Kräfte daraus hatten Nutzen ziehen können. Hatte General Custine den Mainzern am 23./25. 10. 1792 erklärt: "Euer eigener, ungezwungener Wille soll Euer Schicksal entscheiden", und ihnen selbst die Rückkehr zur Herrschaft des Kurfürsten freigestellt, so verkündete er Anfang 1793 am Rhein das Pariser Gesetz vom 15.12.1792, das in allen 'befreiten' bzw. besetzten Gebieten den 'Despotismus der Freiheit' einführte: Überall sollte das "Feudalsystem" abgeschafft, Wahlen veranstaltet werden, die aber nur Revolutionsanhänger an die Macht bringen durften. Dies erreichte man dadurch, dass vor der Abstimmung von jedem Wähler ein Eid auf die demokratischen Prinzipien verlangt wurde, ein Schwur, der schließlich auch auf die Nichtwähler ausgedehnt wurde. Dieser Schwur bzw. der mit den Wahlen verbundene Eidzwang stand nun im Mittelpunkt der oft sehr harten politischen Auseinandersetzungen. Denn im Rahmen der von den Jakobinern als Subkommissaren und von den Franzosen als Besatzungsmacht "mit der Hilfe von Bajonetten" durchgeführten ‚Zwangsbefreiung' kam es an vielen Orten zu hinhaltendem Widerstand, an einigen zu offenem Aufruhr (, z. B. in Grünstadt/Pfalz oder in der Gft. Falkenstein, wo sich 4000 Bauern erhoben); in Mainz boykottierten die Zünfte, Handelsstand, Geistlichkeit und die allermeisten Beamten die Wahlen, so dass die Beteiligung schließlich nur 8 % betrug.
 

 
Der "Rheinisch-Deutsche Freistaat" 

 

 
Von all dem ließen sich aber weder die Jakobiner noch die Franzosen beirren. Letztere schon deshalb nicht, weil das aus den Wahlen hervorgehende Parlament möglichst bald den Anschluss des Landes "zwischen Landau und Bingen" an die "Mutterrepublik" beschließen sollte. Ganz im Sinne des französischen Expansionsstrebens bis an die "Natürliche Grenze" des Rheins, die seit dem 31.1.1793 sogar offizielles Kriegsziel Frankreichs war - nachdem Georg Forster sie schon am 15.12.1792 im Mainzer Jakobinerklub gefordert hatte. Bei all dem mischten sich traditionelle Motive mit aktuellen sowie militärische mit prinzipiellen, die Frankreich das Recht auf Ausdehnung einräumten oder gar die Pflicht zu einer "expansion révolutionnaire" unterstellten. 
 
Der aus den Wahlen in 125 (von insgesamt ca. 700) Orten Rheinhessens und der Pfalz hervorgegangene "Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent" konstituierte sich am 17. 3.1793 in Mainz; über die Hälfte seiner Abgeordneten waren Bauern, die jedoch keinerlei Einfluss auf Gang und Zielsetzung der Beratungen hatten. Dieser wurde vielmehr von den seit Januar 1793 in Mainz wirkenden französischen Kommissaren (bes. Merlin de Thionville und Simon) und einem kleinen Kreis von Intellektuellen und Beamten (voran Hofmann und Forster) festgelegt, die keinerlei Opposition duldeten. Am 18.3. 1793 erklärte der "Nationalkonvent der Freien Teutschen" das "Land zwischen Landau und Bingen" zu einem von Deutschland getrennten "Freistaat", der auf den Prinzipien der Volkssouveränität, der persönlichen Freiheit und der Gleichheit vor dem Gesetz beruhen sollte. Bereits drei Tage später, am 21.3. 1793, wurde dessen "Réunion", also Vereinigung, mit der Französischen Republik beschlossen. 
Ausschlaggebend dafür war nicht die - damals wie heute immer wieder angeführte - militärische Ohnmacht des territorial äußerst zerstückelten 'Freistaats', sondern eine prinzipielle Vorentscheidung: Denn die "Reunion" der "Rheinisch-Deutschen Republik" war ein Akt, der in der Konsequenz des revolutionären Patriotismus lag, der einer ideologisch begründeten Staatszugehörigkeit absoluten Vorrang vor einer ethnisch-historischen gab; zudem hatten die Mainzer Jakobiner nie ernsthaft eine ganz Deutschland umfassende Perspektive gehabt. In dem von Georg Forster entworfenen Reunionsantrag erschien die Vereinigung des linken Rheinufers mit Frankreich gar als dessen, von der Natur und der Geschichte begründetes Anrecht. Mit dieser Willensbekundung reisten Forster, Adam Lux und André Patocki am 25. 3. nach Paris, wo der Mainzer Beschluss am 30. vom französischen Nationalkonvent einstimmig angenommen und Mainz mit weiteren 84 Orten (die bei Forsters Abreise vertreten gewesen waren) zur "partie intégrante de la République française" erklärt wurden. Unterdessen befasste sich der Mainzer Konvent mit der Abschaffung des Feudalsystem, noch mehr aber mit der Ausschaltung jeder Opposition im Lande, was durch einen verstärkten Eidzwang erreicht werden sollte. Die in Paris verkündete "réunion" wurde aber nicht mehr ausgeführt, weil zur gleichen Zeit Rheinhessen und die Pfalz von Preußen und Österreichern zurückerobert wurden; nur Mainz blieb vorerst noch in französischer Hand. 

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Malte
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:23 (2008)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence Répondre en citant

3. Das belagerte Mainz (April - Juni 1793) 
und die Nachwirkungen der Mainzer Republik
 

 

 
Während es in dem nun von Deutschen besetzten Umland zur ersten, recht willkürlichen Verfolgung von "Klubisten" kam, hatte die Stadt Mainz eine viermonatige Belagerung zu erdulden. Dabei standen den ca. 23 000 Franzosen in der Festung etwa doppelt soviel Preußen, Österreicher, Sachsen , Bayern und andere Reichstruppen gegenüber. Lange wurde die Stadt nicht angegriffen, sondern von den Alliierten nur blockiert; in diesen Wochen machten die Belagerten zahlreiche Ausfälle, von denen jener auf das preußische Hauptquartier in Marienborn (30./31.5.1793) der spektakulärste war. In der belagerten Stadt bestimmte nun der aus französischen Militärs und Kommissaren gebildete Kriegsrat das Geschehen. Die im Februar/März 1793 (neu-)gebildeten "revolutionären" Zivil-Behörden nutzten ihren äußerst geringen politischen Spielraum sehr unterschiedlich: während die im Februar gewählte Munizipalität unter Macké einen pragmatischen Kurs fahren und die Belagerung möglichst rasch beenden wollte, vertrat die vom Konvent am 31.3. eingesetzte Allgemeine Administration unter Hofmann eine harte Linie gegenüber jeder Opposition und wollte Mainz um jeden Preis halten. 
Ende Juni 1793 begann die preußische Artillerie mit einem massiven Bombardement, das vor allem im Stadtzentrum um den Dom schwere Schäden anrichtete, unter der Zivilbevölkerung aber kaum Opfer forderte (höchstens 17). Dagegen mussten bei den Kämpfen im Vorfeld der Festung etwa 5000 Soldaten ihr Leben lassen; davon waren ca. 2000 Franzosen und 3000 Deutsche. Als Mitte Juli die Munitions- und Lebensmittelvorräte knapp wurden und der erwartete französische Entsatzversuch aus dem Elsass nicht zustande kam, begann der französische Festungskommandant Ignace d'Oyré Kapitulationsverhandlungen mit den Preußen. 


 
Am 23.7.1793 wurde Mainz dann an den preußischen König Friedrich Wilhelm II. übergeben: Während die Franzosen freien Abzug erhielten, war dieser für die "Klubisten" nicht gesichert; einige konnten mit den Franzosen entkommen, die meisten gerieten jedoch (oft nach Lynchversuchen aufgebrachter Mainzer) in preußische Gefangenschaft und kamen auf die Festungen Königstein/Taunus und Ehrenbreitstein bei Koblenz (von dort Anfang 1794 auf den Petersberg bei Erfurt). Anfang 1795 erhielten sie - nachdem Frankreich Gegengeiseln hatte ziehen lassen - alle die Freiheit. Jetzt schlossen sich die meisten von ihnen den immer wieder an den Rhein vorstoßenden französischen Truppen an und übten hinter deren Aufmarsch teils zivile, teils militärische Funktionen im Besatzungsgebiet aus. 
Als dann 1797/98 das linke Rheinufer an Frankreich angeschlossen wurde, gehörten die zurückgekehrten Mainzer Jakobiner natürlich zum politisch-administrativen Führungspersonal des neuen Départements Donnersberg (in etwa identisch mit dem Regierungsbezirk Rheinhessen-Pfalz). Sie blieben dies auch unter Napoleon, ja, selbst unter den neuen hessischen und bayerischen Landesherrn, die das Gebiet 1815/16 in Besitz nahmen. Dabei wandelten sich die meisten der 1792/93 recht radikalen Jakobiner zu verlässlichen Stützen ihrer neuen Herren, legten aber stets Wert darauf, dass diese die "französischen Institutionen", d.h. die auf dem linken Rheinufer seit 1798 eingeführten revolutionären Rechtsverhältnisse (Gleichheit vor dem Gesetz, Zivilehe, Schwurgerichtsbarkeit, Öffentlichkeit der Prozesse ) beibehielten. Auf diese Weise bewahrten sie die "essentials" des revolutionär-demokratischen Gedankenguts und brachten es in die liberale Bewegung des Vormärz ein, der in Rheinhessen und der Pfalz auch von persönlich-familiären Kontinuitäten "von Mainz nach Hambach" gekennzeichnet war. Zugleich machte sich hier in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bemerkbar, dass der südliche Teil des linken Rheinufers schon in der Mainzer Republik auf breiter Ebene politisiert worden war. 

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:24 (2008)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence Répondre en citant

Zeittafel zum Verlauf der Mainzer Republik
1792 
20.9.Kanonade von Valmy
30.9.Vorstoß der Franzosen unter Custine von Landau durch Pfalz und Rheinhessen
21.10.
Übergabe von Mainz an die Franzosen
23.10.Gründung des Mainzer Jakobinerklubs; Custine verkündet uneingeschräenkte Selbstbestimmung
3.11.1. Mainzer Freiheit3baum
12./13.11.Gründung von Jakobinerklubs in Worms und Speyer
18./25.11.Pflanzung von Freiheitsbäumen in den Mainzer Vororten

19.11.Einsetzung "revolutionärer" Verwaltungen: "Allgemeine Administration" für das besetzte Gebiet, "Munizipalitäten" für Mainz, Worms und Speyer
19.11.Paris: Beschluss des Konvents, alle ausländischen Revolutionäre zu unterstützen
2.12.Rückeroberung Frankfurts durch die Deutschen
14./29.12.
Verfassungsumfrage in Mainz und 40 Dörfern, auf dem Land Mehrheit für die "fränkische Constitution"
15.12.Paris: Beschluss des Konvents, in allen besetzten Gebieten die Demokratie, notfalls mit Gewalt, einzuführen. Abkehr vom Selbstbestimmungsrecht
 
1793
1.1.Ankunft frz. Kommissare in Mainz zur Durchführung d. Dekrets vom 15.12.
13.1.2. Mainzer Freiheitsbaum
10.2.Erlass einer Wahlordnung: Eidzwang, aber auch weitgefaßtes Wahlrecht
24.2.Offizieller Termin zur Wahl von Munizipalitäten und Konvent; In Mainz 8% Beteiligung, auch andernorts Widerstand um Boykott (bis Ende März)
17.3.Konstituierung des "Rheinisch?Deutschen Nationa1konvents" in Mainz
18.3.Unabhängigkeitserklärung des "Rheinisch-Deutschen Freistaats"
21.3.Ersuchen um Anschluss dieser Republik an Frankreich
bis 3l.3.Sitzungen des Mainzer Konvents, der 126 von über 700 Gemeinden Rheinhessens und der 
Pfalz vertritt
30.3.Einstimmige Annahme der Mainzer Reunionsbitte im Pariser Konvent
Rückeroberung des linken Rheinufers durch Preußen um Österreicher
14.4.Einschließung von Mainz; Beginn der Belagerung, Beschießung im Juni
23.7.Kapitulation der Franzosen, Abzug aus Mainz, Klubistenverfolgung
  

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 00:27 (2008)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence Répondre en citant

Neun Thesen zur Mainzer Republik
von Franz Dumont 

Französischer Revolutionsexport und deutscher Demokratieversuch
1. Die Mainzer Republik hat ein Doppelgesicht: sie war ein französischer Revolutionsexport und zugleich ein deutscher Demokratieversuch. 

 
2. Grundlage der Mainzer Republik war die französische Besetzung von Mainz, Rheinhessen und der Pfalz; ohne die militärische Expansion des revolutionären Frankreich hätte es den deutschen Demokratieversuch gar nicht gegeben. 

 
3. Frankreichs expansion revolutionnaire hatte von Anfang an zwei Seiten: die der Befreiung und die der Eroberung. Frankreich wollte seinen Nachbarn die Freiheit bringen. ebenso aber seine Grenzen erweitern. 

 
4. Von ihrer neuen Staatsform überzeugt, verkündeten die Franzosen 1792 zunächst das Prinzip der Selbstbestimmung, gaben dieses aber auf, als sich die "Befreiten" nicht so revolutionär zeigten wie erwartet ("Zwangsbefreiung" 1793). 

 
5. Auf deutscher Seite beweist die Existenz von Jakobinern in den Städten und Dörfern um Mainz, dass die Französische Revolution auch noch in ihrer 2. Phase in allen Schichten Anhänger fand. Die führenden Jakobiner waren allerdings Intellektuelle und Beamte. 

 
6. Widerstand kam in der Mainzer Republik besonders von Zünften, Geistlichen und Großbürgern; Ursachen dafür waren Zufriedenheit mit dem Bestehenden, politische Passivität, Kirchentreue, Nationalismus und Wunsch nach Reformen statt nach Revolution. 

 
7. Als erster deutscher Demokratieversuch scheiterte die Mainzer Republik vor allem an mangelnder Akzeptanz und inneren Widersprüchen (Besatzungsherrschaft, Zwangsbefreiung). Doch die 1793 erreichte Politisierung breiter Schichten war nicht mehr ruckgängig zu machen. 

 
8. In der "Franzosenzeit" (1798-1814) wurden viele Programmpunkte der Mainzer Jakobiner realisiert, allerdings "von oben". Diese Errungenschaften (u.a. Rechtsgleichheit, Gewerbefreiheit, unabhängige Justiz, Zivilehe) wurden unter der "Restauration" erfolgreich verteidigt, und Hambacher Fest (1832) sowie 48er Revolution konnten daran anknüpfen. 

 
9. Die Mainzer Republik war stets umstritten: Im Zeitalter des Nationalismus wurde sie in Deutschland
verurteilt und von Frankreich vereinnahmt. Die deutsch-französische Aussöhnung (1950er Jahre) und die Demokratiedebatte 1968ff. führten zu einer Aufwertung; zugleich aber wurde sie zum Streitobjekt im Kalten Krieg. Heute diskutiert man, ob sie ein einmaliger "Ausrutscher" oder ein aufschlussreicher Testfall für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland war.

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MessagePosté le: Aujourd’hui à 18:43 (2017)    Sujet du message: Die Mainzer Republik / La République de Mayence

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