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Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse

 
Poster un nouveau sujet   Répondre au sujet    Forum des germanistes. Index du Forum -> CAPES / Agrégation 2008-2009 -> Mutations politiques, sociales, économiques et culturelles dans les pays de langue allemande entre 1789 et 1815
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:30 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

Déjà un lien très utile: 
http://www.preussen-chronik.de/_/episode_jsp/key=chronologie_002020.html
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:30 (2008)    Sujet du message: Publicité

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:31 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

http://www.geschi.de/artikel/preussreform.shtml


Heeresreform:
  • Reform des Heeres nach der Niederlage gegen Napoleon notwendig
  • wesentlichen Verdienst: Gerhard Johann von Scharnhorst + August Neidhart von Gneisenau
  • gemeinsames Ziel: „..., den Staat auf die von der preußischen Nation getragene Armee zu gründen."
  • Gneisenau blickte weiter: neues Preußen sollte auf dem „dreifachen Primat der Waffen, der Wissenschaft und der Verfassung" stehen
  • Abschaffung Prügelstrafe
  • Adelsprivileg für Offizierslaufbahn fiel
  • durch Kooptationsprinzip blieb Offizierskorps im wesentlichen in Händen des Adels
  • adlige Kadettenschulen à grundsätzlich bestehen
  • Armee moderner (in Taktik und Führung)
  • 1809 Gründung Kriegsministerium (Scharnhorst dominierend)
  • Hermann von Boyen Kriegsminister (seit 1814)
  • ß Schöpfer allgemeine Wehrpflicht (September 1814)
  • durch Krümpersystem (vorzeitige Beurlaubungen und Rekrutierungen) Erhöhung der Präzisionsstärke über Stärke von 42000 (Festlegung Napoleons)
  • in Landwehr und Landsturm organisiert „Volk der Waffen", erbrachten Bürger und Bauern Beweis patriotischer Zuverlässigkeit während der Befreiungskriege
  • Landwehr Errungenschaft des Bürgertums
  • alle Wehrpflichtigen nach 3 ½ Jahren und 2 Jahre Reserve bis zum 32. Jahr Mitglied der Landwehr 1. Aufgebots, bis 39. Jahr zweiten Aufgebots + im Kriegsfall Mitglied des Landsturms bis 50 Jahre
  • Konservative und Adel missbilligten Landwehr (selbständige Institution)
  • mittlerer Schulabschluss ermöglichte Ableistung eines ½ jährigen freiwilligen Dienstes mit anschließender Qualifikation zum Landwehroffizier
  • Kampf gegen Landwehr war später Kampf gegen Verbürgerlichung des Heeres und für Erhalt des traditionellen Königsheeres

 
Bildungsreform:
  • Verlangen nach Bildungsreform nicht nur in Preußen
  • Besondere an preußischer Bildungsreform: einzigartige Verbindung von Nationalerziehung, Neuhumanismus und Idealismus
  • Unterrichtsmethoden des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi in Preußen zuerst von Ludwig Natorp rezipiert
  • zuerst in Elementarschulen und Lehrausbildungsstätten eingeführt
  • wie Philosoph Fichte betonte auch W. von Humboldt den krassen Gegensatz zum Nützlichkeitsdenken der Aufklärung als Ziel von Bildung und Unterricht ihren allgemeinen, nicht fachbezogenen Charakter:
  • Bildung zweckfrei
  • dient Formung des Individuums zur Persönlichkeit
  • durch Gesetze und Verordnungen Unterwerfung verschiedener Bildungseinrichtungen unter einheitliche Regelungen:
  • Gliederung des Schulwesens
  • Einführung bzw. Neuordnung staatlicher Prüfungen
  • Abitur als generelle (ab 1834 einzige) Zugangsmöglichkeit zum Universitätenbesuch nach der Vorschrift von 1788, neugeordnet 1812
  • Lehrbefugnis an den Universitäten
  • Verbeamtung von Lehrern und Hochschullehrern
  • Bildungsreform zielte auf Verdrängung von Standesvorrechten
  • Zugang zu Staatsämtern und Zusammensetzung von Gesellschaftsschichten abhängig von staatlichen Prüforganen und Ausbildungseinrichtungen
  • Staat des 19. Jh., ein auf Bildung gegründeter Staat
  • Kulturnation des 18. Jh., auf diesem Weg zur Staatsnation des Zukunft

 
Gesellschaftsreform
  • Freiherr vom und zum Stein 1807-1808
  • von Hardenberg 1808-1822
  • reformierten Gesellschaftsordnung und Staatsverwaltung
  • Ziel: alle Preußen „durch Übung, Teilnahme und Mitwirkung bei den Nationalangelegenheiten an den Staat zu knüpfen", aus „Untertanen" am Schicksal des Staates interessierte „Staatsbürger" zu machen
  • 1. Niederreißung der Standesschranken
  • geschah 1807 durch erlassenen Edikt „aus erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums betreffend"
  • gestattete Bürgern bäuerlichen Grund zu erwerben und in Bauernstand überzutreten
  • Adlige durften ihr Land veräußern und bürgerliche Gewerbe betreiben
  • brachte erbuntertänigen (leibeigenen) Bauern persönliche Freiheit nach Martinitag1810
  • zu leistende Abgaben und Arbeitspflicht abgelöst und Freizügigkeit gewährt
  • Beendung des Gesindezwangsdienst der Kinder
  • „Regulierungsgesetz" Hardenberg’s: beschränkte Reform auf größere Bauern, die Land an Gutsherren abtreten mussten, da Rebellion des Adels
  • entmutigt Verkauf ihrer Höfe (Bauern)
  • Ende Bauernbefreiung + Ausdehnung des Großgrundbesitzers
  • à Adel gestärkt

 
[Quellen: Brockhaus 17/24 S. 476 ff. 1994/BRD; „Deutsche Geschichte" von den Anfängen bis zur Wiedervereinigung S. 360 ff. 1991/BRD; Zeiten und Menschen S. 88 ff. 1978/BRD]
 
Preußische Reformer (im Kurzporträt):
Stein, Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum, preuß. Staatsmann, * 1757, †1831;
wurde 1807 leitender Min. in Preußen, das er durch innere Reformen erneuerte: Aufhebung der bäuerl. Erbuntertänigkeit, Städteordnung, einheitl. Verw. Als Gegner Napoleons I. musste er Ende 1808 zurücktreten. 1812/13 war er Berater des russ. Zaren Alexander I.1819 regte er die Gründung der »Gesellschaft für ältere dt. Geschichtskunde« an.

Hardenberg, Karl August Fürst v., preuß. Staatsmann, * 1750, † 1822;
1804/05 und 1807 Außenmin., seit 1810 Staatskanzler; führte die Reformen des Freiherrn vom Stein fort.

Scharnhorst, Gerhard von, preuß. General, * 1755, † 1813
(nach Verwundung); leitete seit 1807 das Kriegsministerium, wurde der Schöpfer des preuß. Volksheers auf der Basis der allg. Wehrpflicht; wurde 1813 Generalstabschef Blüchers.

Gneisenau, August Graf (seit 1814) Neidhardt v., preuß. Generalfeldmarschall (seit 1825), * 1760, † 1831;
hielt 1807 die Festung Kolberg gegen die Franzosen; Mitarbeiter G. v. Scharnhorsts, Generalstabschef G. L. Blüchers, entschied den Sieg bei Waterloo (Belle-Alliance) 1815.

Humboldt, Wilhelm Freiherr v., dt. Gelehrter, Staatsmann, * 1767, † 1835;
eng befreundet mit Schiller und Goethe, war 1809/10 Leiter des preuß. Unterrichtswesens und schuf die Univ. Berlin; einer der Führer des Neuhumanismus, Sprachforscher.

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:34 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Preu�ische_Reformen.html


Die Preußischen Reformen oder auch sogenannten Stein- und Hardenbergische Reformen waren eine Reaktion auf die Niederlage Preußen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein und nach ihm Karl August Fürst von Hardenberg setzten diese Reformen um.



Ursachen
In Preußen herrschte eine tiefe Kluft zwischen Staat und Gesellschaft zwischen altem Gesetz und zeitgenössischem Gedankengut (beispielsweise galt noch das Preußische Landrecht von 1794 welches sich am Vorbild der mittelalterliche Gesellschaftsordnung orientierte). Die preußische Regierung wollte einer Revolution oder eines Aufstandes Vorbeugen und das Volk auf die Seite der Preußen beziehungsweise Deutschen bringen um Napoleon besiegen zu können.Anlass
Anlass war der völlige Zusammenbruch Preußens im Krieg gegen Napoleon 1806 bei Tilsit sowie die Besetzung Preußens durch Napoleon und der Verlust vieler Gebiete. Angestrebte Einigung DeutschlandsZiele
Die Ziele der Reformen waren:
  • Die Überwindung der feudalen Gesellschafts- und Herrschaftsformen in Preußen um das Interesse der Bevölkerung bisher entmündigte Untertanen am preußischen Staat und an der deutschen Nation zu wecken. Die Menschen sollten sich vom Untertan zum Bürger entwickeln.
  • Die Neuformung des preußischen Staates: Das Fundament soll eine auf Freiheit und Gleichheit gegründete bürgerliche Gesellschaft sein. (vom Stein)
  • Die Gesellschaft sollte sich vom Absolutismus zum Liberalismus entwickeln.
  • Die Nationale Einigung Deutschlands.
Vorrangig wurden die Reformen als Instrument zur Befreiung Preußens aus napoleonischer Fremdherrschaft gesehen.
Sie beinhalten folgende Schwerpunkte:
  • Befreiung der Bauern von der Lehnsherrschaft
  • Heeresreform (Volksheer statt Söldnerheer)
  • Gleichberechtigung der Juden mit allen anderen Bürgern
Einzelne Maßnahmen
Agrarreform (Bauernbefreiung)
Alle spannfähigen (mit eigenem Vieh ausgestatteten) Bauern bekamen das von ihnen bewirtschaftete Land als Privatbesitz wenn sie dem Gutsherrn etwa die Hälfte des Grundes abtraten. Allerdings nur die größeren Bauern waren mit dieser Regelung begünstigt. Das Problem war dass durch solch hohe Abtretung sogar die großen Bauern ihre sichere Existenzgrundlage verloren und sich als Landarbeiter durchschlagen mussten. Somit trat die umgekehrte Folge ein: Die Gutsherrn wurden reicher und die freienBauern deren Zahl man eigentlich erhöhen wollte wurden weniger. Allerdings steigerte sich teilweise die Qualität der Landwirtschaft da die Bauern mehr motiviert waren.Regierungsreform
Vor der Reform entschied der König im Kreise seiner Kabinettsräte und die Minister waren an diese Entscheidungen gebunden (also nur Ausführende). Ab 1807 standen die Minister an der Spitze abgegrenzter Ressorts (Inneres Äußeres Finanzen Justiz Krieg) und trugen für königliche Erlasse Verantwortung. 1810 wurde das Amt des Staatskanzlers geschaffen der über Ministern stand. Preußen wurde in Regierungsbezirke unterteilt deren Regierungen ebenfalls in Ressorts gegliedert waren.Städtereform
1808 wurde die städtische Selbstverwaltung durch Wahl der Stadtämter (Stadtverordnete) eingeführt. Diese konnten von allen Bürgern mit Besitz von Grund und Boden oderEinkommen von mindestens 150 Talern gewählt werden. Diese Stadtverordnete wählten dann wiederum den Magistrat. Ziel waren die Weckung von Selbstverantwortung und Verantwortung für das Gesamtwohl. Die Städtereform war die Basis für die künftige Mitbestimmung im Staat.Steuerreform
Zunächst hatte die Steuerreform nur das Ziel die Einnahmen zu erhöhen um Kontributionen an Napoleon bezahlen zu können. Doch dann wurden wichtige Neuerung für Gesellschaft und Wirtschaft eingeführt. Es kam zu einem Ausgleich zwischen Stadt und Land und zwischen den einzelnen Provinzen. Es wurde eine einheitlicheGewerbesteuer. Verbrauchs- und Luxussteuern in ganz Preußen verbindlich eingeführt. Zölle für Import und Export wurden aufgehoben; für den Binnentransit von Gütern jedoch gab es weiterhin sehr hohe Zölle.Gewerbereform
Von liberalem Gedankengut geleitet wurde 1810 die Gewerbefreiheit eingeführt. Dies war das Ende der Aufsicht des Staates über die Wirtschaft und Beseitigung desZunftmonopols . An seine Stelle traten die freie Berufswahl und der freie Wettbewerb. Das Motto war: Bahn dem Tüchtigen!"Bildungsreform
Volksschul Gymnasial - und Universitätswesen wurden als einheitliches staatliches Bildungssystem etabliert. Staatlich anerkannter Leistungskriterien wurden geschaffen als Voraussetzung für den Eintritt in den Staatsdienst: Bildung und Leistung sollten höher bewertet werden als Herkunft und Stand. Die Bildung sollte universal sein nicht in ersterLinie Fachkenntnisse vermitteln. Es gab eine bessere Volksschullehrerausbildung. Die allgemeine Schulpflicht wurde flächendeckend durchgesetzt die Universitäten zu Stätten der neuen bürgerlichen Elite werden.Heeresreform
Das Söldnerheeres wurde in ein Volksheer umgewandelt die höheren Armeeränge wurden auch für Bürgerliche zugänglich es galt das Leistungsprinzip statt Privilegien. DieAllgemeine Wehrpflicht 1813 eingeführt sollte zu einer stärkeren Solidarisierung zwischen Volk und Staat führen. Es wurde neben dem stehenden Heer eine Reservearmee geschaffen die Landwehr. Die Strafen innerhalb der Armee wurden gemildert.Emanzipation der Juden
Prinzipiell erhielten die Juden die gleichen bürgerliche Rechte und Pflichten wie alle anderen Staatsbürger; ihnen wurde Erwerb von Grundbesitz gestattet und das Besetzen städtischer und Universitätsämter wurde ihnen möglich. Sie erhielten aber vorerst kein Zugang zu Offiziersrängen Justiz- und Verwaltungsämtern.
Aufgrund dieser Reformen zogen viele Juden aus ganz Europa nach Preußen.

Erfolg der Reformen
Die Reformen waren zunächst durchaus erfolgreich insbesondere aus Sicht des preußischen Staates. Sie begünstigten den Befreiungskrieg Preußens da das nationale Interesse tatsächlich geweckt werden konnte (1813 beteiligte sich Deutschland am Krieg gegen Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig verlor Napoleon schließlich). Sie bildeten die Grundlage für die politischen Erfolge Preußens im 19. Jahrhundert .
Für die Bevölkerung erwiesen sich die Reformen als letztendlich als weniger nützlich denn nach der Niederlage Napoleons wurden die Reformen teilweise zurückgenommenund es herrschte weiter der Absolutismus. Bei der Bauernbefreiung waren die kleinen Landbesitzer wirtschaftlich zu schwach um die Ablösesummen aufzubringen. Es entstand ein ländliches Proletariat Verarmung Landflucht und Auswanderung waren die Folge. Weite Teile der besitzlosen Bevölkerung spürten von neuen Freiheiten nichts.

Weblinks
  • http://www.geschi.de/artikel/preussreform.shtml
  • http://home.t-online.de/home/eraabe/preusref.htm
  • http://www.heeresamt.de/C1256B6C002D670C/vwContentByKey/N259HCXF433SBERDE

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:39 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

http://www.kamusella.de/luise/schule/geschichte/preussische_ref/ursachen.ht…


1 Ursachen
1806 erlitt Preußen in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt eine verheerende Niederlage gegen Napoleon, dazu kam 1807 der Friede von Tilsit. In Folge dieser Niederlagen wurde Preußen als Großmacht praktisch vernichtet, verlor die Gebiete westlich der Elbe und jene Ländereien, welche es bei der polnischen Teilung erhalten hatte und wurde durch Frankreich militärisch besetzt. Zu dieser militärisch-politischen Katastrophe gesellte sich noch eine Finanzkrise durch die Kriegskosten und natürlich die horrende Summe der Kriegsentschädigung. 
Der damalige Herrscher Friedrich Wilhelm III. sah die Ursache in der gesellschaftlich-politischen Rückständigkeit des Landes und in der veralteten militärischen Struktur. 
Insbesondere Beamte, Schriftsteller und Journalisten waren es, die nun auf Reformen drängten - sie wollten mit diesen Veränderungen die Zustimmung des Volkes zur Loslösung von der napoleonischen Fremdherrschaft gewinnen, denn im absolutistischen Preußen wurden die Bauern unterdrückt und das wohlhabende Bürgertum hatte - obwohl es den Großteil der Steuerlast trug - keinerlei politisches Mitspracherecht. Die Eroberung durch das revolutionierte Frankreich brachte unter diesem Gesichtspunkt natürlich auch Hoffnung mit sich.  
Insgesamt waren also Reformen (lat.-frz.: Umgestaltung / Neuordnung größeren Umfanges) dringend notwendig, um das politische System wieder zu stabilisieren und eine Loslösung von der Fremdherrschaft durchzusetzen.  
 
 
2 Die Reformer und ihre Vorstellungen 
Es waren vor allem zwei Männer, die sich um die Reformen besonders verdient machten: Freiherr Karl vom und zum Stein und Karl August Freiherr von Hardenberg. Doch auch Gerhard Johann David von Scharnhorst, August Graf Neidhardt von Gneisenau und Wilhelm Freiherr von Humboldt hatten keinen unbedeutenden Anteil an der Neugestaltung des Staates.  
Die Reformer wollten verschiedene Ziele verwirklichen - zum einen vertraten sie selbstverständlich das Interesse des Staates, Preußen aus der französischen Fremdherrschaft zu befreien. Dazu war eine Reorganisation des Staates unumgänglich, doch man vertrat einstimmig die Auffassung, dass dies durch Reformen wesentlich humaner und vor allem kontrollierter vonstatten ginge als durch eine Revolution. Durch die Überwindung von Feudalismus und Absolutismus sollte sich in Preußen eine "moderne Gesellschaft" entwickeln.  
Zum anderen jedoch waren die Vorstellungen der Reformer auch durch die Aufklärung geprägt - sie wollten durch die neuen Gesetze jedem einzelnen die Möglichkeit zu Autonomie und politischer Mitverantwortung geben.  
Zu guter Letzt hatten jedoch auch die Ideen Adam Smith's zur freien Marktwirtschaft einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Reformen. Welche Gesetze in der Folgezeit in diesem Umfeld entstanden sind, soll der nächste Gliederungspunkt zeigen.  
 
 
3 Die Reformen3.1 Die Bauernbefreiung 
3.1.1 Phase 1: Das Oktoberedikt  
Die Agrarreformen stellen das Kernstück der Reformen dar. Vor den Reformen waren die Bauern durch die Erbuntertänigkeit leibeigen, sie wurden durch Frondienste und Abgaben belastet und kämpften oft um das blanke Überleben, sodass sich auch schon die Kinder als Knechte und Mägde verdingen mussten.  
Den ersten Schritt zur Erleichterung dieses schweren Loses unternahm Karl vom und zum Stein am 9.10.1807 mit dem so genannten Oktoberedikt. Mit diesem Gesetz wurde die Erbuntertänigkeit aufgehoben, die Schranke zwischen Bauern- und Bürgerstand fiel. Während zuvor der Landbesitz nur Adligen gestattet war, welche dafür keine bürgerlichen Berufe ausüben durften, wurde nun die Freiheit der Berufswahl gestattet - es war egal, ob man dem zweiten oder dritten Stand angehörte. Jeder preußische Bürger erhielt nun das Recht auf freien Eigentumserwerb. Eine weitere Neuerung war die Freiheit der Eheschließung. Insgesamt wurden durch diese Verordnung die materiellen und rechtlichen Grundlagen der Ständegesellschaft beseitigt.  
 
 
3.1 Die Bauernbefreiung 
3.1.1 Phase 2: Das Regulierungsedikt  
Doch es sollte vier Jahre dauern, bis ein weiterer Versuch unternommen wurde, die Bauern aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Das Regulierungsedikt im Jahr 1811 hatte eigentlich das Ziel, die Bauern von ihren Frondiensten und vielfältigen Abgaben zu befreien und ihnen dafür Grundbesitz zu verschaffen. Dazu wurde den Bauern das Eigentum an den Höfen, welche sie bewirtschafteten, übertragen. Von ihren bisherigen Abgaben und Frondiensten an den Grundbesitzer konnten sie sich freikaufen, danach hatten sie einen Hof, der wirklich ihnen allein gehörte.  
Dies war soweit gut gedacht, aber das Problem bestand darin, dass viele Bauern die Entschädigungssumme nicht aufbringen konnten und deshalb den Rittergutsbesitzern bis zur Hälfte ihres Landes als Entschädigung überlassen mussten. Somit profitierten außer dem bäuerlichen Mittelstand eigentlich nur die Großgrundbesitzer und adligen Junker von der Reform, die auf diese Weise ihren Landbesitz mehren konnten. Viele Kleinbauern hingegen verschuldeten, weil ihre stark dezimierten Ländereien nicht genug Ertrag brachten, und verloren ihr mühsam erkauftes Land wieder. Als schließlich durch eine neue Verordnung auch noch die Allmende (das von allen nutzbare Land eines Dorfes) den Großbauern und Gutsherrn als Entschädigung zugesprochen wurde, verloren viele Kleinbauern endgültig ihre Existenzgrundlage und mussten sich als Landarbeiter auf den großen Gütern verdingen. 
Obwohl die Reformer mit diesem Edikt also die besten Absichten hatten, verdreifachte sich in der Folgezeit die besitzlose Unterschicht. 
 
 
3.2 Die Heeresreform 
Nicht nur im Bauernstand gab es Missstände, auch das militärische System bedurfte einiger Verbesserung. Einerseits gab es die so genannten Kantonisten, welche nach ihrer Rekrutierung bis zum Erreichen einer gewissen Altersgrenze Dienst leisten mussten. Die Rekrutierung hatte jedoch viele Beschwerden seitens der Bürger und zahlreiche Desertionen zur Folge. Doch auch das Söldnerheer war beim Volk nicht besonders angesehen und die Soldaten durch die grausamen Prügelstrafen nicht gerade motiviert. Außerdem gab es für den bürgerlichen Soldaten nur schlechte Aufstiegsmöglichkeiten, da der Offiziersrang nur für den Adelsstand zugänglich war. Im Jahr 1807 veröffentlichten die damaligen Kriegsminister Scharnhorst und Gneisenau deshalb eine Verordnung zur Reform des Heeres, welche diesem mehr Rückhalt beim Volk verschaffen und den einfachen Soldaten motivieren wollte - "Disziplin und Gehorsam aus freier Einsicht" lautete die Devise.  
Zu diesem Zweck wurde die Söldnerarmee in ein Volksheer umgewandelt, die Söldnerwerbung abgeschafft. Dafür führte Hermann von Boyen 1814 die allgemeine Wehrpflicht ein - er war zu diesem Zeitpunkt Kriegsminister. Insgesamt wollte man "freie Bürger als Soldaten" sehen.  
Eine weitere Neuerung war die Unterteilung des Heers in die "Linie" (das Heer unter Waffen) und die "Landwehr" - eine Reservearmee mit bürgerlichen, selbstgewählten Offizieren, deren Kern fertig ausgebildete, entlassene Soldaten bildeten.  
Die Adelsprivilegien wurden abgeschafft, durch die Beförderung nach Verdienst konnten nun auch Angehörige des dritten Standes Offiziere werden. Auch die grausamen Strafen - insbesondere die Prügelstrafe - wurden endlich abgeschafft.  
Die Wirkung dieser Maßnahmen wird in der nationalen Erhebung Preußens deutlich: Als am 17.3.1813 das Volk zum nationalen Befreiungskampf gegen Napoleon aufgerufen wurde, war dieses begeistert; es meldeten sich unzählige Freiwillige, sodass das Heer am Ende des Jahres 1813 aus 300 000 Soldaten bestand.  
 
 
3.3 Die Städtereform 
Am 19.11.1808 gewährten Karl vom und zum Stein und Freiherr von Hardenberg den Städten die Autonomie. Die Bürger konnten nun eine Stadtverordnetenversammlung nach dem Zensuswahlrecht (Wahl nach Besitz und Einkommen) wählen. Diese verwaltete den städtischen Haushalt und das Schulwesen und setzte als Gemeindeparlament Magistrate (oberste Exekutivbeamte) ein, welche sie auch politisch kontrollierten. Dieses Modell der demokratischen Mitwirkungsrechte sollte dann schrittweise auf nationale Ebene ausgedehnt werden. Allerdings wurde Frauen das Wahlrecht verwehrt und es durften nur Stadtbewohner mit Bürgerrecht wählen - welches verhältnismäßig wenige besaßen.  
 
 
3.4 Die Kabinettsreform 
Ursprünglich fasste der König die Beschlüsse, die Minister führten sie aus. Beraten wurde der Herrscher durch die Kabinettsräte, welche auf diese Art und Weise zwar viel Einfluss hatten, jedoch keinerlei Verantwortung trugen. Durch Vetternwirtschaft und Karrieredenken hatten häufig vollkommen unfähige Männer diese hohe Stellung inne, welche im entscheidenden Moment dann eine Fehlentscheidung trafen - sie konnten ja nicht zur Verantwortung gezogen werden.  
Diesem Treiben setzte am 24.11.1808 ein Organisationsedikt ein Ende, welches fünf Fachministerien einführte: Die Ministerien für Inneres, Äußeres und Finanzen, sowie das Kriegs- und das Justizministerium. Die Minister konnten einerseits selbstständiger arbeiten, weil sie mehr Befugnisse erhielten, andererseits waren sie nun jedoch auch dem König für ihr Handeln verantwortlich.  
 
 
3.5 Die Reform des Schulwesens 
1808 / '09 wurden Reformen zur Begründung des "humanistischen Bildungswesens" durchgeführt: Bereits seit 1717 gab es in Preußen die allgemeine Schulpflicht, deren Einhaltung nun strenger überwacht wurde. Die Schulbildung wurde nun von der Standes- und Fachbildung getrennt.  
Es wurde eine neue Schulform eingeführt - das Gymnasium. Durch eine Reifeprüfung sollte es die allgemeine Studierfähigkeit vermitteln. Neben einer breiten Allgemeinbildung gehörte insbesondere die Persönlichkeitsentfaltung des Schülers zu den wesentlichen Erziehungszielen. Er sollte sich zu einem selbstständigen und verantwortlichen Menschen entwickeln.  
Es gab also nun drei Schulformen: Die Elementarschule; das Gymnasium, in welchem neben der Allgemeinbildung insbesondere auf die Fächer Deutsch, Mathematik, Latein und Griechisch besonderer Wert gelegt wurde; und die Universität, in welcher die Philosophie als besonders wertvoll erachtet wurde, da sie zu selbstständigem Forschen anleitete.  
Lehrer erhielten durch die Reform nicht nur eine bessere Ausbildung, sondern auch mehr Unterrichtsfreiheit - der Lehrplan wurde nicht mehr staatlich vorgegeben. Die Schüler wurden nicht mehr so hart gedrillt und es galt neuerdings "Leistung vor Stand". Ein weiterer Fortschritt war, dass nun auch Juden Lehrer werden konnten. Allerdings durften bis zur Jahrhundertwende nur Jungen die Vorzüge der preußischen Schulbildung genießen...  
1809 wurde schließlich die Friedrich-Wilhelm-Universität gegründet.  
Insgesamt sollte der Bildungsweg jeden Einzelnen auf seine Verantwortung als preußischer Bürger vorbereiten.  
 
 
3.6 Die Reform der Wirtschaft 
Nach der Schulreform reformierte von Hardenberg 1810 auch die Wirtschaft. Die Zünfte wurden aufgehoben und somit auch ihr Monopol abgeschafft - da ja zuvor jeder Handwerker der entsprechenden Zunft beitreten musste, welche die Preise für alle verbindlich festlegte, hatte es im Hinblick auf die Preise relativ wenig Konkurrenzkampf gegeben. Dies änderte sich nun. Es wurde auch die Gewerbefreiheit teilweise eingeführt, sowie das Recht auf freien Wettbewerb und freie Berufswahl.  
Diese erste freie Marktwirtschaft war jedoch noch so labil, dass sogar eine Wirtschaftskrise drohte. Viele Handwerksmeister, insbesondere kleinere Betriebe, konnten sich gegen ihre großen Konkurrenten nicht behaupten und gingen bankrott. Trotzdem wurde an den Reformen festgehalten - zum Glück für uns, denn so wurde Preußen zum Vorreiter der Industrialisierung.  
 
 
3.7 Die Emanzipation der Juden 
Vor den Reformen durften Juden nur unter Fremdenrecht in Preußen - wie auch in anderen deutschen Staaten - leben. Die teuer bezahlten Schutzbriefe konnten ihnen jederzeit wieder abgenommen werden und ihre Situation wurde durch zahlreiche Sondersteuern und -abgaben erschwert.  
1812 wurden sie jedoch mit dem Edikt zur Emanzipation der Juden als preußische Staatsbürger anerkannt. Sie erhielten prinzipiell die gleichen bürgerlichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Staatsbürger - so war ihnen nun der Erwerb von Grundbesitz gestattet, sie konnten städtische und Universitätsämter besetzen, die finanziellen Sonderbelastungen fielen weg. Sensationell war, dass sie in den Befreiungskriegen erstmalig in der Geschichte in einer deutschen Armee zum Heerdienst verpflichtet wurden. Auch wenn sie vorerst noch keinen Zugang zu Offiziersrängen, Justiz- und Verwaltungsämtern erhielten, zogen in der Folgezeit viele Juden nach Preußen - verglichen mit den übrigen deutschen Staaten hatten sie in Preußen jetzt ideale Möglichkeiten.  
Allerdings muss man sagen, dass sich die Emanzipation der Juden durch diese Reform keineswegs bereits vollständig vollzog - sie waren den Christen noch nicht vollkommen gleichgestellt und ihre Integration erwies sich durch jahrhundertelang gehegte Vorurteile und ihr "Anderssein" durch das Festhalten an den Traditionen als schwierig und sollte noch Jahrzehnte dauern.  
 
 
4 Ergebnis und Charakter der Reformen 
Die Reformen waren durch die Aufklärung entscheidend geprägt. Ihr Erfolg kann jedoch unterschiedlich gewertet werden - je nach dem, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet.  
Aus staatlicher Sicht waren sie auf jeden Fall erfolgreich, da sie den siegreichen Ausgang des Befreiungskrieges ermöglichten und die Grundlagen für Preußens politische Erfolge im 19. Jh. legten.  
Der Adelsstand war unzufrieden, da er sich durch die Reformen seiner Privilegien beraubt sah. Andererseits waren jedoch adelige Landbesitzer durch das Regulierungsedikt durchaus begünstigt worden.  
Die Bevölkerung sah die Reformen ebenfalls gespalten - Großbauern, Großbürgertum und der Mittelstand konnten aus den Reformen auf jeden Fall einen Vorteil ziehen, da die Großbauern mehr Land erhielten, die großbürgerlichen Unternehmer mehr Freiheit und der Mittelstand endlich Eigentum, außerdem wurde den Stadtbewohner durch das Zensuswahlrecht politisches Mitspracherecht zugestanden. 
Die unteren Schichten - Kleinbauern, kleinere Handwerksbetriebe - waren jedoch eher benachteiligt, da sie ihr Land verloren bzw. im harten Konkurrenzkampf scheiterten. Da außerdem nach der Niederlage Napoleons einige Reformen wieder zurückgenommen wurden, war für viele keine Verbesserung spürbar. 
Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass die Reformen die wesentliche Grundlage für die Industrialisierung Preußens, die Befreiung aus der napoleonischen Fremdherrschaft 1813 / '14 und die Paulskirchenbewegung 1848 / '49 schufen.  
Insgesamt stellte die Summe der Reformen eine große Umwälzung dar, welche jedoch wesentlich humaner vonstatten ging als eine Revolution. Ihre Durchsetzung war nur durch die außenpolitische Zwangslage möglich geworden - kein Herrscher lässt sich freiwillig in seiner Macht einschränken. Doch im Vergleich zur Bevormundung durch Frankreich stellte diese Neugestaltung des Staates noch das kleinere Übel dar. Die Reformen dienten deshalb auch vorrangig als Instrument zu Befreiung von Napoleon und wurden nach dem für Preußen siegreichen Ende des Befreiungskrieges teilweise wieder gehemmt oder sogar ganz zurückgenommen.  

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 13:49 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

http://de.wikipedia.org/wiki/Preußische_Reformen


Die Preußischen Reformen waren eine Reihe von Staats- und Verwaltungsreformen, die von gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen begleitet wurden; diese Reformen und Maßnahmen wurden nach ihren Hauptinitiatoren auch Stein-Hardenbergsche Reformen genannt. Sie waren eine Reaktion auf die Niederlage Preußens gegen Napoléon in derSchlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806. Große Gebietsverluste, erdrückende Tributzahlungen an Frankreich und das Bestreben, sich im Kreis der Großmächte zu behaupten, nötigten die preußische Staatsführung seit 1807 zu Modernisierungen, die auf den Ideen der Aufklärung beruhten und Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung waren.
Karl Freiherr vom Stein und nach ihm Karl August Fürst von Hardenberg waren hauptverantwortlich für die Leitlinien der Politik und trieben die staatliche Neuordnung und Verwaltungsreformen sowie die Veränderungen in Agrarverfassung und Gewerbeordnung voran. Hinzu kamen die damit verknüpften Militärreformen von Gerhard von Scharnhorst,August Neidhardt von Gneisenau und Hermann von Boyen sowie die von Wilhelm von Humboldt eingeleiteten Reformen im Bildungswesen. Den Zusammenhang der Reformkomplexe machte Gneisenau deutlich, als er meinte, Preußen müsse sich auf „den dreifachen Primat der Waffen, der Wissenschaft und der Verfassung“ gründen.[1] Schwieriger als der Beginn der Reformzeit ist deren Ende zu bestimmen. Insbesondere innen- und verfassungspolitisch markiert das Jahr 1819 einen Einschnitt, als auch in Preußen die Verfassungsbestrebungen eingestellt wurden und restaurative Tendenzen die Oberhand gewannen.


Anlass, Ziele und Grundsätze 


Der Zusammenbruch und das Ziel der „Revolution von oben“ 


Die Gebietsverluste des preußischen Staates zwischen 1801-1807 
 

Die Niederlage von 1806 war nicht nur eine Folge falscher Entscheidungen oder des militärischen Genies Napoleons, sondern hatte auch innerpreußische strukturelle Gründe. Preußen war im 18. Jahrhundert der klassische Staat des aufgeklärten Absolutismus in Deutschland. Ständische und andere partikulare Gewalten wie im Westen und Süden gab es kaum noch. Zur Zeit Friedrichs II. war Preußen ein vergleichsweise fortschrittliches und reformorientiertes Land. Insbesondere nach dessen Tod begann das absolutistische System zu erstarren und die Reformen blieben stecken oder waren ambivalent. Dies gilt insbesondere für die ausbleibende soziale Modernisierung. Das Allgemeine Landrecht von 1794 zielte zwar auf die Bindung von Staat und staatsbürgerlicher Gesellschaft an Gesetz und Recht ab, fixierte aber gleichzeitig die feudale Ordnung insgesamt. Zwar wurde auf den Staatsdomänen die Leibeigenschaft abgeschafft, nicht aber auf den ostelbischen Großgrund- und Adelsgütern.[2]
Die Reformbedürftigkeit des preußischen Staates war für viele Beobachter und hohe Beamte schon vor dem Krieg von 1806 offensichtlich und fand sich auch in Denkschriften Steins und Hardenbergs wieder. Friedrich Wilhelm III. entließ Stein daraufhin im Januar 1807 aus seiner Stellung als Wirtschafts- und Finanzminister.[3] Der völlige Zusammenbruch Preußens infolge der Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt machte Reformen aber schließlich unabweisbar. Im Frieden von Tilsit verlor das Land etwa die Hälfte seiner Fläche. Dazu gehörten vor allem die Gebiete westlich der Elbe und die bei den letzten polnischen Teilungen gewonnenen Territorien. Damit war der altpreußische Staat faktisch untergegangen.
In dieser Situation gewannen die Reformer in der Bürokratie und im Militär die Oberhand gegenüber den konservativen und restaurativen Teilen der Bürokratie sowie gegenüber dem Adel. Einen erheblichen Einfluss übte die idealistische Philosophie in der Nachfolge von Immanuel Kant auf die Hauptakteure aus. Die Ziele der Reformer definierte die Rigaer Denkschrift von 1807. Formuliert wurde diese im Wesentlichen von Barthold Georg NiebuhrKarl vom Stein zum Altenstein und Heinrich Theodor von Schön für Hardenberg. Sie konstatierten, dass die Revolution den Franzosen einen ganz neuen Schwung gegeben habe. „Alle schlafenden Kräfte wurden geweckt, das Elende und Schwache, veraltete Vorurteile und Gebrechen wurden zerstört.“ Auch Preußen bliebe nichts anderes übrig, als sich tiefgreifend zu reformieren. Der „Wahn, dass man der Revolution am sichersten durch Festhalten am Alten und durch strenge Verfolgung der durch solche geltend gemachten Grundsätze entgegen streben könne, hat besonders dazu beigetragen, die Revolution zu befördern und derselben eine stets wachsende Ausdehnung zu geben. Die Gewalt dieser Grundsätze ist so groß, sie sind so allgemein anerkannt und verbreitet, dass der Staat, der sie nicht annimmt, entweder seinem Untergange, oder der erzwungenen Annahme derselben, entgegensehen muss; Ja selbst die Raub- und Ehr- und Herrschsucht Napoleons und seiner begünstigten Gehilfen ist dieser Gewalt untergeordnet und wird es gegen ihren Willen bleiben. Es lässt sich auch nicht leugnen, dass unerachtet des eisernen Despotismus, womit er regiert, er dennoch in vielen wesentlichen Dingen jene Grundsätze befolgt, wenigstens ihnen dem Schein nach zu huldigen genötigt ist.
Daraus folgerten die Autoren: „Also eine Revolution im guten Sinn, gemach hin führend, zu dem großen Zwecke der Veredlung der Menschheit, durch Weisheit der Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsion von Innen oder Außen – das ist unser Ziel, unser leitendes Prinzip. Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung: diese scheint mir die angemessene Form für den gegenwärtigen Zeit-Geist. Die reine Demokratie müssen wir noch dem Jahre 2440 überlassen, wenn sie anders je für den Menschen gemacht ist.“ Mit Blick auf die Niederlage von 1806 ging auch Friedrich Wilhelm III. davon aus, dass Preußen nur bei grundlegenden Reformen in Staat und Gesellschaft weiter bestehen könne.[4]

Der Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin machte die Krise des alten preußischen Staates sichtbar (Historiengemälde von Charles Meynier, 1810) 
 

Napoleon selbst war es, der den König veranlasste, Stein im September 1807 in die Regierungsspitze zurückzuholen, weil er ihn fälschlicherweise für einen Befürworter seiner Politik hielt. Auch die Reformpartei in Preußen setzte sich für die Berufung Steins ein. Dieser selbst stellte allerdings schwerwiegende Bedingungen, die vom König im Vorfeld die Zustimmung zu wesentlichen Reformschritten verlangten. Dazu gehörte die Abschaffung des königlichen Kabinettssystems. Die Regierung sollte nur durch die Minister erfolgen, die ein unmittelbares Vortragsrecht beim König haben sollten. Stein, der konzeptionell für kollegiale Führungsstrukturen plädierte, verlangte und erhielt von Friedrich Wilhelm III. die Position eines leitenden Ministers. Direkte Weisungsbefugnis hatte er dabei für die Zivilverwaltung. Gegenüber den anderen Ressorts verfügte Stein über Kontrollrechte. [5] Als Napoleon merkte, dass ihm in Stein ein ernsthafter Gegner erwachsen war, tat er alles, um diesen auszuschalten. Letztlich war Stein gezwungen, Preußen zu verlassen. So hatte er nur etwas mehr als ein Jahr bis November 1808 Zeit für seine Reformpolitik.

Die politischen Konzepte von Stein und Hardenberg 


Der Historiker Barthold Georg Niebuhr war einer der Verfasser der Denkschrift von Riga, einer der programmatischen Grundlagen der Reformpolitik 
 

Stein und Hardenberg prägten nicht nur nacheinander die politische Richtung, sie standen auch für zwei tendenziell unterschiedliche Ansätze. Anders als die Reformen in den Rheinbundstaaten war Steins Ansatz eher antiaufklärerisch, traditionalistisch und knüpfte an adelige Absolutismuskritik und an englische Vorbilder, insbesondere die Glorious Revolution von 1688, an. Er stand den zentralistischen Bürokratien skeptisch gegenüber und trat für Kollegialität in der Verwaltung und für Dezentralisierung ein. Gemeinsam mit anderen führenden Reformköpfen verfolgte er „eine Politik der defensiven Modernisierung, nicht mit, sondern gegen Napoleon.[6]
Hardenberg, der Stein ablöste, war dagegen mehr von den Traditionen der Aufklärung geprägt. Er nahm stärker als Stein die Prinzipien der französischen Revolution und Anregungen der napoleonischen Herrschaftspraxis auf.[7] Im Gegensatz zu Stein war er Etatist. Er strebte eine Stärkung des Staates durch eine straffe und zentral organisierte Verwaltung an.
Gleichwohl bedeuteten diese Unterschiede nur eine gewisse Akzentverschiebung innerhalb der Reformkräfte. Die Initiativen hingen zeitlich, inhaltlich und von ihren Zielen her zusammen, so dass der Begriff Stein-Hardenbergsche Reformen tatsächlich gerechtfertigt ist.

Zentrale Handlungsfelder 

Im Kern waren die „organischen Reformen“ eine Synthese aus Altem und Fortschrittlichem. Es galt, die inzwischen wenig effektiven Strukturen des absolutistischen Staates aufzubrechen. Stattdessen sollte ein Staat mit Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger auf der Grundlage von persönlicher Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz entstehen. Hauptziel der Staatsführung war es, durch eine Erneuerung von Innen den Weg zur Befreiung von der faktischen französischen Oberherrschaft und den Wiederaufstieg zur Großmacht zu ermöglichen.

Wirtschaftspolitisch wurden die Reformer stark von Adam Smithbeeinflusst 
 

Ein zentraler Punkt waren die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger im Staat durch Einführung der Selbstverwaltung in Provinzen, Kreisen und Kommunen. Nach der Nassauer Denkschrift Steins war das Ziel: „Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns, die Benutzung der schlafenden und falsch geleiteten Kräfte und zerstreut liegenden Kenntnisse, der Einklang zwischen dem Geist der Nation, ihren Ansichten und Bedürfnissen und denen der Staatsbehörden, die Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre.[8] Aus den Untertanen sollten Staatsbürger werden, die die Sache des Staates vertreten sollten. Teilweise waren allerdings die Pflichten von größerer Bedeutung als die Rechte. Außerdem gründeten Steins Vorstellungen von Selbstverwaltung noch auf ständischen Grundlagen. Letztlich kam es zu einem Kompromiss zwischen den Vorstellungen eines modernen Repräsentativsystems und ständischen Aspekten. An die Stelle der alten ständischen Gliederung von Geistlichkeit, Adel und Bürgertum traten nun Adel, Bürgertum und Bauern. Das Wahlrecht sollte ausgeweitet werden und auch freie Bauern umfassen. Dieser letzte Punkt war daher eine Grundlage der Bauernbefreiung.
Außerdem war die Neuordnung der Verhältnisse auf dem Lande neben den Gewerbereformen auch Teil der Liberalisierung der preußischen Wirtschaft. In diesem Punkt gingen die Reformen in Preußen deutlich weiter als in den Rheinbundstaaten und waren letztlich auch erfolgreicher. Der unmittelbare Anstoß für Veränderungen in diesem Bereich war die Finanzkrise des preußischen Staates nach 1806. Dazu trugen die Kontributionen, Besatzungskosten und sonstigen kriegsbedingten Ausgaben erheblich bei. Insgesamt musste Preußen 120 Millionen Franc an Frankreich zahlen. Die Bauernbefreiung, die Gewerbefreiheit und andere Maßnahmen sollten wirtschaftliche Hemmnisse beseitigen und die freie Konkurrenz im Wirtschaftsleben durchsetzen. Die preußischen Reformer orientierten sich dabei stärker als die süddeutschen am Wirtschaftsliberalismus, wie ihnAdam Smith vertrat und wie ihn Theodor von Schön oder Christian Jakob Kraus propagierten. Dabei stand allerdings nicht die Förderung einer noch kaum vorhandenen Industrie im Vordergrund, sondern vielmehr die teils krisenhafte Lage der Landwirtschaft. Auch die Gewerbefreiheit zielte vor allem auf die Beseitigung von Schranken für die ländliche Gewerbetätigkeit.[9]

Die Reformpolitik im Überblick 


In der kurzen Zeit, in der Stein die leitende Position innehatte, wurden die entscheidenden Gesetze erlassen, auch wenn das Organisationsgesetz über die Staatsverwaltung erst 1808 nach seinem Sturz veröffentlicht wurde. In Steins Amtszeit fielen das Oktoberedikt von 1807 zur Bauernbefreiung und die Städteordnung von 1808. Nach einer kurzen Zwischenphase unter Karl vom Stein zum Altenstein übernahm Hardenberg die Führung der Politik. Seit 1810 trug er den Titel eines Staatskanzlers; dieses Amt bekleidete er bis 1822. In seine Amtszeit fallen die Vollendung der Agrarreform mit den Regulierungsedikten von 1811 und 1816 sowie der Ablöseordnung von 1821. Hinzu kamen Gesetze zur Gewerbereform. Dazu gehörten insbesondere das Gewerbesteueredikt vom 2. November 1810 und das Gewerbepolizeigesetz von 1811. Im Jahr 1818 folgten Zollgesetze zur Aufhebung der Binnenzölle. Zu den gesellschaftlichen Reformen gehörte das Emanzipationsedikt von 1812 für die jüdischen Staatsbürger. Trotz unterschiedlicher Ausgangslage und Zielsetzung gab es vergleichbare Reformen auch in den Rheinbundstaaten, was jedoch kaum für die Militär- und Bildungsreformen gilt. Im Zuge restaurativer Tendenzen wurde die Reformpolitik in Preußen 1819/20 abgebrochen. Kernpunkte der vollzogenen Reformen blieben jedoch erhalten. [10]

Staats- und Verwaltungsreformen 


Bürokratie und Staatsführung 

Die Reform von Verwaltung und Staatsstruktur hatte für die Reformkräfte besonders hohe Priorität. Einen preußischen Staat hat es vor 1806 eigentlich nicht gegeben, sondern es gab verschiedene Länder, Provinzen und Staaten, die zu einem beträchtlichen Teil nur von der Person des Königs zusammengehalten wurden. Eine einheitliche Verwaltung gab es nicht. Es existierten eine Reihe teilweise sachbezogener und teilweise provinzbezogener Behörden, deren Koordination nur schwach ausgeprägt war. So fehlte etwa ein fundierter Gesamtüberblick über die Finanzsituation. Es gab zwar Minister, aber neben diesen stand das Kabinett des Königs. Auf den Rat der dort vertretenen persönlichen Berater und Kabinettsräte stützten sich meist die königlichen Entscheidungen.
Mit Beginn der Ära Steins wurde aus den preußischen Staaten ein einheitlicher preußischer Staat. Auch das alte Kabinettsystem wurde beseitigt. An die Stelle unklar abgegrenzter Oberbehörden wie dem Generaldirektorium trat 1808 ein nach dem Ressortprinzip klar gegliedertes Staatsministerium. Die Minister etwa für Inneres, Äußeres, Finanzen, Justiz und Krieg waren dem König verantwortlich. Die Veränderungen gingen in ihrer Bedeutung über die Schaffung einer effektiveren Staatsführung deutlich hinaus. Der preußische Spätabsolutismus wurde nun durch eine bürokratisch-monarchische Doppelherrschaft abgelöst. In dieser hatten die Minister eine starke Stellung. In der Reformära überflügelten sie sogar den Einfluss des Königs. Dieser konnte nur noch mit seinen Ministern und durch sie regieren. Zu Steins Zeiten war das Staatsministerium kollegial organisiert, es gab keinen ersten Minister. Dies änderte sich unter Hardenberg, der das Amt eines Staatskanzlers inne hatte und als solcher den Zugang der Minister zum König kontrollierte.

Auch unterhalb der Staatsspitze kam es zu weitgehenden Veränderungen. Preußen wurden in Regierungsbezirke eingeteilt. Die Regierungen waren wie die Staatsministerien in Ressorts gegliedert. Im Unterschied zu den Rheinbundstaaten hatten die Regierungspräsidenten keine umfassenden Kompetenzen, sondern sie standen jeweils als primus inter pares einem auf Diskussion und Konsensfindung angelegten Regierungskollegium vor.
Auch Justiz und Verwaltung wurden in diesem Zusammenhang endgültig getrennt. Dabei stand den Betroffenen bei Verwaltungsakten zwar ein Einspruchsrecht zu. Darüber entschieden wurde aber innerhalb der Bürokratie; eine juristische Kontrolle der Verwaltung gab es nicht. Allerdings bedeutete die weiter verstärkte Verschriftlichung, die Niederlegung der Vorgänge in Akten, eine weitere Einschränkung informellen Verwaltungshandelns. Die innere Organisation der Verwaltung wurde später Vorbild für andere deutsche Staaten und für Großunternehmen. In der Reformzeit erfuhr das Berufsbeamtentum, wie es seitdem nur wenig verändert in Deutschland besteht, seine wesentliche Ausprägung. Der Staat zahlte den Beamten auf Lebenszeit ein regelmäßiges und auskömmliches Gehalt. Damit wurden diese von Nebeneinkünften unabhängiger und weniger anfällig für Bestechungen. Im Zusammenhang mit der Gewährung einer lebenslangen Absicherung verlangte der Dienstherr aber auch eine unbedingte Treue und Hingabe. Privilegierung und Disziplinierung waren eng verbunden. Es entstanden Laufbahnvorschriften, Dienstpläne, an bestimmte Bildungsabschlüsse gebundene Einstellungsvoraussetzungen und Prüfungsordnungen. Damit verstärkte sich die Konkurrenz unter den Bewerbern. Gleichzeitig wurden Einstellungen von objektiven Kriterien und nicht mehr von der Gunst des Entscheidungsträgers abhängig. Außerdem wurde durch diese Praxis das Leistungsprinzip gestärkt. Dem konnten sich auch die adeligen Anwärter auf höhere Beamtenstellen nicht mehr entziehen. Diese Modernisierung der Verwaltung wurde allerdings in den folgenden Jahrzehnten und vor allem im Vormärz von der liberalen Öffentlichkeit immer mehr als eine alles durchdringende Bürokratisierung kritisiert.[11]
Ein wichtiges Ziel der Reformer war nicht zuletzt die verwaltungsrechtliche Durchdringung des gesamten Landes. Insbesondere auf dem Land gab es neben dem Staat bislang noch adelige Partikularrechte, die dies verhinderten. Mit dem Gendarmerie-Edikt von 1812 wurden Landkreise als einheitliche Verwaltungseinrichtungen für Gebietseinheiten aus Dörfern, kleineren Städten und Gutsbezirken geschaffen. Die Kreise wurden anfangs direkt in die staatliche Kontrolle eingebunden. An der Spitze standen nicht mehr adelige Landräte, sondern ernannte Kreisdirektoren mit weitreichenden Vollmachten. Als Vertreter der Bevölkerung kamen sechs Kreisdeputierte hinzu. Die Patrimonialgerichte des Adels wurden durch die staatliche Gerichtsverwaltung ersetzt. Auch die polizeilichen Rechte der Gutsherren wurden durch Einführung der Gendarmerie eingeschränkt.
Die Kreisreform war einer der tiefgreifendsten Angriffe der Reformer auf Adelsprivilegien. Letztlich ist sie daher auch in weiten Teilen am erbitterten Widerstand der Aristokratie gescheitert. Im Jahr 1816 gelang es dieser durchzusetzen, dass der Landrat, der nun wieder die führende Position einnahm, in der Regel aus den Reihen der eingesessenen Gutsbesitzer kommen sollte. Dies führte letztlich dazu, die Stellung des Adels auf dem Land zu stärken.[12]

Gesamtstaatliche Repräsentation? 

Neben dem Staatsministerium plante Stein auch die Einrichtung eines Staatsrates. Mitglieder sollten amtierende und ehemalige Minister sein. Hinzu kamen weitere hohe Beamte, die Prinzen des Königshauses und vom König ernannte Personen. Das Gremium war als eine Art Ersatzparlament mit recht weitgehenden Entscheidungsrechten konzipiert. Als Bastion der Bürokratie sollte der Staatsrat einen Rückfall in den Absolutismus und das Erstarken feudaler Interessen verhindern. Bereits 1808 hat sich gezeigt, dass der Staatsrat nur unzureichend funktionierte. Hardenberg stufte ihn 1810 dann zu einem Beratungsgremium zurück.

Friedrich August Ludwig von der Marwitz war eine der maßgeblichen Personen in der adeligen Opposition 
 

Gewissermaßen analog zu der Einführung der Selbstverwaltung der Städte plante Hardenberg eine gesamtstaatliche Nationalrepräsentation. Auch diese Pläne sahen eine Mischung von ständischen und repräsentativen Elementen vor. Eine erste Versammlung von Notabeln trat 1811 zusammen, eine zweite folgte 1812. Diese setzte sich auf ständischer Grundlage aus achtzehn adeligen Gutsherren, zwölf städtischen Grundbesitzern und neun Bauernvertretern zusammen. Der Grund für die ständische Zusammensetzung war neben eher theoretischen Präferenzen auch ganz praktischer, insbesondere fiskalischer Art. Um die hohen Kriegskontributionen zahlen zu können, war der Staat in hohen Maße auf Kredite des Adels angewiesen. Ausländische Kredite dagegen waren nur dann zu erhalten, wenn die Stände für die Rückzahlung hafteten.
Nach der Einberufung der provisorischen Versammlungen zeigte sich bald, dass die Deputierten keineswegs nur das Gesamtinteresse des Staates im Augen hatten, sondern auch die Interessen ihres Standes durchsetzen wollten. Vor allem der Adel, der durch die Reformen seine Vorrechte in Gefahr sah, versuchte die Versammlungen als Waffe der Opposition gegen die Veränderungen zu nutzen. An ihrer Spitze standen Friedrich August Ludwig von der Marwitz und Friedrich Ludwig Karl Fink von Finkenstein. Deren Widerstand ging so weit, dass die Regierung sie sogar zeitweise verhaften ließ. Der Historiker Reinhart Koselleck hat die These vertreten, dass bei der endgültigen Etablierung einer ständischen Nationalrepräsentation weitere Reformen unmöglich gewesen wären. Am Ende der Reformen standen Kreise und Provinzvertretungen (Provinziallandtage) auf ständischer Grundlage und eine vergleichbare städtische Selbstverwaltung. Das Scheitern der Schaffung einer Nationalrepräsentation hatte erhebliche Folgen für die weitere innere Entwicklung Preußens und des Deutschen Bundes. Während sich die süddeutschen Rheinbundstaaten zu Verfassungsstaaten entwickelten, blieb Preußen bis 1848 ohne ein gesamtstaatliches Parlament.[13]

Städtereform 


Gottesdienst für die ersten preußischen Stadtverordneten im Jahr 1808 in der Nicolaikirche in Berlin 
 

Die Städte im ostelbischen Preußen wurden bis in die Reformzeit direkt vom Staat kontrolliert. Wo es dem Namen nach noch Selbstverwaltungsorgane gab, hatten diese kaum Einfluss oder waren sinnentleert. In Teilen knüpfte die Städtereform Steins an diese älteren Traditionen an, indem Sonderrechte beseitigt wurden und alle Städte derselben Ordnung unterworfen wurden. Auch städtische Resthoheiten etwa im Polizei- und Gerichtswesen wurden aufgehoben.
Im Zentrum der Kommunalreform von 1808[14] stand allerdings das Ideal der Selbstverwaltung. Die Städte sollten nunmehr nicht mehr ausschließlich dem Staat untergeordnet sein, sondern die Bürger sollten über ihre Angelegenheiten bestimmen können. In diesem Bereich kam Steins Ablehnung einer zentralen Bürokratie am deutlichsten zum Ausdruck. Stein hoffte außerdem auf einen erzieherischen Effekt. Die Selbstverwaltung sollte das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten wecken, was letztlich auch dem Gesamtstaat zugute kommen sollte.
Die Stadtverordneten waren Repräsentanten der gesamten Gemeinde und nicht einer ständischen Gruppe. Das Wahlrecht war dabei an einen vergleichsweise niedrigen Zensus gebunden. Die Stadtverordneten konnten von allen Bürgern mit Besitz von Grund und Boden, mit einem Einkommen von mindestens 15 Talern oder gegen eine Gebühr gewählt werden. Zu den wichtigsten Aufgaben der Stadtverordneten gehörte die Wahl des Magistrats. Dieser war das kollegial organisierte Vollzugsorgan der Stadtverwaltung. An der Spitze stand der Bürgermeister, dessen Wahl wie die der Magistratsmitglieder von der Staatsregierung bestätigt werden musste. Für die verschiedenen Verwaltungsbereiche wurden Kommissionen eingesetzt. Die zentrale Aufgabe der Selbstverwaltung ergab sich aus der Verantwortung für den städtischen Haushalt. Die Polizei ging als Auftragsverwaltung erneut in den Aufgabenbereich der Kommunen über.
Trotz dieser Ansätze einer Repräsentativverfassung gab es weiterhin ständische Elemente. So blieb die Unterscheidung in unterschiedliche Gruppen bestehen. Die vollen Rechte blieben den Bürgern vorbehalten. Zum Erwerb des Bürgerrechts verpflichtet waren Grundeigentümer und Gewerbetreibende. Grundsätzlich stand das Bürgerrecht auch anderen offen. Dazu zählten die städtischen Unterschichten, die im Allgemeinen Landrecht als Schutzverwandte bezeichnet wurden, und die Eximierten. Dies waren im Landrecht Gebildete und meist im Staatsdienst stehende Personen, die vor der Reformzeit nicht der städtischen, sondern der staatlichen Gerichtsbarkeit unterlagen. Von dem Recht zum Erwerb der städtischen Bürgerrechte konnten aber wegen der damit verbundenen Kosten insbesondere die unteren Schichten und ärmeren Eximierten nur selten Gebrauch machen.
Erst in der revidierten Städteordnung von 1831 gab es Ansätze, an Stelle der Bürgergemeinde die Einwohnergemeinde zu setzen. Insgesamt lag die Selbstverwaltung bis in denVormärz hinein in den Händen der in den Städten ansässigen Handwerker und Kaufleute. In den großen Städten machten die Vollbürger und ihre Familien etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Trotz dieser Einschränkungen waren die Reformen ein Schritt auf dem Weg zur modernen kommunalen Selbstverwaltung. Der Versuch, vergleichbare Strukturen wie in der Stadt auch in den Landgemeinden einzuführen, scheiterte am Widerstand des Adels.[15]

Steuer- und Zollreform 


Wilhelm Anton von Klewiz war an der Ausarbeitung der Verwaltungsreformen beteiligt und amtierte seit 1817 als preußischer Finanzminister 
 

Die Steuerreform war ein zentrales Problem der Politik während der Reformzeit, galt es doch die hohen Kontributionen für Napoleon aufzubringen. Insbesondere die Anfänge der Amtszeit Hardenbergs waren davon geprägt. Ihm gelang es mit Hilfe von Steuererhöhungen über Domänenverkäufe bis hin zu Schuldenaufnahme und anderen Maßnahmen, den Staatsbankrott abzuwenden und eine Papiergeldinflation zu verhindern. Aus diesen akuten Finanzproblemen erwuchs eine allgemeine Steuerreform. Es ging dabei darum, eine Vereinheitlichung der Steuern über das ganze Staatsgebiet zu erreichen. Außerdem sollte das Steuerrecht durch den Aufbau einiger weniger Hauptsteuern anstelle zahlreicher Einzelsteuern vereinfacht werden. Ein weiterer Punkt war die steuerrechtliche Gleichbehandlung aller Staatsbürger. Diese richtete sich de facto gegen die Privilegien des Adels. Das ambitionierte Konzept ließ sich allerdings nur teilweise verwirklichen. Gelungen war es 1819, die Verbrauchssteuern, die zuvor nur für die Städte galten, landesweit einzuführen und dabei auf wenige zu besteuernde Güter zu beschränken. Hinzu kamen Steuern auf einige Luxusgüter. Im gewerblichen Bereich wurde anstelle zahlreicher früherer Abgaben eine progressiv gestaffelte Gewerbesteuer eingeführt. Gescheitert war dagegen faktisch eine auch den Adel einbeziehende Grundsteuer. Immerhin gelang es, Einkommens- und Vermögenssteuern - freilich auf der Basis der Selbsteinschätzung - einzuführen. Die Proteste dagegen führten 1820 zur sogenannten Klassensteuer als einer Art Zwischenform zwischen Kopf- und Einkommensteuer. Den Städten blieb die Möglichkeit, als indirekte Steuer an der Mahl- und Schlachtsteuer festzuhalten. Insgesamt blieben die Ergebnisse der Steuerpolitik widersprüchlich. Durch die Konsum- und Klassensteuern wurde keineswegs wie ursprünglich beabsichtigt der Adel, sondern es wurden die ärmeren Steuerzahler belastet.[16]
Die Reform der Zollpolitik erfolgte im Kern erst nach dem Ende der napoleonischen Kriege und nach der territorialen Neuordnung Europas durch denWiener Kongress. Preußen hatte seine westlichen Besitzungen wiedergewonnen. Damit entstand nicht nur ein wirtschaftsstruktureller Gegensatz zwischen den gewerblich entwickelten westlichen preußischen Provinzen RheinlandWestfalen sowie den sächsischen Gebieten auf der einen Seite und den stark agrarisch geprägten ostelbischen Gebieten auf der anderen Seite. Auch die Zollpolitik war höchst unterschiedlich. Während man im altpreußischen Gebiet 1817 noch 57 Zolltarife für etwa 3000 Waren im inneren Verkehr kannte, wurden Binnenzölle in den Westprovinzen seit der französischen Herrschaft so gut wie gar nicht mehr erhoben.
Eine Angleichung war auch aus diesem Grund unerlässlich. In Preußen waren mit dem Zollgesetz von 1818 alle innerstaatlichen Handelsschranken gefallen. Nach außen hin wurde ein nur mäßiger Schutzzoll erhoben. Für den Durchgangsverkehr wurden allerdings hohe Zölle fällig. Dies war ein Kompromiss zwischen den Interessen der im Freihandel engagierten Großgrundbesitzer und denen der noch schwachen gewerblichen Wirtschaft, die Schutzzölle verlangte. Das preußische Zollgesetz, das konsequent angewandt wurde, erwies sich als einfach und effizient. Dieses Zollsystem wurde daher für etwa ein halbes Jahrhundert mehr oder weniger zum Vorbild für das Zollsystem in den deutschen Ländern insgesamt und blieb im Kern bis in das Kaiserreich hinein bestehen. Nicht zuletzt war die preußische Zollpolitik ein wichtiger Faktor für das Entstehen des Deutschen Zollvereins in den 1830er Jahren.[17]

Gesellschafts- und wirtschaftspolitische Reformen 


Die Agrarreformen 

siehe auch: Preußische Agrarverfassung

Friedrich Wilhelm III. sah sich durch die Krise des Landes gezwungen, die Reformpolitik zu unterstützen 
 

Die Bauernbefreiung war ein Vorgang, der sich in unterschiedlichen Phasen und in verschiedener Weise in ganz Europa vollzog. Dabei spielten verschiedene Gründe eine Rolle. Moralisch war die Leibeigenschaft spätestens Ende des 18. Jahrhunderts anstößig geworden, und ökonomisch wuchs der Zweifel an der Zweckmäßigkeit der bisherigen Agrarverfassung. Deshalb wurden die alten feudalen, aber auch die genossenschaftlichen Agrarstrukturen aufgelöst. Die Bauern wurden dabei persönlich frei, sie erhielten das volle Eigentum am Boden; Dienste und sonstige feudale Verpflichtungen wurden aufgehoben. Die Individualisierung des Bodens führte aber auch zur Auflösung der Allmende, also der gemeinsamen Nutzung von Wald und Weiden der Dörfer. Bereits vor 1806 hatte es in Preußen Vorreformen in Teilbereichen gegeben. Dazu zählte die Befreiung der Bauern auf dem königlichen Domänenbesitz seit dem 18. Jahrhundert, die allerdings auch erst 1807 vollständig abgeschlossen werden konnte.
Gegen vergleichbare Veränderungen hatte sich der grundherrschaftliche Adel bis dahin erfolgreich gesträubt. Auch gegen die nach 1806 eingeleiteten Reformmaßnahmen gab es erhebliche Widerstände aus dieser mächtigsten Schicht des Landes. Den sich formierenden Kräften des Adels musste die Staatsregierung in verschiedenen Punkten entgegenkommen. Dies gilt etwa für die Gesindeordnung von 1810. Diese bedeutete zwar Fortschritte für die Bediensteten im Vergleich mit dem Allgemeinen Landrecht, war aber gemessen an der späteren Gesetzgebung noch konservativ und adelsfreundlich. Der Widerstand des Adels führte auch dazu, dass nicht alle feudalen Rechte beseitigt wurden. Polizei- und Gerichtsrechte wurden zwar staatlich stärker kontrolliert, aber ebenso wenig völlig abgeschafft wie Kirchen- und Schulpatronate, Jagdrechte und Steuervorteile. Auch wurde vom Adel, anders als im Königreich Bayern, kein demütigender Nachweis über ihre adelige Stellung verlangt. Insofern gab es zwar Kompromisse, aber in zentralen Punkten gelang es der adeligen Opposition nicht, die grundlegenden Veränderungen zu blockieren.[18]

Oktoberedikt von 1807 

Bis 1807 waren die Bauern durch die Erbuntertänigkeit leibeigen. Sie wurden durch Frondienste und Abgaben belastet. Das Oktoberedikt vom 9. Oktober 1807 stand zeitlich am Beginn der Reformpolitik in Preußen. Es hob alle bislang bestehenden Berufsschranken auf, beseitigte die Erbuntertänigkeit der Bauern und gab den Güterverkehr frei. Die Bauern waren seither persönlich frei. Auch ihre Freizügigkeit wurde durch die Abschaffung der Loskaufsgelder und des Gesindezwangsdienstes hergestellt. In dem Edikt hieß es: „Mit dem Martini-Tage Eintausend Achthundert und Zehn hört alle Gutstätigkeit in Unseren sämtlichen Staaten auf. Nach dem Martini-Tage 1810 gibt es nur freie Leute …[19] Damit eng verbunden waren das Recht auf freien Eigentumserwerb und die Freiheit der Berufswahl für alle preußischen Bürger. Damit konnten Bauern in die Stadt abwandern, Bürger konnten Landgüter erwerben, und Adeligen, die zuvor nur standesgemäßen Tätigkeiten nachgehen konnten, war es nun möglich, bürgerliche Berufe zu ergreifen.
Mit der persönlichen Freiheit der Landbevölkerung entfiel auch die bisherige Pflicht, vom Gutsherren einen Ehekonsens zu erwirken. Die Freiheit der Eheschließung führte zu einer Erhöhung der Geburtenziffer und letztlich zum Wachstum besonders der ländlichen Bevölkerung. Die Befreiung der Landbevölkerung hatte aber auch gravierende Nachteile. Der freie Güterverkehr beseitigte die bisherigen Einschränkungen des Bauernlegens. Nunmehr konnten die Gutsbesitzer Bauernland, wenn auch staatlich kontrolliert, einziehen. Außerdem entfiel die Pflicht der Gutsherren, für Unterkunft bei Invalidität oder Alter der ehemals gutsuntertänigen Personen aufzukommen. Der gegenüber dem Bürgertum abgeschlossene Stand der adeligen Gutsbesitzer wurde tendenziell zu einer Wirtschaftsklasse von bürgerlichen und adeligen Gutsunternehmern. [20]

Regulierungsedikt von 1811 


Titelblatt des Oktoberedikts von 1807 
 

Nach der persönlichen Befreiung der Bauern wurde die Herstellung des völligen Eigentums an den bewirtschafteten Flächen und die Abschaffung feudaler Dienstpflichten zum Hauptproblem der Reformer, da dies nach der am Allgemeinen Landrecht orientierten Rechtsauffassung nur in Form von Entschädigungen möglich war. Die Notwendigkeit, die „Revolution von oben“ an die Legalität der Verfahren zu binden, verlangsamte die Reform.
Die Lösung brachte das Regulierungsedikt von 1811. Dieses machte alle Bauern zu Eigentümern der Höfe, welche sie bewirtschafteten. Anstelle einer meist unmöglichen Ablösung in Geld wurden die Bauern verpflichtet, die ehemaligen Gutsherren zu entschädigen und die Höfe abzulösen. Sie mussten zwischen der Hälfte und einem Drittel des genutzten Landes abtreten. Um von vornherein das Entstehen von Besitzungen zu verhindern, die nicht genug zum Überleben abwarfen, wurde 1816 die Ablösung im anfänglichen Umfang auf größere Höfe eingeschränkt. Die kleineren Besitzungen blieben damit von der Allodifikation ausgeschlossen. Andere mit der Gutsuntertänigkeit verbundene Lasten wie der Zwangsgesindedienst, Heiratserlaubnisgebühren und Ähnliches wurden ohne Gegenleistung abgeschafft. Anders verhielt es sich mit den Fron- und Naturaldiensten. Deren Wert wurde ermittelt, und die Bauern hatten das Fünfundzwanzigfache in Raten an den Gutsherrn zu zahlen, um auch diese Pflichten abzulösen. Im Jahr 1821 folgte dann eine weitere Regelung für die Ablösung des grundherrschaftlichen Eigentums, das in den neupreußischen Gebieten verbreitet war. Dieses Gesetz orientierte sich an Vorbildern aus den Rheinbundstaaten oder übernahm sie in neu dazu gewonnenen Gebieten direkt.
Gegenüber der Praxis in den Rheinbundstaaten hatte die Entschädigung in Form der Abgabe von Grundbesitz zweifellos ihre Vorteile, da sie das Verfahren beschleunigte. Allerdings waren damit auch Nachteile für die Bauern verbunden. Allein die 12.000 Rittergüter in Preußen vergrößerten ihren Besitz zusammen um anderthalb Millionen Morgen. Hinzu kam ein Großteil der Allmende, also das bislang von allen nutzbare Land eines Dorfes. Von diesem fiel nur 14 % an die Bauern, der Rest ging auch in den Besitz der Gutsbesitzer über. In der Folge verloren viele Kleinbauern ihre Existenzgrundlage und mussten ihr überschuldetes Land ebenfalls an die Grundherren verkaufen. Diese vergrößerten so weiter ihren Besitz, während die ehemaligen Bauern meist Landarbeiter wurden. Einen gewissen Ausgleich für die Bauern bot die Nutzbarmachung brachliegender Flächen, allerdings bedeutete dies die Abdrängung auf schlechtere Böden. Für die fiskalischen Interessen des Staates, die letztlich hinter der Bauernpolitik standen, waren die Maßnahmen äußerst erfolgreich. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche wurde bis 1848 von 7,3 Millionen auf 12,46 Millionen Hektar vergrößert, und die Produktion erhöhte sich um vierzig Prozent.[21]

Soziale Folgen 

In den Gebieten östlich der Elbe hatten die Agrarreformen erhebliche soziale Folgen. Zunächst führte die Vergrößerung des Gutslandes dazu, dass sich bis in die zweite Jahrhunderthälfte hinein die Zahl der Rittergutsfamilien stark vergrößerte. Die Zahl der Bauernhöfe blieb in etwa gleich. Neu war jedoch, dass eine breite ländliche Unterschicht entstand. Die Zahl der je nach Region und Rechten unterschiedlich bezeichneten Landarbeiter (Instleute, Gesinde, Tagelöhner) stieg um das Zweieinhalbfache. Die Zahl der Kleinbesitzer, regional Kätner genannt, nahmen um das Drei- bis Vierfache zu. Viele waren auf einen handwerklichen oder sonstigen Nebenerwerb angewiesen.
Viele Bauern konnten die Entschädigungssumme nicht aufbringen. In diesem Fall mussten sie entweder den Gutsbesitzern bis zur Hälfte ihres Landes als Entschädigung überlassen, wobei der Rest oft nicht mehr genug Ertrag brachte, oder sie mussten sich stark verschulden. Als schließlich durch eine neue Verordnung auch noch die Allmende (das von allen nutzbare Land eines Dorfes) den Großbauern und Gutsherrn als Entschädigung zugesprochen wurde, verloren viele Kleinbauern endgültig ihre Existenzgrundlage und mussten sich als Landarbeiter auf den großen Gütern verdingen. Obwohl die Reformer mit diesem Edikt gute Absichten verfolgten, vergrößerte sich in der Folgezeit die besitzlose ländliche Unterschicht. Letztlich profitierten außer einem begrenzten bäuerlichen Mittelstand die Großgrundbesitzer und adligen Junker von der Reform, die auf diese Weise ihren Landbesitz mehren konnten.[22] Ernst Rudolf Huber wertete dies als „eine der tragischen Ironien der deutschen Verfassungsgeschichte. Es offenbart sich hier die innere Antinomie des bürgerlichen Liberalismus, der die Freiheit des Individuums und seines Eigentums schuf und zugleich vermöge der Eigengesetzlichkeit der Eigentumsfreiheit die Akkumulation der Eigentumsmacht in die Hand weniger Einzelner auslöste.[23]

Gewerbereform und ihre sozialen Folgen 

Nicht zuletzt basierend auf den Theorien von Adam Smith strebten die Reformer im agrarischen wie im gewerblichen Bereich eine Freisetzung aller individuellen Kräfte an. Dies erforderte, alle korporativen Einschränkungen, aber auch alle bürokratischen Gängelungen des Wirtschaftslebens in der Tradition des Merkantilismus zu beseitigen. Die Förderung des freien Wettbewerbs bedeutete gleichzeitig den Wegfall aller Begrenzungen der Konkurrenz.
In diesem Sinne wurde 1810 die Gewerbefreiheit eingeführt. Die Aufnahme eines Gewerbes war nur noch abhängig vom Erwerb eines Gewerbescheins. (Allerdings gab es einige Ausnahmen, z.B. für die freien Berufe der Ärzte und Apotheker, aber auch für Gastwirte.) Dies bedeutete außerdem, dass die Zünfte als Inhaber von Monopolen und sonstigen wirtschaftlichen Privilegien ausgedient hatten. Sie wurden zwar nicht aufgelöst, aber die Mitgliedschaft war nunmehr freiwillig. Damit verbunden war das weitgehende Ende der Aufsicht des Staates über die Wirtschaft. An ihre Stelle traten das Recht auf freie Berufswahl und der freie Wettbewerb. Die Gewerbereform beseitigte wirtschaftliche Betätigungsschranken und trug dazu bei, dass sich neue gewerbliche Impulse entfalten konnten. Zwischen Stadt und Land gab es fortan keine rechtlichen Unterschiede in Hinsicht auf gewerbliche Betätigungsmöglichkeiten mehr. Eine Ausnahme war bis in die 1860er Jahre der Bergbau.
Ursprünglich vor allem für die Förderung des Landgewerbes gedacht wurde die Gewerbefreiheit zu einer der zentralen Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg Preußens aufindustrieller Basis.
Ähnlich wie der Adel wehrten sich die Stadtbürger gegen die Reformen, wenn auch mit wenig Erfolg. Die unmittelbaren Folgen waren widersprüchlich: In den Städten war die nichtzünftige Konkurrenz anfangs vergleichsweise gering; allerdings begann sich nach einer Übergangszeit die Zahl der nicht in Zünften organisierten Handwerker deutlich zu vermehren. Auf dem Land dagegen nahm die Bedeutung des Handwerks und des sonstigen Gewerbes erheblich zu. Auf längere Sicht führte die Gewerbefreiheit allerdings auch zu Problemen. Die Zahl der Handwerker nahm stärker zu als das Wachstum der übrigen Bevölkerung. Zunächst nahm die Zahl der Meister zu, die aber aufgrund der starken Konkurrenz oft nur einen geringen Verdienst teilweise am Rande der Armut hatten. Vor allem Schneider, Schuhmacher, Tischler und Weber gehörten im Vormärz zu den überbesetzten Handwerken. Wie das Wachsen der ländlichen Unterschichten verschärfte dieser Prozess die soziale Frage und war eine der sozialen Ursachen für die Revolution von 1848.[24]

Emanzipationsedikt 

Hauptartikel: Preußisches Judenedikt von 1812
Prinzipiell erhielten die Juden die gleichen bürgerlichen Rechte und Pflichten wie die anderen Staatsbürger; der Erwerb von Grundbesitz wurde ihnen gestattet, der Zugang zu städtischen- und Universitätsämtern ermöglicht. Auch die freie Ausübung der jüdischen Religion und des kulturellen Brauchtums wurde nunmehr garantiert.
Anders als entsprechende Gesetze im Königreich Westphalen enthielt das preußische Emanzipationsedikt jedoch Einschränkungen. Die Juden erhielten vorerst keinen Zugang zu Offiziersrängen, Justiz- und Verwaltungsämtern, unterlagen aber der Wehrpflicht.
Unabhängig davon stieß das Edikt schon bald auf Kritik von Emanzipationsgegnern. Dennoch bedeutete es einen großen Schritt hin zur Emanzipation in den deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit war die rechtliche Lage der Juden hier deutlich besser als in den meisten südlichen und östlichen Nachbarregionen. Dies machte Preußen für jüdische Zuwanderung auf Jahrzehnte hinaus attraktiv.[25][26]

Weitere zentrale Reformfelder 


Bildungsreform 


Den Reformen im Bildungsbereich kam in der Konzeption der Reformer eine Schlüsselstellung zu. Alle Reformen setzten einen neuen Bürgertypus voraus, der in der Lage war, selbstverantwortlich zu handeln. Man war überzeugt, dass die Nation gebildet und erzogen werden musste, damit die neue Gesellschaft überhaupt funktionieren könnte. Im Gegensatz etwa zur Staatsreform, die ja noch ständische Elemente einschloss, richteten sich die Bildungsreformen von Anfang an gegen jegliche Form der Standeserziehung. Hauptsächlich konzipiert wurden die Bildungsreformen vonWilhelm von Humboldt, der 1808 die Leitung der Abteilung Kultus und Unterricht (noch im Innenministerium angesiedelt) übernahm. Ähnlich wie Stein nur etwa ein Jahr in diesem Amt, gelang es ihm doch in dieser Zeit, entscheidende Weichenstellungen vorzunehmen.
Humboldt hing einem neuhumanistischen Bildungsideal an. Im Unterschied zur utilitaristischen Pädagogik der Aufklärung, die zweckdienliches Wissen für das praktische Leben vermitteln wollte, setzte er auf eine allgemeine Menschenbildung. Die in dieser Hinsicht als besonders lohnend angesehene Beschäftigung mit Antike und alten Sprachen sollte die geistige Entfaltung anregen. Erst danach sollten die für die verschiedenen Berufe nötigen Spezialkenntnisse erworben werden. Unter dem Aspekt der allgemeinen Menschenbildung war das Interesse des Staates am Nutzwert seiner Bürger folglich zweitrangig, aber keineswegs unberücksichtigt: „Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“[27] Anders als Humboldt, bei dem das Individuum im Mittelpunkt des Bildungsprozesses stand, ging es dem Republikaner Johann Gottlieb Fichte vorrangig um eine Nationalerziehung, um die Erziehung des ganzen Volkes zu Zwecken der nationalen Selbstbehauptung angesichts der seinerzeitigen napoleonischen Fremdherrschaft.[28]
An die Stelle der Vielfalt der alten kirchlichen, privaten, städtischen oder korporativen Einrichtungen trat nunmehr die staatliche Schule, gegliedert in VolksschuleGymnasium undUniversität. Der Staat hatte die Aufsicht über alle Schulen, setzte nun die allgemeine Schulpflicht streng durch und wachte über das Prüfungswesen. Staatlich anerkannte Leistungskriterien wurden geschaffen als Voraussetzung für den Eintritt in den Staatsdienst: Es sollte auf Bildung und Leistung ankommen, nicht mehr auf Herkunft und Stand.
Die Leistungsfähigkeit der Volksschule wurde durch eine bessere Bezahlung der Lehrer und ihre Ausbildung in Lehrerseminaren verbessert. Für die höhere Schulbildung war fortan das neu konzipierte humanistische Gymnasium zuständig. Der erfolgreiche Abschluss berechtigte zum Universitätsstudium. Daneben entstanden Realschulen, und es hielten sich einigeKadettenanstalten. Trotz des verstärkten staatlichen Einflusses verblieb die Schulinspektion bei den Geistlichen.
Den krönenden Abschluss des Bildungsganges im Humboldtschen Sinne stellte die reformierte Universität dar. Hier galt das Ideal der Freiheit von Forschung und Lehre und eine Vorrangstellung für die Forschung. Die Studenten sollten durch Teilnahme an der Forschung selbständiges Denken und wissenschaftliches Arbeiten lernen. Die Gründung und Ausgestaltung der Universität Berlin diente dafür als Modell.
In der Praxis führte die auf staatsbürgerliche Emanzipation und Chancengleichheit zielende Bildungsreform nach Humboldts Abschied vom Amt nicht zu den von ihm gewünschten Ergebnissen. Die einseitige Umsetzung und Formalisierung des philologischen Bildungsideals wirkte in Verbindung mit dem Aufkommen restaurativer Tendenzen abschließend gegenüber den unteren Gesellschaftsschichten. Auch die mit beträchtlichen Kosten verbundene lange Dauer des idealtypischen neuhumanistischen Bildungsgangs schlug nachteilig zu Buche. Allerdings hat es in einem begrenzten Umfang nachfolgend durchaus sozialen Aufstieg durch Bildung gegeben.[29]

Heeresreform 

Hauptartikel: Preußische HeeresreformPreußische Armee

Militär-Reorganisationskommission, Königsberg 1807 
 

Da, anders als in den Rheinbundstaaten, die Reformpolitik von Anfang an auch klar gegen die französische Suprematie gerichtet war, hatten die Militärreformen eine weit größere Bedeutung als in den süddeutschen Reformstaaten. Innerhalb des preußischen Militärs entstand nach der verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 eine Gruppe von Offizieren, die auf Veränderungen drängten.
Nach dem Frieden von Tilsit verfolgte die von König Friedrich Wilhelm III. eingesetzte Militär-Reorganisations-Kommission das Ziel ein neues, starkes Herr aufzustellen, das in Struktur und Charakter den veränderten Anforderungen der damaligen Zeit entprechen sollte.
Der Militär-Reorganisations-Kommission gehörten an: Generalmajor Gerhard von Scharnhorst (Vorsitzender der Kommission), OberstleutnantAugust Neidhardt von Gneisenau Major Hermann von Boyen, Major Karl von Grolman und Stabskapitän Carl von Clausewitz.
Scharnhorst wurde zudem Chef des Kriegsdepartements (Kriegsministerium) und zum Chef des Generalstabes ernannt. In enger Abstimmung mit den Ministern Karl vom und zum Stein und Karl August von Hardenberg die die politischen Reformen einleiteten, gelang es Scharnhorst, den widerstrebenden König von der Notwendigkeit der Veränderungen zu überzeugen.
Die Erfahrungen von 1806 hatten gezeigt, dass die Altpreußische Heeresorganisation den Franzosen nicht mehr gewachsen war. Sie war gegenüber der französischen Schützentaktik zu unbeweglich, ihre Offiziere behandelten die Soldaten als willenlose Objekte, die bei Vergehen mit harten Strafen bis hin zum Spießrutenlaufen zu rechnen hatten. Dem stand die französische Bürger- und Wehrpflichtarmee gegenüber. Ein Aspekt der Reformen war es, die teilweise bestehenden Schranken zwischen Armee und Gesellschaft zu beseitigen; so hoffte man die Armee auf den Patriotismus der Staatsbürger aufbauen zu können. Daher wurde damit begonnen, die Würde und Stellung der einfachen Soldaten anzuheben, indem die Soldatengesetze dem bürgerlichen Rechtsempfinden angepasst wurden. Das drakonische Strafsystem und insbesondere die Prügelstrafe wurden weitgehend abgeschafft. Das Offizierskorps wurde reformiert. Eine nicht unbeträchtliche Zahl ungeeigneter höherer und niederer Offiziere wurde entlassen. Das Adelsprivileg wurde abgeschafft; damit stand die Offizierslaufbahn auch Bürgerlichen grundsätzlich offen.
Insbesondere dies stieß auf erheblichen Unwillen des Adels, wie etwa bei Ludwig Yorck von Wartenburg. In der Praxis zeigte sich allerdings bald durch eine Art Kooptationsrecht der Offiziere, die in der Regel adelige Fähnriche bevorzugten, dass der bürgerliche Einfluss gering blieb.
Innerhalb des Offizierskorps sollten bei den höheren Rängen nicht mehr das Dienstalter, sondern die Leistung den Aufstieg bestimmen. Die Preußische Kriegsakademie sollte eine bessere Ausbildung der Offiziere gewährleisten. Im engeren militärischen Bereich wurden nach französischem Vorbild Jäger- und Schützeneinheiten gebildet. Wie in der zivilen Verwaltung wurde die Militärorganisation gestrafft. An die Stelle einer Vielzahl von oberen Behörden trat 1809 das Kriegsministerium mit dem Generalstab.
Die zentrale Reform war die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Damit sollten die Ungerechtigkeiten des bisher geltenden Wehrersatzsystems und die ständischen Unterschiede aufgehoben werden. Zwar wurden Pläne gemacht, die Begrenzung der Truppenstärke auf 42.000 Mann durch den Frieden von Tilsit mit dem Krümpersystem zu umgehen, gleichwohl kam es zunächst nicht zur Umsetzung der Wehrpflicht. Der König zögerte, und aus Adel und Offizierskorps gab es Widerstände. Auch das Bürgertum blieb skeptisch. Erst mit dem Beginn der Befreiungskriege konnten die Reformer 1813 die Wehrpflicht durchsetzen. Endgültig gesichert wurde diese allerdings erst 1814 in einem allgemeinen Wehrgesetz. Neben den Linientruppen wurde nunmehr auch die Landwehr zur Heimatverteidigung und als Reservetruppe aufgestellt. Die Landwehr war organisatorisch selbständig, es gab eigene Einheiten und Offiziere. Ausschüsse in den Kreisen organisierten diese Truppe, in der Bürgerliche zu Offizieren aufsteigen konnten. Hier schien die Idee der Reformer, Volk und Armee zu einen, der Verwirklichung am nächsten.[30]

Die Reformen in der Historiografie 


Heinrich von Treitschke hat die positive Beurteilung der preußischen Reformen im 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein stark mitgeprägt 
 


Preußische Reformer am Reiterstandbild Friedrich Wilhelms,Kölner Heumarkt 
 

In der Geschichtsschreibung des späten 19. Jahrhunderts wurden die preußischen Reformen und die „Revolution von oben“ etwa von Heinrich von Treitschke zur direkten Vorgeschichte der kleindeutschen Nationalstaatsgründung erklärt. Wegweisend für die spätere Entwicklung waren die Reformen auch aus der Sicht Friedrich Meineckes. Lange Zeit wurde die Ära der Reformen, angelehnt an Leopold von Ranke, vor allem im Sinne der Taten und Schicksale „großer Männer“ geschrieben. Davon zeugen zahlreiche biografische Arbeiten zu den Protagonisten der Reform.
So schrieben z.B. Hans Delbrück über Gneisenau, Meinecke über Boyen. Galt das Augenmerk anfangs vor allem den militärischen Reformen, so begann mit der Biografie von Max Lehmann die Erforschung von Person und Wirken Steins. Hardenberg hat dagegen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit unter Historikern erregt. Trotz der deutlichen Unterschiede zwischen den Hauptakteuren sieht die Geschichtsforschung weit überwiegend eine grundsätzliche Kontinuität der Ansätze und hält an einer Einheit der Stein-Hardenbergschen Reformen fest.[31]
Von einigen Autoren, so von Otto Hintze, wurde auf die bereits vor 1806 anzutreffenden Reformansätze wie das Allgemeine Landrecht und andere Maßnahmen hingewiesen. Eine derartige Kontinuitätslinie würde die These der Reformer von den organischen Reformen im Rahmen der bestehenden Ordnung bestätigen. Thomas Nipperdey resümierte die Debatte in dem Sinne, dass es vor dem Zusammenbruch von 1806 zwar Reformansätze gegeben habe, dass es aber an Energie zu ihrer Umsetzung wie an einem inneren Zusammenhalt der Vorhaben gefehlt habe.[32] In Bezug auf die Agrarreformen lösten die Arbeiten von Georg Friedrich Knapp seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine wissenschaftliche Kontroverse aus. Bei Knapp überwog die Kritik an der Reformpolitik, die letztlich den adeligen und nicht den bäuerlichen Interessen entsprochen habe. Auch der wirtschaftsliberale Einfluss eines Adam Smith wurde für Problementwicklungen mitverantwortlich gemacht. Die Forschung des letzten Jahrhunderts aber hat gezeigt, dass pauschale Kritik nicht aufrechtzuerhalten ist. Immerhin nahmen die Bauernstellen zu, wenngleich die hinzugewonnenen meist auf schlechteren, neu erschlossenen Böden lagen.[33]
Ähnlich differenziert wird heute auch der Erfolg der Gewerbereformen beurteilt. Sie waren nicht unmittelbar Ursache für Not und Elend der Handwerker, da die Gesetzgebung letztlich einen nur geringen Einfluss auf die Entwicklung hatte. Barbara Vogel hat versucht, eine Gesamtkonzeption agrarischer und gewerblicher Reformansätze zu erfassen und als eine „bürokratische Modernisierungsstrategie“ zu beschreiben.[34] Mit Blick auf die industrielle Entwicklung zeichnet sich die Einschätzung ab, dass die Reformpolitik zwar primär auf die Förderung des ländlichen Gewerbes in Altpreußen ausgerichtet war, letztlich aber doch den Durchbruch der industriellen Revolution erleichtert hat.
Den Versuch einer Gesamtinterpretation der Reformpolitik mit der Perspektive auf die Revolution von 1848 machte Reinhart Koselleck mit seinem Buch „Preußen zwischen Reform und Revolution“. Er unterschied dabei drei Teilprozesse. Das allgemeine Landrecht stellte demnach zwar u.a. bereits eine Reaktion auf die sozialen Probleme dar, hielt aber noch an ständischen Elementen fest. Als eine verfassungspolitische Vorleistung betrachtete Koselleck die Entstehung eines Verwaltungsstaats während der Reformzeit und den Behördenausbau zwischen 1815 und 1825. In den folgenden Jahrzehnten entzog sich dann aber die soziale und politische Bewegung den bürokratischen Kontrollen. Nach dem Ende der Reformzeit, so die These, zerbrach die Übereinstimmung zwischen der höheren Beamtenschaft und dem nicht beamteten Bildungsbürgertum. Zumindest während der Reformzeit, meint Koselleck, habe die Bürokratie gewissermaßen gegen die Einzelinteressen das übergeordnete Allgemeininteresse vertreten. Die Nichteinführung einer Nationalrepräsentation war demzufolge von der Befürchtung bestimmt, dass die Reformpolitik von den versammelten Partikularinteressen gestoppt werden würde.[35]
Schon seit längerem, so zunächst von Hans Rosenberg und später von Vertretern der historischen Sozialwissenschaft, wurde das Ende der Verfassungsentwicklung in Preußen teilweise als eine Ursache für das Scheitern der Demokratisierung in Preußen und letztlich für den sogenannten deutschen Sonderweg mitverantwortlich gemacht. Hans-Jürgen Puhlehielt die preußische Ordnung gar für „langfristig auf Untergang programmiert“[36]. Andere wie Thomas Nipperdey eher historistisch orientierte Forscher verwiesen auf die häufige Diskrepanz zwischen den Intentionen der Handelnden und den unbeabsichtigten Folgen, die sich daraus ergeben.
In den letzten Jahrzehnten verloren die preußischen Reformen der Zeit zwischen 1807 und 1815 etwas von ihrer zentralen Position in der Geschichtsdeutung des 19. Jahrhunderts. Dazu trug bei, dass die Reformen der süddeutschen Rheinbundstaaten von vielen Historikern unterdessen als ebenbürtig angesehen werden. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass die in Bezug auf die gewerbliche und gesellschaftliche Entwicklung dynamischen Regionen Preußens bis zum Ende der napoleonischen Herrschaft entweder direkt oder indirekt zum französischen Machtbereich gehört hatten.[37]
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 14:39 (2008)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse Répondre en citant

Von der Reform zur Restauration  
1786 in seinem Todesjahr hatte Friedrich den Großen(1712-1786) mit einem Blick auf seine Nachwelt eine Ahnung beschlichen. Ahnungsvoll sah er in die Zukunft und äußerte zutreffend, wie sich zeigen sollte, die Befürchtung, in zwanzig Jahren werde alles Erreichte wieder zerstört sein. Auf das Jahr genau erfüllten sich Vorhersage und Vorahnung. 

 
Auf diese Vorhersage Friedrich des Großen nahm Otto von Bismarck Bezug in seinem Todesjahr 1898. In zwanzig Jahren, so ahnte er ebenfalls voraus, werde alles, was mit soviel Mühen und Gefahren aufgebaut worden sei, ein unrühmliches Ende finden. Vorahnung und Vorhersage erfüllten sich auch hier auf das Jahr genau. Ein Hang zur Selbstzerstörung liegt im deutschen Wesen, darum konnte die Welt auch nicht daran genesen. 

 
Im Oktober 1806 erfolgte für Preußen der große Niedergang und Zusammenbruch. Auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen hatten wir uns gebettet und waren unfähig, das Begonnene erfolgreich weiterzuführen. Mit dieser Aussage beschrieb die preußische Königin Luise(1776-1810) den Zustand Preußens nach der Besetzung durch Napoleon I. Gemessen am Rollenverständnis der Zeit, war Königin Luise eine ungewöhnliche Frau, denn sie mischte sich ein. Sie genoss einen Beliebtheitsgrad bis hinein in breite Schichten der Bevölkerung, was ebenfalls in einer Zeit, die dem ständischen Denken verhaftet war, ungewöhnlich war. Sie hatte einen guten Einfluss auf ihren Mann. Sie verstarb viel zu früh im Juni 1810 an einer Lungenentzündung, Sie hatte schon eine große Bedeutung gewonnen, und sie hätte sicher noch eine viel größere Bedeutung erlangt. Es war ein großer Verlust in der Zeit des Umbruchs und Aufbruchs. 

 
Deutschland und Preußen waren in ein tiefes Loch gefallen. Die Situation vermittelte keine Aussicht, daraus wieder herauszuklimmen. Aber es begannen sich Kräfte und Persönlichkeiten zu regen, die unter den Augen des misstrauischen französischen Kaisers Preußen erneuerten. Reformerischer Schwung begann sich auszubreiten. Namen, die noch heute nicht ganz verklungen sind, stehen damit in Verbindung. 

 
Karl Freiherr von und zum Stein(1757- 1831) hatte schon 1804 einiges in Bewegung gesetzt. Als Minister für Handel, Wirtschaft und Finanzen hob er die preußischen Binnenzölle auf. Im Juni 1807 legte er in seiner „Nassauer Denkschrift“ Pläne zur Staatserneuerung vor. 

 
Noch auf anraten Napoleons I. wurde von Stein im Oktober 1807 als leitender Minister an die Spitze des preußischen Staates berufen. Das Amt hatte zuvor Karl August von Hardenberg(1750-1822) innegehabt, er war aber auf Betreiben Napoleons entlassen worden. Von Stein führte weiter, was schon in Angriff genommen worden war. Die Reformen des Freiherrn von Stein waren ein erster Schritt, den absolutistischen Stände- und Obrigkeitsstaat umzuformen zu einem demokratisch ausgerichteten Verfassungsstaat. 

 
Agrarreform, kommunale Selbstverwaltung und Neuregelung der Zentralbehörden kennzeichneten den Weg vom Absolutismus zum Verfassungsstaat. Mit der Agrarreform sollten Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit und Schollengebundenheit ein Ende finden, mit der kommunalen Selbstverwaltung der Gemeinden, Kreise und Städte vollzog sich der Staatsaufbau auf der Grundlage einer Bürgerbeteiligung von unten nach oben. Aber auch die Staatsspitze wurde neu organisiert. An die Stelle der Geheimräte des großen Kurfürsten(1620-1688) und des Generaldirektoriums König Friedrich Wilhelm I.(1688-1740) trat das kollegiale Staatsministerium mit fünf Ministerien. Der Aufbruch in eine andere Welt mit einem anderen Staatsaufbau war begonnen. 

 
Die Minister des Äußeren, des Inneren, des Krieges, der Finanzen und der Justiz hatten einen definierten Kompetenz- und Aufgabenbereich, waren dem König als immer noch absolutistischem Staatsoberhaupt verantwortlich. 

 
Sie besaßen aber das Recht auf Gegenzeichnung zu den vom König verfügten Entschlüssen und Gesetzen. Denn ein Parlament, oder eine wie auch immer geartete Volksvertretung gab es noch nicht. 

 
Am Beginn seines Reformwerkes im Dezember 1807 hatte von Stein aus Memel, wohin der preußische König sich zunächst begeben hatte, an Hardenberg geschrieben: „Ich halte es für wichtig, die Fesseln zu zerbrechen, durch welche die Bürokratie den Aufschwung der menschlichen Tätigkeit hemmt, jenen Geist der Habsucht, des schmutzigen Vorteils, jene Anhänglichkeit ans Mechanische zu zerstören, die diese Regierungsform beherrschen.“ Von Stein hatte mit diesem Satz das Alte, das Absolutistische, beschrieben, das Neue, das Demokratische, sollte noch erst kommen. Dennoch beschleicht den Menschen der Gegenwart, der in einem demokratischen Verfassungsstaat lebt, beim Lesen dieser Sätze ein merkwürdiges unangenehmes Gefühl. Vierzehn Monate, von September 1807 bis November 1808, nur waren ihm gegeben, um sein Reformvorhaben zu verwirklichen. Eine kurze Zeit, dennoch hatte es Bestand. Alles war erst der Beginn einer Entwicklung, die aber Früchte in der späteren Geschichte tragen sollte. 

 
In Preußen regierte in Wirklichkeit Kaiser Napoleon I.. Er hatte eine Abneigung gegen den rührigen Westfalen und Reformer von Stein entwickelt und bedeutete dem preußischen König, seinen Staatsminister zu entlassen. 

 
Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Freiherr von Stein wurzelte familiengeschichtlich in der Reichsritterschaft. Traditionsbewusst, wie er war, wollte er das Alte mit dem Neuen verbinden, für die Fremdherrschaft konnte er keine Sympathie entwickeln. Er flüchtete nach Österreich und begab sich 1812 nach Russland, wo er am Zarenhof als Berater des Zaren Alexander I.(1777-1825) fungierte. Wo immer Freiherr von Stein sich aufhielt, bot er all seinen Einfluss auf, um den Kaiser der Franzosen in seinen Herrschaftsabsichten zu behindern und zu schädigen. Als Preußen sich 1812 am Zug Napoleons nach Russland beteiligte, flohen viele preußische Offiziere, darunter auch Clausewitz und Boyen, nach Russland. 

 
Die Reformarbeit wurde von den Mitarbeitern von Steins fortgesetzt. Die Einrichtung einer Nationalrepräsentation, also eine Volksvertretung, war angedacht worden. 

 
Im Juni 1810 übernahm Hardenberg das Amt, das er schon einmal innegehabt hatte. Das Reformwerk wurde weitergeführt. Stationen waren die Einführung der Gewerbefreiheit(1811) sowie die bürgerliche Gleichstellung der Juden(1812). Der Zunftzwang wurde abgeschafft. 

 
Mit dem königlichen Finanzedikt vom Oktober 1810 wurde eine Steuerreform, eine Vereinfachung der Steuergesetze und eine gerechtere Besteuerungsgrundlage herbeigeführt. 

 
Im Finanzedikt enthalten war auch die königliche Zusage einer Konstitution(Verfassung) für die preußischen Staaten, mit einer Nationalrepräsentation. Der König hatte die Richtung vorgegeben mit einem vagen Versprechen: „Wir behalten Uns vor, der Nation eine zweckmäßig eingerichtete Repräsentation sowohl für die Provinzen als auch für das Ganze zu geben, deren Rat wir gerne benutzen werden.“ Vorsichtig wie immer hatte der König sich an etwas Entscheidendes herangewagt. Abgeben von seiner Macht wollte er nichts, der angedachten Nationalrepräsentation sollte allenfalls eine beratende Funktion zuerkannt werden. 

 
Im Februar 1811 trat zum ersten mal eine aus Notabeln aller Provinzen ernannte, nicht gewählte, Landesdeputiertenversammlung zur Beratung zusammen. Die vorläufige Nationalrepräsentation hat 1812/13 und 1814/15 weitere Male getagt, und konnte als Modell einer zukünftigen Volksvertretung angesehen werden. 

 
Die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 offenbarte den unzulänglichen und desolaten Zustand des preußischen Militärwesens. Den französischen Revolutionsheeren, denn als solche können sie auch unter Napoleon angesehen werden, waren die Armeen der absolutistischen zum großen Teil noch aus Söldnern bestehenden Heeren mit ihrer zurückgebliebenen Lineartaktik nicht gewachsen. Mit der Umwandlung gesellschaftlicher Gegebenheiten durch die Französische Revolution war auch eine Veränderung im taktischen Aufbau der Heeresformationen einhergegangen. 

 
Die französische Armee war uneingeschränkt eine Wehrpflichtarmee und eine Revolutions- armee, woraus schon eine grundlegend andere kämpferische Einstellung resultierte. 

 
Was in Preußen von Stein und von Hardenberg für den Umbau von Staat und Gesellschaft bedeuteten, das leisteten Gerhard Johann von Scharnhorst(1755-1813), Hermann von Boyen (1771- 1848) und August Neithard von Gneisenau(1760-1831) für das Heerwesen. 

 
Mit diesen drei Namen verbindet sich die in der Zeit von 1807 bis 1814 durchgeführte preußische Heeresreform. Die Werbung von Söldnern, die auch intensiv außerhalb Preußens betrieben worden war, wurde abgeschafft, ebenso auch körperliche Züchtigungen. Mit beiden verbanden sich Einzelschicksale, wie sie der Schweizer Ulrich Bräker in seiner Autobiographie: „Der arme Mann aus Toggenburg“ anschaulich gemacht hat. Das Söldnerwesen bildete den Kern der absolutistischen Armeen. 

 
1733 hatte König Friedrich Wilhelm I. in Preußen das „Kantonreglement“ geschaffen. Es sah die Möglichkeit vor, neben der Werbung „Landeskinder“ zum Wehrdienst zu verpflichten. 

 
Das Land wurde in Kantone aufgeteilt. Zu einem Kanton wurden 5000 Feuerstellen gerechnet, und aus diesen Kantonen konnten eine bestimmte Anzahl Rekruten, meist aus Bauernfamilien stammend, ausgehoben werden. Sie bildeten den Kern der preußischen Armee, während die Offizierstellen weitgehend dem Adel vorbehalten blieben. Die preußische Armee war so eine Mischung bestehend aus angeworbenen Söldnern und Wehrpflichtigen. Zum Kantonreglement gab es zahlreiche Sonderregelungen, die vom Wehrdienst befreiten. Mit diesem System hatte sich Preußen eine schlagkräftige und für die Zeit moderne Armee geschaffen. 1806 aber war dieses System den Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen. 

 
Ziel der preußischen Reformer war es also, das Kantonsystem durch eine allgemeine Wehrpflicht abzulösen. Vorbild für dieses Ziel war es, ein Volksheer zu schaffen, wie sie 1793 von Carnot, dem Heeresreformer der Französischen Revolution, konzipiert worden war. 

 
Wenn auch in der Französischen Revolution mit ihrer Entwicklung unterschiedliche Strömungen versuchten, die Oberhand zu gewinnen, das Heerwesen entwickelte sich konstant und blieb davon unberührt. 

 
Nicht der vielgescholtne preußische Militarismus also diente der preußischen Heeresreform als Vorbild, sondern die revolutionäre militärische Entwicklung in Frankreich. 

 
Tonangebend in den Betstrebungen zur preußischen Heeresreform war der Generalstabschef Scharnhorst. Er hatte das Unmögliche scheinende möglich gemacht. Napoleon hatte für Preußen eine Heeresbeschränkung von 42000 Soldaten erzwungen. Durch ständige und zeitlich begrenzte Neuaushebungen, die ausgebildet und wieder entlassen wurden, konnte der Heeresbestand auf eine größere Zahl angehoben werden. Von den 143 Generälen, die 1806 Dienst taten, waren 1813 nur noch Blücher und Tauentzien in ihrer Funktion. Das Ziel, nach französischen Vorbild ein Volk in Waffen heranzubilden, rückte näher. Das Vorrecht des Adels auf Offiziersstellen wurde abgeschafft. Der 3. August 1808 markiert die „Verordnung wegen der Militärstrafen“, worin zu lesen war: „ Die Erfahrung lehrt, dass Rekruten ohne Schläge im Exerzieren unterrichtet werden können. Einem Offizier, dem dieses unausführbar scheinen möchte, mangelt entweder die nötige Darstellungsgabe oder der klare Begriff vom Exerzierunterricht.... Die höheren Befehlshaber und die der Kompanien und Eskadrons sind dafür verantwortlich, dass ihre Untergebenen weder den Soldaten auf eine rohe Art behandeln noch sich fernerhin die hie und da üblichen Beschimpfungen derselben erlauben.“ 

 
Noch deutlicher wird Oberstleutnant Neithard von Gneisenau(1760-1831) ein Gegner der napoleonischen Herrschaft und zugleich ein Reformer mit Leidenschaft. Ohne Umschweife trifft er den Kern gesellschaftlicher Missstände, die sich festgesetzt und jede evolutionäre Fortentwicklung ausgeschlossen hatten. Seine Worte im Kontext der Zeit sind kraftvoll auf Umwälzung der bestehenden Zustände gerichtet: „Die Geburt ist kein Monopol für Verdienste; räumt man dieser zu viele Rechte ein, so schlafen im Schoße einer Nation eine Menge Kräfte unentwickelt und unbenutzt, und der aufstrebende Flügel des Genies wird durch drückende Verhältnisse gelähmt.... Die neue Zeit braucht mehr als alte Titel und Pergamente, sie braucht frische Tat und Kraft.“ 

 
Reformen verlangen eine deutliche Sprache, der dann die notwendigen Aktionen tatkräftig mit sichtbaren Veränderungen entsprechen sollten. Worthülsen, die nur Leerlauf hervorrufen, verschlimmern alles. 

 
Eine weitere Reform sollte Preußen und dem Deutschland des Geistes eine Spitzenstellung über viele Generationen einbringen. Wilhelm von Humboldt (1767- 1835) wurde an die Spitze des dem Innenministerium unterstellten Kulturressorts berufen. Damit wurde ein Mann an einen Platz gestellt, der Bildung selbst verkörperte wie wenige vor ihm und nach ihm. 1862 haben sich auch amerikanische Universitäten die von ihm entworfenen Bildungsrichtlinien zum Vorbild genommen. Stein nannte ihn den Minister des Geistes, und Friedrich Wilhelm III. hatte verlauten lassen, es müsse auf dem Gebiet des Geistes das wettgemacht werden, was anderswo verloren gegangen sei. Wilhelm von Humboldt war eine Persönlichkeit, die diesen Anforderungen in der bestehenden politischen Situation gewachsen war. Nur etwas mehr als ein Jahr war Humboldt im Amt und hat eine Bildungsreform auf den Weg gebracht, die mehr als anderthalb Jahrhunderte Bestand hatte und bestimmend war. 

 
Die Reformer dieser Reform und ihre Kritiker, sie haben eine bildungspolitische Trümmerlandschaft hinterlassen. Sie waren nicht fähig etwas Vergleichbares zu schaffen, das den Anspruch auf Fortschritt und Verbesserung in Sachen Bildung hätte erheben können. 

 
1810 wurde die Berliner Universität gegründet. Ihr erster Rektor war Johann Gottlieb Fichte(1762-1814). Große Namen verbinden sich mit dieser Universität: Schleiermacher(1768-1834), Hegel(1770-1831) und Schelling(1775-1854), um nur diese stellvertretend für viele andere zu nennen. 1812 folgte die Gründung der Universität Breslau und 1818 Bonn. Eine Reform der Gymnasien ging damit einher, in der ein humanistisches Bildungsideal seine Verwirklichung finden sollte. Aber nicht nur die höhere Schulbildung wurde von der Erneuerung des Bildungswesens erfasst. Die Volks- und Elementarschulen wurden ebenso einem Reformkonzept unterworfen, um den Bildungsstand breiter Bevölkerungsschichten zu heben. Vorbild dafür war der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi(1746-1827) und sein sozialpädagogisches Modell. In Preußen war mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahr 1717 mit einem Schulbauprogramm begonnen worden, das dann ständig erweitert wurde. 

 
Eine wesentliche Bestimmung der Bildung war für Humboldt die „zweckfreie Bildung“. Die Zielvorgabe und Inhalt dieser Bildung waren nicht nur einfach Bildung des Intellekts und Anhäufung von Wissen. Die Persönlichkeit in seiner Individualität sollte in einer Ganzheit erfasst und „gebildet“ werden. 

 
Wer war Humboldt, der so nachhaltig den Bildungsweg vieler Generationen vorgezeichnet hat? Einige Stationen seines bildungsreichen Lebens, kurz gefasst, lassen Außergewöhnliches erkennen. Es gab kaum eine Persönlichkeit des deutschen Geisteslebens der Zeit, mit der Humboldt nicht in Verbindung getreten war. Eine besonders enge Freundschaft verband ihn mit Friedrich von Schiller. In Berlin gehörte er zu dem Kreis, die sich in dem Salon der Henriette Herz versammelten, die mit anderen jüdischen Frauen wie Dorothea Veit und Rahel Varnhagen die Salonkultur begründet hatten, wo die Geistesströme der Zeit und die sie tragenden Persönlichkeiten zusammentrafen. 

 
Humboldt hatte einen unersättlichen Bildungshunger und seine Bildungsbiographie ist etwas Auserlesenes. Diese Biographie ist deshalb wertvoll, weil die Früchte dieser Biographie nicht sein Leben und seine Zeit beschränkt geblieben sind. Ein Vorteil, den Humboldt anderen voraus hatte, darf nicht unerwähnt bleiben: Er war nicht nur wohlhabend, er war reich. Sorgen des Geldes und der Finanzen waren ihm zeitlebens unbekannt. 

 
1792 verfasste Humboldt die Abhandlung: „ Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“. Diese Schrift hatte eine Wirkungsgeschichte. Sie hat später auf den Liberalismus im 19. Jahrhundert einen großen Einfluss ausgeübt. 

 
Die Jahre 1797 verbringt Humboldt mit Sprachstudien und Bildungsreisen. 1797 bricht er zu einer Reise auf mit Familie. Und was könnte der Zweck gewesen sein? In fremde Menschen, fremde Sprachen und Kulturen will er sich vertiefen. Begriffe wie Freizeit und Zeitvertreib können mit Humboldt nicht in Verbindung gebracht werden. Über Dresden und Wien gelangt er 1799 nach Paris. Anziehend wirkt das französische Geistesleben auf ihn, aber er verfällt ihm nicht. 

 
Auf jeden Fall wirkt das andere faszinierend auf ihn. Das treibt ihn zu Sprachstudien und sprachphilosophischen Abhandlungen. Als Linguist gehört er zu den herausragenden Sprachwissenschaftlern der Geschichte. Neben den gängigen alten und neuen Sprachen der Zeit hat er umfassende Kenntnissen in Chinesisch, Koptisch, Sanskrit, Indianerdialekte, Baskisch, Isländisch. Malaiisch. Er verfasste ein dreibändiges Werk: „Über die Kawisprache auf der Insel Java“. 

 
Von Paris reist Humboldt nach Spanien, wo er sich bis 1801 aufhält, um im selben Jahr nach Berlin zurückzukehren. 1802 wird er vom preußischen König zum Ministerresidenten am Vatikan ernannt. Es folgen sechs Jahre Romaufenthalt. Neben seiner diplomatischen Tätigkeit findet er reichlich Zeit, sich besonders mit der römischen und griechischen Antike zu beschäftigen. Was denkt dieser universelle Geist über Deutschland? Im Stil der Zeit schreibt er an Friedrich Heinrich Jacobi(1743- 1819): „Weil ich dies heilige Feuer, das allein die Menschheit zugleich läutert und nährt, mehr als irgendwo sonst in der Deutschen Nation antreffe, so wächst dadurch wie ich nicht leugne, meine tiefe Achtung und innige Anhänglichkeit an sie.“ Bei diesen Zeilen sollte niemand ängstlich werden, Wilhelm von Humboldt war alles andere als ein Deutschtümmler. Es gibt keine Gesamtausgabe seines Riesenwerkes in Deutscher Sprache, sondern nur eine zwölfbändige Ausgabe ist von 1905 bis 1909 erschienen. Vielfach größer ist eine französische Ausgabe, die „Grande Édition“ (Große Ausgabe), die von 1805-1839 erschienen ist und dreißig Bände umfasst. Er war in der ständisch gegliederten Gesellschaft der Zeit ein Aristokrat, aber er hat dem Leben weit mehr gegeben als er von ihm genommen hat. Seine Reformen haben nach den Befreiungskriegen(1813-1815) keine Einbußen erlitten. 1820 schied er aus dem Staatsdienst aus, um sich bis an sein Lebensende 1835 seinen Studien zu widmen. 

 
Noch eine Reform darf in ihrer Bedeutung nicht vernachlässigt werden. 1812 erhielten die Juden in Preußen die staatsbürgerliche Gleichstellung. Sie war aber mit einer Sonderregelung versehen. Juden mussten für den gehobenen Staatsdienst besondere Auflagen erfüllen. Die letzten Schranken fielen erst im September 1869 durch ein Gesetz des Norddeutschen Bundes, das 1871 von Deutschen Reich übernommen wurde. 

 
Dennoch gelang es jüdischen Persönlichkeiten in der Zwischenzeit in einflussreiche Positionen vorzudringen. Es sei nur an Eduard Simson erinnert, der in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus eine führende Rolle einnahm. Er war Präsident der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, des Parlamentes der Erfurter Union 1850, des Preußischen Landtages 1862- 1866. 

 
Die Jahre 1807 bis 1812 waren für Preußen die Reformjahre. Beachtlich ist, wie sich die nötigen und für alle Bereiche befähigten Persönlichkeiten zusammenfanden und in den wenigen Jahren den Staat umgestalteten. 

 
Das Jahr 1813 rückte heran, und es kam die Zäsur der Befreiungskriege. Reformen mussten erst einmal hintenanstehen. 

 
Die Reformjahre waren eine gute Vorbereitung für das Jahr 1813 gewesen. Sie hatten ein Vertrauenspotential geschaffen mit Zukunftshoffnung und damit die Bereitschaft ein Opfer zu bringen. Eine der Hoffnungen war die mögliche künftige Einheit Deutschlands. 

 
Zu Beginn des Jahres 1813 sammelten sich die Freiwilligenverbände, die auch aus den mit Frankreich verbündeten Rheinbundstaaten kamen. Die Uniformen des Lützowschen Freikorps waren auf die Farben schwarz- rot- gold ausgelegt. Das war schon einmal verdächtig. Anfang Februar trat in Königsberg eine Ständeversammlung zusammen, Landwehrverbände, die als eine Volksmiliz angesehen werden konnten, wurden aufgestellt. Freiherr von Stein, gestützt auf Russland, förderte diese Entwicklung, die vom preußischen König mit Argwohn wahrgenommen wurde. 

 
Die Freiwilligenverbände durften anfangs ihre Führer selbst wählen. 

 
Das Vertrauen in eine neue Zukunft breitete sich aus. Es wurde in Preußen, wo die Verhältnisse es gestatteten, eine Landwehr organisiert und aufgebaut. Das war eine Volksmiliz, die 120000 Kämpfer aufbieten konnte. So konnte das durch Gebietsverluste im Tilsiter Frieden 1807 nahezu halbierte Preußen, zu Beginn der Kämpfe 1813 neben Landwehr, Freiwilligenverbänden und der regulären Armee Truppenverbände mit einer Gesamtzahl von 280000 Soldaten ins Feld führen, vergleichbar jeder anderen europäischen Großmacht. 

 
„ Alle Bürger des Staates sind geborene Verteidiger desselben...“ hatte Scharnhorst mit der Verkündigung der allgemeinen Wehrpflicht verlauten lassen. 

 
Am 17. März 1813 erließ Preußens König den „Aufruf an mein Volk“. Das waren gänzlich neue Töne. Das Volk wurde so direkt angesprochen und mit einbezogen. Denen, die das Alte so weit als nur möglich erhalten wollten, und dazu gehörte der König, war diese Entwicklung unangenehm. Aber die Situation war so: Auf das Volk konnte jetzt nicht verzichtet werden, wenn die geplante Befreiungstat gelingen sollte. An diesem Gelingen waren alle interessiert, und so ergab sich eine Zwangslage, die ein Entgegenkommen erforderte. Über Generationen war in preußisch- deutschen Schulbüchern der sentimentale Satz zu lesen: „Der König rief, und alle, alle kamen.“ Zeitzeugen selbst hatten dazu eine Korrektur angebracht, die besagte: „Alle, alle riefen, und der König kam immer noch nicht.“ 

 
Volksbewaffnung und allgemeine Wehrpflicht hatten nicht die Sympathie des Königs und einflussreicher Militärs seiner Umgebung. Sie fürchtete er als mögliches zukünftiges Zentrum einer Revolution. 

 
Die Befreiungskriege 1813/15 endeten endgültig mit der Niederlage Kaiser Napoleons im Juni 1815 in der Schlacht bei Waterloo. 

 
Die Unterdrückung von außen hatte damit ein Ende gefunden, wie stand es mit der Unterdrückung von innen? Sie endete nicht so erfolgreich. Alles, was auf dem Wege zu ihrer Beseitigung bisher erreicht worden war, kam wieder auf den Prüfstand der herrschenden Gewalten, die 1789 mit dem Festhalten am Althergebrachten eigentlich alles ausgelöst hatten. Die verheißungsvoll begonnenen Reformen wurden ausgebremst. Auf dem tanzenden Wiener Kongress, wo sich die Mächtigen Europas versammelten, um eine neue Ordnung auszuhandeln, wurde des Volkes Stimme nicht mehr gehört, es hatte sich aufgeopfert und seine Schuldigkeit getan, es wurde nicht mehr benötigt. Der Gedanke daran wurde in den rauschenden Festen, von der Hocharistokratie Europas veranstaltet, als lästig empfunden. Vergessen waren in der luxuriösen Prachtentfaltung rauschender Ballnächte die Grenadiere, die fünfzehn Jahre lang millionenfach auf den Schlachtfeldern Europas verblutet waren. 

 
Die erhoffte Einheit Deutschlands erfüllte sich nicht. Die Erwartungen der hoffnungsvoll Aufblickenden gelangten nicht zur Ausführung. Ein einiges Deutschland, darin war sich Europa zuerst einig, sollte es nicht geben, wenn auch Preußen mit Unterstützung Russlands gestärkt aus den Verhandlungen hervorging. 

 
Der Westfälische Frieden 1648 in Münster und Osnabrück beendete den Dreißigjährigen Krieg. Deutschland wurde aufgeteilt in souveräne Staaten, um die dreihundert waren es zum Abschluss der Verhandlungen. An den Friedensverhandlungen hatten neben Frankreich und Schweden, die unmittelbar am Krieg beteiligt gewesen waren, auch Staaten wie England, Holland, Spanien und Portugal teilgenommen. Als Signatar- und Garantiemächte des Friedensschlusses rangierten Schweden und Frankreich an erster Stelle. Schweden wurde als Garantiemacht 1779 von Russland abgelöst. So hatten ausländische Mächte immer ein Mitspracherecht in deutschen Angelegenheiten. Sämtliche Mündungen großer Flüsse waren in ausländischen Händen, so war Deutschland weitgehend vom Welthandel abgeschnitten oder abhängig. Für die Kolonialimperien, die nach der Zeit entstanden, lieferte Deutschland allenfalls Söldnerheere und die Prinzen und Prinzessinnen für europäische Monarchien. 

 
Dem Klein- und Kleinststaatengetümmel hatten Napoleon und Zar Alexander 1803 ein Ende bereitet und die deutsche Staatenwelt durch Mediatisierung neu geordnet, indem kleine Staaten größeren Territorien zur Abrundung einverleibt wurden. Frankreich nahm alle linksrheinischen deutschen Territorien in Besitz. Unter dem Druck der beiden Herrscher kam es 1803 zum Reichsdeputiertenhauptschluss, die gemäß der Bestimmung des Westfälischen Friedens sich für befugt hielten über Deutschland zu entscheiden. Er war das eigentliche Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das sich dann mit der Gründung des Rheinbundes 1806 durch Napoleon, der sich 1804 zum Kaiser gekrönt hatte und der Niederlegung der Kaiserkrone durch Kaiser Franz II.(1768- 1835) 1806 endgültig erledigte. Es entstanden Königreiche, Großherzogtümer und Herzogtümer. Die geistlichen Fürstentümer wurden gänzlich aufgelöst und säkularisiert und mediatisiert. Das System wurde mit der Gründung des Deutschen Bundes 1815 übernommen. Deutschland blieb danach weiter aufgeteilt in neununddreißig souveräne Staaten mit den europäischen Großmächten, fünf an der Zahl, als Garantiemächte, die sich somit ein Mitspracherecht in Deutschen Angelegenheiten gesichert hatten. Erst der staatsmännischen Begabung Otto von Bismarcks gelang es aus diesem System auszubrechen. 1866 fand der Deutsche Bund, der bis dahin unter Führung Österreichs bestanden hatte, ein Ende. Ein Gedicht beschreibt die Stimmung der Zeit zu diesem Ereignis: „Als man ihn(den Deutschen Bund) zu Grabe gebracht, hat niemand geweint, doch mancher gelacht.“ Der Deutsche Bund hatte im Vergleich zu den Bestimmungen des Westfälischen Friedens keine wesentlichen Veränderungen für Deutschland gebracht. 

 
Der Wiener Kongress hatte die „Die Deutsche Frage“ mit der Gründung des Deutschen Bundes erledigt. Wie war es mit der Errichtung von Volksvertretungen und eines demokratischen Verfassungsstaates? 

 
Der Reformeifer war erloschen, wo er aufflammte, wurde er ausgetreten. Im günstigsten Falle wurde das Erreichte konserviert, was in den Reformjahren auf den Weg gebracht worden war. 

 
Der Rückfall in alte Denkweisen nahm zu, wenn auch zunächst noch unbestimmte Absichtserklärungen neue Erwartungen keimen ließen. 

 
Im Mai 1815 erließ der preußische König von Wien aus die „Verordnung über die zu bildende Repräsentation des Volkes“. Entsprechend sollten die ständischen Provinzialverfassungen geändert werden. Außer dieser Zusage geschah nichts weiter. Das Verfassungsversprechen, das schon vor den Befreiungskriegen gegeben worden war, wurde nicht eingelöst. Im Oktober 1817 führte diese hinhaltende Politik zu einem ersten Aufbegehren. Fünfhundert Abgeordnete von zwölf evangelischen Universitäten waren zum Lutherfest auf die Wartburg gekommen, eingedenk der dreihundertjährigen Wiederkehr der Reformation und der Schutzhaft, die Luther dort genossen, und die er zur Übersetzung des Neuen Testamentes genutzt hatte. Es war aber kein Fest für den christlichen Glauben auch nicht für den evangelischen Glauben, es war eine politisches Demonstration mit Forderungen nach der Einheit Deutschlands und Einlösung des Verfassungsversprechens. Die Verknüpfung theologischer und politischer Inhalte, in denen Glaubensinhalte zu politischen Inhalten umfunktioniert wurden, die im Namen Martin Luthers stattfand, hätte Luther missbilligt. 

 
Autoren von Schriften und Büchern, die eine Rückkehr zu vorrevolutionären Zuständen von 1789 befürworteten sowie Relikte aus absolutistischer Zeit wie Korporalsstock und Haarzopf wurden dem Feuer übergeben. Die Studenten hatten sich in Burschenschaften organisiert, mit schwarz- rot- gold als die tragenden Farben. 

 
Im März 1819 wurde der in russischen Diensten stehende Dichter und Schriftsteller August von Kotzebue(1761-1819) von einem Mitglied der Burschenschaften ermordet. Die zahlreichen Theaterstücke, von Kotzebue verfasst, hatten großen Zulauf. Mit der Zahl der Aufführungen seiner Stücke übertraf er sogar Goethe und Schiller. Inhalt und Aufmachung hatten mehr Unterhaltungswert. Er geriet schnell in Vergessenheit. Der Grund für die Tat war die Herausgabe seiner Wochenzeitschrift: „Literarisches Wochenblatt“ mit spöttisch- ironischen Kommentaren zu den deutsch- nationalen Zielsetzungen der Burschenschaften. Kotzebue hatte sich abwechselnd in Deutschland und Russland niedergelassen. Er war in Deutschland wie in Russland gleichermaßen heimisch, auch mit seinem literarischen Schaffen. In Russland wurde er einmal kurz nach Sibirien verbannt. 1792 hatte er in Mainz Erfahrungen mit einer von Frankreich gestützten Revolutionsregierungen gemacht. Sein Urteil fasste er zusammen in der Feststellung, der Terror von unten unterscheide sich nicht von dem Terror von oben. Gemäß dieser Einschätzung teilte er in seinen Publikationen nach beiden Seiten aus. 

 
Der Einfluss, den Kotzebue auf die allgemeine Situation in Politik und Gesellschaft ausübte, war gering, darum musste die Mordtat als ein unverhältnismäßiges Mittel angesehen werden. 

 
Noch unverhältnismäßiger war die Reaktion darauf. Sie führte im August 1819 zu den „Karlsbader Beschlüssen“, die das Gebiet des Deutschen Bundes umwandelten in einen Zensur- und Polizeistaat. Burschenschaften wurden verboten und ihre Mitglieder verfolgt und inhaftiert. Die Verfolgungsmaßnahmen wurden aber auch auf andere Bereiche der Gesellschaft ausgedehnt. Resignation breitete sich aus, die sich in einem Gedicht wiederspiegelt: 

 
„Das Band ist zerschnitten, 
War schwarz rot und gold, 
Gott hat es gelitten, 
Wer weiß, was er gewollt.“ 

 
Hauptinitiator für diese mit Nachdruck betriebene Politik war der österreichische Staatskanzler Clemens Fürst von Metternich(1773 - 1859). Zwei Jahrzehnte hielt das „System Metternich“. Erst mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV.(1795-1861) wurden die Zensurbestimmungen in Preußen gelockert. 

 
Zu einer Entscheidung in der Verfassungsfrage, die aber nicht als Fortschritt angesehen werden konnte, kam es 1828. Es war bei wohlwollender Betrachtung ein Einstieg. 

 
Der Einfluss der konservativen Hofpartei, die keine politische Partei im eigentlichen Sinne war, brachte einige Bewegung nach langer Zeit der Unentschlossenheit. Auf dem Verordnungswege wurden Provinziallandtage eingeführt. Die Maßnahme erfüllte nicht annähernd das zuvor gegebene Versprechen. Die Vertreter dieser Landtage waren nicht aus Wahlen hervorgegangen. Volksvertretungen durch Provinziallandtage zu ersetzen waren ein getarnter Versuch, die Politik der Restauration zu verschleiern. Aber die gesellschaftliche Beschaffenheit, die vor 1789 bestand ließ sich nicht wiederherstellen. Zu sehr hatte sich das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein geändert. Selbst konservative Kreise wollten eine solche Rückkehr nicht. Zwanzig Jahre sollten noch vergehen, bis ein konstitutioneller Wandel sich vollzog. Die Provinziallandtage besaßen nur Beratungs- und Petitionsrecht. 

 
Der Misserfolg der Reformbemühungen war bereits kurz nach den Befreiungskriegen in seiner Entwicklung erkennbar. 

 
Wilhelm von Humboldt war ins Innenministerium berufen und mit der Aufgabe betraut worden, Pläne auszuarbeiten für die Behandlung ständischer Fragen und geriet mit seinen Vorstellungen bald in Gegensatz zu Hardenberg. 

 
Humboldt stand selbst dem aufgeklärten Absolutismus mit den Reformen „von oben“, wie sie von Friedrich dem Großen (1712-1786) und Kaiser Joseph II.(1741-1790) betrieben worden waren, ablehnend gegenüber. 

 
Er war für eine aus Wahlen hervorgegangene Volksvertretung und verfolgte dieses Ziel ohne Umschweife. Hardenberg billigte diese Zielvorstellung, nur wollte er außenpolitische Verwicklungen mit dem Österreich Metternichs und Russland vermeiden. Als Humboldt diese Außenpolitik mit Kritik bedachte, wurde der Bruch unvermeidlich. Er schied Ende 1819 aus dem Staatsdienst aus. 

 
Seine 1810 durchgeführte Bildungsreform wurde nicht beschädigt. In ihr sollte in jeder Schulgattung eine Nationalerziehung durch humanistische Bildungsziele umgesetzt werden. 

 
Es darf auch nicht verkannt werden, dass höhere Schulbildung und Hochschulbildung mit ganz wenigen Ausnahmen materiell besser gestellten Gesellschaftsschichten vorbehalten war. 

 
Hardenberg starb 1822. Freiherr von Stein war nach 1815 nicht wieder in einflussreiche Stellungen gelangt. Die Enttäuschung über die Ergebnisse des Wiener Kongresses hatten ihn zum politischen Rückzug bewogen. Was von seinen Reformen blieb war die kommunale Selbstverwaltung. 

 
Die Agrarreform zeitigte unsoziale Auswirkungen. Es trat eine Entwicklung ein, die den Großgrundbesitz östlich der Elbe begünstigte. Der vielgescholtene „Ostelbische Junker“ trat in Erscheinung. Bismarck sollte später einmal sagen: „Ja, ich bin ein Junker, und ich will auch meinen Vorteil davon haben.“ 

 
Erfolgreich verlief nach 1815 die Reform des Finanzwesens durch den Finanzminister von Bülow(1774-1825). Bei Ausgang der Befreiungskriege hatte Preußen durch Kontributionen für die französische Besatzung und den Kriegsauswirkungen eine Staatsschuld von 218 Millionen Talern aufgehäuft. Schon 1830 betrug der preußische Staatsschatz 40 Millionen Taler. Das war echt preußisch. 

 
Preußen war kein absolutistischer Willkürstaat. Es hatte sich feste Rechtsgrundlagen geschaffen, die auch der König nicht umgehen konnte. Das Ethos des preußischen Beamten stand auch außerhalb Preußens in einem guten Ruf. 

 
Als ein besonders wichtiges Datum muss das Jahr 1834 ausgemacht werden. Es war von wirtschaftlicher Bedeutung, und in dem Jahr wurde ein wichtiger Baustein zum Bau der deutschen Einheit eingefügt. Zu Beginn des Jahres 1834 schlossen sich die Nord- und Süddeutschen Staaten zum Deutschen Zollverein zusammen, der zum Abbau der Binnenzölle führte und so ein einheitliches Wirtschaftsgebiet schuf. Österreich blieb ausgeschlossen. 

 
Es zeichnete sich so bereits eine preußische Hegemonialstellung und die „kleindeutsche Lösung“ ab. 

 
Mit der beginnenden Industrialisierung in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts breitete sich soziales Elend aus: Der Pauperismus(Armut), bekannt durch den Aufstand der schlesischen Weber 1844. Das Ereignis wurde von Gerhard Hauptmann (1862-1946) zu einem dramatischen Stoff verarbeitet, und von Heinrich Heine(1797- 1856) in einem Gedicht beschrieben: 

 
Im düsteren Auge keine Träne, 
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: 
Deutschland, wir weben dein Leichentuch, 
Wir weben hinein den dreifachen Fluch- 
Wir weben, wir weben! 
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten 
In Winterskälte und Hungersnöten; 
Wir haben vergebens gehofft und geharrt, 
Er hat uns geäfft gefoppt und genarrt- 
Wir weben, wir weben! 
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 
Den unser Elend nicht konnte erweichen, 
Der den letzten Groschen von uns erpresst 
Und uns wie Hunde erschießen lässt- 
Wir weben, wir weben! 
Ein Fluch dem falschen Vaterlande, 
Wo nur gedeihen Schmach und Schande, 
Wo jede Blume früh geknickt, 
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt- 
Wir weben, wir weben! 
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, 
Wir weben emsig Tag und Nacht- 
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, 
Wir weben hinein den dreifachen Fluch, 
Wir weben, wir weben! 

 
In der Zeit des Vormärz von 1815 bis 1848 orientierte sich Preußen nach Osten und ging in der „Heiligen Allianz“ außenpolitisch eine enge Verbindung mit Russland und Österreich ein. Im September 1815 trafen sich die drei Monarchen Zar Alexander I. von Russland ,Kaiser Franz I. von Österreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, um ein Bündnis besonderer Art einzugehen. Die drei Monarchen gründeten ihr Bündnis dogmatisch auf die christliche Religion in einem „brüderlichen und christlichen Bündnisvertrag“. Im Namen der unteilbaren heiligen Dreieinigkeit sollten „ihre gegenseitigen Beziehungen auf die erhabenen Wahrheiten gründen, die die unvergängliche Religion des Erlösers(Jesus Christus) lehrt“. Alle Staaten wurden eingeladen, sich dieser Heiligen Allianz anzuschließen. Mit dem christlichen Anspruch, den dieses Bündnis erhob, stellte es sich bewusst gegen die Prinzipien der napoleonischen Herrschaft und gegen die politischen Zielsetzungen, die von der Französischen Revolution aufgestellt, und die als gegen die christliche Religion gerichtet erkannt worden waren. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoj(1828-1910) sieht in seinem Werk „Krieg und Frieden“ in Napoleon I. den Antichristen. Eine solche Sichtweise birgt Gefahren in sich. Sicher gab es in den Ländern der drei Monarchien vieles, was überhaupt nicht christlich war. Politik zumal weltliche Politik kann zumindest nicht dogmatisch auf die christliche Religion begründet werden. Das ist unzulässig. Wohl kann sie auf ethische Maßstäbe der christlichen Religion aufgebaut werden, wenn sie das unternimmt, dann muss sie sich auch mit den ethischen Maßstäben der christlichen Religion messen lassen. 

 
Martin Luther habe den protestantischen Obrigkeitsstaat begründet, behaupten seine Kritiker. 

 
Nun, der Grundsatz: cuius regio, eius religio (wessen das Land, dessen der Glaube), demzufolge die Untertanen dem Glauben ihres Landesherren folgen mussten, war das Ergebnis des Augsburger Religionsfriedens, der 1555 von den katholischen und protestantischen Reichsständen ausgehandelt wurde. Da weilte Luther schon nicht mehr in dieser Welt. Das wie vieles andere, das im Verlauf der Glaubenskämpfe und Glaubenskriege seine Verwirklichung gefunden hat, war von Luther ursprünglich nicht so gewollt. Tatsache ist und bleibt: Die vielen Kritiker Martin Luthers haben auch nicht annähernd in der Geschichte Wirklichkeit werden lassen verglichen mit dem, was Luther auf den Weg gebracht hat. 

 
Ein Bismarckzitat, das auch seine Kritiker in Anspruch genommen haben, besagt: „Mit der Bergpredigt kann ich keine Politik machen.“ Die Bergpredigt gilt als das Herzstück der christlichen Botschaft. Gelten für einen Politiker wie Bismarck andere Maßstäbe als gemeinhin für andere Individuen? Die Frage ergibt sich zwangsläufig. Wenn Bismarck nach dem Buchstaben der Bergpredigt hätte handeln wollen, dann hätte er zu den Dänen sagen müssen: Nehmt Schleswig- Holstein, und zu den Österreichern hätte er sagen müssen: Übernehmt uneingeschränkt die Führung des Deutschen Bundes, wir unterwerfen uns bedingungslos, und zu Kaiser Napoleon III. hätte er sagen müssen: Nimm alle deutschen Gebiete auf dem linken Rheinufer. Ein Politiker in der Stellung Bismarcks ist nicht nur mit seinem Gewissen sich selbst verpflichtet, sondern er handelt für ein Kollektiv und für alle, die diesem Kollektiv, sprich Staat, angehören. Über die Gewissen dieser Individuen kann er nicht einfach selbstherrlich entscheiden. Darum hat Max Weber(1864-1920) auch unterschieden zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Eine weitere Frage kommt notwendig: Können Politiker moralische Kategorien außer acht lassen? Das können sie nicht, und das hat Bismarck in seiner Politik auch nicht getan, das ist zwar vielfach behauptet worden, es stimmt aber einfach so nicht. 

 
Was theologisch für Martin Luther gilt, das gilt politisch für Otto von Bismarck. Bismarck, so die gängige und geläufige Kritik, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, habe zu wenig Demokratie verwirklicht. Er hat mehr Demokratie verwirklicht als seine Kritiker wahrhaben wollen. Nicht wenige Nachfolger Bismarcks haben es neben ihrer Kritik versäumt, das Begonnene fortschrittlich weiterzuentwickeln. 

 
Die geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution hatten nicht die Absicht die christliche Religion und Kirche zu reformieren. Viele von ihnen waren Gegner des christlichen Glaubens. Sie verfochten ein politisches Anliegen, sie wollten Staat und Gesellschaft politisch reformieren. Ihr Anliegen, das zur Französischen Revolution geführt hat, war berechtigt. Von Luther ist ein Zitat beigebracht worden in dem er ausführt: Um einen Staat zu organisieren ist der christliche Glaube nicht nötig, das können die Heiden auch, und sie können es oft noch besser. In dieser Aussage ist schon ein Stück Aufklärung zu erkennen. 

 
Der Staatsrechtler Montesqieu( 1689- 17755), der die Lehre von der Gewaltenteilung begründet und ausgeformt hat, forderte in seinem Werk auch die Einhaltung von Tugenden, womit er klargestellt hat, dass auch ein demokratisch ausgestalteter Verfassungsstaat auf ethische Maßstäbe nicht verzichten kann. 

 
Die Heilige Allianz, die sich mehr dogmatisch als ethisch auf die christliche Religion gründete, wollte aber die berechtigten Forderungen, mit denen die Französische Revolution bestimmend wurde für den Lauf der Geschichte nicht anerkennen und begründete das dogmatisch nicht ethisch. 

 
Der glaubende Christ wird hier in ein Spannungsfeld versetzt, das sich wiederfindet in der Diskrepanz zwischen dogmatischen und ethischen Anspruch der christlichen Religion. 

 
Dogmatisch müsste sich der Christ hingezogen fühlen zum Bekenntnis der Heiligen Allianz, ethisch müsste er sich den politischen Reformbestrebungen der Zeit zuwenden, das gilt auch rückblickend. In dieses Spannungsfeld wurde König Friedrich Wilhelm IV. hineingezogen, als er 1840 den preußischen Thron bestieg und mit dem Verfassungsversprechen seines Vaters konfrontiert wurde. Er ist in diesem Spannungsfeld zerbrochen. Eines darf nicht verkannt werden: Friedrich Wilhelm IV. und einige seiner engen Mitarbeiter waren beeinflusst durch eine christliche Erweckungsbewegung nach den Befreiungskriegen. Für sie war der christliche Glaube nicht einfach ein Vorwand, um gehorsame Staatsraison zu erwirken. 

 
Es gab aber an der Heiligen Allianz etwas sehr Bemerkenswertes. Die drei Monarchen gehörten drei verschiedenen christlichen Konfessionen an. Zar Alexander I. war russisch- orthodox, Kaiser Franz I. katholisch und der preußische König Friedrich Wilhelm III. protestantisch. Als solche traten sie für die Einheit der Christenheit ein. Der Papst lehnte darum dieses Bündnis ab. Und noch eine Macht stellte sich dagegen: Die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit der nach ihm benannten Monroe- Doktrin wollte der amerikanische Präsident Monroe(1758-1831) ein Eingreifen europäischer Mächte in Südamerika verhindern, wo die spanischen Kolonien um ihre Loslösung vom Spanien mit nordamerikanischer Unterstützung Krieg führten. 

 
Die Heilige Allianz kann als ein Vorläufer des Völkerbundes und der UNO angesehen werden. 

 
1848 endete der europäische Vormärz, der zwei ein halb Jahrzehnte angedauert hatte. 

 
Die Märzrevolution in Berlin, brachte die lang geforderte Verfassung, wenn auch noch mit vielen Unzulänglichkeiten. Die Märzrevolution 1848 in Wien war das endgültige Ende Ära Metternich. Er trat von allen seinen Ämtern zurück und floh nach England. 1851 kehrte er in seine Heimat zurück. Ein politischer Einfluss wurde ihm nicht wieder eingeräumt. Wieder einmal wurde mit Waffengewalt das bewirkt , was Vernunft und freie Entscheidung ebenso hätten bewirken können. 

 
Gegen Preußen und später Deutschland ist oft der Vorwurf erhoben worden, sie hätten sich zu sehr nach den osteuropäischen Großmächten Österreich und Russland orientiert. Hätten sie sich mehr nach Westen orientiert, dann wären beide in ihrer Entwicklung demokratischer geworden. In solchen Thesen ist ein in nicht geringem Umfang politischer Opportunismus enthalten. Über Jahrhunderte hinweg waren sich nämlich der Osten und der Westen in einem Punkt einig: Deutschlands Machtzuwachs zu verhindern, und es sich so immer gefügig zu erhalten und nutzbar zu machen. In den Revolutionswirren des Jahre 1848 hatte Zar Nikolaus I.(1796- 1855) dem preußischen König, der immerhin sein Schwager war, offen mit militärischer Intervention gedroht, wenn er den aus seiner Sicht revolutionären Bestrebungen zu weit entgegenkäme. Auf westliche Solidarität hätte Preußen in einem solchen Fall nicht rechnen dürfen. 
  
  

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Jetzt wusste ich: die Dinge sind ganz und gar das, was sie scheinen - und hinter ihnen... ist nichts. (Jean-Paul Sartre)

Il y a deux façons de ne pas raconter sa vie: l'une est de se taire et l'autre c'est d'écrire.
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MessagePosté le: Aujourd’hui à 08:20 (2017)    Sujet du message: Die preußischen Reformen / Les réformes en Prusse

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