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Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit

 
Poster un nouveau sujet   Répondre au sujet    Forum des germanistes. Index du Forum -> CAPES / Agrégation 2008-2009 -> Mutations politiques, sociales, économiques et culturelles dans les pays de langue allemande entre 1789 et 1815
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Malte
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 19:07 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_II._(Preußen)


Friedrich Wilhelm II. (Preußen)

 
 
Anton Graff: Friedrich Wilhelm II. von Preußen  

Friedrich Wilhelm II. (* 25. September 1744 in Berlin; † 16. November 1797 in Potsdam) war König von Preußen, im Volk Der dicke Lüderjahn(Bedeutung: Taugenichts) genannt.

Jugend 



 
 
Friedrich Wilhelm II. von Preußen  

Friedrich Wilhelm wurde 1744 als ältester Sohn des preußischen Prinzen August Wilhelm von Preußen (1722–1758), des jüngeren Bruders vonFriedrich dem Großen geboren. Aufgrund der Kinderlosigkeit des Königs wurden zunächst August Wilhelm und nach dessen Tod sein Sohn Friedrich Wilhelm preußische Thronfolger. Aufgrund einer Abneigung Friedrichs gegenüber seinem Bruder und dessen in seinen Augen „schlechtem“ Lebenswandel wurde die Anrede der Thronfolger im Hause Preußen geändert. Danach durfte sich nur noch der älteste Sohn eines amtierenden Königs mit dem Titel „Kronprinz von Preußen“ schmücken. Thronfolger, die nicht direkte Abkömmlinge des regierenden Monarchen waren, mussten sich mit dem Titel „Prinz von Preußen“ begnügen. Diese Regelung galt übrigens bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918. Das schlechte Verhältnis des Königs zu seinem Bruder übertrug sich aber nicht unmittelbar auf seinen Neffen. Friedrich hatte nicht vor, die Fehler seines Vaters zu wiederholen, der ihn nach seinem Bild formen wollte, was bekanntlich in einer Katastrophe geendet hatte. 1760 erließ er detaillierte Anweisungen zur Erziehung des Neffen. Diese Anweisungen könnten heute noch im Grundsatz vorbildlich sein. In der Endphase des Siebenjährigen Kriegesnahm der junge Prinz auch an militärischen Einsätzen teil (Belagerung von Schweidnitz) und wurde vom König für seine Tapferkeit gelobt. Im Lauf der Zeit änderte sich allerdings das Verhältnis zwischen dem Monarchen und seinem Thronfolger grundlegend. Die Gründe hierfür liegen in den verschiedenen Charakteren der beiden Personen. Friedrichs Lebensstil und Staatsauffassung unterschieden sich grundlegend von denen seines Neffen. Friedrich lebte nach dem Grundsatz, der „Erste Diener seines Staates“ sein zu wollen. Für ihn gab es kaum ein Privatleben, und er vermied, wenn es irgendwie möglich war, gesellschaftliche Auftritte. Stattdessen widmete er sich vor allem nach 1763 mehr und mehr der Politik und der Regierungsarbeit. Dabei vertiefte er sich auch in kleinste Details und hielt die Fäden der preußischen Politik in seinen Händen zusammen. Dabei vergaß er allerdings, seine Umgebung und vor allem seinen Thronfolger an den politischen Vorgängen teil haben zu lassen. Friedrich Wilhelm seinerseits war ein junger Prinz und als solcher wollte er nicht nur dem Staat dienen, sondern auch sein Leben genießen. Eine Einstellung, die er mit vielen seiner adligen Zeitgenossen im Europa des 18. Jahrhunderts teilte. Der Prinz hatte in seinen jungen Jahren einige Geliebte, was von den konservativen Kräften am preußischen Hof mit dem König an der Spitze negativ vermerkt wurde. In diesem Punkt war Friedrich Wilhelm seinem verstorbenen Vater ähnlich, der unter anderem auch deshalb bei seinem königlichen Bruder in Ungnade gefallen war. (Der andere Grund war eine verlorene Schlacht im Siebenjährigen Krieg).

Heirat 


 
 
Friederike Luise von Hessen-Darmstadt  

1765 beschloss der König, seinen Thronfolger mit der Prinzessin Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig-Wolfenbüttel zu verheiraten. Diese Ehe verlief sehr unglücklich. Beide Ehepartner nahmen es mit der ehelichen Treue nicht zu genau. Nur was man dem Thronfolger verzieh, wollte man seiner Frau nicht verzeihen, weil man bei ihren Kindern den Vater nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, und damit die Thronfolge dieser Kinder in Frage gestellt werden konnte. Ein Ultimatum zur Besserung ließ die Prinzessin unerfüllt verstreichen. Als man dann noch einen Brief der Prinzessin abfing, in dem sie einen ihrer Liebhaber bat, sie zu entführen, war ihre Zeit am preußischen Hof abgelaufen. Die Ehe wurde geschieden und die Prinzessin nach Stettin verbannt. Die Tochter Friederike (1767-1820) wurde 1791 mit dem Herzog Friedrich von York verheiratet.
Nach der Scheidung begannen am Potsdamer Hof sofort neue Aktivitäten zur erneuten Vermählung des königlichen Prinzen. Immerhin brauchte die Dynastie einen männlichen Stammhalter. Man entschied sich schließlich für die Prinzessin Friederike Luise von Hessen-Darmstadt. Diese erfüllte dann auch den Wunsch ihrer neuen Familie und sorgte für Nachwuchs im preußischen Königshaus.

Wilhelmine Encke 

Seine zweite Ehe änderte nichts an Friedrich Wilhelms außerehelichen Affären. Bereits 1764 hatte der Prinz die Tochter eines Musikers namens Wihelmine Encke (1753-1820) kennengelernt. Diese galt ab 1769 mit Billigung des Königs als offizielle Mätresse des Kronprinzen und erhielt eine jährliche Apanage von 30.000 Talern. Der Form halber wurde sie mit einem Kammerdiener namens Riez verheiratet, was aber nichts an dem Verhältnis mit dem Prinzen änderte. Gemeinsam mit dem späteren König hatte sie fünf Kinder. 1796 wurde sie zur Gräfin Wilhelmine von Lichtenau erhoben. Ihr politischer Einfluss ist umstritten, war aber eher gering. Trotzdem erhielt sie den Beinamen einer preußischen Madame de Pompadour. Nach dem Tod des Königs 1797 fiel sie in Ungnade und wurde inhaftiert, später aber wieder rehabilitiert.

Freimaurer und spiritistische Neigungen 

Neben ihr hatte der spätere König auch noch andere Mätressen wie z. B. die Gräfin Dönhoff. Sie alle spielten aber politisch keine große Rolle. Eine große Bedeutung kam aber einer anderen Leidenschaft Friedrich Wilhelms zu: dem Okkultismus. Der Prinz hatte sich dem freimaurerischen Orden der Gold- und Rosenkreuzer zugewandt. Die Lehren dieses Ordens waren schwer durchschaubar und basierten auf einem Gemisch aus Bibeltexten, TheosophieMystizismusAlchemie und Kabbalistik (S. Fischer-Fabian). Der Orden fühlte sich von Gott beauftragt, Millionen von Seelen vor dem „Bösen“ zu retten. Die wichtigste Seele war natürlich Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen. Zwei der führenden Ordensvertreter warenJohann Christoph von Wöllner und Johann Rudolf von Bischoffwerder. Diesen gelang es, den Prinzen von ihren Lehren zu überzeugen. Sie schafften es sogar, spiritistische Sitzungen zu inszenieren, in deren Verlauf dem König vorgespielt wurde, mit seinen verstorbenen Vorfahren zu reden und sich Rat von ihnen zu holen. Zeitweise beteiligte sich auch Wilhelmine Encke an diesem Spuk, um ihre eigene Position zu festigen. Der Rat seiner Vorfahren fiel selbstverständlich immer im Sinne des Ordens aus, und bald nach der Thronbesteigung ihres Schülers stiegen Wöllner und Bischoffswerder in wichtige Staatsämter auf.

Der König 

Als 1786 sein Onkel Friedrich II starb wurde aus dem „Prinzen von Preußen“ König Friedrich Wilhelm II. Bei seinem Regierungsantritt war er sehr beliebt. Das Volk erhoffte sich eine allgemeinen Besserung seiner Lage. Der verstorbene König war am Ende seiner Regierung längst nicht mehr populär gewesen und so löste sein Tod in Preußen keine große Trauer aus. Der neue König verlegte die Residenz von Sanssouci zurück nach Berlin und stieß damit bei den Berlinern auf große Begeisterung. Er schaffte eine verhasste Steuer ab und verteilte Orden und Auszeichnungen. Unter den Rangerhöhungen waren aber auch Wöllner und Bischoffswerder. Er gab große Summen für Kunst und Bautätigkeit aus, und ließ etwa in Berlin das Brandenburger Tor errichten. Bald aber zeigten sich auch die Schattenseiten des neuen Monarchen. Bedingt durch die mangelende Einführung seines Onkels in die politischen Abläufe konnte er den Staat nicht wie dieser von seinem Schreibtisch aus weiter regieren. An die Stelle der Selbstregierung seiner Vorgänger trat eine Kabinettsregierung, in der Wöllner großen Einfluss ausübte. Statt dem Volk einen frischen Antrieb politischen und geistigen Lebens mitzuteilen, wurden am 9. Juli 1788 das berüchtigte Religionsedikt und am 19. Dezember ein Zensuredikt erlassen, welche dem preußischen Volk die Freiheit auf dem einzigen Gebiet, das ihm Friedrich II. gelassen, dem religiösen und literarischen, auch noch rauben sollten.
Ein anderer wesentlicher Faktor und Fehler in der preußischen Innenpolitik war die Beibehaltung der alten Verwaltungsstruktur sowie die Beamten und Offiziere Friedrichs des Großen. Die meistens von ihnen waren bereits seit 1763 im Amt und Friedrich hatte sie aus Dankbarkeit in seinen Diensten behalten. Sie hatten in ihren jüngeren Tagen fraglos viel für Preußen und seinen damaligen König getan. Inzwischen waren aber viele von ihnen über 65, manche sogar über 70 Jahre alt und nicht mehr flexibel genug um neueren Ansprüchen gerecht zu werden. Das wirkte sich auf die Staatsverwaltung negativ aus, noch größer aber war der Schaden im militärischen Bereich. Die Veteranen des Siebenjährigen Krieges waren nicht in der Lage den französischen Volksheeren nach 1789 entscheidend gegenüber zu treten, weil sie die neuen militärischen Konzepte der Franzosen nicht mehr begreifen konnten.
Das 1790 begonnene Unternehmen, Friedrich Wilhelm an die Spitze der vereinigten Macht Mitteleuropas zu stellen, während Russland und Österreich in den türkischen Krieg verwickelt waren, und ihm so eine schiedsrichterliche Herrschaft zu verschaffen, brachte nach kostspieligster Rüstung der König selbst zum Scheitern, indem er aus unzeitiger und kurzsichtiger Großmut den Vertrag von Reichenbach (27. Juli 1790) abschloss, der Österreich von dem unheilvollen Türkenkrieg befreite, und zeigte hierdurch der Welt, dass er die herrschende Stellung Preußens nicht behaupten könne. Der Fürstenbund löste sich infolgedessen auf.
Nach Ausbruch der Französischen Revolution wandte er sich zunächst gegen Frankreich, um Ludwig XVI. zu befreien, schloss mit Österreich 1791 die Pillnitzer Deklaration und begleitete selbst die Armee auf dem Feldzug in die Champagne; trotz der militärischen Schwäche Frankreichs endete dieser mit der erfolglosen Kanonade von Valmy, die in ihren Folgen einem Sieg der Franzosen gleichkam. Die Niederlage von Valmy machte die militärischen Schwächen Preußens deutlich. Der Ruhm Friedrichs des Großen war verflogen.

 
 
Denkmal Friedrich Wilhelm II. inNeuruppin  

1793 schloss sich der König noch der ersten Koalition an und eroberte Mainz. Dann aber wendete er sein Augenmerk Polen zu, das für die preußischen Interessen von eminenter Bedeutung war. Russland hatte durch die Konföderation von Targowica am 14. Mai 1792 die politische Reorganisation Polens vereitelt und durch Besetzung des ganzen Landes mit seinen Truppen dessen Einverleibung vorbereitet. Um dies zu verhindern, schloss der König am 23. Januar 1793 einen zweiten Teilungsvertrag mit Russland, in dem er DanzigThorn und Südpreußen, 57.000 km² mit 1.100.000 Einwohnern, und damit eine vortreffliche Abrundung seiner Ostgrenze gewann. Da Österreich hierbei leer ausging, steigerte sich die Eifersucht zwischen beiden deutschen Mächten und lähmte ihre kriegerische Aktion gegen Frankreich. Daher beutete die preußische Armee ihre Siege bei Pirmasens vom 14. September 1793 und Kaiserslautern (28.–30. November) nicht zu einem Einfall in Frankreich aus. Aber auch zum Rücktritt von der Koalition konnte sich Friedrich Wilhelm nicht entschließen, obwohl die Finanzen Preußens bereits völlig erschöpft waren, und ließ sich lieber zu dem Haager Vertrag herab (19. April 1794), mit den Seemächten, durch den er ein Heer von 64.000 Mann an diese vermietete, denen auch die Eroberungen desselben gehören sollten. Dieses Heer schlug die Franzosen zweimal bei Kaiserslautern (23. Mai und 18.–20. September), drang aber um so weniger in Feindesland ein, als Friedrich Wilhelm gleichzeitig durch den polnischen Aufstand von 1794 in einen Krieg im Osten verwickelt wurde. Die preußische Armee unter dem König selbst eroberte Krakau, belagerte aber Warschau vergeblich. Indem es erst den Russen gelang, den Aufstand niederzuschlagen, fiel diesen die Entscheidung über die letzte Teilung Polens zu, und diese wurde im Vertrag zwischen Russland und Österreich vom 3. Januar 1795 so geregelt, dass Friedrich Wilhelm außerordentlich große Gebiete bekam, nämlich Masowien, Warschau und Białystok (Neuostpreußen), 47.000 km² mit einer Million Einwohnern; am 24. Oktober 1795 unterzeichnet es den dritten Teilungsvertrag (siehe auch Teilungen Polens). Damit war das Gebiet Preußens mit den gewonnenen polnischen Gebieten in einem kompakten Staatsgebilde verbunden. Da 1791 auch Ansbach und Bayreuth unter preußische Herrschaft kamen, war das Staatsgebiet auf 300.000 km² mit 8.700.000 Einwohnern angewachsen. Preußens Bevölkerung bestand fast zur Hälfte aus Polen. Freilich sah die spätere deutsch-nationale Geschichtsschreibung die Bildung eines deutsch-polnischen Staates überaus kritisch, ja sogar als Irrweg an.
Schon vorher hatte sich Friedrich Wilhelm durch den Frieden von Basel (5. April 1795) von dem Kriege gegen Frankreich losgesagt und durch eine Demarkationslinie Neutralität und Frieden nicht nur für Preußen, sondern für ganz Norddeutschland gesichert. Sein Sohn, der nicht in politischen, sondern moralischen Kategorien dachte, hat den Frieden später zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt verspielt.
In seiner Familie gab es leider keinen inneren Frieden. Die Königin fühlte sich wegen der Affären des Königs, vor allem der mit Wilhelmine Encke verletzt. Der Kronprinz unterstützte sie und war daher weder auf die Mätresse noch auf seinen Vater gut zu sprechen. Davon unbeschadet fand 1793 eine Doppelhochzeit im Hause Preußen statt. Die beiden ältesten Söhne des Königs heirateten zwei Schwestern aus dem Haus Mecklenburg. Auf diese Weise kam die spätere Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz an den preußischen Hof. Friedrich Wilhelm II starb im November 1797 an Brustwassersucht. Er wurde nur 53 Jahre alt. Auf dem Totenbett bereute er seinen Frankreichfeldzug von 1793.

Fazit 

Im 19. Jahrhundert wurde das Geschichtsbild dieses Königs getrübt durch eine einseitige negative moralische Bewertung seines Lebens. Man tut ihm in dieser Hinsicht sicher Unrecht, denn er unterschied sich in dieser Hinsicht kaum von anderen europäischen Herrschern dieser Zeit. Friedrich Wilhelm II. hatte es schwer, aus dem Schatten seines Vorgängers herauszutreten, was ihm auch in den elf Jahren seiner Regierung nicht gelang. Negativ zu erwähnen ist die Abhängigkeit von Leuten des Rosenkreuzordens, die nicht vollzogenen inneren Reformen nach dem Tod seines Onkels (Überalterung der Führungsschichten in Staat und Militär), die mangelnde politische und militärische Weitsicht im Zusammenhang mit den Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich. Positiv aus preußischer Sicht waren seine Gebietsgewinne aus der Zweiten und Dritten polnischen Teilung und die Verabschiedung des Allgemeinen Landrechts 1794, das zwar zu großen Teilen noch unter Friedrich II. erarbeitet wurde, aber von ihm letztlich in Kraft gesetzt wurde und das bis 1900 gelten sollte.
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Malte
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Friedrich Wilhelm II.*

Von Gerhild H. M. Komander



Die Politik

Friedrich Wilhelm II. erwarb sich bei seinem Regierungsantritt durch die Aufhebung der Tabak- und Kaffeeregie Friedrichs II. gewisse Popularität, die er aber bald wieder durch reaktionäre Maßnahmen, wie das gegen die philosophische Aufklärung gerichtete Religionsedikt, wieder verlor.

1788 ernannte er Johann Christoph Wöllner zum neuen Leiter des Geistlichen Departements des Generaldirektoriums. Er erließ sofort das "Edikt, die Religionsverfassung in den preußischen Staaten betreffend" gegen die angeblich zügellose Freiheit der Aufklärung. Friedrich II.hatte Wöllner noch als "betrügerischen und intriganten Pfaffen" bezeichnet. Er wurde der Vertraute Friedrich Wilhelms II.

Das Edikt maßregelte Universitäten und Professoren und führte scharfe Zensur ein. Es führte zu öffentlichen Proteststürmen. Die spiritistisch-mystischen Schwärmereien des Königs hatten fatale Auswirkungen, da Günstlinge wie Wöllner und Bischofswerder, die wie Friedrich Wilhelm dem Rosenkreuzerorden angehörten, großen Einfluss erlangten. Zahlreiche Gelehrte und Pfarrer wurden durch deren Intrigen ihres Amtes enthoben.

Die Publikation des Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten am 1. Juni 1794 war das bedeutendste innen- und rechtspolitische Ereignis. Die Juristen Carl Gottlieb Svarez, Ernst Ferdinand Klein und Johann-Heinrich Casimir Graf von Carmer gaben hier den Ideen der friderizianischen Aufklärung eine Heimstatt und ebenso den unter dem Einfluss der Französischen Revolution freier gewordenen Gedanken einer jüngeren Generation.
Das Allgemeine Landrecht festigte den Rechtsstaat, bildete den Bematenstaat aus und bereitete weiteren Reformen den Weg.

Die Bedrohung durch die Französische Revolution und das Gefühl für die dynastische Solidarität der Throne führte am 24. August 1791 zur Zusammenkunft Friedrich Wilhelms II. und Kaiser Leopolds II. in Pillnitz. Die Pillnitzer Erklärung betonte das gemeinsame Interesse an der Wiederherstellung des Königtumes der Bourbonen in Frankreich.
Es folgte ein Militärbündnis zwischen Preußen und Österreich, dem später das Reich, die Niederlande, Spanien, Portugal und Großbritannien beitraten.

Der erste Koalitionskrieg gegen Frankreich wurde ein Misserfolg. Eine preußische Offensive im Sommer 1792 endete in einem Rückzug. Auf Betreiben Hardenbergs zog sich Preußen aus der Koalition zurück und schloss am 5. April 1795 mit der Französischen Republik den Sonderfrieden von Basel.

Die außenpolitische Krise nach dem Baseler Frieden zog Preußen den Hass Österreichs, die Abneigung Englands und die Verachtung Russlands zu.
In Frankreich hatte man keine Freunde gefunden.
Die Krise wurde jedoch überdeckt von der neuen Lage an den Ostgrenzen Preußens. Russland hatte 1792/93 mit eindeutigen Absichten einer Okkupation die polnische Frage aufgegriffen.
Preußen konnte nicht zulassen, dass an seiner weiten östlichen Flanke "Rumpfpolen" (1. Teilung 1772) zwischen Russland und Österreich aufgeteilt werden würde.
Katharina II. ließ in aller Rücksichtslosigkeit ihre Truppen einrücken, um Polen erneut zugunsten Russlands aufzuteilen.
Mit dem Vertrag vom 23. Januar 1793 übernahm Russland 230 000 qkm polnischen Gebiets (2. Polnische Teilung). Preußen erhielt 58 000 qkm Land: mit Danzig / Gdansk, Thorn / Torun und Posen / Poznán. 
Die 3. Teilung Polens besiegelte das Ende des polnischen Staates. In den neu-preußischen Gebieten mit Warschau - 43 000 qkm kamen hinzu - sahen schon die Zeitgenossen eine Gefahr für den preußischen Staat. Das Land hatte keinerlei deutsche Bevölkerung und überdehnte das preußische Staatsgebiet.
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http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_III._(Preußen)

Friedrich Wilhelm III. (Preußen)

Friedrich Wilhelm III. 
 


Friedrich Wilhelm III. als Kronprinz, um 1793 
 

Friedrich Wilhelm III. (* 3. August 1770 in Potsdam; † 7. Juni 1840 in Berlin) war seit 1797 König von Preußen. In seiner Eigenschaft als Kurfürstund Markgraf von Brandenburg wird er als Friedrich Wilhelm IV. gezählt.



Leben 

Friedrich Wilhelm wurde 1770 in Potsdam als Sohn von Friedrich Wilhelm II. und Friederike von Hessen-Darmstadt geboren. Er galt als schüchterner und zurückhaltender Junge, was sich besonders in seiner wortkargen Rede bemerkbar machte, die sich durch das Weglassen der Personalpronomina auszeichnete und als Vorbild für die ebenfalls knappe Militärsprache gilt.[1]

Das Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Preußen 
 

Am 24. Dezember 1793 heiratete Friedrich Wilhelm Luise von Mecklenburg-Strelitz, die ihm zehn Kinder gebar. In seinem Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin führte Friedrich Wilhelm ein eher bürgerliches Leben mit einer problemlosen Ehe. Von seinem Lebensstil wich er auch nach der Krönung zum preußischen König im November 1797 nicht ab. Angewidert vom moralischen Zerfall am Hofe seines Vaters (Intrigen und Affären), war er zuerst bemüht, die Sittlichkeit im Königshaus wiederherzustellen. Dieser Eifer ging sogar so weit, dass er Johann Gottfried SchadowsPrinzessinnengruppe der Öffentlichkeit fast gänzlich entzog. Überhaupt zeigte er nur wenig Sinn für Kunst und Literatur. Seine Politik war, wie er selbst, zurückhaltend und neutral. Reformen liefen nur sehr langsam an, und seine Neutralitätspolitik auf der internationalen Bühne gilt als Fehlschlag. Da Frankreich die linksrheinischen Gebiete beanspruchte, bildete sich um Preußen eine Koalition aus Großbritannien, Russland und Österreich, die am 1. März 1799 einen weiteren der Koalitionskriege gegen die Franzosen begann.
Zwar ging Frankreich aus diesem Krieg geschwächt hervor, aber sein Einfluss auf Preußen wuchs. Deutschland wurde in den darauffolgenden Jahren von Frankreich radikal umgestaltet. So verschwanden in der Folge des Reichsdeputationshauptschlusses viele Kleinstaaten und freie Städte von der Landkarte.
Preußen profitierte zwar durch seine Neutralität mit Gebietsgewinnen - nach Napoleons Willen sollte Preußen das (englische) Hannover erhalten -, geriet aber in eine außenpolitische Isolation. Selbst als Frankreich die Neutralität Norddeutschlands verletzte, blieb Friedrich Wilhelm neutral und trug somit sowohl zum Niedergang des Reiches als auch mittelbar zum Sieg Napoleons gegen Russland und Österreich bei.

Friedrich Wilhelm III., porträtiert von Ernst Gebauer 
 

1806 verpflichtete sich Friedrich Wilhelm gegenüber Russland, Napoleon nicht mit Truppen für einen Überfall auf Russland zu unterstützen. Wenig später ordnete er ein Ultimatum gegen Frankreich an, worin er die Forderung stellte, alle französischen Truppen aus Süddeutschland zurückzuziehen. Dies zu einem Zeitpunkt, als durch die Schlacht von Austerlitz Napoleon Österreich und Russland schon in die Knie gezwungen hatte. Napoleon ignorierte das Ultimatum und erklärte Preußen am 9. Oktober den Krieg. Bei der darauffolgenden Schlacht bei Jena und Auerstedtwurde das Heer des Königs vernichtend geschlagen, und er musste nach Memel in Ostpreußen fliehen. Am 9. Juli war Friedrich Wilhelm gezwungen, den Frieden von Tilsit anzunehmen, in dem Preußen alle Gebiete westlich der Elbe und einen Großteil der Gewinne aus den Polnischen Teilungen verlor.
Der Zusammenbruch des preußischen Staates war der Anlass für die preußischen Reformen. Der König leitete diese Reformen nur äußerst widerwillig ein. Sie wurden jedoch maßgeblich von Politikern wie Hardenberg, dem Freiherr vom SteinWilhelm von Humboldt, und Militärs wieGneisenau und Scharnhorst vorangetrieben. Die Lage des Landes, aber auch die Beziehung zwischen Volk und König besserten sich in der Folge spürbar.
Am 24. Februar 1812 wurde Friedrich Wilhelm auf französischen Druck hin Verbündeter im Kampf Napoléon Bonapartes gegen Russland. Preußen stellte ein Truppenkontingent für die Grande Armée. Der Bedarf an Soldaten führte am 9. Februar 1813 zur Einführung der Wehrpflicht im Lande „für die Dauer des Krieges“, die indessen später beibehalten blieb. Nach dem Desaster der napoleonischen Armee im Feldzug gegen Russland erklärte der König am 16. März 1813 Frankreich den Krieg. [2] Historische Bedeutung erlangte hierbei auch der von Friedrich-Wilhelm III. 1813 anlässlich des Beginns der Befreiungskriege gegen Frankreich herausgegebene „Aufruf an mein Volk“, in dem ein preußischer Regent erstmals vor seinen Untertanen seine Politik rechtfertigte, und die gleichzeitige Stiftung des Eisernen Kreuzes, worauf Preußen 1815 seine Großmachtstellung wieder erlangen konnte.

Denkmal Friedrich Wilhelm III. von Friedrich Drake im Tiergarten Berlin, nahe dem Brandenburger Tor, 1849 
 

Auf das durch das Wehrgesetz von 1814 organisierte Heer wurden große Summen verwendet. So erließ er am 11. März 1815 die „Order zur Neubefestigung der Stadt Coblenz und der Festung Ehrenbreitstein“. In den folgenden Jahren entstand die Festung Koblenz, eine der umfangreichsten Festungssysteme Europas, gebaut nach modernsten Erkenntnissen, der so genannten „Neupreußischen“ oder „Neudeutschen Befestigungsmanier“.
Das Unterrichtswesen wurde auch nicht vernachlässigt. Am 11. August 1806 verfügte er die Gründung der ersten preußischen Blindenanstalt. 1810 wurde unter Wilhelm von Humboldt die Alma Mater Berolinensis, die Universität Berlin (1828 - 1949 Friedrich-Wilhelms-Universität, danach Humboldt-Universität zu Berlin), 1811 die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität (Universität Breslau) und zuletzt unter Altensteins Leitung die Rheinische Friedrich-Wilhelms-UniversitätBonn gegründet. Durch die 1817 gegründete Union, suchte Friedrich Wilhelm zugleich den kirchlichen Sinn zu heben und Einigkeit der Konfessionen zu erzielen, wobei er sich freilich durch Widerstand, den er vielfach von Seiten des Volkes und der Geistlichkeit erfuhr, zu Zwangsmaßregeln reizen ließ, wie die Entstehung der Altlutheraner und der Agendenstreit belegen.
Am 11. März 1812 wurden auf Initiative des Königs 30.000 Juden durch das „Judenedikt“ der christlichen Bevölkerung weitgehend gleichgestellt.
Die Hoffnungen, dass der König weitere Reformen vorantreiben könnte, wurde durch seine restaurative Politik zunichte gemacht. Besonders durch den Einfluss von Fürst Metternich, mit dem sich der König am 1. August 1819 im böhmischen Teplitz traf, wurde die Pressezensur eingeführt und die Überwachung der Universitäten forciert. Das im Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 vom König gegebene Versprechen einer Verfassung wurde am 11. Juni 1821 durch Vertagen auf unbestimmte Zeit kassiert[3], die Arbeiten an einer Verfassungsreform beendet.
Statt der Verfassung wurden 1820 zunächst die so genannten Demagogenverfolgungen in Szene gesetzt, und am 5. Juni 1823 Provinzialstände berufen, deren Zusammensetzung und Befugnisse dem berechtigten Verlangen des Volkes in keiner Weise genügen konnten, und die, wenn sie zu Ansehen und größerer Macht gelangt wären, nur das Unwesen mittelalterlicher Stände erneuert hätten.
Die Unruhen, welche auch in Deutschland infolge der Julirevolution ausbrachen, bestärkten den König in seiner Abneigung gegen alle volkstümlichen Regungen und verschärften die absolutistischen Tendenzen seiner Regierung, welche sich wiederum in gehässigen Verfolgungen kundgaben. Als solche wurde auch die Verhaftung der Erzbischöfe von Köln und Posen angesehen, und die öffentliche Meinung trat durchaus nicht für die Regierung ein, obwohl sie der Anmaßung des Klerusgegenüber im Recht war.
Ebenso wenig befriedigt war man von der Außenpolitik des Königs: durch die Heilige Allianz (26. September 1815) mit den Kaisern von Österreich und Russland hatte er Preußen ganz an die reaktionäre Politik dieser Mächte gekettet.

Kinder von König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise von Preußen 
 

Er beteiligte sich an den Kongressen von Troppau und Laibach, wo Alexander I. und Metternich die bewaffnete Intervention gegen die freiheitliche Bewegung in Italien und Spanien beschlossen, und schloss sich willig allen Maßregeln dieser Männer an, in Deutschland und Europa jede Änderung der für Preußen doch so wenig günstigen Wiener Verträge zu verhindern. Er erleichterte durch eine strenge Überwachung der Grenze Russland die Unterdrückung des polnischen Aufstandes 1831, während er die Trennung Belgiens von den Niederlanden und Frankreichs Intervention geschehen ließ.
Da seine Gattin bereits 1810 verstorben war, heiratete Friedrich Wilhelm im Jahre 1824 Auguste Gräfin von Harrach; es handelte sich hierbei allerdings um eine morganatische Ehe. In den folgenden Jahren gingen seine politischen Bemühungen zurück.
Die spätere Meinung über ihn war ungünstig. Friedrich Engels schrieb am 8. November 1845 in einem Brief über Preußen:
...es [Preußen] wurde damals regiert von Friedrich Wilhelm III., mit dem Spitznamen „der Gerechte“, einem der größten Holzköpfe, die je einen Thron geziert. Er war zum Korporal und zum Inspektor von Uniformknöpfen geboren; er war liederlich, ohne Leidenschaft, und gleichzeitig ein Moralprediger, er war unfähig, anders als im Infinitiv zu sprechen und wurde als Schreiber von Proklamationen nur von seinem Sohn übertroffen; er kannte nur zwei Gefühle - Furcht und feldwebelhafte Anmaßung.
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Friedrich Wilhelm III.*

Von Gerhild H. M. Komander


Am 16.11.1797 starb Friedrich Wilhelm II. im Marmorpalais im Neuen Garten in Potsdam.
Sein Sohn, der nun als Friedrich Wilhelm III. an die Regierung kam, war lieblos und hauptsächlich militärisch durch seinen Großonkel Friedrich II. erzogen worden. Der Vater hatte den von Friedrich II. hinterlassenen Staatsschatz von 51 Millionen in elf Jahren Regierung in ebenso hohe Schulden gewandelt.

Jetzt betrat ein anderer König die Bühne:
Kein Genießer und Kunstfreund wie der Vater, kein Gelehrter und kein militärisches Genie wie der Oheim. Der haushälterisch-sparsame Friedrich Wilhelm III. ist mit seiner bürgerlich-schlichten Lebensanschauung, seinem einfachen und unliterarischen Lebenszuschnitt Preußens einziger echter Bürgerkönig gewesen. Der preußische Klassizismus nahm in seiner Zeit die Wende zum Biedermeier.

Viel bekannter als dieser König sind viele seiner Zeitgenossen, vor allem die eigene Frau: Königin Luise, ein Mythos, der kaum von dem Friedrichs des Großen überstrahlt wird. Luise und Friedrich Wilhelm III. hatten sich während des Krieges gegen Frankreich 1793 im Haus ihrer Großmutter in Darmstadt kennengelernt und wenige Tage später verlobt.
Ihre Schwester Friederike gab seinem Bruder Ludwig das Ja-Wort.

Drei Jahre nach der Hochzeit am 24.12.1793 erwarb Kronprinz Friedrich Wilhelm (III.) das Gut Paretz und ließ es durch David Gilly umbauen. Gilly hatte sich als preußischer Landbaumeister und Gründer einer privaten Bauschule, aus der die Berliner Bauakademie hervorging, große Dienste erworben.
In Paretz verbrachte man sorglose, fröhliche Sommer, die einer bürgerlichen Familie ebenso gut angestanden hätten. Das Kronprinzenpalais Unter den Linden blieb der Hauptwohnsitz auch in der Königszeit.

Das wahrhaft idyllische Familienleben währte nicht lange. Ein König hatte schließlich auch zu regieren! 
Friedrich Wilhelm III. war wohl der einzige Hohenzollernfürst, dem es ernsthaft widerstrebte, zu den Waffen zu greifen. Das ist ihm und dem Staat fast zum Verhängnis geworden. Es mangelte ihm an Entschlußkraft in kritischen Situationen, an Härte und Mut zu selbständigem Handeln. Dabei erforderten die Verhältnisse in Europa bei seinem Regierungsantritt und in den folgenden Jahren weit mehr als das.

1799 war Napoleon Bonaparte auf zehn Jahre zum Konsul der französischen Republik gewählt worden, drei Jahre später auf Lebenszeit ernannt worden. 1804 krönte er sich in Versailles zum Kaiser von Frankreich. Fast ununterbrochen waren England, Österreich und Italien mit Krieg und Demütigungen berzogen worden.
Der Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 1803 entschied über die Entschädigung der durch Abtretung der linksrheinischen deutschen Gebiete an Frankreich betreffenden Fürsten. 122 deutsche Kleinstaaten wurden durch Napoleon beseitigt, das heilige Römische Reich deutscher Nation wurde aufgelöst.
Preußen wahrte Neutralität!

Unter den preußischen Gelehrten und Militärs jedoch war längst eine patriotische Bewegung entstanden, die sich unverhohlen zu dem Bündnis Zar Alexanders und Kaiser Franz Josephs von Österreich bekannte.
Interessanterweise hatte der König selbst hier Unterstützung gegeben - auf Umwegen allerdings. In einem Brief an Staatsminister von Heinitz im August 1799 hatte Friedrich Wilhelm III. die Auswahl der in der Akademie der Künste auszustellenden Kunstwerke bemängelt:
"daß alle Sujets aus der alten Mythologie und Geschichte gewählt sind. So lange als dies geschieht, wird die Teilnahme des Publikums für die Werke der Kunst nie recht belebt werden. Weit eher und in einem größerem Maße kann man sich dieselbe versprechen, wenn Gegenstände der vaterländischen Geschichte, welche reichen Stoff dazu bietet, besonders für die Historien-Maler und Zeichner ausgesucht würden."

Der König dachte bei den "vaterländischen Motiven" vor allem an die Geschichte #Friedrichs II. und traf damit ins Schwarze. Eine Liste möglicher Motive für die nächste Ausstellung der Akademie im September 1800 wurde vorgestellt.
Das Ergebnis überraschte und begeisterte die Besucher.

Ohne Anregung Friedrich Wilhelms III. hatte Daniel Chodowiecki wichtige Arbeiten zur vaterländischen Geschichte geliefert. Er illustrierte für die beliebten Kalender und Almanache die Anekdoten Friedrich Nicolais und Johann Friedrich Ungers mit unzähligen Miniaturen.

Einen neuen Helden fand Preußen erst in Prinz Louis Ferdinand und nach dessen Tod in der Schlacht bei Saalfeld 1806 in Königin Luise. Luise und Louis Ferdinand stellten sich gegen den Friedenswillen des Königs auf die Seite Zar Alexanders, als der 1805 im Bündnis mit Österreich gegen Frankreich rüstete.

1805 gelang es dem Zaren bei einem Besuch in Berlin, den König zur Allianz zu bewegen. Die Siege Napoleons schüchterten sie Patrioten nicht ein. Demonstrativ reiste Luise nach Stettin, um dort in Gegenwart der russischen Truppen ihren Geburtstag zu feiern. Im Sommer 1806 befahl Friedrich Wilhelm III. die Mobilmachung. Aber Luise war für Napoleon die Kriegstreiberin. Er nannte sie seinen "schönsten Feind".
Napoleon besiegte die Verbündeten bei Saalfeld, bei Jena und Auerstedt. Französische Truppen besetzten Berlin. König und Königin flohen bis nach Memel.

Den Feinden Napoleons erschien Luise als "Jeanne d'Arc". Ihr allein wurden Mut und Widerstandskraft zugeschrieben. Heinrich von Kleist pries ihren "wahrhaft königlichen Charakter". 
Der Frieden von Tilsit 1807 ermöglichte die Rückkehr nach Berlin, ja, Napoleon forderte sie. Am 23.12.1809 zogen Luise und Friedrich Wilhelm unter Jubel in Berlin ein. Im Sommer darauf, am 19. Juli 1810, starb Königin Luise plötzlich an einer Lungenentzündung während eines Besuches bei ihrem Vater in Hohenzieritz. Wie tief die Trauer allgemein empfunden wurde, bezeugt das Werk Gottfried Schadows für die Dorfkirche zu Paretz, das in privatem Auftrag entstand.

Luises politisches Erbe war groß - ohne daß sie politische Entscheidungsträgerin gewesen wäre. Unter ihrem Einfluß rief Friedrich Wilhelm den Freiherr vom Stein an die Spitze des Staatsministeriums (10.7.1807). Die Steinschen Reformen setzten einen völligen Staatsumbau in Gang. Von seiner Person gingen starke morlaische Energien und ein hohes nationalpolitisches Ethos aus.

Steins großes Reformwerk entstand zwischen September 1807 und November 1808 und stellte den Übergang vom Absolutismus zum Verfassungsstaat dar: Bauernbefreiung, Städteordnung (Einführung der Selbstverwaltung). Karl August Fürst von Hardenberg vollendete 1810 die Reformen mit der Einführung von Gewerbefreiheit, bürgerlicher Gleichstellung der Juden etc. 

Die Heeresreform durch Gerhard von Scharnhorst, Leopold Hermann Ludwig von Boyen und Neidhardt von Gneisenau, die Werbung und Körperstrafen abschaffte und die allgemeine Wehrpflicht einführte, schuf "ein Volk in Waffen". Scharnhorst setzte durch, daß auch Bürgerliche ins Offizierskorps eintreten konnten: "Die Geburt gibt kein Monopol für Verdienste." Er begründete 1810 eine Allgemeine Kriegsschule, weil "militärische Probleme ohne Lösung der politischen nicht zu meistern seien."

Alle diese ohne den Anstoß der Französischen Revolution nicht denkbar gewesenen Reformen hätten auf die Dauer nicht wirken können, wenn nicht gleichzeitig der Wandel des Zeitgeistes seinen Niederschlag auch in Reformen auf dem Gebiet der Volkserziehung und Bildung gefunden hätte. Die Hinwendung zum politisch bewußten Nationalwillen hatte sich hauptsächlich in den hauptstädtischen Kreisen vollzogen.

Die Berufung Wilhelms von Humboldts 1809 an die Spitze des Kulturresorts im Innenministeriums war eine der glänzendsten Voraussetzungen. Humboldt wollte eine neu Universität gründen, wollte die Idee von Bildung und Wissenschaften in Preußen verankern.
"Zweckfreie Bildung" sollte das Lebensgesetz der Universitäten sein. In diesem Sinne sollte die neu gegründete Berliner Universität - wie die übrigen Landesuniversitäten - von staatlicher Seite Hilfestellung leisten, um Preußen zu einem geistigen Kräftezentrum werden zu lassen.

Außenpolitisch war Preußen lange passiv geblieben. Erst Napoleons Rußlandfeldzug beziehungsweise dessen Niederlage gab das Signal zum Aufbruch. Friedrich Wilhelms Aufruf "An mein Volk" vom 17. März 1813 schlug eine Brücke zwischen Fürst und Volk - verfaßt vom Staatsrat von Hippel:
" Es ist der letzte entscheidende Kampf, den wir bestehen für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unseren Wohlstand; keinen anderen Ausweg gibt es als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang." Man folgte dem Ruf mit größter Begeisterung und Opferwilligkeit.
Die Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19. Oktober 1913), unter maßgeblicher Beteiligung der Generäle Gneisenau und Blücher brachte Napoleon die entscheidende Niederlage. In der Schlacht bei Waterloo am 18.6.1814 wurde das letzte Heer Napoleons vernichtet.

Der Wiener Kongreß gab Deutschland die Gestalt eines Staatenbundes, der aus 39 souveränen Fürsten und freien Städten bestand. Er erhielt Europa für fast vierzig Jahre den Frieden. Doch wurde die überlieferte gesellschaftliche und staatliche Ordnung gegen die Mächte des Umsturzes erfolgreich verteidigt.
Auf die Durchführung der Ideen und Verordnungen der Reformzeit wirkte sich der siegreiche Ausgang der Befreiungskriege ungünstig aus. Restaurative und reaktionäre Kräfte setzten sich durch und verhinderten eine verfassungsmäßige Grundlage des Deutschen Reiches.
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 19:24 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_II._(HRR)


Franz II./I. (HRR)

Franz II. nach seiner Kaiserkrönung, 1792 
 


Bildnis von Franz I., Kupferstich von Josef Axmann 
 


Franz I. mit den Insignien des Kaisertums Österreich, vonFriedrich Amerling gemalt, 1832 
 


Franz II., gemalt von Giuseppe Tominz, 1821) 
 

Franz Joseph Karl von Habsburg-Lothringen (* 12. Februar 1768 in Florenz; † 2. März 1835 in Wien) war Herrscher der habsburgischen Erblandeund als Franz II. von 1792 bis 1806 (der letzte) Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Er begründete 1804 das erblicheKaisertum Österreich und machte sich damit als Franz I. (1804–1835) zum ersten Kaiser von Österreich.
Mit der durch immensen Druck Napoleons und der Gründung des Rheinbundes herbeigeführten, unfreiwilligen Abdankung des Kaisers am 6. August 1806 endete das Heilige Römische Reich, das seit dem Jahr 962, der Regentschaft Ottos des Großen, bestanden hatte, also 844 Jahre. Kaiser Franz II. legte zwar die Reichskrone der römisch-deutschen Kaiser und Könige nieder, behielt aber als österreichischer Kaiser Franz I. seine Kaiserwürde.

 
Kindheit und Jugend
Erzherzog Franz Joseph Karl wurde 1768 als ältester Sohn des Großherzogs Peter Leopold von Toskana (späterhin Kaiser Leopold II.) und derMaria Ludovica, gebürtige Prinzessin von Spanien als Tochter König Karls III., zu Florenz geboren.
Von Anfang an war Franz für die Thronfolge nach Joseph bestimmt, da dieser nach dem Tod seiner zweiten Frau keine weitere Ehe mehr eingehen wollte.
Nachdem Maria Theresia 1780 verstorben war verlangte Joseph von Graf Colloredo einen ausführlichen Bericht über die Entwicklung seines Nachfolgers, der jedoch ziemlich hart ausfiel. Der Kaiser fuhr in die Toskana, um seinen Neffen zu begutachten und nahm den 16-Jährigen mit nach Wien, wo dieser sofort unzählige offizielle Termine wahrzunehmen hatte und Josephs Wünschen entsprechend ausgebildet wurde. Franz selbst nannte sich in einem Brief einen "Kaiserlehrling". Seine zukünftige Frau, die für ihn ausgesuchte Elisabeth von Württemberg wurde zur gleichen Zeit in einem Kloster auf ihr zukünftiges Leben als Kaiserin vorbereitet.[1]
Als 1784 Franzens Onkel Kaiser Joseph II. verlangte, dass dieser zur Vollendung seiner Ausbildung zu ihm nach Wien kommen solle begründete er seine Entscheidung, dass Franz der Habsburgermonarchie gehöre und nicht dem Großherzogtum Toskana,[2] mit den Worten: Man kann nie einem Österreicher, einem Ungarn oder Böhmen erklären, was wirklich ein Landsmann ist, wenn man in Italien geboren und großgezogen wurde.[2]

Weiteres Leben
Im Achten Österreichischen Türkenkrieg (1788–1790) war der junge Franz auf Wunsch des Kaisers ebenfalls an der Front; nach dem Tod seines Onkels 1790 folgte ihm Franzens Vater Leopold in den habsburgischen Erblanden und schließlich auch als Kaiser nach, doch waren auch Leopold II. nur knapp zwei Jahre als weltliches Oberhaupt der Christenheit vergönnt.
1792, viel früher als erwartet, wurde Franz also König von Ungarn und Böhmen sowie Herr der übrigen Länder der Habsburgermonarchie. Nachdem er am 6. Juni in Buda bereits zum König von Ungarn gekrönt worden war, folgte am 5. Juli die Wahl zum Römischen König; kurz darauf, am 14. Juli schließlich die Krönung im Frankfurter Dom und die damit verbundene Proklamation zum „erwählten Römischen Kaiser“. Niemand konnte damals ahnen, dass dies die letzte Kaiserkrönung überhaupt sein würde. Am 9. August folgte dann noch die Krönung zum König von Böhmen zu Prag.
Überschattet wurden die Feierlichkeiten durch die französische Kriegserklärung vom 20. April 1792, die den Beginn des Ersten Koalitionskriegeseinleitete, welcher sich bis 1797 hinzog und für Österreich den endgültigen Verlust der Niederlande, jedoch den gleichzeitigen Gewinn des Königreiches Lombardo-Venetien bedeutete.
Auch der Zweite Koalitionskrieg (1799–1801) verlief für Österreich wenig erfolgreich; im Dritten (1805) schließlich verlor man Lombardo-Venetien wieder an Frankreich (ein Umstand, der erst beim Wiener Kongress wieder ins Gegenteil verkehrt werden sollte).
Franz II. hatte am 11. August 1804 das Kaisertum Österreich proklamiert[3], um seine kaiserliche Hausmacht zu erhalten und damit die Ranggleichheit mit Napoleon I. zu wahren, der sich am 18. Mai zum erblichen Kaiser von Frankreich ernannt hatte. Damit trug Franz II. auch der Tatsache Rechnung, dass nach der infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 erfolgten Veränderung im Kurkollegium (u.a. fielen die katholischen Kurfürstentümer Köln und Trier weg, die protestantischen Länder Baden, Württemberg und Hessen kamen hinzu) die neuerliche Wahl eines Habsburgers bei seinem etwaigen plötzlichen Tode fraglich erscheinen musste. Zwar war diese Kaiserproklamation rechtlich fragwürdig, doch wurde der österreichische Kaisertitel binnen kurzer Zeit von sämtlichen Staaten anerkannt. Da die Niederlegung der römischen Kaiserkrone erst 1806 erfolgte, war Franz der einzige Doppelkaiser der Weltgeschichte, als Franz II. des Heiligen Römischen Reiches und Franz I. von Österreich.[4]
Seine historische Einschätzung als Kaiser des Vielvölkerstaates Österreich ist untrennbar mit dem Namen Metternich verbunden, der von 1809 an immer in den höchsten Staatsämtern zu finden war (ab 1821 als Haus-, Hof- und Staatskanzler) und entsprechend politische Macht ausübte, während der weitaus mehr an Pflanzenkunde als an Politik interessierte Kaiser eine eher repräsentative Funktion ausfüllte; dies geschah jedoch – was oft verschwiegen wird – in absoluter Übereinkunft mit dem Kaiser, der Metternich zu jedem Zeitpunkt hätte entlassen können.
Nichtsdestoweniger war Franz I. zutiefst von seinem Gottesgnadentum überzeugt und lehnte alles ab, was auch nur in die Richtung von Volksrechten wies. Nicht zuletzt aufgrund dieser ideologischen Grundeinstellung ließ er Metternich in politischen Fragen viel freie Hand. Das System Metternich und auch Franz waren – bedingt vor allem durch die Vorgänge in Frankreich 1830 (Julirevolution) – durch einen starren, heute starrsinnig anmutenden Konservatismus geprägt, dem jede noch so kleine Reform oder Veränderung verdächtig erschien.
In diesem Zusammenhang sei jedoch erwähnt, dass weder Franz noch Metternich die Initiatoren des Polizeiapparates waren: Was man später Franz, bei dessen mäßiger Beliebtheit in Kreisen österreichischer Historiker, leicht in die Schuhe schieben konnte, war puncto Polizei in Wirklichkeit von seiner Großmutter und seinem Onkel sowie seinem Vater vorgebildet. Die berüchtigte Keuschheitskommission seiner Großmutter war für die Österreicher ebenso eine Ungeheuerlichkeit wie die drakonischen, an mittelalterliche Methoden gemahnenden gewissen Strafsanktionen Josephs. Aber erst Leopold brachte aus Italien die dort längst entwickelten subtilen Methoden des Polizei-, Spitzel- und Denunziantenwesens mit nach Österreich. Derlei hielt noch immer keinen Vergleich mit dem, was sich in Frankreich unter dem Terror der Revolutionäre und den Methoden Kaiser Napoleons I. am Werk zeigte.[5]
Von seiner Inszenierung als Person jedoch war der Kaiser erstaunlich modern: Auf vielen Darstellungen ist er nicht nur im Staatskleid, sondern wie ein ganz normaler Bürger im (damals noch nicht so vornehmen) Frack dargestellt. Auch auf habsburgischen Familienporträts findet man seinen Wesenszug zur Schlichtheit und Familiarität. Die kulturellen Ideale des Bürgertums setzten sich also an der Person des Kaisers viel eher durch als in seiner Politik.
Als er 1835 starb, erbte sein ältester Sohn Ferdinand die Kaiserwürde. Symptomatisch für den starrsinnigen Konservatismus Franz' und Metternichs in der Frage des ererbten Throns war, dass trotz Ferdinands offensichtlicher Regierungsunfähigkeit ein Wechsel in der Thronfolge nicht einmal erwogen wurde, was freilich nur ihrer Auffassung vom Recht des Erstgeborenen entsprach.
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http://www.bautz.de/bbkl/f/franz_ii_k.shtml




FRANZ II./I., letzter gewählter römischer König und letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1792-1806), erster Kaiser von Österreich (1804-1835), * 12.2. 1768 Florenz, † 2.3. 1835 Wien, kam als zweites von sechzehn Kindern und als erster Sohn des toskanischen Großherzogs Peter Leopold von Habsburg-Lothringen (1747-1792), nachmalig römisch-deutscher Kaiser Leopold II. (1790-1792) und der spanischen Infantin, Maria Ludovica von Bourbon (1745-1792) in Florenz zur Welt. Aufgrund der fehlenden Erben von Kaiser Joseph II. von Habsburg-Lothringen (1741-1790) und dessen Ablehnung eine weitere, dritte Eheschließung einzugehen, galt Erzherzog Franz neben seinem Vater als übernächster Erbe der Habsburgermonarchie. Die Nähe zum Thron schlug sich in der Erziehung und Ausbildung des Prinzen nieder, die stark unter dem Einfluß des Wiener Hofes stand. Wien entsandte Saugammen, Ajos (=Erzieher), Ärzte, Geistliche und Lehrer, um die Ausbildung "nach deutscher Art" zu organisieren. Der geringe Einfluß von Peter Leopold auf die Erziehung des Sohnes war dennoch stark vom modern anmutenden Gedankengut der Aufklärung mit einer Neubewertung der Rolle des Kindes und einem kindgerechten sowie pädagogisch wertvollen Umgang geprägt. Peter Leopold legte seine Erziehungserkenntnisse sogar in mehreren theoretischen Schriften dar, die er auch an seine Geschwister versandte. Als Erzieher in Florenz fungierten Franz Graf Colloredo-Wallsee, der zu einem lebenslangen und engen Vertrauten wurde sowie Siegmund Anton Graf von Hohenwarth, nachmalig Erzbischof von Wien. Besonders prägend für Franz waren die väterlichen Anweisungen, alle Tagesgeschehnisse schriftlich festzuhalten und zu katalogisieren sowie sich körperlich im Freien zu betätigen. Daraus entwickelte sich beim Erzherzog die Vorliebe für die Botanik und das Gartenwesen sowie für das Sammeln von Büchern, von Stichen und von Manuskripten. Seine bereits als Kind in Florenz zusammengetragene Büchersammlung bildete den Grundstock der nachmaligen kaiserlichen Fideikommissbibliothek, die heute zum Kernbestand der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zählt. Basierend auf dieser Art der Erziehung, konnten sich jener Charakter ausformen, die Kaiser Franz in der traditionellen historischen Beurteilung zum "Stubenhocker, den Beamten und Aktenstudierer" machte. Joseph II. ließ sich ständig auf dem laufenden halten, wie sich der Neffe entwickelte. Nach zweimaligen Besuchen in der Toskana und der Erkenntnis, daß die Erziehung schleppend verlief, entschied Joseph II. 1784, Franz als "Kaiserlehrling" nach Wien mitzunehmen. Von nun an standen praktische Unterweisungen in Politik und Kriegsführung im Vordergrund. Der Onkel bereitete auch die Eheschließung seines Neffen mit Prinzessin Elisabeth Wilhelmine von Württemberg (1767-1790), einer Tochter Herzog Wilhelms von Württemberg und der Dorothea von Brandenburg-Schwedt, vor. Elisabeth kam mit 15 Jahren nach Wien, konvertierte zum Katholizismus und vervollständigte ihre Erziehung im Salesianerinnenkloster in Wien. Diese Ehe wurde am 6.1.1788 in Wien geschlossen. Erzherzogin Elisabeth verstarb bereits am 18.2.1790 bei der Geburt des ersten Kindes am Kindbettfieber, wenige Tage vor Kaiser Joseph II., der seit dem Türkenfeldzug 1786 an Malaria und Tuberkulose laborierte. Die zweite Eheschließung von Franz arrangierte Großherzog Peter Leopold. Typisch nach Habsburgermanier heiratete man innerhalb der Familie. So ehelichte er am 19.9. 1790 eine Cousine ersten Grades, die lebenslustige neapolitanische Prinzessin Maria Teresia (1772 -1807), Tochter der Maria Karolina von Habsburg-Lothringen (1752-1814) und König Ferdinands IV. von Bourbon-Neapel (1751-1825). Aus dieser Verbindung stammen alle Nachkommen von Franz II./I. Dem Paar wurden insgesamt zwölf Kinder geboren: Maria Luise (1791-1847, heiratete 1810 Napoleon Bonaparte -Kaiser der Franzosen; sie gebar 1811 den französischen Thronerben Napoleon Franz, nachmalig Herzog von Reichstadt (1811-1832); Maria Luise wurde 1816 zur Herzogin von Parma-Guastalla-Piacenza erhoben, ehelichte 1821 im geheimen Adam Adalbert Graf von Neipperg, mit dem sie zwei morganatische Kinder hatte; dritte Eheschließung 1831 mit Karl Graf von Bombelles), Ferdinand (1793-1875, der physisch und psychisch kranke Prinz war aufgrund des habsburgischen Hausgesetztes Erbe; er bestieg 1835 als Kaiser Ferdinand I. von Österreich den Thron und dankte im Zuge der Revolution 1848 zugunsten seines Neffen, Erzherzog Franz Joseph Karl (1830-1916), nachmalig Kaiser Franz Joseph I., ab; Ferdinand ehelichte 1831 Prinzessin Maria Anna von Piemont-Sardinien), Karoline Leopoldine (1794-1795), Karoline Luise (17951799), Leopoldine (1797-1826, ehelichte 1817 Dom Pedro von Braganza, portugiesischer Thronerbe und ab 1822 Kaiser von Brasilien), Klementine (1798-1881, ehelichte den neapolitanischen Prinzen Leopold, Fürst von Salerno), Josef Franz (1799-1807), Franz Karl (18021878, ehelichte 1824 Prinzessin Sophie Frederike von Bayern (1805-1872), Vater des nachmaligen Kaiser Franz Joseph I.), Karoline Ferdinanda (1803-1832, ehelichte 1819 den Wettiner Friedrich August II., nachmalig König von Sachsen), Maria Anna (1804-1858), Johann Nepomuk (1805-1809), Amalia Theresia (*/† 1807). Kaiserin Maria Teresia starb in Folge der Frühgeburt des zwölften Kindes. In dritter Ehe heiratete Franz II./I. am 6.1.1808 eine weitere Cousine: Maria Ludovica von Modena d´Este (1787-1816), Tochter von Erzherzog Ferdinand von Habsburg-Lothringen (1754-1806) und der Maria Beatrice von Modena d´Este (1750-1829). Die Ehe blieb kinderlos. Maria Ludovica galt als politisch aktiv und unterstützte auf verschiedenste Weise die Bekämpfung Napoleons. Zudem galt sie als kulturell sehr engagiert, der Literatur sehr zugeneigt und trat als Förderin und Mäzenin von Johann Wolfgang von Goethe in Erscheinung. In vierter Ehe heiratete der österreichische Monarch am 10.11.1816 die Wittelsbacherin Karoline Auguste Charlotte (1792-1873), Tochter des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph. Diese Ehe blieb kinderlos und war geprägt vom frommen, der katholischen Kirche zugeneigten Wesen der Kaiserin, die sich stark im sozialen und gesellschaftlichen Bereich engagierte. Unter ihrer Patronage konnten entstanden zahlreiche soziale Einrichtungen, wie Waisen- und Findelhäuser, Armen- und Blindenanstalten sowie Schulen innerhalb der Monarchie. Karoline Auguste war es auch, die nach dem Tode des Gatten, das Bild vom "guten Kaiser Franz, dem liebenden Volkskaiser" auf verschiedenste Art und Weise propagierte und förderte. - Die ersten politischen Tätigkeiten von Erzherzog Franz an der Seite seines Vaters galt der Eindämmung der politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Französischen Revolution. Weiters galt es, die zahlreichen und zum Teil überstürzt erlassenen Reformen Josephs II. zu überdenken und teilweise zurückzunehmen. Der unerwartete Tod Kaiser Leopolds II. am 1.3.1792 brachte Franz auf den Thron. Er wurde am 14.7. 1792 von den Kurfürsten in Frankfurt zum römisch-deutschen Kaiser Franz II. gewählt. Zu dieser Zeit war die Habsburgermonarchie bereits in den 1. Koalitionskrieg (1792-1797) mit dem revolutionären Frankreich verwickelt. Die folgenden 13 Jahre der Herrschaft von Franz II. waren geprägt von Kriegen, die hauptsächlich auf der Politik des kaiserlichen Außenministers, Baron Franz von Thugut, beruhte. Ausgangspunkt war die Befreiung des inhaftierten französischen Königspaares und die Wiedererrichtung der Bourbonenmonarchie. Der Konflikt wurde mit dem Frieden von Campo Formio 1797 beigelegt, wodurch die Habsburgermonarchie Gebietsverluste in den österreichischen Niederlanden, Vorderösterreich, Mailand und Modena zu verzeichnen hatte - erhielt dafür aber das Territorium der vormaligen Seerepublik Venedig zugesprochen. Die Expansion Frankreichs unter der Führung von General Napoleon Bonaparte (1769-1821) in Italien, vor allem im Bereich des Kirchenstaates, führte zum 2. Koalitionskrieg (1797-1801), in den Kaiser Franz II. an der Seite Preußens, Rußlands, Großbritanniens, dem Königreich Beider Siziliens und des Osmanischen Reiches eintrat. Im Frieden von Lunéville 1801 verlor Österreich die Sekundogenitur des Hauses Habsburg-Lothringen in der Toskana. Neue Tendenzen im Heiligen Römischen Reich, in Folge dessen sich zahlreiche Fürstentümer wie Baden, Württemberg und Bayern nach Frankreich wendeten, führte 1803 zum Reichsdeputationshauptschluß. Zusätzlich kam es zu einer umfassenden Säkularisierung und eine damit verbundene territoriale Abtretung an deutsche Fürstentümer. Territoriale Verschiebungen, eine starke protestantische Vorherrschaft und die starke Anlehnung an die Politik Napoleons, führte zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Am 18.5.1804 rief sich Napoleon Bonaparte zum Kaiser der Franzosen aus. Kaiser Franz II. etablierte daraufhin, um politisch, gesellschaftlich und hierarchisch nicht hinter Frankreich zurückzufallen, am 11.8.1804 das erbliche Kaisertum Österreich, das er nun als Franz I. repräsentierte. Die Expansionspolitik Napoleons I. nach Osten führte 1805 zum 3. Koalitionskrieg, in dem Österreich machtlos war und im Zuge des Friedens von Preßburg die Provinz Venetien, die Grafschaft Tirol mit Vorderösterreich sowie Brixen und Trient abtreten mußte. Die auf Betreiben Napoleons erlassene Rheinbundakte (12.7.1806) führte zum Ende des Heiligen Römischen Reiches. Kaiser Franz II. legte am 6.8.1806 nach einer öffentlichen Erklärung in Wien entgültig die Reichswürde nieder. Darauf folgte die Nobilitierung der französischen Verbündeten, wie Bayern, Baden, Württemberg, Nassau, Hessen-Darmstadt und Mainz. Nach dem vierten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1806/07) und dem Frieden von Fontainebleau wurde Österreich gezwungen, die Souveränität aller von Napoleon geschaffenen Vasallenstaaten anzuerkennen. 1809 kam es aufgrund von Intrigen innerhalb der Hofgesellschaft in Wien zum Austausch des kaiserlichen Außenministers. Die Position wurde mit dem bisherigen österreichischen Botschafters in Paris, Clemens Wenzeslaus Lothar von Metternich-Winneburg (1773-1859) besetzt. Die kriegstreibende Kraft in Wien, es war vor allem der Kreis um Kaiserin Maria Ludovica, einer vehementen Gegnerin Napoleons, riskierte 1809 eine erneute Kriegshandlung gegen den Kaiser der Franzosen. Erstmals konnte die Grande Armée bei Aspern unter der militärischen Führung Erzherzog Carls (1771-1847), einem Bruder Franz´I., empfindlich geschlagen werden. Der Erfolg hielt nicht lange - Napoleon schlug bei Deutsch-Wagram zurück und diktierte in den Verträgen von Schönbrunn der Habsburgermonarchie einen harten Frieden, mit dem Gebietsverlust von Salzburg, dem Innviertel und Tirol. Zur Beschwichtigung Napoleons fädelte Metternich die Ehe zwischen dem Kaiser der Franzosen und der ältesten Kaisertochter, Erzherzogin Maria Luise ein (2.4.1810). Österreich wurde somit in die Rolle eines Bündnispartners Frankreichs hineingedrängt. 1813 etablierte sich ein Geheimbündnis zwischen Preußen, Großbritannien, Rußland und Österreich gegen Napoleon. Eine weitere Niederlage für den bisher siegreichen Kaiser der Franzosen bedeutete die Vielvölkerschlacht bei Leipzig, die mit dem Rußlandfeldzug den Untergang Napoleons einläutete. Preußen, Rußland, Großbritannien und Österreich riefen am 18.9. 1814 zum Kongreß in die österreichische Residenzstadt Wien, um über die Neuordnung Europas und die Beseitigung der territorialen Politik Napoleons zu konferieren. Franz I. erhielt die Gebiete Tirol und Salzburg von Bayern zurück und man formierte unter der Führung der Habsburger aus oberitalienischen Territorien das neue Königreich Lombardo-Venetien, an dessen Spitze ein Vizekönig stand. Ab 1816 erfüllte diese Rolle im Namen des österreichischen Monarchen Erzherzog Rainer 1783-1853), ein Bruder des Kaisers. Die anfängliche große Sympathie für die Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie verschlechterte sich, als man Verwaltung und Bürokratie nach Wiener Vorbild in Lombardo-Venetien einführte und wichtige Beamtenstellen mit kaisertreuen, österreichischen Mitarbeitern besetzte. Die Regierungszeit Kaiser Franz I. nach 1820 war geprägt von Streitigkeiten mit dem Heiligen Stuhl wegen des österreichischen Staatskirchentums. Papst Pius VII. Chiaramonti forderte die Rücknahme zahlreicher Reformen aus der Zeit Kaiser Joseph II. (=Josephinismus). An erster Stelle stand die Wiederzulassung des Jesuitenordens sowie die Forderung nach dem Vorrang im Bereich der Erziehung und Ausbildung der Bevölkerung. Zaghaft und erst infolge zäher Verhandlungen, nahm Franz I. Veränderungen vor, wie die Etablierung der Societas Jesu 1827 innerhalb der Habsburgermonarchie und eine katholische Leitung der Ausbildungsstätten im böhmisch-schlesischen Raum. - Im Bereich der Thronfolge hielt sich Kaiser Franz I. ganz an seine persönlichen Vorstellungen und dem etablierten Hausgesetz. Der Erstgeborene, Erzherzog Ferdinand, war nominell der Erbe, obwohl dieser körperlich und geistig ein Opfer der zu nahen Verwandtschaftsverhältnisse seiner Eltern war. Für den Wiener Hof war klar, daß Ferdinand nie selbständig regieren würde können, weshalb Franz I. seinem Sohn ein "politisches Testament" als Richtlinie hinterließ, mit der Auflage "nichts am System zu ändern, sondern zu bewahren". Die Regentschaft führte die sogenannte "Staatskonferenz", bestehend aus Fürst Metternich, dem Minister Kolowrat und den Erzherzögen Ludwig und Franz Karl. Körperlich bereits in den 1820er Jahren leidend, verschlechterte sich die Gesundheit des Monarchen 1835. In der Nacht vom 2.3.1835 starb der erste österreichische Kaiser an einer Lungenentzündung nach 43 Jahre Regierungszeit. - Die Herrschaft Kaiser Franz II./I. war geprägt von einem mehr als 20-jährigen Krieg gegen Frankreich, mit einem ständigen Wechsel von Territorien. Die Bewertung der Regentschaft wird dominiert vom negativen Empfinden des Polizeistaates, von Zensur, der Unterdrückung von Individualität und einem allgemeinen gesellschaftlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit im Sinne der Biedermeierepoche. Das politische Festhalten am Bestehenden, die Furcht vor Veränderungen und vor tiefgreifenden Reformen resultierte aus den Ereignissen der Französischen Revolution. Auf diesen Ängsten basierte die sogenannte "Heilige Allianz", einem Fürstenbund, dem Preußen, Rußland, Neapel und Österreich angehörten, mit dem Ziel, jegliche Revolution und Aufstände gemeinsam zu Bekämpfen. Parallel hierzu gab es aber auch einen wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung innerhalb der Habsburgermonarchie - erste Schritte der Industrialisierung, die in den 1830er Jahren einsetzte. Erwähnt sei hier der Einsatz von Dampfschiffen auf der Donau. - Die Bewertung der Person von Franz I. ist bislang negativ verlaufen. Er stand symptomatisch für den "Verwalter, den Bürokraten und Aktenstudierer", ein Monarch der sich lieber hinter seinen Dokumenten versteckte, als den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen. Diese Urteile sind jedoch veraltet und entstanden in einer Zeit mit deutsch-national geprägter Geschichtsauffassung. Allein die zahlreichen Reisen des Monarchen innerhalb der Habsburgermonarchie beweisen, daß der Monarch den Kontakt zur Bevölkerung durchaus suchte, sich interessiert am Alltag und an den Lebensumständen zeigte. Am wohlsten scheint sich Franz I. jedoch innerhalb seiner großen Familie gefühlt zu haben. Die Liebe zur Botanik, zu Büchern und zum schriftlichen Festhalten aller Erlebnisse macht seine Persönlichkeit aus. Zeugnisse hierfür sind das erhalten gebliebene persönliche Gartenwerkzeug des Monarchen (heute Bundesmobiliendepot Wien) und die bereits erwähnte umfangreiche Buch- und Stichsammlung in der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Das Interesse an Architektur, Geschichte und Gartengestaltung bei Franz spiegelt der Bau der Franzensburg in der Schloßanlage von Laxenburg bei Wien wieder. Hier trat Franz I. als Planer und Gestalter in Erscheinung. Damit hinterließ er ein frühes Beispiel des Historismus in der Habsburgermonarchie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Kaiser Franz I. war an einer sparsamen, zurückhaltenden und sehr einfachen Lebensführung interessiert, woraus unmittelbar nach seinem Tod das Schlagwort "Unser guter Kaiser Franz" entstehen konnte.
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 19:33 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_II._(HRR)
Joseph II. (HRR)

Portrait des Kaisers Joseph II. 
 

Joseph II. (ungarisch II. József, kroatisch Josip II.), Benedikt August Johann Anton Michael Adam (* 13. März 1741 in Wien; † 20. Februar1790 ebenda), Erzherzog von Österreich aus dem Geschlecht Habsburg-Lothringen, wurde 1764 römisch-deutscher König, war von 1765 bis 1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ab 1780 auch König von Ungarn und Böhmen.



Leben 


Herkunft 


Portrait des Kaisers Joseph II. 
 

Der spätere Kaiser Joseph II. erblickte erblickte am 13. März 1741 als erster Sohn und viertes Kind von Maria Theresia und ihrem Gemahl Franz Stephan von Lothringen in Wien das Licht der Welt.
Im Wiener Diarium, der amtlichen Zeitung der Hauptstadt, hieß es dazu: "Heute in der fruhe zwischen 2 und 3 Uhr seynd Ihre Majestät die Königin zu Hungern und Böheim, Erz-Hertzogin zu Österreich, unsere Allergnädigste Landes-Fürstin und Frau eines schön- und wolgestalteten Ertz-Herzogen zu unaussprechlicher Freude Allerhöchster Herrschaften wie auch zum höchsten Trost alhiesiger Inwohner und gesammter Königl. Erb-Königreichen und Landen glüklichst entbunden worden; von welcher glüklichen Entbindung alsogleich der Ruf mithin ein immerwährendes Jubel-Geschrey durch alle Gassen noch bey eitler Nacht erschollen. Von dieser glücklichen Entbindung seynd auch die Nachrichten mittels Abfertigung einiger Kammer-Herren, Truhsessen und respektive Expresso an unterschiedliche auswärtige Höfe abgefertigt worden." [1]
Noch am Abend der Geburt fand die Taufzeremonie statt. Als Taufpaten fungierten Papst Benedikt XIV., vertreten durch den Fürsterzbischof von Wien, Kardinal Sigismund von Kollonitz, sowie König August III. von Polen, welcher durch den Prinzen und späteren Reichsfeldmarschall Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen vertreten wurde. Getauft wurde das Kind schließlich auf die Namen Josephus Benedictus Augustus Joannes Antonius Michael Adamus - der zweite und der dritte Vorname freilich zu Ehren der beiden Taufpaten. [2]

Heirat und Nachkommen 

Joseph heiratete am 6. Oktober 1760 in Wien die Prinzessin Isabella von Bourbon-Parma (1741-1763), Tochter des Herzogs Philipp von Parma, Piacenza, Guastalla und dessen Gattin Prinzessin Louise Elisabeth von Frankreich a.d.H. Bourbon. Der auch für heutige Verhältnisse etwas unkonventionell geführten Ehe entsprangen zwei Kinder, die aber bereits früh verstarben.
  • Maria Theresia (1762-1770)
  • Christine (*/† 1763)

In zweiter Ehe heiratete er am 23. Jänner 1765 in Wien-Schönbrunn seine Cousine 2. Grades Prinzessin Maria Josepha von Bayern (1739-1767), Tochter des Kurfürsten Karl Albrecht und dessen Gattin Erzherzogin Maria Amalie von Österreich. Die von Joseph vernachlässigte Ehe blieb kinderlos.

Joseph II. als römisch-deutscher Kaiser 

Am 27. März 1764 wurde er in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und am 3. April 1764 ebenda als solcher gekrönt. Sein Wahlspruch wurde: Virtute et exemplo (Mit Tugend und Beispiel)

 
Joseph wurde 1765 nach dem Tod seines Vaters Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und offizieller Mitregent in den erzherzöglichen Ländern, ohne allerdings viel regieren zu können. Das erhebliche finanzielle Erbe des Vaters verwendete er zu großen Teilen für die Sanierung des Staatshaushaltes. Die Position des römisch-deutschen Kaisers war bereits zu dieser Zeit rein dekorativ, und seine Mutter Maria Theresia überwachte in ihrer Besorgnis um sein unbedachtes Wesen seine Handlungen und Entscheidungen.In vielen Fragen hatte Joseph andere, zum Teil auch konträre Meinungen zu seiner Mutter Maria Theresia, die bei ihren eigenen Reformen geistig und emotional noch im Zeitalter der Gegenreformation lebte, während Joseph bereits ein Anhänger aufklärerischer Ideen war. Nach ihrem Tod 1780 versuchte er diese Ideen politisch umzusetzen, dies allerdings auf überhastete oder undiplomatische Art, so dass viele davon durch Verzögerungen oder Widerstand letztlich unwirksam blieben.
Als er 1790 an Tuberkulose verstarb, erhielt sein jüngerer Bruder Leopold II. die Kaiserwürde. Nur wenige trauerten um ihn: "Aus der Fackel seines Geistes ist... ein Funke gefallen, der nie mehr erlöschen wird“.

Der aufgeklärte Absolutismus und Josephs Reformen 

Er gilt als Exponent des aufgeklärten Absolutismus. Für ihn war das Herrschertum ein Amt, ein Dienst am Staatals übergeordnetem Ganzen. „Alles für das Volk, aber nichts durch das Volk“ war sein angeblicher Leitspruch, der seinen Regierungsstil zutreffend charakterisiert.

 
Joseph II. versuchte den Einfluss des Adels und des Klerus zurückzudrängen. Die Leibeigenschaft der Bauern etwa wurde durch dasUntertanenpatent am 1. November 1781 aufgehoben. Die adligen Ständeversammlungen wurden zugunsten von Staatsbeamten zurückgedrängt.Dies hatte auch mit Josephs Zentralisierungstendenzen zu tun. So versuchte er, aus Österreich einen Einheitsstaat mit Deutsch als Einheitssprache zu machen, und wollte die althergebrachten Sonderrechte der Länder seines Herrschaftsbereiches abschaffen. Er verzichtete sogar darauf, sich in Prag und Pressburg zum König von Böhmen bzw. Ungarn krönen zu lassen. Diese Bestrebungen lösten in den Österreichischen Niederlanden Unruhen aus und brachten Ungarn an den Rand eines Aufstandes.
Ein anderer Aspekt dieser Bemühungen ist seine Kunstpolitik. So wurde das Burgtheater zum deutschen Nationaltheater erklärt und der KomponistWolfgang Amadeus Mozart wurde 1782 beauftragt, mit der Entführung aus dem Serail die Gattung des Singspiels in deutscher Sprache auf künstlerisch ernstzunehmendes Niveau zu heben. Die Zusammenarbeit mit Mozart wurde auch in den folgenden Jahren beibehalten, als das Genre des Deutschen Singspiels sich nicht durchgesetzt hatte. 1786 genehmigte er die Uraufführung der Mozart-Oper Le nozze di Figaro (nach dem aufrührerischen Stück „Der tolle Tag" des Franzosen Beaumarchais, dessen Kritik an den Adelsvorrechten mit der Politik des Kaisers sehr gut zusammenging). 1789 erteilte er Mozart auch den Auftrag zu dessen Oper Così fan tutte.
Josephs Einheitsstaat sollte in erster Linie für Wohlstand und Fortkommen seiner Bürger sorgen. Allerdings hatte Joseph die Tendenz sich auch um allerkleinste Details zu kümmern, was von seinen Untertanen teilweise als schikanös empfunden wurde. So gab es Regelungen bei Begräbnisfeierlichkeiten bis in kleinste Details; Festlegung der Zahl der Kerzen, die bei einer Messe anzuzünden seien; das Verbot vonPfeffernüssen als Genussmittel, welche er für gesundheitsschädlich hielt und vieles mehr.
Ein ernster zu nehmender Aspekt dieser Bemühungen ist seine Gesundheitspolitik, die sich in der Gründung des Allgemeinen Krankenhaus und dem Josephinum (einer Ausbildungsstätte für Militärärzte) niederschlug. Das Allgemeine Krankenhaus war eine Art Lieblingsprojekt des Kaisers, mit dem er sich äußerst detailliert befasste
Sein Reformwerk scheiterte letztlich am offenen und versteckten Widerstand der alten Eliten. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter übersah er oft deren Fehler und mangelnde Konsensfähigkeit. So bot der Protochirurg Giovanni Alessandro Brambilla der konservativen Ärzteschaft so viel Angriffsfläche, dass sich die Entwicklung der Chirurgie in Österreich letztlich um Jahrzehnte verzögerte. Der Graf Belgioso schweisste als Statthalter der österreichischen Niederlande durch sein ungeschicktes Agieren sogar den Klerus und die Freigeister zu einer gemeinsamen Opposition zusammen.

Justizpolitik 

Ein wichtiger Aspekt seiner Reformen ist allerdings, dass die Rechtsordnung unter ihm bedeutende Fortschritte machte. 1783 wurden Teile des Eherechts in der „Verordnung in Ehesachen“ kodifiziert, 1787 wurde ein neues Strafgesetzbuch, das Josephinische Gesetzbuch erlassen, und die Ausarbeitung eines Bürgerlichen Gesetzbuches, die schließlich zumABGB führen sollte, wurde begonnen.

Innen- und Wirtschaftspolitik 

Unter seiner Regierung wurden merkantilistische und physiokratische Ideen verwirklicht. Die Bevölkerung wurde dabei hauptsächlich als Arbeitskräftereservoir angesehen.
Maßnahmen zur Hebung der Bevölkerungszahl gehen damit Hand in Hand. Vor diesem Hintergrund ist z. B. die Aufhebung der Todesstrafe 1787 zu sehen – die Delinquenten wurden schließlich für die Zwangsarbeit gebraucht.
Ebenso verwirklichte er einen straffen Polizeistaat mit Spitzelsystem. Kurze Experimente mit der Pressefreiheit wurden rasch wieder aufgegeben.

Außenpolitik 

In seiner Außenpolitik war Joseph expansiv, aber meistens nicht vom Glück begünstigt. Die Beteiligung Österreichs an der 1. Teilung Polens mit dem Zugewinn Galiziens ging auf die Initiative Preußens zurück, das als Ausgleich für Russlands Zugewinne im Krieg mit der Türkei einen Korridor durch Polen (als Verbindung zwischen Pommern und Ostpreußen) forderte. Dem war eine Politik der Annäherung an Österreich vorausgegangen, das 1771 einen geheimen Vertrag mit der Türkei geschlossen hatte und damit Druck auf Russland ausübte. Als Katharina II. von Russland von diesem geheimen Vertrag erfuhr, wurde Österreich auch ein Angebot gemacht, an der Teilung des souveränen Polens zu partizipieren. Die Initiative zu den Teilungsplänen ging also nicht von Joseph aus, zumal die Rolle Österreichs unter den europäischen Mächten 1771/72 nicht tonangebend war. Allerdings soll er im Gegensatz zu seiner Mutter keinerlei Skrupel bei diesem Handel gehabt haben.

Kaiser Joseph II. 
 

Im Bayerischen Erbfolgekrieg, bei dem ursprünglich geplant war, Bayern an Österreich anzuschließen und dafür den Wittelsbachern dieÖsterreichischen Niederlande zu überlassen (Bayerisch-Niederländisches Tauschprojekt), musste er sich letztlich mit dem Innviertel begnügen.
1787 wurde er als Verbündeter Katharinas II. in einen für Österreich wenig erfolgreichen Türkenkrieg hineingezogen.

Religionspolitik („Josephinismus“) [Bearbeiten]
Am berühmtesten ist allerdings seine Religionspolitik, die meistens allein gemeint ist, wenn man von Josephinismus spricht.
In seinem Toleranzpatent wurde das Glaubensmonopol der Katholischen Kirche gebrochen – Protestanten und Juden durften ihren Glauben ausüben, allerdings nur unter Duldung; der Vorrang der Katholischen Kirche blieb aufrecht.
Alle Orden, die im volkswirtschaftlichen Sinne unproduktiv waren, also keine Krankenpflege, Schulen oder andere soziale Aktivitäten betrieben, wurden aufgehoben, ihr Besitz verstaatlicht. Dies führte dazu, dass viele kontemplative Abteien mit zum Teil langer Tradition geschlossen wurden. Aus dem Erlös der Aufhebungen wurde der bis ins 20. Jahrhundert bestehende Religionsfonds gegründet, der die Besoldung der Priester übernahm, die auf diese Weise zu Staatsbeamten wurden.
Auch viele Feiertage und Kirchenfeste (WallfahrtenProzessionen u. Ä.) wurden abgeschafft – hauptsächlich um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
Andererseits wurde auf seine Initiative die Verwaltungsstruktur der katholischen Kirche in Österreich rationalisiert. Pfarrsprengel wurden verkleinert, neue Diözesen wurden gegründet und bestehende mit den Grenzen der Kronländer in Deckung gebracht.

Bewertung 
Die historische Beurteilung seiner Person ist sehr unterschiedlich. Aufgrund der Überstürztheit und Radikalität seiner Maßnahmen, die das Leben des Einzelnen teilweise bis ins Kleinste bestimmten, war Joseph zu Lebzeiten unpopulär bis zur Verhasstheit und er musste einige seiner Reformen kurz vor seinem Tod wieder zurücknehmen.
Unter der Regentschaft seines bis zum Starrsinn reaktionären Neffen Franz II./I. wurde er hingegen allmählich zu einer mit Nostalgie verklärten Lichtgestalt.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird er einerseits als fortschrittlicher Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus gesehen, andererseits wird auch auf den paternalistischen und zentralistischen Charakter seines Regiments hingewiesen.
Nichtsdestoweniger war er einer der wichtigsten Herrscher Österreichs, auf den viele konstruktive Ansätze zurückgehen und der einen bedeutsamen Reform- und Modernisierungsschub gebracht hat.

Übersicht über die Reformen 

Joseph führte viele Reformen durch, von denen er aber kurz vor seinem Tode noch viele zurücknahm.

Staatswesen 
  • Aufhebung der Leibeigenschaft
  • Ein Jahr nach demselben Beschluss seines Bruders Leopold II. in der Toskana: Abschaffung der Todesstrafe im Zivilstrafrecht (nicht im Militärstrafrecht)
  • Religionsfreiheit
  • Öffnung des Praters und des Augartens für die Öffentlichkeit
  • Einschränkung des strengen Spanischen Hofzeremonielles
  • Schutzzölle für den Handel
  • Grundsteuer für den Adel
  • Versuch: Deutsch als Staatssprache im Vielvölkerreich


Soziales 
  • Bau von Schulen und Krankenhäusern (u. a. des alten AKH Wiens)
  • Gründung von Waisen- und Armenhäusern
  • Verbannung der Friedhöfe aus den Städten, um das Grundwasser zu schonen
  • Einrichtung eines steirischen Volksmuseums
  • Verbesserung der Lebensverhältnisse arbeitender Kinder


Kirche 
  • Neugründung von Pfarren
  • Auflösung von 700 Klöstern
  • Verringerung des päpstlichen Einflusses
  • Verbot von „abergläubischen“ Bräuchen der Kirche, gleichzeitig Religionsfreiheit für Christentum und Judentum im Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781
  • Abschaffung von Särgen für jeden Toten (stattdessen ein allgemeiner Sarg, der eine Falltür hatte, ein sogenannter Josephinischer Gemeindesarg, im Volksmund auch Klappsarggenannt - dies wurde von den damaligen Österreichern als pietätlos empfunden)

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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 21:30 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

Karl August von Hardenberg

Karl August von Hardenberg 
 

Karl August Freiherr von Hardenberg (auch: Carl August von Hardenberg; * 31. Mai 1750 in Essenrode, heute zu Lehre; † 26. November 1822 inGenua) war ein preußischer Staatsmann, der dem kurhannoverschen Adelsgeschlecht derer von Hardenberg entstammte. Er war preußischer Außenminister von 1804 bis 1806 und Staatskanzler von 1810 bis 1822; 1814 wurde er für seine Verdienste in den Fürstenstand erhoben.


Leben 

Hannover 1750-1781 
Von Hardenberg wurde 1750 als Sohn des Obersten Christian Ludwig von Hardenberg und seiner Frau Anna Sophia Ehrengart (geborene von Bülow) geboren. Zum Zeitpunkt der Geburt war sein Vater 49 und seine Mutter 19 Jahre alt. Karl August war das Älteste von acht Kindern. Dieser Aspekt beeinflusste ihn sein Leben lang. Die Erziehung Karl Augusts lag während der ersten Jahre in der Hand seiner Erzieherin Gavell, die auch schon seine Mutter erzogen hatte. Der Erziehungsplan richtete sich nach den Gewohnheiten der Zeit und seines Standes. Man sprach Französisch und vom sechsten Lebensjahr an lernte er auch Latein. Der Hofmeister Wedekind übernahm nun die Erziehung. Karl August genoss jedoch eine für einen jungen Adligen ungewöhnlich fortschrittliche und aufgeklärte Erziehung. Karl Augusts Traum war der Staatsdienst. Er entschloss sich also, Jura zu studieren und schrieb sich mit 16 Jahren zum Wintersemester 1766/1767 in der Universität Göttingen ein. Er blieb vier Semester in Göttingen. Dort wurde er am 23. Mai 1768 in die Göttinger FreimaurerlogeAugusta zu den drei Flammen aufgenommen. Im selben Jahr siedelte er mit einem neuen Hofmeister (Johann Friedrich Gervinus) nach Leipzig über, um neben Rechtswissenschaftenauch ein Jahr Belles Lettres zu studieren. Dort lernte er den jungen Johann Wolfgang von Goethe kennen.
Im Jahre 1770 bekam Hardenberg eine Auditorenstelle. Auditor war der Name für eine Hilfskraft am Gericht, in etwa entsprechend dem heutigen Referendar. Schon im Januar 1771, ein halbes Jahr nach Amtsantritt wurde er in die Finanzverwaltung des Kurfürstentums versetzt. Doch völlig überraschend starb Hardenbergs Förderer Behr. Dessen Nachfolger Bremer brachte seine eigenen Schützlinge mit. Erbost beschwerte sich Hardenberg beim König in London, der ihm nahelegte, eine Reise durch Europa anzutreten, um seinen Horizont zu erweitern.
Am 15. Juli 1772 trat Hardenberg zu seiner Grand Tour an und besuchte mehrere deutsche Fürstenhöfe, das Reichskammergericht in Wetzlar und den Reichstag in Regensburg. Am 23. November 1773 wurde er dann zum Kammerrat ernannt und am 8. Juni 1774 heiratet er die 15-jährige Christiane von Reventlow. Am 13. Januar 1780 veröffentlicht Hardenberg eine Denkschrift zur Reform der hannoverschen Verwaltung. Am 15. Februar 1781 zogen Hardenberg und seine Frau nach London, um den Kurfürsten für seine Reform einzunehmen. 1778 und 1781 hielt er sich in London auf, wo sich eine Affäre zwischen seiner ersten Frau Christiane und dem Prinzen von Wales (dem späteren George IV.) entwickelte. Da der Skandal öffentlich zu werden drohte, reichte er am 28. September 1781 sein Abschiedsgesuch ein. Am 30. Mai wird er zum herzoglich-braunschweigischen Geheimen Rat ernannt. In Hannover war er indes Mitglied und Stuhlmeister der Loge «Zum weißen Pferd».

Braunschweig 1781–1790 
In Braunschweig trat er für einen Beitritt des Herzogtums zum deutschen Fürstenbund ein, verfolgte die Reform des Schulwesens im Sinne Pestalozzis und die Trennung von Schule und Landeskirche. Ab 1786 stand er dem neu eingerichteten weltlichen Schulkollegium vor.

Ansbach-Bayreuth 1790–1798 Als sich Hardenberg 1790 von seiner ersten Frau scheiden ließ und die seinetwegen geschiedene Sophie von Lenthe heiratete, wurde er für Braunschweig untragbar und wechselte deshalb als dirigierender Minister zum Markgrafen von Ansbach-Bayreuth (Karl Alexander von Brandenburg-Ansbach). Nach dem Rücktritt des Markgrafen ging Ansbach-Bayreuth als Provinz in den Besitz der preußischen Krone über. Hardenberg leitete die Eingliederung der Provinz als preußischer Minister, verwaltete sie seitdem als selbständige Provinz und reformierte die Verwaltung.

Berlin 1798–1822 
1795 war Hardenberg Mitunterzeichner des Friedens von Basel mit Frankreich. 1798 wurde er nach Berlin berufen, weil man ihm Verschwendung vorwarf. Seine Selbständigkeit in der Verwaltung Ansbachs wurde eingeschränkt, die Verwaltungsreformen mussten teilweise zurückgenommen und an den Stand des restlichen Preußens angepasst werden.
1803 erlangte er das Vertrauen des Königs Friedrich Wilhelm III. und wurde zum Minister für auswärtige Angelegenheiten ernannt, 1804 wurde er offiziell Außenminister. Er nutzte seinen steigenden Einfluss, um als Gegenleistung für die Neutralität Preußens Gebietsgewinne in Westfalen und Mitteldeutschland zu erzielen. Da er nicht mit der Politik des Königs gegenüber Frankreich übereinstimmte, trat er 1806 auf Drängen Napoleons zurück. Dieser Vorgang machte ihn in der deutschen Freiheits- und Nationalbewegung zu einer populären Gestalt.
Im April 1807 wurde Hardenberg auf Betreiben des russischen Zaren Alexander I. als leitender Minister wieder mit allen inneren und äußeren Angelegenheiten betraut. In dieser Funktion sprach er sich offen für einen gemeinsamen russisch-preußischen Kampf gegen Napoleon aus. Als Bedingung nach dem Frieden von Tilsit im Juli 1807 musste Hardenberg auf Befehl Napoleons wieder zurücktreten.
Die Berufung Heinrich Friedrich Karl vom Steins 1807 und auch dessen Entlassung 1808 beeinflusste er von seinem Exil-Aufenthalt Riga aus entscheidend mit. Im Auftrag des Königs verfasste er die Denkwürdigkeiten, seine Denkschrift zur Neuorganisation des preußischen Staates mit Reformvorschlägen, die eine Monarchie mit Freiheitsrechten und demokratischen Elementen ermöglichen sollten.
Als er 1810 die Entlassung des Kabinetts von Karl vom Stein zum Altenstein erreichte, gelang es von Hardenberg, am 4. Juni[1] mit Billigung Napoleons zum preußischen Staatskanzler ernannt zu werden. In dieser Funktion bündelte Hardenberg eine bis dahin nicht erreichte Machtfülle in einer Person: Neben dem Außen- und Innen- übernahm er auch das Finanzressort. Die durch Stein begonnenen und unter Altenstein ins Stocken gekommenen Preußischen Reformen setzte er fort, konnte sich aber wie Altenstein nicht gegen die restaurativen Kräfte durchsetzen. Sein Hauptziel, die Einführung einer Verfassung und die Mitbestimmung des Bürgertums, konnte er nicht erreichen.
Das Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 war der Beginn der Hardenbergschen Reformen, 1811 folgte das Regulierungsedikt, das Gewerbesteuergesetz, das die Gewerbefreiheitfestschrieb, die Bauernbefreiung und 1812 die Emanzipation der Juden. Er trat für einen liberalen Verfassungsstaat ein, wie er ihn schon in seiner Rigaer Denkschrift gefordert hatte, lehnte im Gegensatz zu Stein aber die Schaffung eines deutschen Nationalstaats ab. Eine Steuerreform und das Schaffen einer repräsentativen Vertretung plante Hardenberg ebenfalls, scheiterte damit aber am Widerstand des konservativen Adels.
Den russischen Bestrebungen um ein Bündnis gegen Napoleon gegenüber verhielt Hardenberg sich zunächst abwartend. Erst nachdem die Armee Napoleons Ende 1812 in Russland zusammengebrochen war, wurde er in dieser Hinsicht aktiv. Den preußisch-russischen Vertrag von Kalisch, in dem eine gemeinsame Erhebung gegen Napoleon vereinbart wurde, vermittelte er als Verhandlungsführer auf preußischer Seite, zusammen mit vom Stein, der den russischen Zaren vertrat.
Zusammen mit Wilhelm von Humboldt und von Stein entwickelte er 1814 einen Entwurf für eine Bundesverfassung. Am 3. Juni des selben Jahres erhob ihn Friedrich Wilhelm III. in Paris in den Fürstenstand und schenkte ihm die Standesherrschaft über das Amt Quilitz, welches in Neu-Hardenberg umbenannt wurde. 1820–23 baute Karl Friedrich Schinkel das ursprünglich barocke Schloss im Auftrag des Fürsten klassizistisch um.
Im Wiener Kongress 1815 gelang es ihm, Preußen erhebliche Gebietszuwächse zu sichern und er etablierte nach 1815 dort eine neu organisierte Verwaltung (Provinz Sachsen,General-Gouvernement der Hohen Verbündeten Mächte über das Königreich Sachsen). Er konnte dem König das Versprechen abringen, eine Verfassung zu erlassen, eine Verfassungskomission wurde allerdings erst 1817 einberufen. 1819 entwarf er eine landständische Verfassung für Preußen, die allerdings nicht umgesetzt wird.
Nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 schwand sein Einfluss langsam. 1822 erkrankte er nach einem Kongress in Verona und starb kurz darauf. Aufgrund der Effektivität seiner Reformen und der Wirkung auf zahlreiche benachbarte Länder gilt er als einer der großen Staatsreformer des 19. Jahrhunderts.
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 22:06 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Hardenberg,_Karl_August_Fürst_v.


Karl August Fürst v. H., war aus einem alten freiherrlichen Geschlechte entstammt und am 31. Mai 1750 zu Essenrode im Lüneburgischen geboren. Schon mit 16 Jahren bezog er die Universität, studirte in Göttingen, Leipzig, und wieder in Göttingen, hörte mit Fleiß und Eifer Gellert und Pütter, verkehrte mit dem Mineralogen Heinitz und trat 1770 in den hannoverschen Staatsdienst als Auditor bei der Justizkanzlei und dann bei der Kammer in Hannover. Als seine Beförderung sich hinauszog, folgte er dem Rathe König Georgs III., einige Jahre zu reisen, sah eine große Anzahl deutscher Höfe, nahm an Ort und Stelle Kenntniß vom Reichskammergerichte und vom Reichstage, und machte dann einen längeren Aufenthalt in England, wo er die persönliche Gunst des alten Königs gewann. Er zeigte Talent und Regsamkeit, hatte mannigfache wenn auch nicht stets gründliche Kenntnisse, eine rasche jedoch nicht eben tiefe Beobachtungsgabe, war in religiöser Beziehung der damaligen Aufklärung zugewandt, überhaupt zugänglich für alle Geistesströmungen der vorwärtsdrängenden und reformlustigen Zeit, im persönlichen Verkehre geistreich und liebenswürdig, im sittlichen Wandel aller guten Vorsätze voll, aber locker und haltungslos. In die Heimath zurückgekehrt, verheirathete er sich nach dem Willen des Vaters mit einer Gräfin Reventlow[WS 1]; er hatte unmittelbar vorher den Eltern seine unbeschreibliche Neigung zu einer Schwester des späteren Ministersv. Stein bekannt, auf den Widerspruch des Vaters aber sich ohne Weiteres gefügt und sich sofort mit gleicher Wärme in die ihm bestimmte Braut verliebt. Er wurde dann Kammerrath und bald Geheimer Kammerath, fand bei der hannoverschen Verwaltung an hundert Stellen Bedürfniß und Möglichkeit zu gründlichen Verbesserungen, gerieth aber mit dem leitenden Minister Gemmingen[WS 2] in Differenz, als er bei dem baierischen Erbfolgestreit eifrig sich für die Unterstützung Preußens aussprach, und faßte dann, auf die königliche Gnade, die eigne Fähigkeit und das Ansehen seiner Familie bauend, den kecken Gedanken, sich die Stelle des beim Könige in London residirenden hannoverschen Ministers zu erwerben. Er ging zu diesem Zwecke mit seiner Gemahlin nach England hinüber, mußte hier aber erleben, daß der ausschweifende Prinz von Wales[WS 3] mit der leichtsinnigen Frau v. Hardenberg ein Liebesverhältniß anknüpfte, welches zu einem großen Zeitungsscandal führte. H. trat in Folge dessen aus dem hannoverschen in den braunschweigischen Staatsdienst über, wo er im Mai 1782 als Präsident des Klosterraths und Mitglied des Geh. Raths-Collegiums eine ministerielle Stellung erhielt. Der Herzog Carl Wilhelm Ferdinand schätzte ihn hoch und ließ sich wesentlich durch ihn 1785 zu einer kräftigen Mitwirkung bei der Entstehung des deutschen Fürstenbundes bestimmen. Aus Hardenberg’s Thätigkeit in der inneren Verwaltung ist der von Campe angeregte Plan einer Reform des Unterrichtswesens zu erwähnen, nach welchem die Schulen, bisher unter der Aufsicht des Consistoriums und der Landstände, von beiden emancipirt und ausschließlich einem landesherrlichen Directorium unterstellt werden sollten. Die Meinung ging dahin, daß dann die ausdrückliche Opposition gegen die orthodoxe Kirche überall nach Pestalozzi–Campe’schen Gesichtspunkten zu leiten wäre. Der Plan scheiterte an dem [573]nachdücklichen Widerspruch der Stände. Hier wie überall zeigte sich H. erfüllt von den Tendenzen der damaligen Aufklärung, den feudalen Ordnungen abgekehrt, kritisch gegen das überlieferte Kirchenthum, um so mehr begeistert für die Idee des gemeinnützigen, ordnenden, fürsorgenden Staats; nach seinen persönlichen Verhältnissen ergab sich ihm daraus kein demokratisch-revolutionäres Streben, wol aber die lebhafte Unterstützung der landesfürstlichen Gewalt sowol gegen die versumpfende Hierarchie des heiligen römischen Reiches als gegen die eigensüchtigen und jedem Fortschritt unzugänglichen landständischen Corpoationen. Man erkennt leicht, für welchen der damaligen deutschen Staaten er bei dieser Stimmung gleichsam prädestinirt war, und ohne sein Wollen führten ihn seine Sterne in den angemessenen Wirkungskreis. Seine Stellung in Braunschweig wurde durch ähnliche Gründe wie einst in Hannover unmöglich: die Aufführung seiner Frau war so übel, daß es zu einer Ehescheidung kam, und noch übler war, daß H. gleich darauf eine andere Dame heirathete[WS 4], die, wie es scheint, seinetwegen von ihrem bisherigen Gemahle sich geschieden hatte. Das Aergerniß war groß, auch der Herzog nahm es nicht leicht, und H. empfand den Wunsch nach Ortsveränderung. Da traf es sich günstig, daß Markgraf Alexander von Ansbach-Baireuth[WS 5], kinderlos und der Regierungssorgen überdrüssig, seine Lande schon bei Lebzeiten dem Stammesvetter und demnächstigen Erben, dem König Friedrich Wilhelm II. von Preußen zu cediren wünschte; in Berlin hatte man Sorge, daß sich daraus einige im Augenblick unliebsame Weiterungen mit Oesterreich entwickeln könnten und schob deshalb die förmliche Besitzergreifung des Landes noch hinaus. Um so mehr begehrte der Herzog, daß wenigstens an die Spitze seiner Verwaltung ein preußischer Beamter gestellt würde, und da auch dies dem Berliner Hofe noch nicht unbedenklich erschien, empfahl der Minister Hertzberg die Anstellung des zufällig in Berlin anwesenden H. Dieser schlug mit Freuden ein, errang sich bald nachher die Ernennung zum preußischen Cabinetsminister und übernahm, da der Markgraf 1792 das Land verließ, in großer Selbständigkeit die Regierung der beiden Fürstenthümer. Auch hier, wie in Braunschweig, fand er Antrieb in Fülle, unter den feudalen Ueberlieferungen aufzuräumen und seinen Anschauungen von einem arrondirten, souveränen Staate, der für Cultur, Wohlstand und Machtentwicklung ungehindert walten könnte, Raum zu schaffen. Er hatte mit Trägheit und Unredlichkeit der Beamten, mit allen faulen Gewohnheiten einer eingerosteten, halb fürstlichen, halb ständischen Administration zu thun; dabei war das Territorium zersplittert und vielfach mit fremden Besitzungen im Gemenge; überall griffen die Ansprüche der fränkischen Kreisverfassung und der benachbarten Bischöfe störend in die Landesverwaltung ein. H. aber ließ sich nicht beirren. Mit Gewandtheit, Sachkenntniß und Rührigkeit setzte er seine Einrichtungen durch, brachte dem Staate Vermehrung von Steuern und Rekruten und der Bevölkerung Verbesserungen aller Art in Justiz und Unterricht, in Berg- und Straßenbau, so daß er sich dort auf mehrere Menschenalter hinaus ein dankbares Andenken geschaffen hat.


Bald wurde es ihm vergönnt, an größeren Aufgaben mitzuwirken. Die französische Revolution war ausgebrochen, der Krieg auf der ganzen deutschen und belgischen Grenze entflammt, Ende 1793 die Heeresmacht der Franzosen in drohender Stärke aufgetreten. Diesseits war zwischen Preußen und Oesterreich ein starkes gegenseitiges Mißtrauen lebendig und durch die zweite Theilung Polens das innerste Interesse der beiden Höfe stark nach Osten abgelenkt: gegen Preußens Interessen auf jener Seite hatte sich Oesterreich so feindselig gestellt, daß König Friedrich Wilhelm mit dem Abmarsch seiner Truppen vom Rheine drohte, und als unerläßliche Bedingung ihres Verbleibens das Begehren ihrer Verpflegung durch das deutsche Reich aufstellte. Kaiser Franz wollte davon [574]nichts wissen; damit wurde eine günstige Entscheidung beim Reichstage in Regensburg höchst zweifelhaft, und so erhielt H. am 31. Januar 1794 den Auftrag, die vorderen Reichskreise zu besuchen und wenigstens bei diesen die Gewährung materieller Beihülfe für das preußische Heer am Mittelrhein durchzusetzen. H. folgte der Berufung mit großem Eifer, gewann aber trotz vieler schöner Reden keinen Erfolg, und die Armee hätte den Kriegsschauplatz verlassen, wenn nicht im April der Minister Haugwitz den Haager Vertrag zu Stande gebracht hätte, durch welchen die Seemächte dem Könige starke Subsidien verhießen (vgl. den Artikel „Haugwitz“). Als sich dann über die Frage, ob das Heer am Rheine bleiben oder nach Belgien abrücken sollte, ein scharfer Streit mit den Engländern entspann, suchte H. vergeblich zwischen dem englischen Gesandten Malmesbury[WS 6] und dem preußischen General Möllendorf zu vermitteln. Trotz des englischen Widerspruchs blieb Möllendorf am Rheine, that aber bei dem stets wachsenden Zerwürfniß mit Oesterreich nichts Rechtes gegen die Franzosen und drängte den König zu möglichst raschem Friedensschluß. H., welcher damals sich längere Zeit in Frankfurt aufhielt, stimmte soweit mit dem General überein, als auch er der Meinung war, es könne bei dem Benehmen Oesterreichs für Preußen aus der Fortsetzung des Krieges nichts Gutes entspringen; auch er also wünschte den Frieden mit der Republik. Aber er dachte nicht an einen preußischen Separatvertrag, sondern an einen allgemeinen, oder mindestens doch an einen deutschen Reichsfrieden; er hatte die hiernach richtige Vorstellung, daß man zur Erreichung dieses Zieles mit den Seemächten fest zusammenhalten und vor allen Dingen dem Gegner mit aller Energie zu Leibe gehen müsse. So war er geradezu entrüstet über Möllendorf’s widerhaarige Unthätigkeit, die er als „beinahe verätherisch“ bezeichnete. Wir müssen schlagen, sagte er, damit den Franzosen der Friede mit uns wünschenswerth wird. Einstweilen that er hiernach, was er konnte, um Malmesbury für Preußen wieder günstig zu stimmen, mußte aber bald erfahren, daß England die Subsidien kündigte und damit das letzte Band zwischen Preußen und der Coalition zerriß. H., um so mehr von Friedenssehnsucht erfüllt, bestimmte einige der vorderen Kreise, die Vermittlung des Königs zwischen ihnen und Frankreich anzurufen. Es dauerte aber nicht lange, so entschloß sich Friedrich Wilhelm selbst zur Anknüpfung einer directen Friedensunterhandlung in Basel, mit deren Führung er den früheren Gesandten in Paris, Grafen Goltz, beauftragte. Indessen starb dieser bald nach den ersten Gesprächen mit dem französischen Bevollmächtigten Barthelemy[WS 7], und jetzt wurde am 28. Februar 1795 H. mit der weiteren Verhandlung betraut. Die beiden Mächte, des Friedens gleich sehr bedürftig, waren in den meisten Punkten sich rasch entgegengekommen; nur eine Hauptfrage trennte sie noch, das französische Begehren auf Abtretung des linken Rheinufers. H. war entschieden der Ansicht, die Neutralität Preußens sei für Frankreich so wichtig, daß der Wohlfahrtsausschuß endlich auch ohne rheinische Erwerbungen abschließen würde, wenn Preußen fest bleibe und nöthigenfalls mit Abbruch der Verhandlung und energische Offensive drohe. Aber in Berlin wollte man diese Gefahr nicht laufen (vgl. den Artikel „Haugwitz“), sondern sich mit einem Artikel begnügen, welcher die Frage des linken Rheinufers auf den Reichsfrieden vertagte und für den Fall der Abtretung Preußen eine Entschädigung versprach. H. erprobte die Richtigkeit seiner allgemeinen Auffassung, indem er dem Ausschuß trotz dessen kriegerischem Gepolter eine ganze Anzahl untergeordneter Concessionen entriß: leider wagte er in der Hauptsache nicht, im Widerspruch mit seinen Instructionen das gleiche Verfahren inne zu halten, das ohne Zweifel zu gleich günstigem Ergebnisse und zur Anerkennung der deutschen Reichsintegrität geführt hätte. Er zeichnete am 9. April auf Haugwitz’s Artikel und charakteristisch war es jetzt wieder für seine [575]leichtlebige, wenig ernste Weise, wie er sich trotz der Vereitelung seines Hauptwunsches seiner kleinen Errungenschaften erfreute, und mit Wohlgefallen die Trefflichkeit seines schönen Friedenswerkes erläuterte. Er blieb dann noch längere Zeit in Basel, um bei dem Wohlfahrtsausschß die Annahme der preußischen Vermittlung zwischen Frankreich und den deutschen Reichsständen durchzusetzen, mußte schließlich aber unverrichteter Sache nach Franken zurückkehren. Das J. 1796 eröffnete ihm dort die Aussicht, die beiden Markgrafiate in erwünschter Weise zu einer vergrößerten und geschlossenen Provinz zu erweitern. Er erhielt die Vollmacht, alle alten Rechtsansprüche der Hohenzollern auf fränkische Gebiete zu ermitteln und dann ohne Weiteres zu verfahren. Hiernach nöthigte er eine erhebliche Anzahl kleiner Territorien und Ortschaften zur Anerkennung der preußischen Landeshoheit, und als im Sommer Jourdan’s[WS 8] Armee in Franken einfiel, die preußischen Gebiete schonte und alle anderen verwüstete und brandschatzte, ließ sich auf des Ministers eifriges Betreiben sogar die bedeutende Reichsstadt Nürnberg herbei, preußische Besatzung aufzunehmen und um Vereinigung mit dem preußischen Staate selbst zu bitten. H. jubelte. Aber die Freude hatte kurzen Bestand. Wenige Wochen später triebErzherzog Carl die Franzosen wieder aus Süddeutschland hinaus, und den siegenden Oesterreichern gegenüber entschloß sich der Berliner Hof, Nürnbergs Gesuch abzulehnen. Kein besseres Glück hatte H., als er bei der endlichen Regulirung der großen deutschen Entschädigungssache nach dem Luneviller Frieden seinen Hof bestimmte, Anspruch auf die beiden Bisthümer Würzburg und Bamberg zu erheben, deren Vereinigung mit Ansbach und Baireuth dem Könige allerdings in Süddeutschland eine ebenso einflußreiche Stellung gegeben hätte, wie Preußen sie im deutschen Norden unbestritten besaß. Bonaparte[WS 9], welcher damals als erster Consul die Geschicke Frankreichs und Europas lenkte, war nicht gesonnen, Preußen eine solche Ausdehnung zu gestatten, und nach seiner Verfügung gelangten zu Hardenberg’s großem Kummer die beiden Bisthümer in baierischen Besitz.


Schon seit 1793 hatte H. eine nahe Freundschaft mit dem Grafen Haugwitz, dem damals einflußreichsten Minister des Auswärtigen, geknüpft. In Folge dieses Verhältnisses berief ihn dieser, August bis October 1803, zu seiner Stellvertretung während eines sechswöchentlichen Urlaubs. Kurz zuvor hatte Bonaparte nach Wiederbeginn des englischen Krieges Hannover besetzt; Haugwitz hatte ihm zuvorkommen, dann in Gemeinschaft mit den gleichgesinnten Rußland rüsten und die Räumung des Landes fordern wollen, fort und fort sehr nachdrücklich den Abschluß eines Bundesvertrags mit Alexander[WS 10] beantragt: daß der König auf Betreiben des Cabinetraths Lombard Alles zurückwies, rief bei Haugwitz den Wunsch hervor, das Ministerium aufzugeben und sein Ausscheiden zunächst durch einen längeren Urlaub vorzubereiten. H. beruhigte sich während seiner Geschäftsführung bei den königlichen Intentionen; neue Aufforderungen Rußlands wurden ablehnend beantwortet. Als Haugwitz Ende October zurückkam, als Bonaparte jede Milderung seines Vorgehens weigerte und als Bedingung irgend welcher Einräumung den Abschluß einer französisch-preußischen Allianz aufstellte: da brachte Haugwitz den König zu einem festeren Entschlusse, zu der Frage an Kaiser Alexander, 21. Februar 1804, ob Rußland bei einer Bedrohung Preußens durch Bonaparte helfend eintreten würde, worauf Alexander am 15. März mit einem bestimmten Ja erwiederte. Daraus ergab sich ein geheimer Vertrag zwischen beiden Staaten (durch Declarationen vom 3. und 24. Mai), worin ein Angriff Bonaparte’s auf Preußen oder weitere Ausdehnung der Franzosen in Norddeutschland als Kriegsfall bezeichnet war. Inzwischen war Haugwitz, stets über die Cabinetsräthe zürnend, auf’s Neue ausgeschieden und H. am 14. April wieder sein Vertreter geworden; vier Monate später wurde seine Stellung definitiv [576]durch die förmliche Entlassung des Grafen. Unter den schwierigsten Verhältnissen war die Leitung der preußischen Politik in seine Hand gelegt.


In seinen Memoiren, die an diesem Punkte beginnen, führt er weitläufig aus, wie er die Schwäche und Haltlosigkeit des bisherigen Systems, das Hin- und Herschwanken von einer Seite zur anderen, die unthätige Mattherzigkeit verurtheilt und stets auf feste Gesichtspunkte und muthige Thatkraft gedrungen habe, wie aber leider an der absoluten Friedensliebe des Königs und der Nichtsnutzigkeit der im Cabinete einwirkenden Männer alle seine Bemühungen gescheitert seien. In Wahrheit war das Gegentheil der Fall. Er war noch ganz der talentvolle, leichtgesinnte Staatsmann, wie wir ihn zehn Jahre früher am Rheine kennen gelernt haben, auch sein Gesichtskreis und seine Zwecke und Mittel hatten sich nicht erweitert. Von der unermeßlichen Gefahr, welche jetzt die kolossale Anhäufung aller Streitkräfte Frankreichs, Spaniens, Italiens, der Schweiz und der Niederlande in der einen gewaltigen Hand des genialsten Feldherrn, des gewissenlosesten Diplomaten, des unersättlichsten Eroberers über alle Staaten Europas heraufführte, scheint er damals keine Ahnung gehabt zu haben. So ganz überwältigend, sagte er einmal, ist Frankreichs Macht doch noch nicht. Im Frühjahr 1805 stellte er dem König sein Programm: „auf geschickter Benützung der Gelegenheiten, wo Erwerbungen gemacht oder dem Staate besser abgerundete Grenzen gegeben werden können, beruht, so viel ich sehe, das Ziel der preußischen Politik.“ Es war ganz und gar die von Hertzberg inaugurirte Kunst, ohne Kampf noch Anstrengung durch schlaue Combinationen und wechselnde Stellungen Profit zu suchen, eine Kunst, die auch Haugwitz mehrere Jahre hindurch geübt, seit 1799 aber, seit der Entwicklung der erdrückenden französischen Uebermacht, auf das Entschiedenste hatte verlassen wollen, um im Bunde mit Oesterreich und Rußland für die Unabhängigkeit Europa’s kräftig mitzuwirken. Mit Hardenberg’s Eintritt aber fiel Preußen sofort wieder in das System der kriegsscheuen Annexionspolitik zurück. Er versichert zwar hundert Mal, sein Grundsatz sei gewesen, man müsse die unentschlossen Neutralität verlassen und nach einer Seite hin thatkräftig Partei nehmen: da er aber die Frage, auf welche Seite Preußen zu treten habe, völlig offen und von augenblicklichen Umständen abhängig ließ, so ergab sich auch für ihn ein unaufhörliches Hin- und Herschwanken, dessen Resultat bei der Friedensliebe des Königs nothwendig die Fortsetzung der neutralen Unthätigkeit sein mußte.


Unter den etwa erreichbaren Annexionen dünkte ihm die Erwerbung Hannovers bei Weitem die wünschenswertheste und zugleich erreichbarste zu sein. Da nun Hannover das angestammte Erbe des englischen Königs, des Gegners der Franzosen war, so ergab sich für H., in geradem Gegensatze zu der einzig großen und wahren Politik, im Widerspruch mit dem eben geschlossenen russischen Vertrag eine halb unbewußte Hinneigung zu Frankreich. Seine Hauptsorge war zunächst, den im russischen Vertrage vorgesehenen Kriegsfall zu verhüten. Er gewann Bonaparte’s Zusage, keine Uebergriffe in Norddeutschland zu machen, durch das Versprechen, seinerseits die Franzosen in Hannover gegen jeden feindlichen Angriff zu schützen. Als die Franzosen dann fortdauernd kleine Gewaltstreiche gegen die Hansestädte unternahmen, erhob er wol Reklamationen, freute sich, wenn sie Erfolg hatten, blieb aber ruhig, wenn es nicht geschah. Als jedoch Schweden in Vorpommern Truppen zum Vorstoß gegen Hannover aufstellte, drohte er den Schweden in der That mit Waffengewalt, ließ aber freilich die Arme auf der Stelle sinken, als Rußland hiegegen seinerseits den Kriegsfall stellte. Seit Anfang 1805 forderten Rußland und Oesterreich gemeinsam zu festen Abreden über den Frankreich zu leistenden Widerstand auf; H. blieb dabei, man dürfe sich von jenen nicht unbedingt abhängig machen und ließ nicht einmal Haugwitz’s Gedanken eines Versprechens zu, ohne Vorwissen derselben [577]kein anderes Bündniß (mit Napoleon) einzugehen. Er begnügte sich, am 12. März in Petersburg erklären zu lassen, es sei nothwendig, übereinstimmend zu denken und zu handeln; man müsse die Absicht hegen, daß keine Macht ohne Wissen der anderen Verträge eingehe. Indessen wuchs die Spannung zwischen Frankreich und den Ostmächten; der Ausbruch des Krieges wurde immer wahrscheinlicher, man hatte Grund zu fürchten, daß Rußland seine Heere durch preußisches Gebiet vorschieben, oder doch zur See nach Pommern und Hannover bringen werde, was dann für Preußen die Fortdauer der Neutralität unmöglich gemacht hätte. H. hielt den Augenblick günstig und warf dem französischen Gesandten den Vorschlag hin, Napoleon möge Hannover dem preußischen Hofe zum Depot oder Besitz überlassen. Es erfolgte sogleich die Antwort Napoleons, daß er Preußen das volle Eigenthum Hannovers garantiren wolle, wenn Preußen ihm durch einen Bundesvertrag seine damaligen Besitzungen in Italien decke. H. malte sich aus, daß damit die Franzosen aus Norddeutschland entfernt und ein Hauptgrund zum Kriege beseitigt würde; wenn dann noch Napoleon die Unabhängigkeit Italiens, Hollands, der Schweiz respectire, werde sich der Friede erhalten lassen. Er gewann den Herzog von Braunschweig für die französische Allianz; Graf Haugwitz aber, welchen der König befragte, stimmte entschieden dagegen und rieth dringend zu rüsten, um in jedem Falle die eigenen Lande gegen das Kriegswetter schützen zu können. Der König entschloß sich, als jetzt Rußland gebieterisch den Durchmarsch für seine Truppen durch Preußen begehrte, zur Deckung der Ostgrenzen zuerst 80,000 Mann und dann die ganze Armee zu mobilisiren; um so eifriger setzte H. im September die Unterhandlung mit Napoleon über die Einräumung Hannovers fort; er redete jetzt nicht von Allianz, da die Hoffnung, durch eine solche die Ostmächte vom Kriege abzuhalten, bereits verschwunden war; er begehrte jetzt Hannover als Preis für Preußens Neutralität, während Haugwitz nach Wien gesandt wurde, um auch hier die Thür zu etwaiger Anknüpfung offen zu halten. Napoleon, eben im Zuge gegen die Oesterreicher in Ulm, war dicht daran, Hardenberg’s Vorschläge rundweg anzunehmen und damit hoffentlich Preußen doch noch auf seine Seite gegen die Coalition herüberzuziehen.


Da trat die Wendung ein. Drei französische Corps zogen rücksichtslos durch das preußische Gebiet in Ansbach. Der König, der stets erklärt hatte, er werde Frieden halten, so lange kein feindlicher Soldat sein Land beträte, der soeben erst zur Rüstung geschritten war, um eine ähnliche Verletzung durch Rußland zu hindern, der König war empört und ohne Zaudern zum Schlagen entschlossen. Auf der Stelle wollte er den diplomatischen Verkehr mit Frankreich abbrechen, was mit der Kriegserklärung gleichbedeutend gewesen wäre: H. aber fiel ihm in den Arm, jetzt müsse Preußen als bewaffneter Vermittler auftreten und als Genugthuung für die Verletzung Ansbachs endlich die Einräumung Hannovers durchsetzen. Der König hielt den Krieg für gewiß und schrieb in diesem Sinne an die Kaiser Franz und Alexander; Haugwitz, eben aus Wien zurückgekehrt, setzte im Rathe des Königs die Eröffnung einer Verhandlung mit England auf Erlangung von Subsidien durch. Immer hielt H. unter der steten Erklärung, man müsse auch den Ostmächten gegenüber seine Selbständigkeit wahren, die Rolle des Vermittlers auch jetzt aufrecht; der König, nicht energisch genug, dies zu hindern, war doch mit Hardenberg’s Lauheit unzufrieden und berief Haugwitz gemeinsam mit jenem in das Ministerium des Auswärtigen, zu Hardenberg’s schwerem Verdrusse. Darüber kam Kaiser Alexander nach Berlin und am 3. November wurde in Potsdam mit ihm der Vertrag über die Bedingungen unterzeichnet, welche Preußen dem Kaiser Napoleon vorlegen würde, unter der Erklärung des Kriegsfalls, falls sie bis zum 13. December (dem Termin, welchen das preußische Heer zur letzten Fertigstellung noch bedurfte), [578]nicht angenommen wären. Charakteristisch für H. war es, daß er auch in diesen Vertrag, im Begriffe, von England Subsidien zu erlangen, einen Wunsch für die Erwerbung Hannovers einschob und von der Erfüllung desselben sogar den Verzicht Preußens auf einen Separatfrieden mit Frankreich abhängig machte. Haugwitz reiste am 13. Nov. ab, um Napoleon diese Forderungen zu überbringen, die im Wesentlichen auf die Innehaltung des Vertrags von Luneville hinauskamen; daß nicht unter fröhlichem Kriegseifer die Reise angetreten wurde, zeigt der Schlußsatz der von ihm selbst entworfenen, von H. genehmigten Instruction, er werde, falls während seiner Unterhandlung Oesterreich einen Separatfrieden schließe oder zu schließen Anstalt mache, Alles aufbieten, um Napoleons Zorn über Preußens Rüstung zu beschwichtigen. Leider trat dieser Fall ein, Oesterreich schickte am 22. November zwei Gesandte nach Wien, um mit Napoleon direkt zu unterhandeln und zwar unter Gewährung nachgiebigerer Bedingungen als man sie zu Potsdam veranlaßt hatte. Dazu kam der ungeheure Fehler der Russen anstatt bis Mitte December, dem Zeitpunkt für den Eintritt des preußischen Heeres und zugleich der österreichischen Verstärkungen, in vorsichtiger Defensive zu bleiben, statt dessen plötzlich zum Angriff überzugehen und sich die furchtbare Niederlage von Austerlitz zu holen. Durch Beides auf das Tiefste betroffen, zeichnete Haugwitz unter Napoleons herrischer Drohung sofortigen Krieges am 15. December den Vertrag von Schönbrunn, durch den Preußen von der Coalition hinweg in Frankreichs Bund trat, Hannover empfing, dafür aber Ansbach, Neuschatel und Cleve dem Kaiser Napoleon überließ. Auch H. hatte seinerseits auf die erste Nachricht von Austerlitz und dem darauf gefolgten Waffenstillstand dem russischen Gesandten erklärt, hiermit sei der Vertrag vom 3. November hinfällig geworden; er dachte wieder nur an die alte Neutralität und die Erwerbung von Hannover und hatte schon am 12. December dem Grafen Haugwitz unbeschränkte Vollmacht nachgesandt, nach seinem erleuchteten Eifer und Patriotismus zu verfahren. Als der Graf dann am 25. sein schlimmes Werk in Berlin vorlegte, als der stets unerschrockene Stein darauf die Erklärung gab, man habe noch 17 Millionen Thaler und mit den Bundesgenossen ein Heer von 250,000 Mann (die Schätzung war noch zu niedrig), und könne also eine unabhängige und ehrenvolle Rolle aufrecht erhalten, als es aller Welt und H. selbst deutlich war, daß man nur die Wahl zwischen Krieg und Annahme des Vertrages habe: da genehmigte H. das Allerunglücklichste, einen Mittelweg, Ratification des Vertrags unter interpretirenden Abänderungen, 4. Januar 1806, und sandte damit Haugwitz auf’s Neue zu Napoleon. Während dieser reiste, kam am 23. Januar ein Brief Talleyrand’s[WS 11] nach Berlin, worin derselbe die Hoffnung aussprach, Haugwitz werde sich mit dem Kaiser leicht verständigen. Auf Befragen des Königs gab H. das Votum ab, hiermit sei die Angelegenheit für erledigt zu erachten, Hannover also zu besetzen und die fremden Truppen (Russen und Engländer, die bisherigen Bundesgenossen) dort wegzuweisen. Der König trug hiernach keine Bedenken, die Abrüstung der Armee zu befehlen, also im Angesicht des großen französische, in Süddeutschland verfügbaren Heeres die Entwaffnung zu beginnen. Wozu Rüstungsgelder zahlen, wenn der Minister des Auswärtigen das französische Bündniß für abgeschlossen erklärte? H. befestigte sich täglich mehr in der Meinung, mit dem französischen Bündniß den Besitz Hannovers gewonnen zu haben; er dachte oder träumte schon von weiteren Erwerbungen von einer stärkeren Stellung Preußens im deutschen Reiche, von einer ringsum glänzenden Zukunft. Die Täuschung zerrann nur zu bald. Am 8. Februar meldete Haugwitz, daß Napoleon die preußischen Aenderungen verwerfe und seinerseits neue lästige Bedingungen stelle. Bereits hatte der König die Abrüstung theilweise wieder sistirt; H. aber begehrte keine weiteren militärischen [579]Maßregeln. Als dann am 25. der von Haugwitz gezeichnete neue Vertrag ankam, war er allerdings entrüstet über die Ungeschicklichkeit und Schwäche, wenn nicht Böswilligkeit des Gesandten, aber bei der letzten Berathung über die Ratification hatte er kein anderes Wort, als daß die Annahme des Vertrags die Unterwerfung unter Frankreich sei, daß auf der anderen Seite Frankreichs Heere gesammelt, die preußischen Truppen zerstreut seien, daß vor dem Entschluß zum Kriege die Aussichten des Gelingens wohl erwogen werden müßten, und schließlich, daß in einer solchen Krisis der König allein aus der eignen Brust die Entscheidung schöpfen müsse. Da alle Generale sich für die Unmöglichkeit des Widerstandes aussprachen, entschied sich der König für die Unterwerfung.


Die erste Folge davon war die Entlassung Hardenberg’s, nachdem Napoleon im Moniteur vom 26. März den Minister, den er für den Haupturheber des Potsdamer Vertrages hielt, als den entehrtesten Menschen in Europa, als einen Meineidigen und Verräther bezeichnet hatte. Am 24. April 1806 trat der Minister aus dem activen Dienste, durch Napoleons Schmähungen allen Patrioten als tapferer Vorkämpfer gegen die allgemeine Unterdrückung bezeichnet, während Haugwitz fortan als das servile Werkzeug des französischen Welteroberers galt. Denn freilich, alle Welt wußte, daß H. der leitende Minister zur Zeit des stolzen Potsdamer Vertrags gegen Napoleon gewesen und daß Haugwitz die Feder bei den kläglichen Verträgen von Schönbrunn und Paris mit Napoleon geführt hatte. Wie oft aber jener in den letzten Jahren dem französischen Bündniß zustrebt, wie standhaft dieser bis zum dem Unglückstage von Schönbrunn zum Kriege gegen Frankreich gerathen hatte, das blieb zwei Menschenalter hindurch Geheimniß der Archive. Man darf annehmen, daß die letzte Katastrophe H. bis in den tiefsten Kern seines Wesens getroffen, daß Zorn und Schmerz ihn zum weiteren Kampfe gegen Napoleon von Innen heraus gereizt und gewappnet haben. Die Aechtung, welche Napoleon zwei Jahre später über Stein verhängte, hat diesen der Welt als ebenbürtigen Gegner des Imperators bekannt gemacht; mit Hardenberg’s Beschimpfung, durch die er Preußens Knechtung vor Europa signalisirte, hat er sich einen kaum weniger gefährlichen Widersacher selbst erst geschaffen. Seit diesen Tagen erscheint, wo es Frankreich ankommt, der preußische Staatsmann verwandelt. Es ist keine Rede mehr von den sogenannten Erinnerungen der fridericianischen Zeit, von der angeblichen Gleichheit der französischen und preußischen Interessen; weggeschoben sind die schwankenden Künste einer finassirenden Politik, einer gewinnsüchtigen Schlauigkeit ohne Kraft und ohne Opfermuth: sein Wesen geht jetzt auf in dem einen Gedanken des Kampfes gegen den Bezwinger Europas; er will keinen anderen Gewinn, als der sich aus der Lösung dieser weltbefreienden Aufgabe auch für Preußen von selbst ergeben muß. Sonst bleibt er was er gewesen, liebenswürdig, leichtsinnig und sittenlos, im Arbeiten selten gründlich, im Urtheil vielfach dilettantisch: aber aus dem großen Mittelpunkte, in welchem sein Leben und Weben seitdem aufgeht, entspringt ihm Kühnheit, Zähigkeit, Rastlosigkeit, und in den beispiellosen Stürmen, welchen er und der Staat entgegen ging, mußte selbst sein Leichtsinn dienen, ihm zu geben, was Stein aus der Wucht seines sittlichen Ernstes schöpfte, die unverwüstliche Sicherheit des endlichen Sieges.


Obgleich amtlich von den Geschäften entfernt, blieb er fortdauernd in vertrautem Verkehr mit dem Könige. Friedrich Wilhelm hatte den Pariser Vertrag keinen Augenblick in einem anderen Lichte gesehen als in dem eines aufgezwungenen Joches, und während Haugwitz die officielle Politik mit Napoleon zu verhandeln hatte, nahm H. im Stillen an der eifrig gepflegten geheimen Unterhandlung mit Rußland über die künftige Befreiung Theil. Nach wenigen Monaten kam die Katastrophe: im August 1806 mußte Haugwitz selbst die Rüstung zum [580]Kriege gegen Frankreich bewirken, im October folgte Jena und Auerstädt, dann die Vernichtung der Armee, der Fall der Festungen, das Vordringen Napoleons bis zur Weichsel. H. war mit den Anderen nach Ostpreußen geflüchtet und als Kaiser Alexander endlich mit einem russischen Hülfsheere erschien, wurde H. in das Hauptquartier beschieden und bald nachher vom Könige zum leitenden Minister für alle Angelegenheiten ernannt, 10. April 1807. Trotz der verzweifelten Bedrängniß hatte er sich schon mehrere Wochen früher auf das Kräftigste gegen den von Napoleon angebotenen Separatfrieden ausgesprochen; jetzt entwickelte er den beiden Herrschern in großen Zügen die anzustrebenden Ziele, Sicherung von Europa gegen die napoleonische Ehrfurcht, Befreiung Italiens, Neugestaltung Deutschlands, Wiedereroberung des linken Rheinufers; die beiden Souveräne schlossen in der That am 26. April nach diesen Gesichtspunkten einen Vertrag zu Bartenstein, dem freilich ein langes Dasein nicht bestimmt war. H. ging inmitten diese Stürme sein drittes Ehebündniß ein, am 19. Juni 1807, wunderlicher Weise wieder mit einer geschiedenen Frau, Charlotte Langenthal, geb. Schönemann[WS 12]. Bald nachher kam der Tag von Friedland, der Tilsiter Friede, der beispiellose Sinneswechsel Alexanders. H. wurde durch das Unheil seines Staates persönlich mitbetroffen: Napoleon wollte mit ihm nicht unterhandeln und verfügte, daß er auf eine Entfernung von 40 Stunden vom Hofe weg gewiesen werden müsse. H. schlug dem Könige den Freiherrn v. Stein als seinen einzig geeigneten Nachfolger vor, empfahl bis zu dessen Ankunft die Geschäfte durch seine bisherigen Räthe in der Form einer Immediatcommission führen zu lassen und ging über die russische Grenze nach Riga.


In den Monaten, die er hier zubrachte, schrieb er, unterstützt durch die Geh. Räthe Altenstein und Niebuhr, auf den Wunsch des Königs eine große Denkschrift über die Reorganisation des niedergeschlagenen Staates. Wie bei jenen diplomatischen Entwürfen in Bartenstein bewährte er auch hier die Frische und Elasticität seines Geistes; er arbeitete, wie unbekümmert um die Nöthe und Hindernisse der Gegenwart, einen unfassenden Zukunftsplan aus, in dessen Bildern weit mehr seine persönlichen Ideale als die Bedürfnisse und Mittel des Augenblicks sich reflectirten. Lange Zeit vor der Julirevolution redete er hier von einer Monarchie mit demokratischen Institutionen, von einer irgend wie zu wählenden National-Repräsentation, der er freilich keine entscheidende Stimme bei Gesetzgebung und Budget, sondern Theilnahme an den Verwaltungsgeschäften, in der Gemeinde, dem Kreise, dem Ministerium zudachte, von der Aufstellung einer Landwehr, die jedoch nicht aus dem ausgedienten Liniensoldaten, sondern nothdürftig geübten Milizen bestehen und durch Freiwilligen-Corps unter gewählten Officieren verstärkt werden sollte. Er begehrte ferner Aufhebung der Steuerexemtionen und Adelsprivilegien, Erklärung der Gewerbefreiheit, Pflege der Kunst und Wissenschaft, Religionsfreiheit und Toleranz. Genug, er war erfüllt von dem hohen Grundgedanken, daß die Herstellung und Befreiung nur durch die thätige Theilnahme der ganzen Nation erreicht werden könne: er gab Anregungen dieses Sinnes in Fülle. Allerdings von seinen Sätzen war es noch ein weiter Weg zu praktisch verwendbaren Gesetzentwürfen und jedenfalls war es gut für den König und den Staat, daß der wirkliche Angriff der Reform damals in die gediegenere Hand des Freiherrn v. Stein gelegt war.


Im Frühling 1808 kam H. zurück nach Tilsit, wo er die Memoiren über seine Geschäftsführung in den letzten fünf Jahren niederschrieb, eine Apologie seiner ministeriellen Thätigkeit, ohne allen Zweifel mit voller Wahrheitsliebe entworfen, dennoch aber fast an allen entscheidenden Stellen unzuverlässig, weil sich dem Verfasser in einer psychologisch ganz merkwürdigen Weise die damalige Gesinnung und Anschauung der früheren entgegengesetzten unterschob. H. kam dann 1808 nach Preußen zurück [581]und lebte zuerst in Tilsit, dann in Marienwerder oder auf seinen Gütern bei Tempelberg und Grohnde in völliger Zurückgezogenheit, bis im J. 1810 die Noth des Vaterlands ihn den Schauplatz umfassender Wirksamkeit auf’s Neue eröffnete.


Damals trug Preußen noch an der Last der ihm in dem Tilsiter Frieden auferlegten Kriegscontribution, welche nach Stein’s Ausscheiden der verarmte Staat unter der schwachen Leitung des Ministeriums Dohna-Altenstein nicht aufzubringen vermochte und sich deshalb von dem unerbittlichen Gläubiger fortdauernd mit Vernichtung bedroht sah, so daß die unglücklichen Minister endlich den Vorschlag an den König brachten, zur Tilgung der Schuld die Provinz Schlesien dem Kaiser Napoleon anzubieten. In diesem über Tod und Leben entscheidenden Momente wurde der König durch den Oberkammerherrn Fürsten Wittgenstein an H. erinnert, und Napoleon, der aus Rücksicht auf Rußland nicht wol Preußen geradezu zertrümmern konnte und in Folge seines spanischen Krieges selbst in schwerem Geldbedrüfniß war, gab seine Einwilligung zu der Wiederanstellung eines Ministers, der allein, wie man ihm versicherte, das Talent besäße, die geschuldeten Contributionsgelder aufzubringen. So wurde 1810 H., jetzt als Staatskanzler, zum zweiten Male mit der Leitung aller Staatsgeschäfte betraut. Der Finanzplan mit dem er zuerst hervortrat, war etwas windiger Natur, so daß die fähigsten Mitarbeiter, auf die er gehofft hatte, Schön und Niebuhr, sich erschreckt zurückzogen und auch Stein bei gelinderem Gesammturhteil doch im Einzelnen starke Einwendungen erhob. Indessen brachte H. zu seiner schwierigen Aufgabe eine Hauptsache, und zwar die größte, mit, den unvertilgbaren Haß gegen die Unterdrücker und die nicht zu beugende Frische und Festigkeit der allgemeinen Haltung. So wurde der Finanzplan allmählich umgearbeitet und verbessert und endlich doch eine ausreichende Einnahme geschafft, die Contributionszahlungen in Gang gebracht, für die Staatsbedürfnisse, vor Allem für die Heereseinrichtungen wenigstens nothdürftig vorgesorgt. An den politischen Reformplänen des Programms von 1808 hielt der Kanzler fest; die Aufhebung der ständischen Steuerprivilegien, des städtischen Zunftmonopols, der Zwangs- und Bannrechte, die volle Freiheit des Gewerbes wurde verkündet, den Erbpächtern gegen Zurückgabe eines Drittels oder der Hälfte ihrer Grundstücke an die Gutsherrschaft das volle Eigenthum an dem Reste verliehen. Die letzte Maßregel war an sich gewaltsam und schädlich, die anderen erschienen dem Volke im Augenblick nur zum Zwecke allseitiger Steuererhöhung ergriffen, so daß die nächste Wirkung eine grimmige Unzufriedenheit auf allen Seiten war. H., welcher am Schlusse des Finanzgesetzes eine Nationalrepräsentation in Aussicht gestellt hatte, berief im Februar 1811 eine Versammlung von 60 Notabeln, meist Rittergutsbesitzern, und erlebte hier eine so stürmische Opposition, daß er nach dem Schlusse der Sitzungen zwei Führer der Feudalpartei fünf Wochen lang einsperren ließ, dann aber nach Wiedereröffnung der Versammlung mehrere sehr erhebliche Concessionen machte. Dies Verfahren konnte nicht zur Erhöhung seines persönlichen Ansehens dienen; die Klage war berechtigt, daß er weder stetig noch gründlich in der Durcharbeitung seiner Ansichten sei – wenn er z. B. 1808 die Hauptaufgabe der Volksvertreter in die Theilnahme an den Verwaltungsgeschäften gesetzt hatte, so schrieb er jetzt an Stein, daß sie grundsätzlich nicht das Geringste mit der Verwaltung zu schaffen haben dürften – und noch übler war seine, theils aus Selbstgefühl, theils aus Bequemlichkeit entspringende Abneigung gegen kräftige und bedeutende Mitarbeiter, die sich im Zusammenhange mit seinem stets sittenlosen Privatleben fast zur Vorliebe für anrüchige und zweideutige Menschen steigerte. Der einzige starke und große Einfluß, den er neben sich duldete, war jener Scharnhorst’s; hier hielt ihn der patriotische Zorn gegen Napoleon auf der seiner Stellung würdigen Höhe. Daß er in der damaligen [582]Lage des Staates der Volksvertretung weder entscheidende Stimme noch Oeffentlichkeit der Verhandlungen einräumte, daß er als Staatskanzler alle anderen Minister seiner bestimmten Oberaufsicht unterstellte, darüber wird ihm kein verständiger Beurtheiler einen Vorwurf machen. Die Dictatur lag hier in der Natur der Dinge.


Nur zu bald aber traten die Einzelheiten dieser inneren Fragen gegen den pressenden Drang der auswärtigen Sorgen zurück. An Napoleons Wunsch, den letzten selbständigen Continentalstaat, das russische Reich, seinem Herrscherwillen zu unterwerfen, war seit dem Wiener Frieden von 1809 für keinen sachkundigen Beobachter ein Zweifel; mit dem Ausgange des J. 1810 wurde Napoleons Kriegsdrang gegen Norden für alle Welt offenkundig. Bis dahin hatte, wie man in Berlin sehr gut wußte, nur die Rücksicht auf den russischen Bundesgenossen Napoleon von der Vernichtung des preußischen Staates abgehalten: was würde jetzt das Schicksal des Letzteren sein, wenn Napoleon mit dem Petersburger Hofe bräche? Welche Schritte hätte man zu thun, um das Uebelwollen des Welteroberers zu beschwichtigen? Oder auf der anderen Seite, wenn es zwischen den beiden gewaltigen Mächten zum Kriege käme, wäre dann nicht der Augenblick vorhanden, im Bunde mit Rußland die erdrückenden Ketten der fremden Unterjochung zu brechen? Es war wieder eine Frage über Tod und Leben. Wie damals die Dinge standen, konnte Preußen im Kriegsfall höchsten 70,000 Mann für den ersten Moment des Kampfes aufstellen. Dagegen hatte Napoleon eine gleiche, täglich anwachsende Truppenmacht an der unteren Elbe, starke Garnisonen in den Oderfestungen und Danzig, das sächsische Heer in der Lausitz, das polnische an der Weichsel: auf einen Wink konnte er alle Provinzen des verstümmelten Staates mit seinen Waffen gleichzeitig überschwemmen. Die Erwägungen oder, nach Droysen’s Ausdruck, die Agonien setzten sich in Berlin durch das ganze Jahr 1811 hindurch fort. Es ist hier nicht der Ort, ihren einzelnen Wechselfällen zu folgen; was H. betrifft, so wird man sagen müssen, daß diese Zeit der schwersten Prüfung für ihn die Zeit der höchsten Bewährung geworden ist. Man schritt vorwärts wie auf schmaler Felsenkante, rechts und links den Abgrund zur Seite. Ob im einzelnen Augenblick etwas mehr, etwas weniger auf den Rath der Vorsicht oder der Kühnheit zu hören sei, war weniger Erwägungs- als Gewissenssache. Anfangs war H. einig mit dem Könige gegen Scharnhorst und Gneisenau, daß man auf möglichst leidliche Bedingungen mit Frankreich eine Abkunft suchen müsse; dann im Juni 1811 durch Napoleon’s Forderungen und Drohungen zum Muthe der Verzweiflung gepreßt, stimmte er mit den beiden Generalen für ein Bündniß mit Rußland und den Beginn des Kampfes um siegende Befreiung oder ehrenvollen Untergang; es wurden dann die erforderlichen Schritte in Petersburg, Wien und London gethan, bis zum Ende des Jahres aber festgestellt, daß auf keiner Seite rasche und wirksame Unterstützung zu hoffen wäre. Der König war fortan entschlossen, die französische Allianz als das einzige Rettungsmittel vor sofortigem Verderben auf sich zu nehmen, während H. und die beiden Generale der Meinung blieben, auf jede Gefahr den Kampf zu beginnen. Der Erfolg hat dieses Mal der bedächtigen Klugheit gegen die Forderungen des begeisterten Todesmuthes Recht gegeben; doch wird man hinzusetzen dürfen, daß ohne die unablässig vorwärts drängende Gesinnung der Drei der König niemals die Früchte des Erfolges geerntet haben würde. Der Bundesvertrag, welcher ganz Preußen dem Machtgebote Napoleons bedingungslos unterwarf, wurde am 24. Februar 1812 unterzeichnet, und General York rückte mit der großen Armee gegen Rußland in das Feld; im September stand das preußische Corps vor Riga und Napoleon hielt seinen triumphirenden Einzug in Moskau. H. ließ die Hoffnung nicht sinken. Er meinte, daß bei den kolossalen Entfernungen und dem Herannahen des Winters [583]große Diversionen in Napoleons Rücken möglich seien, wenn Oesterreich und Preußen kräftig zusammenwirkten und ließ Aufforderungen diese Inhalts nach Wien ergehen. Graf Metternich aber nahm die Mittheilung völlig kühl auf, erklärte, daß Oesterreich mit Napoleon nicht brechen werde, fand es allerdings begreiflich, wenn Preußen anders handle und begnügte sich, in London seine Vermittlung für einen allgemeinen Frieden anzubieten. Der König wünschte sehr, nicht ohne Oesterreich vorzugehen, ließ aber zu, daß H. den General York über die Lage instruire und gab dessen Adjutanten die Vollmacht mit, daß der General nach den Umständen verfahren möge. Ende December, als die Vernichtung der französischen Armee bekannt und Napoleon nach Paris zurückgeeilt war, erklärte H. dem Könige, daß die Zeit zum Handeln, mit oder ohne Oesterreich, gekommen; die größte Eile sei nöthig, um Napoleon keine Frist zu neuen Rüstungen zu lassen; doch müsse man einstweilen noch scheinbar an der Allianz festhalten, um unter deren Deckmantel die nöthigen Vorbereitungen sicher treffen zu können. York’s kühne That, das preußische Corps von dem französischen Heere zu trennen und einstweilen neutral zu stellen, wurde zwar von dem Könige officiell getadelt, beschleunigte aber im Cabinet die zum Befreiungskampfe drängenden Entschlüsse. Wieder ist es nicht möglich, an dieser Stelle jeden Schritt der Entwicklung zu verzeichnen; es muß uns ausreichen, Hardenberg’s Haltung genau zu charakterisiren. Der König nahm damals neben H. Rath hauptsächlich von Ancillon und Knesebeck; unter diesen war Ancillon ein Mann schöner Worte, kleiner Ziel, schwächlicher Mittel; Knesebeck spannte seine Forderungen etwas höher, begehrte den Bruch mit Napoleon, verwickelte sich aber bei jedem Schritte in untergeordnete Bedenklichkeiten; schließlich waren Beide mittelmäßige Geister und halbe Charaktere; H. allein vertrat damals die große Sache mit dem Schwunge der Seele und der Weite des Blickes eines ächten Staatsmannes. In dem Wesen Friedrich Wilhelm’s gab es Berührungspunkte für jeden dieser Berather: bei seiner bedächtigen Pflichttreue lastete das Gefühl der ungeheuren Verantwortung schwer auf ihm und machte ihn selbst für Ancillon’s schwachmüthige Einwendungen zugänglich; im innersten Herzen freilich theilte er Hardenberg’s Auffassung der gewaltigen Aufgabe und gab beim letzten Wort nach peinlichen Zweifeln stets die rechte Entscheidung. Ganz schlagend traten diese Stimmungen an das Licht, als der König Ende Januar mit H. nach Breslau übersiedelte, dort die ersten Maßregeln zur nationalen Rüstung ergriff und den eben von einer Mission nach Wien zurückgekehrten Knesebeck in das russische Hauptquartier zur Unterhandlung der Allianz mit Kaiser Alexander absandte. Knesebeck hatte zu Wien in dem Grafen Metternich einen ihm überlegenen, aber wahlverwandten Geist gefunden; während Stein’s ganzes Wesen damals in dem Satze aufging, daß in der hohen Krisis die größte Kühnheit auch die größte Klugheit sein, herrschte in Wien die umgekehrte Ansicht, die höchste Staatsweisheit bestehe eben in der Vermeidung jeder Kühnheit. Vor Allem weise erschien es, nach Napoleons Niederlage sich vor einer künftigen russischen Uebermacht zu fürchten und sich deshalb lieber nicht mit Alexander gegen Frankreich zu verbünden, sondern als Vermittler zwischen beiden Mächten einen allseitig gesicherten Zustand zu erlangen, also demnächst dem französischen Kaiser möglichst annehmbare Bedingungen vorzuschlagen, vor Allem aber keine Vergrößerung Rußlands auf polnischem Boden zu dulden. Als Knesebeck darauf nach Kalisch abging, erhielt er die einfache Instruction, ein Waffenbündniß zu Schutz und Trutz anzubieten, auf die Bedingung, daß Alexander nicht eher Frieden schließe, bis Preußen wieder einen Machtumfang wie vor 1806 zurückgewonnen habe. Er aber, auf seinen persönlichen Einfluß beim Könige bauend, schrieb sich unter die Instruction auf eigene Hand den Zusatz, daß er die Zurückgabe Warschau’s an [584]Preußen zu begehren hätte. Weder der König noch H. hatten einen solchen Gedanken gehabt; sie wünschten lieber deutsche als polnische Länder zu gewinnen und begriffen, daß Alexander nimmermehr auf die Erwerbung Polens und damit auf jede Vergrößerung verzichten würde. So erfuhr denn auch Knesebeck den kategorischen Widerspruch der Russen und die ganze Unterhandlung wäre ohne Stein’s Dazwischenkunft gescheitert. Dieser bestimmte den Kaiser, ihn selbst und den Staatsrath Anstett[WS 13] ohne Knesebeck’s Vorwissen nach Breslau zu senden: und auf Rußlands Erbieten, die heutige Provinz Posen an Preußen zu überlassen und auf die allgemeine Zusage der Herstellung der preußischen Macht, wurde dort in 24 Stunden von H. und Anstett abgeschlossen. Ganz in gleichem Sinne, das vielleicht Angenehme aber Untergeordnete hinter das unbedingt Nothwendige zurückzustellen, begann H. jetzt auch die Bundesverhandlung mit England, indem er ohne Vorbehalt die Herstellung Hannovers genehmigte und nur eine große Erweiterung des welfischen Gebietes ablehnte; und nicht anders sandte er zur Werbung weiterer Genossen nach München und bot Baiern für seinen Eintritt in die Allianz den Verzicht Preußens auf Ansbach und Baireuth. Sein Gedanke ging auf die Erwerbung Sachsens, welche Alexander bereits genehmigt hatte als treffliche Entschädigung für das verlorene Hannover, sowie auf Erweiterung des altpreußischen Besitzes in Westdeutschland durch ehemals geistliches und rheinbündnerisches Gebiet, anstatt der früheren Besitzungen in dem stets unzuverlässigen Polen und dem zu weit südwärts entlegenen Franken. Dabei ging die Meinung sowol der preußischen wie der russischen Regierung auf eine Gestalt der deutschen Verfassung, nach welcher der Norden unter Preußens, der Süden unter Oesterreichs Hegemonie kommen sollte. Daß H. dies Alles nicht in specieller Redaction zu Kalisch und Breslau in die Verträge brachte, lag in der Natur der Dinge: eben aus tiefster Ohnmacht auf die Schwelle eines immer noch gigantischen Kampfes tretend, wie hätte man damals schon mit genauen Schnitten das Fell des Bären vertheilen sollen? H. verließ sich, trotz der Tilsiter Erfahrungen, dieses Mal auf die begeisterte Gesinnung des russischen Kaisers, und die Folge hat gezeigt, daß sein Urtheil richtiger war als Metternich’s Angst über die drohende Weltherrschaft der Kosaken.


So begannen Preußen und Rußland den Krieg, zunächst allein, da Metternich fortdauernd Frieden und Vermittlung predigte und noch lange Monate brauchte, um in Oesterreich so viele Streiter aufzutreiben wie das viermal kleinere Preußen innerhalb weniger Wochen. In den Schlachten bei Lützen und Bautzen behielt Napoleon das Uebergewicht, trat aber, um seine letzten Rüstungen zu vollenden, in einen Waffenstillstand, zu Pleißnitz, ein, während dessen die österreichische Vermittlung ihre Thätigkeit entfalten sollte. Bis dahin hatte Metternich, um Rußland von directen Unterhandlungen mit Napoleon abzuhalten, den Verbündeten vorgeschlagen, von dem Gegner die Auflösung des Herzogthums Warschau, die Rückgabe Illyriens und Venetiens an Oesterreich, die Herstellung Preußens und die volle Unabhängigkeit Deutschlands bis zur Rheinlinie zu fordern (H. an den König, 14. Mai): jetzt aber dünkte dies seiner Friedensliebe zu viel, er versprach die Kriegserklärung gegen Frankreich, wenn Napoleon die ihm aufzuerlegenden Bedingungen nicht annehme, beschränkte diese aber auf die Forderung, daß Preußen einen Theil des Herzogthums Warschau und die Stadt Danzig bekomme, Oesterreich die illyrischen Provinzen erhalte und Napoleon auf die hanseatischen Departements sowie auf das Protektorat des Rheinbundes verzichte. Dies Programm war ein Hohn auf die erhoffte Befreiung Europa’s, aber trotz des Widerspruchs der Verbündeten blieb Metternich unerschütterlich und gewährte endlich nur die Zusicherung, daß wenn Napoleon selbst diese unsäglich bescheidenen Bedingungen abwiese und Oesterreich demnach in den Kampf einträte, dann die Forderungen erweitert und die Selbständigkeit [585]des rechtsrhinischen Deutschlands, Hollands, Spaniens, Italiens, sowie die Herstellung Oesterreichs und Preußens zu den Machtverhältnissen von 1805 begehrt werden sollte. H. hatte auch hier wieder den richtigen Blick, bei Napoleon’s Charakter die Verwerfung jeder Concession vorauszusehen und deshalb Metternich’s Anträge in der Convention von Reichenbach am 27. Juni 1813 zu genehmigen. Es geschah, wie er vermuthet hatte; Napoleon blieb gegen jede Vorstellung taub und Oesterreich erklärte am 10. August den Krieg. Die Wiener Regierung brachte geringen Eifer, immer aber ansehnliche Heeresmassen zu dem weiteren Feldzug; drei Monate später war die Leipziger Völkerschlacht geschlagen und die französischen Heerestrümmer flüchteten in völliger Auflösung zum Rheine und über den Rhein. H., im Jubel des mächtigen Triumphes, sah sich bereits am Ziele. „Möchte ich Worte finden können“, schrieb er am 20. October dem Könige, „um Ew. Majestät mit der Empfindung, die das Innerste meines Herzens durchdringt, zu dem glorreichen Siege Glück zu wünschen, den Sie erfochten haben. … Man versichert, daß der König von Sachsen sich an Ew. Majestät ergeben habe. Ich beschwöre Höchstdieselben, ihn, zwar mit aller seinem Range gebührenden Achtung, aber als einen Gefangenen zu behandeln und ihn mit seiner Familie nach Königsberg in Preußen zu schicken. Er hat dieses durch seine Treulosigkeit und durch die bis ganz zuletzt bewiesene Beharrlichkeit, die feindliche Parthey zu halten, voll verdient. In Absicht auf sein Land gilt das Eroberungsrecht, wie es nur immer geltend gemacht werden kann. Ew. Majestät kennen die Absichten des Kaisers von Rußland und wenn gleich über den Besitz jetzt noch nichts entschieden werden mag, so ist es doch höchst wichtig, ihn für Preußen möglichst zu sichern. An österreichische Insinnationen würde ich mich wegen des Königs von Sachsen gar nicht kehren. Ew. Majestät muß der Ruhm werden, mehr als irgend einer Ihrer hohen Vorfahren für die Monarchie gethan zu haben, indem Sie ihr Sachsen erwerben. Der Tag wird der glücklichste meines Lebens sein, an dem ich Ew. Majestät als König von Preußen und Sachsen und als souveränen Herzog von Schlesien und Groß-Pohlen werde begrüßen können. Die Vorsehung hat Alles dazu eingeleitet.“ – Bei dieser fröhlichen Siegessicherheit verschwand mit der Gefahr auch die Spannkraft, welche den hochbejahrten Staatsmann auf die Höhe der Erfolge geführt hatte. Wieder sank er in die altgewohnte Planlosigkeit und Bequemlichkeit zurück. Als er im November 1813 nach Frankfurt a. M. kam, fand er dort Metternich höchst geneigt, unter Ueberlassung der Rheinlinie mit Napoleon Frieden zu machen, und Knesebeck zeigte sich höchst entsetzt über Gneisenau’s tollen Gedanken, sich der Gefahr einer Invasion in das Innere Frankreichs auszusetzen. H. ließ sich ohne langes Widerstreben zu den Anschauungen der Beiden hinüberziehen. Auch die Russophobie derselben wirkte so weit auf ihn ein, daß er für die künftige Politik Preußens sich ein enges Zusammenhalten der drei „deutschen“ Großmächte, nämlich Preußens, Oesterreichs und England-Hannovers als Grundlage dachte, ohne den mindesten Argwohn gegen die grimmige Eifersucht des Wiener und des welfischen Hofes bei jedem Anwachs Preußens. So erhob er keine Einwendung gegen die Herstellung der österreichischen Herrschaft in Italien, noch auch gegen den englischen Plan, die oranische Dynastie in Holland mit Belgien und einem Theile der Rheinlande auszustatten; er bedachte nicht, wie wichtig es für Preußen gewesen wäre, die Angelegenheiten der anderen Mächte ganz so lange in der Schwebe zu erhalten, als dies von deren Seite den preußischen widerfuhr. Es machte ihn sogar nicht irre, daß, als er jetzt bindende Zusagen auch für Preußens Erwartungen in Sachsen und am Rheine begehrte, Metternich mit süßen Worten ihn lediglich auf künftige Verhandlungen aller Gromächte tröstete. Indessen hatten Alexander, Stein und Gneisenau endlich doch die Ueberschreitung [586]des Rheines und den Einbruch in Frankreich durchgesetzt; H. aber blieb noch lange Wochen in dem Fahrwasser der zaudernden und zurückhaltenden Kriegspolitik Metternich’s und Knesebeck’s. Nach dem Siege von La Rothière forderte man zwar von Napoleon anstatt der Rheinlinie die alte Grenze von 1790; als dann aber Napoleon im Februar 1814 Blücher’s Heertheile mit schweren Schlägen traf, war H. mit Metternich und Castlereagh[WS 14] wieder bereit, auf die Rheingrenze abzuschließen. Zum Glücke wies jetzt Napoleon mit gleichem Uebermuthe wie das Jahr zuvor auch die kleinste Concession zurück; König Friedrich Wilhelm riß sich von dem Einflusse Knesebeck’s los und so kam es zu dem Marsche auf Paris, dem Sturze Napoleon’s und zum vorläufigen Abschlusse des Weltkampfes, zu dem ersten Pariser Frieden. Wieder versuchte H. vergeblich, bindende Bestimmungen über Preußens künftigen Besitzstand zu erlangen; wieder verwiesen ihn Oesterreich und England auf den bevorstehenden allgemeinen Congreß, und dieses Mal stimmte auch die russische Regierung zu, um ihr Votum für Preußen auf dem Congresse von Preußens Unterstützung ihrer polnischen Pläne abhängig zu machen. H. war tief verstimmt, richtete aber seinen Aerger vornehmlich gegen Rußland, da er in Alexander’s Wunsch auf Herstellung eines Königreiches Polen ganz in Knesebeck’s Sinn jetzt eine große Gefahr für Preußen sah und in seinen deutschen Gefühlen durch Alexander’s Widerspruch gegen die Zurückforderung des Elsasses tief gekränkt war. Um so mehr setzte er sich in der Ansicht fest, Preußens Heil in festem Anschluß an England und Oesterreich zu suchen. In solchen Stimmungen zeichnete er die Friedensurkunde am 30. Mai 1814 und wurde dann von seinem Könige, zum verdienten Danke für seinen entscheidenden Antheil an dem Befreiungskampfe, am 3. Juni in den Fürstenstand erhoben.


Daß sich H. mit jener letzten Wendung seiner auswärtigen Politik auf einen verhängnißvollen Irrweg einließ, wird heute nicht leicht mehr bestritten werden. Sein Plan für die Neugestaltung Preußens richtete sich auf die Erwerbung einer polnischen Provinz zur Verbindung von Ostpreußen und Schlesien, auf die Annexion des ganzen Königreichs Sachsen sowie des früher schwedischen, jetzt dänischen Vorpommern, sodann auf die Erwerbung der Herzogthümer Westfalen und Berg, sowie der Rheinlande von Mainz bis Wesel. Mit der Zurückgewinnung der altpeußischen, 1807 abgetretenen Lande hätte das eine Gesammtbevölkerung von 10 bis 12 Millionen ergeben. Hardenberg’s weiterer Gedanke war dann, Oesterreich und Baiern in ähnlicher Weise am Oberrheine als Grenzwächter gegen die Franzosen auszustatten und dann dem ganzen Deutschland eine feste Bundesverfassung unter der gemeinsamen Hegemonie Oesterreichs und Preußens zu geben. Mit alle dem war Kaiser Alexander von Herzen einverstanden. Für sich wollte er nach wie vor den größten Theil des Großherzogthums Warschau als souveränes Königreich Polen behaupten, aber wie er es in Kalisch zugesagt, dem preußischen Bundesgenossen die Provinz Posen bis zur Prosna überlassen; bedenklich für Preußen war dabei nur seine Forderung, das wichtige Thorn für sich zu behalten. Dafür versprach er auf das Bestimmteste, ganz Sachsen dem Könige zu verschaffen und die sonstigen Wünsche Preußens sowie den Plan einer deutschen Bundesverfassung kräftigst zu unterstützen. Auf der anderen Seite war Metternich in allen Punkten der Todfeind dieses ganzen Systems. Er gönnte dem Rivalen einige niederrheinische Landstriche, um ihn zu Frankreich in feindselige Stellung zu bringen; aber keine Scholle Landes sollte Preußen südlich der Mosel erhalten, damit sein Einfluß nicht bei den süddeutschen Staaten festen Fuß fasse. Er war entschlossen, Sachsen soweit wie irgend möglich vor der preußischen Habgier mit allen Mitteln zu beschützen. Statt dessen sollte Preußen im Osten über die Prosna bis zur Linie der oberen Warthe, ja bis zur Weichsel hinaus vergrößert, dadurch mit Rußland überworfen und in dieser Isolierung für jeden [587]Widerstand gegen Oesterreichs Pläne unfähig gemacht werden. Von einer geschlossenen Bundesverfassung Deutschlands wollte Metternich gar nicht reden hören. Schon vor der Eröffnung des Wiener Congresses waren diese Verhältnisse durchsichtig genug und hätten den Staatskanzler mit Entschiedenheit auf Rußlands Seite stellen müssen. Aber Monate lang ließ er sich durch das Schreckbild des polnischen Königreichs unter russischer Hoheit weiter ängstigen und durch Metternich und Castlereagh mit unbestimmten Verheißungen über Sachsen hinhalten, während Metternich dem Kaiser Alexander heimlich eröffnete, Oesterreich werde in der polnischen Sache nachgiebig sein, wenn Rußland die sächsischen Ansprüche Preußens nicht mehr unterstütze. Die Gefahr für Preußen, gleichzeitig mit Rußland über Polen und mit Oesterreich über Sachsen zu zerfallen, wurde immer dringender: da griff am 6. November König Friedrich Wilhelm persönlich ein, verständigte sich mit Alexander und befahl dem Kanzler, fortan von der bisherigen Opposition gegen Rußland abzulassen. H. war tief gekränkt, dachte daran, seinen Abschied zu nehmen, blieb schließlich aber doch im Amte und feilschte dann noch Wochenlang mit den Russen über Warthe und Prosna, über Thorn und Culmerland. Indessen ließen jetzt mit verdoppelter Erbitterung Oesterreich und England die bisherige Gönnermaske fallen und erhoben offenen Protest gegen die preußische Besitznahme Sachsens, näherten sich dem französischen Botschafter Talleyrand und zeigten sich dem Kaiser Alexander möglichst gefügig, um alle Kraft gegen Preußen zu concentriren. Da H. diesen Umtrieben nur durch ungeschickte, theils schwächliche, theils herausfordernde Vorschläge begegnete, so traten Oesterreich, England und Frankreich in immer näheres Verständniß und schlossen endlich am 3. Januar 1815 in tiefem Geheimniß einen Kriegsbund gegen Preußen. Aber gerade indem man so dicht an die Möglichkeit des offenen Bruches herantrat, leuchtete plötzlich die Abscheulichkeit desselben auf beiden Seiten ein. Schon am 9. Januar thaten Castlereagh und Metternich einen Schritt zur Versöhnung und H. gab seinerseits nach, daß der südliche Theil Sachsens dem Könige Friedrich August bleibe. Mit russischer Unterstützung wurde dann die Abgrenzung des heutigen Besitzstandes festgestellt, und als England die Stadt Leipzig hartnäckig dem preußischen Staate weigerte, gab Kaiser Alexander dafür Thorn zur Entschädigung. Am Rheine wurde Mainz Bundesfestung, die preußische Provinz über die Mosel hinaus wenigstens bis zur Nahe ausgedehnt. Sodann, um Vorpommern zu gewinnen, entschloß sich H. den Dänen das kleine Herzogthum Lauenburg anzubieten und, um dieses wieder von Hannover zu erlangen, dem Welfenhause Ostfriesland zu überlassen. Es war ein hartes Opfer, aber im deutschen Interesse damals unvermeidlich. In der deutschen Verfassungssache endlich mußte H. auf jede die partikulare Souveränität beschränkende Bundesgewalt verzichten und sich mit den kümmerlichen Einrichtungen des Frankfurter Bundestags begnügen. Mit großem Eifer hatte er sich bemüht, feste Gewähr für repräsentative Verfassung der Einzelnstaaten in die Bundesacte zu bringen, jedoch bei dem Widerstreben Oesterreichs und der Rheinbundskönige nur den fast inhaltlosen Artikel 13 durchgesetzt.


Unterdessen erfüllte auf’s Neue der Tumult eines großen Krieges die Welt: Napoleon war von Elba zurückgekehrt und hatte noch einmal Besitz vom französischen Kaiserthrone ergriffen. H. zog wieder mit dem Könige in das Feld, mußte aber zum zweiten Male erleben, daß der Versuch, Elsaß dem deutschen Vaterlande zurückzugewinnen, gegenüber dem Uebelwollen Rußlands und Englands vergeblich blieb. Eine kleine Grenzerweiterung an der Saar war der einzige materielle Gewinn, welchen Blücher’s Thaten bei Ligny und Belle-Alliance dem Staate zuführten. Der König war nicht ganz zufrieden mit der Art und Weise, in welcher H. die Verhandlung geführt hatte: es sei keine Kunst, sagte er, Minister zu sein, wenn man jedem Anspruch der Anderen nachgebe.


[588]H. hat dann in der folgenden Friedenszeit noch sieben Jahre lang an der Spitze der inneren Verwaltung Preußens gestanden. Es war die Zeit, in welcher der tief verarmte, erschöpfte, bunt und ungünstig componirte Staat alle Gebiete der Regierungsthätigkeit durch angestrengte, einsichtige und ökonomische Arbeit neu zu organisiren hatte, die ruhm- und erfolgreichste Zeit des preußischen Beamtenthums, welches hier durch geräuschlose allseitige Thätigkeit die festen Grundlagen für die künftige Größe der deutschen Nation legte. Eine neue Einrichtung der Ministerien und Provinzialbehörden, ein neues Finanz- und Zollsystem, die definitive Ausgestaltung der Heeresverfassung, die Organisation der katholischen Bisthümer, die ersten Schritte zur Reform des Unterrichtswesens: alle diese Schöpfungen wurden nebeneinander in dem ersten Jahrzehnt nach dem Frieden durchgeführt. Der persönliche Antheil Hardenberg’s an denselben war nicht erheblich. Altersschwäche, Taubheit und Arbeitsscheu wirkten zusammen; den Finanzfragen stand er völlig interesselos gegenüber. Nur wo die alten liberalen Tendenzen seiner früheren Lebensjahre zur Sprache kamen, entwickelte er eine zähe, wenn auch nicht immer kräftige Thätigkeit. Bei den Verhandlungen mit der römischen Curie hielt er fest an den Auffassungen seines Ministerialreferenten Raumer gegen Niebuhr’s romantische Sympathien für den heiligen Stuhl, welche ganz bereit waren wesentliche Staatsaufsichtsrechte zu opfern und die deutschen Katholiken ohne Weiteres der Herrschaft des Vaticans zu unterwerfen. Einen noch breiteren Raum aber nahm in seinem damaligen Wirken die preußische Verfassungsfrage ein. Der Gedanke einer Volksvertretung, den er in der Zeit der napoleonischen Unterdrückung so lebhaft in das Auge gefaßt, war ihm auch im Augenblicke des Sieges und der Befreiung gegenwärtig und blieb es bis zur letzten Stunde seines bewegten Lebens. Leider hatte er auch bei diesem Lieblingsthema weder vorausschauende Besonnenheit noch entschlossene Thatkraft mehr einzusetzen und lieferte damit selbst den Gegnern die Waffen, ihn Schritt auf Schritt von der ursprünglichen Linie abzudrängen und ihn endlich völlig matt zu setzen. Gleich sein Ausgangspunkt, die berühmte Verordnung vom 22. Mai 1815, war mit einer fast leichtsinnigen Unbedachtsamkeit gewählt. Es solle, hieß es dort, eine Nationalrepräsentation eingerichtet werden; dieselbe solle aus den Provinzialständen hervorgehen und diese also, wo sie nicht mehr beständen, neu gebildet werden. Nun gab es damals adlige Landstände in allen den ehemaligen kleinen Territorien, aus welchen jetzt die Monarchie zusammengesetzt war und wo eben die Franzosen in der napoleonischen Zeit dieselben hinweggefegt hatten, suchten die Reste derselben sofort ihre Wiedereinsetzung zu bewirken. Ein unendlicher Partikularismus rührte sich mit tausendfachen Stimmen; es wäre unmöglich gewesen, aus diesem Gewirre eine einheitliche Nationalvertretung hervorgehen zu lassen und hätte es sich thunlich erwiesen, so wäre das Ergebniß ein ausschließlich aristokratisches Parlament geworden. Bald genug zeigte sich auch, daß die Feudalpartei ein solches Ziel gar nicht wollte, sondern territoriale Stände anstatt der Volksvertretung anstrebte. Es war also eine nutzlose Verschleppung der Sache, wenn auf den Antrag des FinanzministersKlewitz zunächst drei Commissare in die Provinzen geschickt wurden, um dort die überlieferten Rechte der adligen Stände zu studiren. H. ging Ende 1817 selbst an den Rhein, empfing auf Schloß Engers im Januar 1818 durch eine von Görres geführte Coblenzer Deputation eine Adresse im constitutionellen Sinne, dann eine Denkschrift des rheinischen und Eingaben des westphälischen Adels mit hochfeudalen Forderungen, gab nach allen Seiten hin freundliche und unbestimmte Antworten, mußte aber dann erfahren, daß der König über die Coblenzer Adresse und noch mehr über die Veröffentlichung derselben sehr verdrießlich und ungnädig war. In Berlin erhob sich neben der feudalen eine [589]bureaukratisch-absolutistische Opposition, welche von einer parlamentarischen Reichsverfassung eine verderbliche und revolutionäre Schädigung der Kronrechte besorgte, zugleich sich aber im Stillen vorbehielt, im Interesse der Staatseinheit auch die Rechte der künftigen Provinzialstände auf ein sehr bescheidenes Maaß zu beschränken. Dazu kam der Einfluß Oesterreichs, welches die einer liberalen preußischen Politik sichere Volksgunst in Deutschland scheute und deshalb durch das Schreckbild künftiger Revolutionen den König im absolutistischen Systeme festzuhalten suchte. Als nun das Wartburgfest und Kotzebue’s Ermordung eintraten, als der tolle Lärm gegen die Burschenschaften und die Universitäten sich erhob, als die süddeutschen Könige im Zorn und Angst wegen der oppositionellen Haltung ihrer Kammern sich hülfeflehend an die preußische Regierung wandten und unter allen diesen Einflüssen König Friedrich Wilhelm den Vorstellungen Metternich’s immer zugänglicher wurde: da hielt es H., der um keinen Preis sein persönliches Ansehen beim Könige gefährden wollte, für eine kluge Politik, wider sein besseres Wissen den Alarmisten seine Zustimmung zu geben und Metternich’s Vorspiegelungen bei dem Könige zu unterstützen. Ohne Zweifel hatte er die Meinung, dadurch seine persönliche Stellung zu befestigen und mit dieser die Zukunft der Verfassungsarbeit zu retten. Im August 1819 legte er dem Könige einen Entwurf der letzteren vor und bewirkte die Ernennung eines Ausschusses zur Begutachtung desselben. Der hervorragendste Vertreter der constitutionellen Richtung in dieser Commission war der vor Kurzem in das Ministerium berufen W. v. Humboldt; leider stand dieser seit Jahren mit dem Kanzler persönlich auf gespanntem Fuße und wurde von demselben als gefährlicher Nebenbuhler betrachtet; als dann Humboldt im October sich gegen die Karlsbader Beschlüsse erhob, benutze dies der Kanzler, den verhaßten Mann aus dem Ministerium und dem Verfassungsausschuß hinauszudrängen. Noch blieb Hardenberg’s eigner Einfluß stark genug, um von dem Könige das Edict über die Staatsschulden vom 17. Januar 1820 zu erlangen, mit der Erklärung, daß in Zukunft die Aufnahme einer Anleihe nur unter Zuziehung und Mitgarantie der künftigen Reichsstände geschehen könne, zugleich wurden neue Demonstrationen der adligen Stände von Brandenburg und der Grafschaft Mark energisch zurückgewiesen und im Laufe des Frühjahrs drei Gesetzentwürfe als Grundlage der Reichsverfassung, eine Landgemeinde-, eine Städte-, eine Kreisordnung ausgearbeitet, deren Inhalt in vollem Gegensatze zu den feudalen Anforderungen stand. So weit gelangte der Kanzler mit seinem schmiegsam gewundenen Spiele; von hier an aber mußte er erfahren, daß all seine Nachgiebigkeit gegen Metternich, sein Anbequemen an die königlichen Vorstellungen, seine Umtriebe gegen Humboldt den eignen Tendenzen den Boden entzogen und die Zahl und die Macht seiner principiellen Widersacher vermehrt hatten. Er begleitete den König zu den Congressen von Troppau und Laibach, wo dann Metternich den preußischen Monarchen zu dem bestimmten Entschlusse brachte, zur Zeit von dem Erlasse einer Reichsverfassung abzusehen. Als H. April 1821 nach Berlin zurückkam, hatte der König die drei Gesetzentwürfe einer neuen Commission zur Prüfung überwiesen, deren Mitglieder, Fürst Wittgenstein, Schuckmann, Ancillon, Albrecht, ebenso wie ihr Vorsitzender Kronprinz Friedrich Wilhelm, den liberalen Wünschen Hardenberg’s gründlich abgekehrt waren. Zu spät erhob sich jetzt H. zu offenem Widerstand; der König entschied am 11. Juni, daß das Weitere hinsichtlich der Reichsstände der Zeit, der Erfahrung und der landesherrlichen Fürsorge vorbehalten bleibe und beauftragte am 30. October die durch vier neue Mitglieder verstärkte Commission mit der Berathung über die Zusammensetzung und Berufung der Provinzialstände. H. sah mißmuthig und unthätig zu; er verwarf die Beschlüsse der Commission vom ersten bis zum letzten Worte, fand sich aber durch die Gegner vollständig überflügelt [590]und wich jeder weiteren Polemik aus. Im October 1822 folgte er dem Könige zum Congresse von Verona und starb auf der Rückreise am 26. November.
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 22:26 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein

Freiherr vom und zum Stein (Gemälde von Johann Christoph Rincklage) 
 

Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (* 25. Oktober 1757 in Nassau; † 29. Juni 1831 in CappenbergWestfalen) war einpreußischer Staatsmann und Reformer. Erste praktische Erfahrungen machte er im frühen Ruhrbergbau und in der Verwaltung der westlichen preußischen Provinzen. Anschließend war er Minister für Wirtschaft und Finanzen in Berlin. Er war zusammen mit Karl August von Hardenbergnach dem Frieden von Tilsit der Hauptprotagonist der Preußischen Reformen seit 1807. Wegen seiner antinapoleonischen Haltungen musste er bereits 1808 ins Exil gehen und wurde 1812 Berater des russischen Zaren Alexander I.. Während der Befreiungskriege verwaltete er als Leiter derZentralverwaltungsbehörde die von Napoleon zurückeroberten Gebiete in Deutschland und Frankreich. Seine Neuordnungsvorstellungen für die deutschen Staaten auf dem Wiener Kongress blieben weitgehend wirkungslos. Eine bedeutende politische Rolle spielte er danach nicht mehr, blieb aber weiterhin aufmerksamer Beobachter des politischen Geschehens und versuchte Entscheidungen durch persönliche Kontakte und Denkschriften zu beeinflussen. Als wichtiger Mitbegründer der Monumenta Germaniae Historica spielte Stein eine nachhaltige Rolle für die Entwicklung der Mediävistik in Deutschland. In seinen letzten Jahren vertrat er nicht zuletzt in seiner Eigenschaft als westfälischerLandtagsmarschall vor allem adelige Sonderinteressen.


Leben und Wirken 

Familie und Jugend 
Stein wurde laut Nassauer Kirchenbuch am 25. Oktober 1757 in Nassau an der Lahn als Sohn von Karl Philipp Reichsfreiherr vom und zum Stein und seiner Gemahlin Henriette Karoline Langwerth von Simmern, verwitwete Löw von und zu Steinfurth, geboren. Stein wuchs im Stein'schen Schloss in der Ortsmitte von Nassau auf.
Stein war das zweitjüngste Kind von insgesamt neun Geschwistern. Von diesen erreichten aber nur sechs das Erwachsenenalter. Der Bruder Johann Friedrich wurde später preußischer Oberst, Friedrich Ludwig kaiserlicher Oberstleutnant. Eine Schwester war die Äbtissin Marianne vom Stein, die in Homberg (Efze) lebte und am Dörnbergschen Aufstand beteiligt gewesen sein soll.
Die Familie war seit dem 17. Jahrhundert reichsunmittelbar. Steins Familie besaß entlang des Rheins und der Lahn mehrere kleine Güter. Insgesamt machte der Besitz etwa 2400 nassauische Morgen aus. Als Reichsritter war sie durch Reichsgesetze geschützt und konnte sich bei Streitigkeiten direkt an Reichsgerichte wenden. Sie hatte die hohe Gerichtsbarkeit und eine herrschaftliche Stellung in einigen Dörfern wie Frücht oder Schweighausen inne. Das Einkommen aus diesen Besitzungen reichte nicht für ein standesgemäßes Leben aus. Daher traten auch die Oberhäupter des Hauses seit Jahrhunderten in die Dienste größerer Fürsten und Landesherren. Karl Philipp war trotz seiner evangelischen Konfession kurmainzischer Kammerherr und Geheimer Rat.
Durch die häufige dienstliche Abwesenheit des Vaters lag die frühe Erziehung Steins überwiegend in den Händen der Mutter. Die Mutter war gebildet und stand im Kontakt mit dem Gelehrten Johann Kaspar Lavater. Im Zentrum stand für sie die sittlich-religiöse Erziehung. Karl vom Stein war der Lieblingssohn der Mutter. Um den Familienbesitz zusammenzuhalten, hat Karl Philipp einen Fideikomiss gegründet. Einige Zeit später wurde gegen den Protest der älteren Brüder Karl vom Stein der alleinige Erbe.[1] Seit dem Tod der Mutter 1783 war er für die Verwaltung der Reichsritterschaft verantwortlich, da sich der Vater aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls zurückgezogen hatte. Wegen seiner preußischen Beamtenlaufbahn übertrug Stein die tatsächliche Leitung der Güterverwaltung seiner Schwester, der unverheirateten Stiftsdame Marianne.
Nach der französischen Eroberung verkaufte Stein seine linksrheinischen Güter und erwarb dafür 1802 die Herrschaft Birnbaum in der späteren preußischen Provinz Posen.[2]

Ausbildung und erste berufliche Tätigkeiten 

 
Im Alter von sechzehn Jahren nahm Stein 1773 ein Studium der JuraGeschichte und Kameralwissenschaften (Vorläufer derWirtschaftswissenschaft) in der damals fortschrittlichsten deutschen Universität in Göttingen auf. Erheblichen geistigen Einfluss auf ihn übteAugust Ludwig Schlözer aus, der versuchte, zwischen modernem Verfassungsdenken und konservativen Vorstellungen von altdeutscher Libertät zu vermitteln. Daneben studierte Stein auch bei Johann Stephan Pütter, einem der besten Kenner der Verfassung und Struktur des Heiligen Römischen Reiches. Wie damals für Studenten adeligen Standes üblich, verließ er die Universität 1777 ohne Abschluss.Da sein Studium vor allem auf den Reichsdienst ausgerichtet war, absolvierte Stein anschließend einige Monate ein Praktikum beimReichskammergericht in Wetzlar. Dort trat er auch der Freimaurerloge Joseph zum Reichsadler bei. Auf verschiedenen Kavaliersreisen 1778/78 lernte er Regensburg als Sitz des Reichstages, die Höfe und Regierungen verschiedener Territorien des Reiches wie MainzMannheimDarmstadt,München sowie in Wien die Residenz des Kaisers kennen. Außerdem reiste Stein in die Steiermark und nach Ungarn. Dabei interessierte er sich auch für das Bergwerkswesen.
Auf Bemühen seiner Mutter trat Stein 1780 in den preußischen Staatsdienst ein. Er selbst begründete diesen Schritt mit seiner Bewunderung fürFriedrich II. und die Liberalität des preußischen Staates, der keine Vorbehalte gegen Außenseiter kannte und ihnen gute Aufstiegsmöglichkeiten bot.[3] Als Referendar wurde er in Berlin beim Bergwerks- und Hüttendepartment des Generaldirektoriums angestellt, wo ihn Minister Friedrich Anton von Heynitz förderte. Stein absolvierte eine entsprechende Fachausbildung, teilweise an der sächsischen Bergakademie in Freiberg. Ausgedehnte Dienstreisen mit dem Minister vervollständigten seine Kenntnisse.
Eine eigenverantwortliche Stellung nahm er 1784 im Bereich des Bergbaus des westfälischen Teils der preußischen Staaten ein. Als Direktor der Bergämter Wetter an der Ruhr und Ibbenbüren war Stein für den Wegebau, den Ruhrkanal und die Organisation des unter staatlicher Aufsicht betriebenen Bergbaus zuständig. Dabei intensivierte er die staatliche Aufsicht über die Gruben. Er verbesserte dabei auch die Verbindung derSteinkohlegruben im späteren Ruhrgebiet mit den Gewerberegionen im SauerlandSiegerland und Bergischen Land.[4]
Verschiedene Male wurden ihm diplomatische Posten angeboten, die er bis auf eine Gesandtschaftsreise 1785 nach Mainz, mit dem Ziel, den Kurfürsten zum Anschluss an denFürstenbund zu bewegen, ausschlug.
Im Jahr 1786 machte er eine Reise nach England, um den dortigen Bergbau, Kanalbau und insgesamt die Anfänge der industriellen Revolution zu studieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse konnte er nach seiner Rückkehr teilweise im Ruhrbergbau umsetzen. Auch gelang es ihm, einen Liefervertrag für eine Dampfmaschine von Boulton & Wattabzuschließen.

Verwaltung der westlichen Provinzen 

 
Im Jahr 1787 wurde Stein Leiter der märkischen Kriegs- und Domänenkammern in Hamm. In dieser Zeit war er für die Schiffbarmachung der Ruhr verantwortlich, ließ als einer der ersten in Deutschland einige Meilen befestigter Chausseen[5] anlegen und verzichtete dabei auf die sonst übliche Fronarbeit. Außerdem sorgte er für eine Beschränkung der Steuern und eine Liberalisierung der Verkehrs- und Gewerbebestimmungen. Im Jahr 1792 wurde Stein Landtagskommissar, d.h. staatlicher Aufsichtsbeamter für die Landstände der Grafschaft Mark.Seit 1793 war er zusätzlich Präsident der Kammer des Herzogtums Kleve mit Sitz in Kleve. Seinen Wohnsitz nahm er im Klever Herzogsschloss.
Im selben Jahr heiratete er die vierzehn Jahre jüngere Gräfin Wilhelmine von Wallmoden. Sie war Tochter von Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn, einem hannoverschen General, der einer Liebesaffäre des englischen Königs Georg II. entstammte. Mit ihr hatte Stein drei Töchter, von denen Henriette (* 1796) und Therese (* 1803) das Kindesalter überlebten.
Als leitender Beamter war Stein in seinen Provinzen in der Grafschaft Mark für eine umfassende Steuerreform zuständig, die für die Einwohner einer Verringerung der Abgaben bedeutete. Den durch die kriegsbedingte Teuerung hervorgerufenen Unruhen in der Grafschaft Mark begegnete Stein, indem er gegen den Widerstand des Militärs Getreide aus den Speichern der Armee zu günstigen Preisen an die Bevölkerung abgeben ließ.[6] Gegen die Versuche der preußischen Zentralverwaltung schützte Stein die Reste der Ständeverfassung und der kommunalen Selbstverwaltung.
Während des ersten Koalitionskrieges war Stein im Hauptquartier des Königs für die Verpflegung der Armee zuständig. Unter anderem war er Zeuge der Belagerung und des Falls von Mainz, der Hauptstadt der Mainzer Republik. Dabei war er auch an der Festnahme und körperlichen Misshandlung des Revolutionärs Friedrich Georg Pape beteiligt.
Im Jahr 1796 wurde Stein zum Oberkammerpräsidenten aller westlichen preußischen Territorien mit Amtssitz in Minden ernannt. Im Auftrag Berlins sorgte er für eine Förderung der Wirtschaft durch Abbau von Vorschriften, Zöllen und ähnlichen ökonomischen Hemmnissen. Zwischen Bielefeld und Osnabrück ließ er eine befestigte Straße erbauen und sorgte für die Verbesserung des Schiffsverkehrs auf der Weser. Außerdem leitete er für Minden und Ravensberg Agrarreformen ein. Dazu gehörte die Verringerung der Hand- und Spanndienste. Hinzu kamen Reformen der Verwaltung in seinem Amtsbereich.
Politisch war Stein in dieser Zeit ein Anhänger des englischen Verfassungssystems, allerdings stand er Anfangs auch der französischen Revolution nicht ohne Sympathie gegenüber. Beide Einflüsse führten dazu, dass er dem preußischen, auf die Bürokratie gestützten Absolutismus zunehmend kritisch gegenüber stand. Allerdings wandelte sich Steins Bild von der französischen Revolution rasch. Dazu trug nicht zuletzt der Kontakt zu hochrangigen französischen Emigranten bei, die in Hamm Zuflucht gefunden hatten. Zu diesen gehörte der nach der Hinrichtung Ludwig XVI. selbsternannte Regent Frankreichs, der Graf de Provence, der spätere Ludwig XVIII, sowie Karl von Anjou, der nachmalige Karl X. Nachhaltig beeindruckt hat Stein in dieser Zeit Edmund Burkes Schrift „Reflection on the Revolution in France.“[7]

Die Schriften von Edmund Burke übten zeitweise erheblichen Einfluss auf Stein aus 
 

Obwohl Stein Reichspatriot und nicht nur preußischer Beamter war, billigte er die von Napoleon diktierten territorialen Veränderungen im Westen des Reiches und insbesondere die Säkularisation der geistlichen Territorien. Von der preußischen Zentralregierung beauftragt, trieb er diese Entwicklung in Westfalen noch vor dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 voran. Zwischen 1802 und 1804 leitete er von Münster aus die Eingliederung der geistlichen Herrschaften in den preußischen Staat. An Preußen fiel der östliche Teil des Hochstifts Münster, das Hochstift Paderborn sowie die Abteien EssenWerden und das Stift Herford. Insbesondere in Münster stieß dies auf Kritik. Dauerhaft waren die Erwerbungen nicht, da nach demFrieden von Tilsit Preußen seine westfälischen Besitzungen verlor.
Im Jahr 1804 war Stein persönlich von den Veränderungen im Reich unmittelbar betroffen, als der nassauische Staatsminister Ernst Franz Ludwig Marschall von Bieberstein die Besitzungen der Familie vom Stein besetzen ließ und damit im Kleinen nichts anderes tat, als Stein mit den westfälischen Bistümern im Großen. Dennoch protestierte Stein nachdrücklich, und auch auf Druck von Kaiser Franz II. musste die Besetzung zunächst aufgehoben werden. Diese Episode führte zu einer lang anhaltenden Gegnerschaft Steins gegenüber Nassau und Marschall von Bieberstein. Letztlich wurden auch die Besitzungen derer Stein mediatisiert. Stein verlor zwar seine Herrschaftsrechte, nicht aber den Besitz seiner Güter und Ländereien.
In seiner westfälischen Zeit präsentierte sich Stein als überdurchschnittlich tüchtiger Verwaltungsbeamter insbesondere in Wirtschaftsfragen.[8]Dadurch empfahl er sich für Aufgaben in der Berliner Zentrale.

Minister in Berlin und Sturz 

 
1804 wurde Stein als königlicher Finanz- und Wirtschaftsminister ins Generaldirektorium nach Berlin berufen, wo er für das Akzise-, Zoll-, Fabrik- und Kommerzialwesen zuständig war. Hinter der Ernennung steckte vor allem der Kabinettsrat Carl Friedrich von Beyme, der in dem neuen Minister einen Anhänger einer umfassenden Reformpolitik sah. Bereits bei der Übernahme dieser Aufgabe machte Freiherr vom und zum Stein deutlich, dass er über Preußen hinaus das gesamte Deutschland im Blick hatte. „Wenn man überzeugt ist, dass Deutschlands Veredelung und Kultur fest und unzertrennlich am das Glück der preußischen Monarchie gekettet ist, so kann man gewiss nicht einen Augenblick zwischen Pflicht und Persönlichkeit schwanken, sondern man ist zu jeder Aufopferung der letzteren bereit.[9]Stein, verantwortlich für den Staatshaushalt, versuchte angesichts des drohenden Krieges die Staatseinnahmen zu erhöhen, bemühte sich aber auch um die Angleichung der regional sehr unterschiedlichen Steuern und Abgaben. So wurde im Bereich des staatlichen Salzmonopols einheitliche Preise eingeführt, diese aber insgesamt erhöht, so dass sich daraus erhebliche Mehreinnahmen ergaben. In begrenztem Umfang wurden Binnenzölle zwischen einigen Teilgebieten der Monarchie abgeschafft.[10] Außerdem gründete er das statistische Bureau. Später gehörten zudem die Königliche Hauptbank sowie die Seehandlung zu seinem Zuständigkeitsbereich.
Stein gehörte 1805 zur Kriegspartei um Königin Luise, die dafür stand, Napoleon entgegen zu treten. Gemeinsam mit Louis Ferdinand Prinz von Preußen versuchten sie, König Friedrich Wilhelm III. davon zu überzeugen. Am 10. Mai 1805 übergab Stein eine entsprechende Denkschrift. Durch seine extrem schroffe Art in der Schrift – den Außenminister Haugwitz nannte er beispielsweise einen „Mann ohne Wahrhaftigkeit, einen abgestumpften Wollüstling, schwelgend in Genüssen aller Art“ – trug er dazu bei, die Ablehnung gegen seine Vorstellungen noch zu verstärken.[11] Der König lehnte vorerst ab und sah in der Gruppe um Louis Ferdinand und Stein nicht zu Unrecht eine gegen seine Politik gerichtete Fronde. Schließlich gab er jedoch nach und befahl die Mobilmachung. Dies führte zum Krieg von 1806.
Der für Preußen katastrophal verlaufende Feldzug führte zur Flucht des Hofes und der maßgeblichen Politiker nach Königsberg. Dabei sorgte Stein für die Rettung der Staatskassen. Infolge der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt und der durch sie offenkundig gewordenen Verkrustungen in Verwaltung und Militär war der preußische Staat zu Veränderungen gezwungen. Stein empfahl in Königsberg, den Krieg gegen Napoleon mit allen Kräften fortzusetzen. Außerdem kritisierte er scharf die während des Krieges deutlich gewordenen Schwächen der zivilen und militärischen Führung und machte auch vor dem monarchischen Regierungsstil nicht halt. Stattdessen forderte er grundlegende Reformen in der Struktur des Staates, um einen stabilen Unterbau für die Kriegsanstrengungen zu gewinnen. Dazu zählte insbesondere seine bereits vor Kriegsausbruch einsetzende Kritik am bisherigenabsolutistischen Kabinettsystem; stattdessen plädierte er für ein Staatsministerium aus verantwortlichen Ministern, die mit dem Monarchen zusammenarbeiten.

Der Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin war Sinnbild für die Niederlage Preußens 
 

Die Aufforderung, das Außenministerium anzunehmen, um den Frieden zu erreichen, lehnte Stein schroff ab. Dies und seine scharfe Kritik an der bisherigen Politik führten zu seiner Entlassung am 3. Januar 1807 durch Friedrich Wilhelm III. dass ich mich leider nicht anfänglich in Ihnen geirrt habe, sondern dass Sie vielmehr als ein widerspenstiger, trotziger, hartnäckiger und ungehorsamer Staatsdiener anzusehen sind, der, auf sein Genie und seine Talente pochend, weit entfernt, das Beste des Staats vor Augen zu haben, nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Hass und Erbitterung handelt … . Da Sie indessen vorgeben, ein wahrheitsliebender Mann zu sein, habe ich Ihnen auf gut deutsch meine Meinung gesagt, indem ich noch hinzufügen muss, dass wenn Sie nicht Ihr respektwidriges und unanständiges Benehmen zu ändern willens sind, der Staat keine große Rechnung auf Ihre ferneren Dienste machen kann.[12]
Die Niederlage von 1806 stürzte den preußischen Staat in eine der schwersten Krisen seiner Geschichte. Im Frieden von Tilsit vom 7. Juli 1807 verlor Preußen alle Territorien westlich der Elbe sowie einen Großteil der in den polnischen Teilungen gewonnenen Gebiete. Damit büßte der Staat etwa die Hälfte seiner Einwohner ein. Dem Königreich wurden hohe Kontributionen auferlegt. Außerdem durfte Preußen nur noch eine Armee von 40 000 Mann unterhalten und musste die französische Besatzung in wichtigen Festungen dulden. Insgesamt 150 000 Mann standen im Land und mussten von Preußen unterhalten werden.

Staatsminister und preußische Reformen 
zu den Details und Hintergründen s. Hauptartikel Preußische Reformen
Stein zog sich nach der Entlassung auf seine Besitzungen in Nassau zurück. Noch im Jahr 1807 verfasste Stein die Nassauer Denkschrift als Reformprogramm für den preußischen Staat. Im Zentrum stand die Reform der Verwaltung. Dazu gehörte die Forderung nach Selbstverwaltung für Provinzen, Kreise und Gemeinden. Dabei griff Stein weniger auf die damals moderne Staats- und Verfassungstheorie, sondern auf das Vorbild der älteren ständischen Verfassung zurück, wie er sie in Westfalen kennengelernt hatte. Für Stein spielten in dieser Frage nicht nur funktionelle Erwägungen, sondern in erster Linie politisch-pädagogische Ziele eine Rolle. In der Denkschrift formulierte er als Reformziel: „Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns, die Benutzung der schlafenden und falsch geleiteten Kräfte und zerstreut liegenden Kenntnisse, der Einklang zwischen dem Geist der Nation, ihren Ansichten und Bedürfnissen und denen der Staatsbehörden, die Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre.[13] Diese Schrift war, wie die von einem Kreis umKarl August von Hardenberg erarbeitete Rigaer Denkschrift aus demselben Jahr, eine Basis für die Preußischen Reformen.
Bei dem Reichsritter Stein spielen in der Denkschrift und danach in der von ihm vertretenen Politik der Rückbezug auf die altständischen Zustände und ganz allgemein der Rückgriff auf die Einrichtungen des alten Reiches eine Rolle. Stein war Antiabsolutist und Antietatist. Zentralen Behörden und der Bürokratie insgesamt stand er skeptisch gegenüber. Stattdessen setzte er auf Dezentralisation und kollegiale Führung.[14]

Gottesdienst für die ersten preußischen Stadtverordneten im Jahr 1808 in der Nicolaikirche in Berlin 
 

Nicht zuletzt auf Drängen Napoleons, der in Stein fälschlich einen Unterstützer Frankreichs sah, und der Reformpartei um Hardenberg wurde Stein am 10. Juli 1807 zum Staatsminister berufen. Die Annahme machte Stein von einigen Vorbedingungen abhängig. Dazu gehörte das Ende des Kabinettssystems. Stattdessen sollten die Minister unmittelbares Vortragsrecht beim König erhalten. Nachdem die Erfüllung dieser zentralen Forderung zugesagt worden war, trat Stein das Amt an. Direkt zuständig war er für die Zivilverwaltung, über die anderen Ressorts übte er Kontrollfunktionen aus. In den nächsten vierzehn Monaten wurden die wichtigsten Reformgesetze erlassen oder vorbereitet. Steins persönlicher Anteil an den einzelnen Reformen war dabei unterschiedlich. Mit Detailfragen hat er sich kaum beschäftigt. Viele Gesetze wurden im Kern von guten Mitarbeitern wie Heinrich Theodor von Schön entworfen. Aber Stein war verantwortlich für ihre Durchsetzung gegenüber dem König und verschiedenen widerstrebenden gesellschaftlichen Kräften.
Diese Politik wurde vollzogen vor dem Hintergrund einer schwerwiegenden Finanzkrise, hervorgerufen von den Forderungen Napoleons. Dies zwang Stein zu einer radikalen Sparpolitik. Außerdem wurde staatlicher Besitz verpfändet. Hinzu kamen Bürgschaften.
Der Erfolg der von Stein initiierten Reformen hatte einen Hintergrund in einer bereits länger andauernden Reformdiskussion in der hohen Bürokratie. Einige Aspekte waren keine Ideen Steins, sondern kamen von Mitarbeitern. Das Oktoberedikt zur Bauernbefreiung, dass eines der zentralen Reformgesetze war, wurde etwa nur fünf Tage nach der Ernennung Steins unterzeichnet und beruhte auf einem Entwurf von Theodor von Schön. Mit ihm wurden die Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit aufgehoben sowie die Freiheit der Berufswahl eingeführt. Besonders deutlich war Steins Handschrift in der neuen Städteordnung vom 19. November 1808. Die dort stark ausgeprägte Selbstverwaltungsidee spiegelte Steins aus altständischen Wurzeln stammende Ablehnung des zentralisierten und bürokratischen Staates wider. Gescheitert war er mit dem Versuch, die Selbstverwaltung auch auf das „platte Land“ auszudehnen. Im Bereich der staatlichen Verwaltung ließ Stein das bisherige Generaldirektorium auflösen. Am 24. November 1808 trat an dessen Stelle ein Staatsministerium mit fünf Fachministern für InneresFinanzenAuswärtigesKrieg undJustiz. Außerdem wurden zahlreiche, oft auch gegeneinander arbeitende Sonder- und Nebenbehörden aufgelöst. Im Bereich der Zentralverwaltung orientierte sich Stein an der französischen Verfassung von 1791. Als beratendes Gremium war zusätzlich ein Staatsrat vorgesehen. Für die Ebene unterhalb der Berliner Zentrale konzipierte Stein dieOberpräsidenten und die Regierungspräsidien. Diese ersetzten die Kriegs- und Domänenkammern. Nach dem erzwungenen Ausscheiden Steins konnte Hardenberg, nach einer kurzen Zwischenphase unter Karl vom Stein zum Altenstein, einen laufenden Reformprozess übernehmen. Hardenberg war stärker als der ständisch denkende Stein etatistisch ausgerichtet und orientierte sich an modernen Vorbildern. Allerdings gelang es ihm wegen der wachsenden restaurativen Tendenzen nicht mehr, eine Nationalrepräsentation umzusetzen.
Obwohl Stein von Hardenberg protegiert worden war, unterschieden sich nicht nur ihre politischen Auffassungen, sondern auch der persönliche Lebenswandel deutlich. Während Stein ein skandalloses privates Leben führte und kompromisslos seine Ziele verfolgte, war Hardenberg diplomatischen und außerehelichen Affären nicht abgeneigt. Beides bestimmte das Urteil von Stein über seinen Nachfolger. Er führte Hardenbergs angeblichen Mangel an Tatkraft auf dessen unglückliche Hand bei Ernennungen und seinen vertrauten Umgang mit nichtswürdigen Weibern zurück.[15]

Antifranzösische Resistenz und Exil in Österreich 

Ein Gemälde von Joseph Anton Koch zum Thema des Tiroler Aufstandes (Tirolerlandsturm 1809) 
 

Anfangs setzte Stein auf eine Erfüllungs- und Koexistenzpolitik gegenüber Napoleon. Insbesondere die Verhandlungen über die Höhe der Kriegskontributionen und die immer wieder von französischer Seite vorgebrachten neuen Forderungen ließen bei ihm im Laufe seiner Amtszeit den Gedanken an Widerstand wachsen. Dazu trug auch der beginnende Aufstand gegen Napoleon in Spanien bei. Stein setzte auf einen allgemeinen Volksaufstand im nördlichen Deutschland und ein Bündnis mit Österreich. Wie für August Neidhardt von Gneisenau und Gerhard von Scharnhorstwar das Hauptziel der Politik Preußens, sich auf einen künftigen Krieg vorzubereiten. Die oppositionelle Haltung Steins gegenüber den Besatzern kam in einem abgefangenen Brief zum Ausdruck, der in der französischen Regierungszeitung Le Moniteur abgedruckt wurde. Napoleon nutzte den Brief dazu, Preußen unter Druck zu setzen und zur Annahme der Kriegskontributionen zu zwingen.[16] Von Spanien aus gab Napoleon selbst einen Heeresbefehl, in dem er Stein zu einem Feind Frankreichs erklärte. Napoleon befahl, die Besitzungen Steins zu beschlagnahmen und Stein erschießen zu lassen. Friedrich Wilhelm III., der keinen Bruch mit Frankreich riskieren wollte, entließ Stein am 24. November 1808 mit Dank für die geleisteten Dienste und der Fortzahlung seines Ministergehalts für ein Jahr. Noch am Tag der offiziellen Entlassung übersandte Stein den Mitgliedern des Königshauses sowie des Staatsrates eine im Wesentlichen durch von Schön verfasste Schrift, die später unter dem Namen „politisches Testament“ bekannt wurde. Sie zog einerseits ein Resümee der bisherigen Reformpolitik und sprach andererseits die nach Steins Meinung nötigen weiteren Veränderungen an. Zu letzteren gehörte etwa die Gemeinheitsteilung und die Aufhebung der Fronarbeit, die Einführung einer Staatsrepräsentation, aber auch die Erziehung der Jugend zu Religion und Vaterlandsliebe sowie eine Stärkung des Adels.[17]
Hinter der Entlassung stand trotz der Reformen aber auch das politische Scheitern Steins als leitender Minister. Dabei war die Zerstörung seiner Machtbasis vielfach auf ihn selbst zurückzuführen: So hatte er sich in vielen Bereichen gleichzeitig Gegner gemacht, deren Stärke er unterschätzte. Dazu gehörte insbesondere die Widerstandsfähigkeit von Adel und Krone. Beim König spielte auch der Unwillen über die Selbstherrlichkeit Steins eine Rolle. Nicht zuletzt die Schroffheit seines Wesens und die Eruptivität seines Temperaments verringerten zunehmend seinen Einfluss. Dies waren auch zentrale Gründe, weshalb er auch später keine wirkliche Führungsrolle mehr einnehmen konnte.[18]
Stein, der inzwischen vom Befehl Napoleons erfahren hatte, flüchtete nach Böhmen und hielt sich in BrünnTroppau und Prag auf. In der österreichischen Monarchie lebte Stein mehr als drei Jahre. In dieser Zeit hoffte er vergeblich auf einen Aufstand vor allem in den napoleonischen Staaten Königreich Westphalen und Großherzogtum Berg. Mit großer Sympathie beobachtete er den Aufstand der Tiroler um Andreas Hofer. Von dem Maler Joseph Anton Koch ließ er später ein monumentales, heroisierendes Gemälde schaffen. Im Exil entwarf er verschiedene Verfassungskonzepte für eine deutsche Verfassung, dabei spielte auch die Wiederherstellung des alten Reiches eine Rolle. Scharfe Kritik übte er an der Willfährigkeit der Rheinbundfürsten gegenüber den Franzosen. Mehrfach versuchte Stein eine Begnadigung oder Milderung von Napoleon zu erreichen. Noch im Jahr 1811 sah dieser in Stein, teilweise zu Recht, den Kopf eines möglichen Widerstands in den deutschen Staaten, verzichtete aber darauf, Österreich auf eine Auslieferung zu drängen. Die Ächtung Steins entgegen aller zwischenstaatlichen Gepflogenheiten hatte ihr Ziel letztlich nicht erreicht, da dieser zu einem Symbol und einer führenden Persönlichkeit des antinapoleonischen Widerstandes geworden war.[19]

Befreiungskriege und Wiener Kongress 

Stein war seit 1812 Berater des Zaren Alexander I. 
 

Im Zusammenhang mit dem drohenden Krieg mit Frankreich begann Zar Alexander I., Gegner Napoleons an seinen Hof zu ziehen. Zu diesen gehörte auch Stein, der zu einem Berater des Zaren wurde, ohne jedoch in ein offizielles Dienstverhältnis zu treten. Er begann nunmehr offensiv für den antinapoleonischen Widerstand zu werben. So schlug er zur Koordination und Vorbereitung eines Volksaufstandes ein „Deutsches Komitee“ vor. Stein unterstützte Justus von Gruner, der von Prag aus den Aufbau eines Spionage- und Agentennetzes betrieb. Er selbst entwickelte in seiner Petersburger Denkschrift vom 17./18. September 1812 einen Plan für einen erfolgreichen Krieg in Deutschland und legte auch seine Ideen für eine zukünftige politischen Gestaltung Deutschlands vor. Hierbei schwankte er dazwischen, an eine idealisierte Form des mittelalterlichen Kaisterums anzuknüpfen, und einer realistischeren Einschätzung, aus der eine föderative Aufteilung Deutschlands zwischen Österreich und Preußen folgen würde.[20]
Nach dem Rückzug der Großen Armee zog Stein mit dem Hauptquartier des Zaren in Richtung der preußischen Grenze. Auf ostpreußischem Gebiet ließ Stein im Auftrag des Zaren sofort Landwehreinheiten bilden, obwohl Preußen noch immer mit Frankreich verbündet war. Auch dieLandstände ließ er einberufen. Nachdem der preußische General Ludwig Yorck von Wartenburg in der Konvention von Tauroggen zu den alliierten Gegnern Napoleons übergelaufen war, drängte Stein den noch immer zaudernden Friedrich Wilhelm III. zum Seitenwechsel. Im März 1813 schloss dieser dann, vermittelt durch Stein, ein Bündnis mit Russland, und der Befreiungskrieg wurde proklamiert. In dieser Zeit präzisierte Stein seine Verfassungsvorstellungen vom vorangegangenen Jahr. Danach sollten nicht nur der Rheinbund zerschlagen werden, sondern auch die Souveränitätsrechte der übrigen Staaten, wie die Entscheidung über Krieg und Frieden, zu Gunsten eines deutschen Kaisers und eines Reichstages begrenzt werden. Eine starke zentrale Exekutivgewalt sollte hinzu treten. Um das Übergewicht Österreichs nicht zu groß werden zu lassen, forderte Stein auch eine Stärkung Preußens.[21]
Stein hatte die Einrichtung einer alliierten Zentralverwaltungsbehörde als Besatzungsbehörde und als Beschaffungsstelle für Geld, Waffen und Soldaten vorgeschlagen. Dahinter steckte aber vor allem die Absicht, eine Basis für die Wiederherstellung eines deutschen Reiches zu errichten. Diesem Konzept folgten die Regierungen Preußens und Russlands nicht. Die Aufgaben blieben rein administrativer Natur. Stein wurde Chef dieser Behörde. Dies brachte ihm den spöttischen Beinamen „Kaiser von Deutschland“ ein. Zu den zu verwaltenden Gebieten gehörten neben Teilen der ehemaligen napoleonischen Modellstaaten wie Westphalen, Berg und Frankfurt auch das Königreich Sachsen, dessen KönigFriedrich August I. wegen seiner Treue zu Napoleon verhaftet worden war. Vergeblich plädierte Stein auch dafür, die süddeutschen Rheinbundstaaten zu besetzen. Der Verwaltungsrat wurde am 21. Oktober 1813 faktisch aufgelöst. An seine Stelle trat das Departement Central d'Administration, das auch für die linksrheinischen Gebiete und die von den Koalitionstruppen besetzten französischen Gebiete zuständig wurde. Stein hatte auch darin die Leitung inne. Er erhielt seine Weisungen von einem Diplomatenrat der Alliierten.[22]
Während des Krieges und nach dem Sieg der Alliierten legte Stein zahlreiche Vorstellungen zur Neuordnung Deutschlands und Europas vor.[23] Sowohl seine Kritik am russischen Plan, in Polen einen abhängigen Staat (Kongresspolen) zu errichten, wie seine Forderung nach einer Verschiebung der französischen Grenze nach Westen wurden abgelehnt. Steins Entwürfe für die Gestaltung Deutschlands waren von idealisierten Vorstellungen vom deutschen Kaisertum im Mittelalter bestimmt. Er plädierte für die Erneuerung des Kaisertums. Freilich wollte er kein Zurück zum Zustand des Reiches im 18. Jahrhundert, sondern schlug einen preußisch-österreichisch dominierten Föderationsstaat vor. Insgesamt fanden Steins Vorstellungen bei den maßgeblichen Fürsten und Politikern keinen Rückhalt. Zwar war er als russischer Gesandter auf dem Wiener Kongress, doch war sein Einfluss gering. Zudem waren seine Positionen widersprüchlich. Als ehemaliger Reichsunmittelbarer unterstützte er die Forderung der mediatisierten Reichsstände nach Restauration ihrer Stellungen, andererseits sprach er sich für eine starke Kompetenz des Deutschen Bundes und die Einschränkung der Souveränität der Einzelstaaten aus. Ohne Erfolg reiste Stein noch vor Verabschiedung der Bundesakte ab.[24]

Verfassung für Nassau und Privatleben 

 
Im Jahr 1814 erhielt Stein die während der napoleonischen Ära beschlagnahmten Güter in Nassau mit einer beträchtlichen Entschädigung zurück. Die Verwaltung legte er, wie früher schon, in die Hände seiner Schwester Marianne. Im Sommer verbrachte er selbst dort meist einige Monate. Sein Versuch, zumindest Teile seiner früheren Herrschaftsrechte zurück zu bekommen, scheiterte. Gleichwohl beteiligte sich Stein an der Ausarbeitung einer Verfassung für Nassau. Dadurch war das Land 1814 Vorreiter im deutschen Bund. Stein erhielt eine Virilstimme im Landtag, büßte den Sitz aber wieder ein, als er sich 1818 weigerte, den Untertaneneid abzulegen. Bereits im Jahr 1816 hatte Stein seine Herrschaft in der Provinz Posen gegen die Güter und das Gebäude des ehemaligen Klosters Cappenberg in Westfalen getauscht. Zusätzlich erwarb er 1823 das ehemalige Kloster Scheda. Zusammen mit Cappenberg wurden die Besitzungen Steins 1826 zu einer Standesherrschaft erhoben. Dieser Titel war dabei an seine Person gebunden und nicht erblich. Gelebt hat Stein mit seiner Familie zunächst überwiegend in Frankfurt. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1819 machte er mit seinen Töchtern ausgedehnte Reisen in die Schweiz und nach Italien. Seinen Frankfurter Wohnsitz gab er 1824/25 auf und hielt sich seither entweder in Nassau oder auf Cappenberg auf.Die Position eines Bundestagsgesandten, die ihm sowohl von Österreich wie auch von Preußen angetragen wurde, lehnte Stein ab. Er war aber durch eine umfangreiche Korrespondenz, die Besuche zahlreicher Gäste auf Cappenberg und seine Lektüre über das Zeitgeschehen gut informiert.
Stein unterstützte als reichsritterlicher Reichspatriot die nationale Bewegung. In einem Brief an Ernst von Münster schrieb er „Es tut mir leid, dass Euer Exzellenz in mir den Preußen vermuten … Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teil desselben angehörte, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teil desselben von ganzer Seele ergeben.[25] Darüber hinaus kritisierte die Karlsbader Beschlüsse und die Demagogenverfolgung und begrüßte den Übergang der süddeutschen Staaten zum Konstitutionalismus. Die Zentraluntersuchungsbehörde verdächtigte ihn, die oppositionelle Bewegung im Deutschen Bund zu schützen und zu fördern.[26]Er unterstützte teilweise mit erheblichen Geldbeträgen die Freiheitsbewegung in Griechenland und stand vergleichbaren nationalen Bewegungen, etwa in Polen oder in Süd- und Mittelamerika, positiv gegenüber. Allerdings lehnte Stein die frühliberale Bewegung und die Bildung von politischen Parteien ab, da sie nicht seinen altständischen Grundsätzen entsprachen. Scharf kritisierte er die belgische Revolution, da er in dem neuen Staat eine „Pöbelherrschaft“ befürchtete.[27]

Die Monumenta Germaniae Historica 

Heinrich Friedrich Karl vom Stein im Jahr 1821 
 

Von nachhaltiger Bedeutung Steins für die Geschichtswissenschaft war seine Initiative zur Gründung der Monumenta Germaniae Historica als bedeutendstes Quellenwerk zur mittelalterlichen deutschen Geschichte. Neben allgemeinem historischen Interesse spielten für Stein dabei auch nationalpädagogische Gründe und die Überwindung des einzelstaatlichen Partikularismus eine Rolle. Bereits seit 1814 bemühte sich Stein in Kontakt mit Politikern und Fürsten um Unterstützung für die Editionspläne. Konkretisiert wurden diese von Wissenschaftlern und Politiker wieFriedrich Carl von SavignyBarthold Georg Niebuhr oder Johann Albrecht Friedrich von Eichhorn und führten am 20. Januar 1819 zur Gründung der „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ in Steins Wohnung in Frankfurt. Präsident der Gesellschaft zur Herausgabe der Monumenta wurde Stein. Bis 1824 leitete er die Arbeiten persönlich und übertrug sie danach an den Historiker Georg Heinrich Pertz. Stein selbst kümmerte sich weiter um die Organisation des Projekts. Der erste Band mit Quellen zur Karolingerzeit erschien 1826. Eine Motivation Steins für die Monumenta war das Ziel, die Legitimation des Adels und Steins ständisches Denken aus der mittelalterlichen Geschichte herzuleiten. Dem entsprach die anfängliche Finanzierung des Projekts. Ausschließlich der deutsche Adel sollte die Kosten übernehmen, bürgerliche und ausländische Unterstützer wurden abgewiesen. Auf längere Sicht konnte dies nicht aufrechterhalten werden, und vor allem nach Steins Tod erhielt das Projekt staatliche Unterstützung.[28]

Verteidiger adelig-ständischer Interessen [Bearbeiten]
Wie sehr Steins politische ständische Ziele von denen der Liberalen entfernt waren, zeigte sich im Vorfeld der Einrichtung der Provinziallandtage. Er beteiligte sich dabei an Diskussionen und Forderungen des westfälischen Adels. An einer Petition im Jahr 1818 war er maßgeblich beteiligt. Zwar sollten die Bauern nicht von den Gremien ausgeschlossen werden, aber Stein verlangte, dass ihre Deputierten aus der Bauernschaft selbst und nicht aus den ländlichen Unterschichten oder aus der Schicht der Intellektuellen kommen sollten. Darüber hinaus kämpfte er für besondere Adelsrechte, wie eine erbliche Mitgliedschaft in den Landtagen, einen Vorzug bei der öffentlichen Stellenbesetzung, einen privilegierten Gerichtsstand und ähnliches. Diese Vorstellungen gingen zumindest teilweise in die Organisation der Provinzialstände ein. Für die Provinz Westfalen wurde die Provinzialordnung per Gesetz am 27. März 1824 erlassen. Der Provinziallandtag war in vier Stände eingeteilt. Stein gehörte als Standesherr automatisch zur Mitgliedschaft und bildete zusammen mit zehn weiteren Personen den ersten Stand. Hinzu kamen die Stände der Besitzer landtagsfähiger Rittergüter, der Städte und der Landgemeinden.
Der erste westfälische Provinziallandtag trat am 29. Oktober 1826 in Münster zusammen und tagte etwa zwei Monate. Stein wurde zum Landtagsmarschall und damit zum Vorsitzenden ernannt. In seiner Eröffnungsrede begrüßt er die Wiedereinführung der ständischen Verfassung und grenzt diese von der „alles umformenden Verfassung“ zur Zeit der französischen Vorherrschaft ab. [29] Auch die folgenden Tagungen der Versammlung standen unter seinem Vorsitz. Auf dem ersten Provinziallandtag kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Adelsvertretern mit Stein an der Spitze auf der einen Seite und den Abgeordneten der Städte und Landgemeinden auf der anderen Seite.[30] Auch in zahlreichen anderen Punkten, etwa der Erfassung auch des adeligen Besitzer durch staatliche Kataster als Basis einer Grundsteuer, oder in der Frage, ob Landbesitz frei verkäuflich sein sollte, zeigte er sich als Gegner wirtschaftsliberaler Reformen und Verteidiger adelig-ständischer Vorherrschaft. Wie weit er sich von seinen Positionen der Reformzeit entfernt hatte, wurde nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Revision der Städteordnung von 1808 deutlich. Während er den Entwurf einer solchen Ordnung 1831 positiv bewertete, lehnten ihn die Vertreter der Städte wegen der vorgesehenen stärkeren staatlichen Kontrolle und Einschränkung der Selbstverwaltung ab. Allerdings hielt Stein an seinen Vorstellungen eines gesamtstaatlichen Konstitutionalismus fest, wie sich während des Provinziallandtages von 1830/31 zeigte. Dabei gingen die Vorstellungen insbesondere des Bürgertums inzwischen deutlich weiter als die Steins. Während das Bürgertum unter Eindruck der revolutionären Ereignisse von 1830 einen direkten Antrag auf die Einberufung eines gesamtstaatlichen Parlaments forderte, hielt Stein diese offene Kampfansage für ungebührlich. Ihm gelang es nur mit Mühe, einen Kompromiss durchzusetzen und die Forderungen an der Prinzen Wilhelm zu richten.
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Maximilian von Montgelas

Max Joseph Graf von Montgelas 
 

Maximilian Carl Joseph Franz de Paula Hieronymus Graf von Montgelas (ausgesprochen mõʒəˈla; * 12. September 1759 in München; † 14. Juni 1838 in München) war von 1799 bis 1817 Minister unter dem Kurfürsten und späteren König Maximilian I.

Leben 
Montgelas wurde als Sohn des in bayerischen Diensten stehenden Oberst Baron Janus Garnerin von Montgelas aus savoyardischem(französischem) Adelsgeschlecht und der Gräfin Ursula von Trauner geboren.
Nach einer Schulausbildung in Nancy, einer Ausbildung an der Universität Straßburg (u.a. bei Christoph Wilhelm von Koch) und an der UniversitätIngolstadt wurde er 1777 kurbayerischer Hofrat. Wegen seiner Mitgliedschaft im Illuminatenorden fiel er bei Kurfürst Karl Theodor in Ungnade und musste 1785 nach Pfalz-Zweibrücken fliehen.
1803 heiratete er die 20 Jahre jüngere, attraktive Gräfin Ernestine von Arco (1779–1820), mit der er acht Kinder hatte. 1809 wurde er vom Freiherren- in den Grafenstand erhoben. In seinem Privatleben galt der wohlhabende Montgelas als Mann von Noblesse, der auch die amourösen Abenteuer seiner Ehefrau mit Haltung hinnahm. In der Gruft des SchlossesAham wurde er 1838 beigesetzt.
Das Palais Montgelas auf dem Promenadeplatz in München ist Teil des Luxushotels Bayerischer Hof. Die Familie lebt begütert in den niederbayerischen Orten Aham und Gerzensowie im oberbayerischen Egglkofen. Das Gymnasium im unweit davon liegenden Vilsbiburg erhielt 1996 den Namen "Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium".

Reformpolitik
Bei Kurfürst Maximilian IV. Joseph wurde er nach dessen Regierungsantritt in Bayern 1799 Minister. Bei ihm war er schon seit 1796 Geheimratgewesen, als dieser noch als Herzog von Zweibrücken im Ansbacher Exil war. Das Konzept seiner Reformpolitik hatte er bereits 1796 im sog. "Ansbacher Mémoire" ausgearbeitet. Sie war daher zwar im Angesicht der Französischen Revolution konzipiert, aber doch unabhängig vom unmittelbaren französischen Einfluss entstanden. Montgelas' Grundorientierung war vom Rationalismus und vom Geist der Aufklärung geprägt. Durch sein taktisches Bündnis mit Napoleon im Jahr 1805 konnte er für Bayern die Erhebung des bayerischen Kurfürsten zum König und bedeutende Gebietsgewinne im Frieden von Preßburg erreichen.
Er setzte durch Vollzug des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 im gesamten bayerischen Gebiet mit zum Teil drastischen Mitteln dieSäkularisation und Mediatisierung durch. Den Bauern auf den säkularisierten Klostergütern und den Staatsdomänen wurde das Recht zur Ablösung grundherrschaftlicher Bindungen eingeräumt. Das neue Staatsgebiet unterzog er einer zentralistischen Verwaltungs- und Justizreform, die die alten Kollegialbehörden durch Direktorialbehörden ersetzte. Nach dem Zusammenbruch des alten Reichs wurde 1808 die landständische Verfassung aufgehoben und damit die alleinige Souveränität des Staates nach innen durchgesetzt.
Das (ab 1806) bayerische Königreich wurde in der Folge einheitlich in Kreise und Landgerichte eingeteilt. Die Patrimonialgerichtsbarkeit blieb bestehen, doch wurde sie als Ausfluss der Staatsgewalt deklariert. Ebenso erfolgte eine Vereinheitlichung von Gewichten, Maßen und Währungen sowie die Beseitigung aller Binnenzollbeschränkungen. Im Zuge einer neuen Steuergesetzgebung initiierte Montgelas die erste landesweite Vermessung und Katastrierung Bayerns. Die Einführung der Pockenschutzimpfung, der Wehrpflicht und die Durchsetzung der Schulpflicht fallen ebenfalls in die Amtszeit von Montgelas.
Mit der Dienstpragmatik von 1805 führte Montgelas ein modernes öffentlich-rechtliches Beamtenrecht auf der Grundlage des Befähigungsprinzips ein, das auch für andere deutsche Staaten Vorbildwirkung entfaltete. Durch feste Besoldung, Pension und Witwenrenten wurde der Status des Staatsdieners abgesichert.
Protestanten und Katholiken wurden im Toleranzedikt von 1803 einander gleichgestellt. Diese Bestimmung brach nicht nur die vormalige ausschließliche Katholizität Altbayerns, sondern sicherte umgekehrt auch in den bayerischen Erwerbungsgebieten mit bisher protestantischem Bürgerrecht (z.B. in der Reichsstadt Nürnberg) den Katholiken entsprechende Gleichstellung. Die Stellung der Juden wurde verbessert, wenngleich eine diskriminierende Matrikelpraxis bestehen blieb.
1808 wurde eine Verfassung erlassen, die Freiheits- und Gleichheitsrechte gewährte und nicht zuletzt den König nur mehr als bloßes Staatsorgan definierte. Der Monarch musste die Verfassung beeiden und war damit dieser unterworfen. Gleichzeitig beseitigte die Verfassung alle Relikte der Leibeigenschaft (die aber in Bayern ohnehin keine besondere Bedeutung mehr gehabt hatte). Durch ein neues Strafgesetzbuch, das Anselm Feuerbach entworfen hatte, wurde 1813 die Folter förmlich abgeschafft.
Durch den Schwenk auf die Seite der Gegner Napoleons im Vertrag von Ried 1813 konnte Bayern seine Gewinne auf dem Wiener Kongress 1814 zum großen Teil behalten.
Als 1816 eine katastrophale Missernte, vermutlich verursacht durch die globalen Klimaveränderungen infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien, zu einer Hungersnot und Unruhen vor allen in den neubayerischen Gebieten geführt hatte, gelang es seinen Gegnern, den König dazu zu bringen, Montgelas am 2. Februar 1817 zu entlassen. [1] .
Montgelas gehörte ab 1818 als Abgeordneter der Kammer der Reichsräte in Bayern an.
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MessagePosté le: Lun 4 Aoû - 22:35 (2008)    Sujet du message: Wichtige Persönlichkeiten dieser Zeit Répondre en citant

Maximilian Karl Joseph Franz von Paula Hieronymus von Montgelas wurde am 12. September 1759 - ausweislich der Sondermatrikel der Standespersonen der Pfarrei "Unserer Lieben Frau" in München - um zwei Uhr morgens geboren und zuhause getauft. Die Patenschaft hatte Kurfürst Max III. Joseph, vertreten durch den Kammerherren Karl von und zu Daun, übernommen. Die Eltern, Janus de Garnerin Freiherr von Montgelas und Maria Ursula, geborene Gräfin Trauner, starben bereits 1767 und 1760, sodass der Junge erst bei seiner Großmutter Gräfin Trauner in Freising aufwuchs, bevor er 1764 zur schulischen Ausbildung auf das Jesuitenkolleg in Nancy geschickt wurde. 1770 bis 1776 studierte er in Straßburg unter anderen bei dem berühmten Staatsrechtler und Historiker Christoph Guillaume Koch (1737 - 1813) die Rechte, ehe er sein Studium 1776/77 an der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt abschloss. Nach dem Ablegen einer Proberelation vor der Prüfungskommission des Hofrates in München im Juli 1777, die zu dem Urteil kam, dass Montgelas ein "Subjectum" sei, das dem Kurfürsten und "dem Publico die nützlichsten und ersprießlichsten Dienste leisten werde", ernannte Max III. Joseph den 17jährigen mit Dekret vom 18. August 1777 zum Wirklichen Hofrat, freilich ohne Besoldung. Am 30. Dezember 1777 starb mit Kurfürst Max III. Joseph die altbayerische Linie des Hauses Wittelsbach aus und Montgelas wurde nach Regierungsantritt des Kurfürsten Karl Theodor (1777 - 1799) - aus der pfälzischen Linie der Wittelsbacher - im kurfürstlichen Zensurkollegium in München eingesetzt.



Die geistlichen und weltlichen Mitglieder dieser Behörde verkehrten ihren Auftrag ins Gegenteil, indem sie Publikationen der Aufklärung förderten, antiaufklärerische Schriften dagegen unterdrückten und allesamt Mitglieder oder Sympatisanten des Geheimbundes der Illuminaten waren. Auch Montgelas gehörte dem Bund unter dem Namen "Musäus" an und wurde zwar nach dessen Aufdeckung 1785 deswegen nicht verfolgt, durfte aber auch nicht auf Beförderung und insbesondere Erlangung einer besoldeten Stelle im bayerischen Staatsdienst hoffen, sodass er 1786 in die Dienste des Herzogs Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken trat. Dort wurde er 1787 zum Legationsrat beim Departement der auswärtigen Geschäfte ernannt, wo er nach dem Tod seines Förderers - des Ministers Hofenfels - einen erheblichen Teil von dessen Aufgabenbereich im zweibrückischen Ministerium übernahm.


Sein Dienstherr Herzog Karl II. August war der aussichtsreichste Anwärter auf die Nachfolge des ohne legitime Nachkommen gebliebenen Karl Theodor als Kurfürst von Kurzpfalz-Baiern, sodass Montgelas wesentlich auch mit Projekten hinsichtlich dieses Kurfürstentums betraut wurde, dessen innere Verhältnisse und Verwaltung er ja bestens kannte. Die Besetzung Zweibrückens in den Revolutionskriegen 1793 durch die Franzosen führte zur Flucht des Herzogs nach Mannheim, wohin ihm unter Sicherung des herzoglichen Archivs Montgelas schließlich folgte, der als einziger herzoglicher Beamter im besetzten Zweibrücken ausgeharrt hatte. Freilich hatte man ihn als ehemaligen Illuminaten beim Herzog inzwischen als Jakobiner in Verruf gebracht, was dessen Ungnade bis zu seinem plötzlichen Tod am 1. April 1795 bewirkte.


Karl Augusts jüngerer Bruder und Nachfolger als Herzog, Max Joseph von Pfalz-Zweibrücken, erkannte dagegen die administrative und politische Begabung von Montgelas schnell und berief ihn am 11. Juni 1795 zum "wirklichen Regierungsrat mit Sitz und Stimme bei unserem Herzoglichen Regierungscollegio", wobei der unter Herzog Karl II. August mit der Außenpolitik befasste fähige Diplomat Anton von Cetto, wichtigster Berater des neuen Herzogs blieb. Als die, französische Armee 1796 bis nach Bayern vordrang, wurde Cetto von Max Joseph als Sondergesandter nach Paris geschickt und der ursprünglich in Heidelberg zurückgelassene Montgelas vom Herzog nach Ansbach berufen, wohin der Regent samt seinem Hof auf Einladung des Königs von Preußen im Juli 1796 geflohen war. Der Herzog hatte vor, auf Montgelas' Rat nur bis zur Rückkehr Cettos aus Frankreich zu "recurieren". Es kam jedoch anders; Cetto blieb mit kurzen Unterbrechungen bis 1813 in Paris und Montgelas machte sich in kürzester Zeit zum kompetenten und unentbehrlichen Vertrauten Max Josephs, der ihn mit Dekret vom 10. September 1796 in Ansbach zu seinem Wirklichen Geheimen Legationsrat ernannte.


Eberhard Weis charakterisiert den geradezu atemberaubend schnellen Aufstieg in der Gunst des Regenten folgendermaßen:
Zu der erstaunlichen Festigung von Montgelas' Stellung in kürzester Zeit trug die rastlose und erfolgreiche politische, besonders außenpolitische Tätigkeit entscheidend bei, die Montgelas nun, nachdem er so lange kaltgestellt gewesen war, entfaltete. Hinzu kamen seine überlegene Sachkenntnis, seine weit in die Zukunft reichende Vorausschau und nicht zuletzt seine Meisterschaft in der Menschenbehandlung, insbesondere des Eingehens auf die Psyche seines Fürsten.


Montgelas' Leistungswille und Leistungsstärke führten in Ansbach bereits am 30. September 1796 zur Übergabe seiner in Französisch verfassten Denkschrift "Mémoire pédsené á Monseigneur le Duc", die ihr Entdecker Eberhard Weis mit der Bezeichnung Ansbacher Mémoire versah und im französischen Originaltext 1970 edierte und erläuterte. Das Mémoire war einerseits eine scharfe, kritische Sachstandsbeschreibung der Verhältnisse im Bayern Karl Theodors, andererseits ein Katalog von Vorschlägen für grundlegende Änderungen, die weitreichende Reformen auf fast allen Gebieten staatlicher Verwaltung und staatlichen Handelns bedingen würden. Nach Eintritt des Erbfalls 1799, Regierungsantritt Max IV. Joseph als Kurfürst von Pfalz-Baiern und Ernennung Montgelas' zum Minister des Äußeren wurden nahezu alle Vorschläge des Mémoires von 1796 verwirklicht.


Den bewegten Zeiten, in denen durch die sogenannten Koalitionskriege zwischen Frankreich und der österreichisch-preußischen Allianz, mit Unterbrechungen von 1792 bis 1800, immer wieder kriegerische Handlungen auch auf bayerischem Boden stattfanden, folgten umwälzende Neuerungen im gesamten Gebiet des Alten Reichs. Nichts war mehr so wie vorher. Napoleon Bonaparte, seit 1804 Kaiser der Franzosen, war längst auch für die deutschen Fürstentümer die bestimmende Figur geworden. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation existierte seit August 1806 nicht mehr, der napoleonische Rheinbund stellte die neue Form der zwischenstaatlichen Verbindung dar. Die Einzelstaaten wurden souverän, allerdings in zumindest außenpolitischer Abhängigkeit von Napoleon. Für Bayern bedeutete dies bereits im Januar 1806 die Erhebung zum Königreich.


Bayern, in seiner Existenz als Staat 1799/1800, 1805, 1809 und 1813 aufs Höchste gefährdet, ging - bedingt durch den kühlen Pragmatismus des Ministers Montgelas - jeweils das vorteilhafteste Bündnis ein, was dazu führte, dass das Königreich Bayern seine durch das Aufgehen von über 300 großen und kleinen geistlichen und weltlichen Herrschaften des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in seinem Staatsgebiet ausgedehnten Gebietszuwächse in Altbayern, Franken und Schwaben im Wiener Kongress 1815 sowie die linksrheinische Pfalz im Münchner Vertrag 1816 dauerhaft sichern konnte.
War Bayern durch Napoleon zu einem wichtigen Pufferstaat gegenüber Österreich ausgebaut worden, besonders nachdem es 1805 ein Bündnis mit Frankreich geschlossen hatte, so rettete es seinen territorialen und politischen Bestand im durch den Vertrag von Ried 1813 vollzogenen Bündniswechsel zu den Alliierten.


Im Inneren führten Max Joseph und Montgelas das im Méimoire vorgeschlagene Reformwerk zusammen mit einem Kreis gleichgesinnter, von Montgelas ausgewählter Personen zielstrebig durch, wobei neue Umstände zusätzliche, teilweise noch weiterreichendere Maßnahmen nötig machten beziehungsweise ermöglichten. Die am 1. Mai 1808 erlassene "Konstitution für das Königreich Baiern" fasste die wichtigsten ab 1799 durchgeführten Reformen zusammen und bot die Grundlage für die Fortentwicklung dieser Reformen durch "Organische Edikte" und andere Vollzugsvorschriften. Diese Verfassung mit ihren sechs Titeln und 45 Paragraphen trat am 1. Oktober 1808 in Kraft und kann zusammen mit den organischen Edikten als Umsetzung des Mémoires im Staat angesehen werden.


Montgelas hatte im Verlauf seiner Tätigkeit in Bayern sehr viel Macht, Entscheidungsgewalt und Einfluss auf seine Person konzentriert, ein Zustand übrigens, den er im Ansbacher Mémoire kritisiert hatte. So war er von 1799 bis 1817 Minister der Auswärtigen Geschäfte, dabei gleichzeitig von 1803 bis 1806 und erneut von 1809 bis 1817 Finanzminister sowie 1806 bis 1817 Innenminister. Dies führte im Krankheitsfall des Ministers zum fast völligen Stillstand der gesamten Regierungstätigkeit. Hinzu kam, dass im Deutschen Bund nun ein "teutscher" Nationalismus gegen Frankreich betont wurde. Die Anhänger einer Verfassung mit einflussreicher Volksvertretung kritisierten Montgelas' Abkehr von dieser Idee, die Befürworter eines Bündnisses mit Österreich warfen ihm eine einseitige Ausrichtung auf Frankreich vor und große Teile der Beamtenschaft kritisierten seinen Führungsstil.


Eine längere Krankheit des Ministers ab Mitte 1816 nutzten denn auch seine Gegner - an der Spitze Kronprinz Ludwig, der von jeher ein eingeschworener Feind des frankophilen Ministers gewesen war, Marschall Carl Philipp Fürst von Wrede und Montgelas' engster Mitarbeiter Friedrich von Zentner -, um bei König Max I. Joseph den Sturz seines einflussreichsten Beraters zu erwirken. So richtete der Kronprinz am 22./23. Januar 1817 einen Brief an seinen Vater, der diesem unmittelbar nach seiner Rückkehr von einem fast achtwöchigen Wienaufenthalt am 2. Februar durch Wrede in München übergeben wurde. Ludwig übte herbe Kritik am autoritären Regierungsstil des Ministers, um dessen sofortige Entlassung er den König inständig bat. Ohne ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung gegen die größtenteils unbegründeten Anschuldigungen seiner Gegner zu geben, richtete der König noch am gleichen Tag (2. Februar 1817) ein Schreiben an Montgelas, der 21 Jahre lang sein Vertrauen besessen hatte, in dem er der vorgeschobenen Bitte des Ministers, ihn wegen seines schlechten Gesundheitszustandes zu entlassen, entsprach. Er durfte den Ministertitel weiter führen und bezog ein Jahresgehalt von 30.000 Gulden.
Montgelas lebte bis zu seinem Tod am 14. Juni 1838 in München zurückgezogen auf seinen Gütern oder in einem seiner Häuser in München, kümmerte sich um die Erziehung seiner acht Kinder und die Verwaltung seines beträchtlichen Grundbesitzes und Vermögens. Welch zentralen Wert er selbst dem Ansbacher Mémoire vom 30. September 1796 beimaß, zeigt eine eigenhändige Aktennotiz vom 11. Oktober 1823, die sich im Nachlass beim Manuskript des Mémoires fand.
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Wilhelm von Humboldt

Wilhelm von Humboldt 
 

Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt, kurz: Wilhelm von Humboldt, (* 22. Juni 1767 in Potsdam; † 8. April 1835 inTegel) war ein deutscher Gelehrter, Staatsmann und Mitbegründer der Universität Berlin (heute: Humboldt-Universität zu Berlin).
Er zählt zu den großen, fortwirkend einflussreichen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturgeschichte. Betrachtet man ihn in der Gemeinschaft mit seinem Bruder Alexander, so wird man kaum ein zweites Geschwisterpaar finden, das die eigene geschichtliche Epoche mit solchem Forscherdrang und mit solch universeller Gelehrsamkeit durchdrungen und bereichert hat wie diese beiden. Während Alexander dabei – aber keineswegs nur – der naturwissenschaftlichen Forschung neue Horizonte erschlossen hat, lagen die Schwerpunkte für Wilhelm in der Beschäftigung mit kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie der Bildungsproblematik, der Staatstheorie, der analytischen Betrachtung von SpracheLiteratur und Kunst sowie in aktiver politischer Mitgestaltung als Reformmotor im Schul- und Hochschulwesen und als preußischer Diplomat.


Leben 

Herkunft und Jugend 
In der väterlichen Linie waren die Humboldt-Brüder Sprösslinge pommerscher Vorfahren aus dem Bürgertum. Ihr Großvater wurde Offizier im preußischen Militär und wegen seiner Verdienste 1738 auf eigenes Ersuchen in den Adelsstand erhoben. Dessen Sohn Alexander Georg (1720-1779) wurde nach seinem Ausscheiden aus dem Heeresdienst auf Geheiß Friedrichs des Großen Kammerherr bei der Gemahlin des Thronfolgers bis zum Scheitern dieser Ehe 1769. Bereits 1766 hatte Alexander Georg die vermögende Witwe hugenottischerHerkunft Elisabeth von Holwede, geb. Colomb, geheiratet und war durch sie in den Besitz von Schloss Tegel gelangt. An der Ausbildung der Söhne Wilhelm und Alexander auf dem Tegeler Gut – winters in der Berliner Stadtwohnung  da das Schloss nur schwer beheizbar war – wurde nicht gespart.
Als Hauslehrer engagierten die Eltern u.a. so renommierte Persönlichkeiten wie Joachim Heinrich Campe, ab 1777 für mehr als 10 Jahre Gottlob Johann Christian Kunth, der den Erziehungsplan koordinierte und den Unterricht der verschiedenen Fachlehrer beaufsichtigte. In Vorbereitung auf die Universitätsstudien wurden den Brüdern Privatvorlesungen u.a. in Nationalökonomie und Statistik, Naturrecht und Philosophie gehalten. Kunth, der sich auch hinsichtlich der Gutsverwaltung eine Vertrauensstellung bei den Humboldts erworben hatte, wurde nach dem Tod seines Brotherrn 1779 zum unentbehrlichen Berater der erneut verwitweten Frau von Humboldt und dann auch zum Vermögensverwalter seiner Schützlinge. Wilhelm von Humboldt wiederum förderte später Kunths Aufstieg zum Mitarbeiter des Freiherrn vom Stein in der preußischen Reformära und erfüllte ihm nach seinem Tode 1829 den Wunsch, im Familiengrab der Humboldts in Tegel beigesetzt zu werden.
Schon als 13-jähriger sprach Wilhelm fließend Griechisch, Latein und Französisch und war mit wichtigen Autoren der jeweiligen Literatur vertraut. Sein enormer Studienfleiß weckte nicht selten Besorgnis bei ihm Nahestehenden. Im Zuge der von Kunth arrangierten Studien gelangten die Brüder auch in das Haus des vielseitig interessierten Arztes Marcus Herz, der dort philosophische und physikalische Vorlesungen hielt, und in den Salon seiner Frau Henriette Herz, zu der Wilhelm zeitweise eine schwärmerische Zuneigung fasste. Als Mitglied in ihrem „Bund der Freunde“, einem von vielen damals existierenden Tugendbünden, zu dem sowohl eine Satzung als auch eine Geheimschrift gehörte, kam Wilhelm späterhin in Kontakt mit Caroline von Dacheröden, die dem Bund als auswärtiges Mitglied gleichfalls angehörte.
Das Ziel der anspruchsvollen Ausbildung ihrer Söhne lag für die Mutter darin, sie für einflussreiche Staatsämter zu qualifizieren. Wilhelm war für ein Studium der Rechtswissenschaften vorgesehen, Alexander für Staatswirtschaftslehre, die als Kameralia firmierte. Noch unter Kunths Obhut begannen die Brüder ihr jeweiliges Studium an der Universität Frankfurt (Oder), die Wilhelm aber nach einem Semester verließ, um sich im Frühjahr 1788 in Göttingen zu immatrikulieren.

Im Bund mit den Weimarer Klassikern 

Wilhelm von Humboldt 
 

In Göttingen löste sich Humboldt aus den vorgegebenen Bahnen und folgte fortan eigenen Impulsen, Interessen und Einsichten. Im Studium widmete er sich statt Jura nun mehr der Philosophie, der Geschichte und den alten Sprachen und hatte dabei mit Kapazitäten wie Lichtenberg undHeyne zu tun. 1788 war auch das Jahr, in dem er seine Frau Caroline von Dacheröden kennenlernte. Der überlieferte Briefwechsel beider hat es ermöglicht, dass diese Ehe zu einem durch den hohen Ton der wechselseitigen Einlassungen z.T. idealistisch aufgeladenen Muster des Geschlechterverhältnisses für das deutsche Bürgertum im 19. und noch im 20. Jahrhundert hat werden können.[1]
Von seinem Göttinger Studienort aus unternahm Humboldt noch gegen Ende des Jahres 1788 eine Reise in die Rhein/Main-Gegend, bei der er u.a. Bekanntschaft mit dem Weltumsegler Georg Forster und mit Goethes Jugendfreund Friedrich Heinrich Jacobi schloss. Im Sommer 1789 brach er zu einer weiteren Reise auf, die ihn gemeinsam mit seinem vormaligen Lehrer Campe in das revolutionäre Paris führen sollte. Neben dem eigentlichen Revolutionsgeschehen interessierte ihn bei dieser Gelegenheit aber auch die Lage der Pariser Waisenkinder, die er in einem Findelhausaufsuchte. Über die Weihnachtstage 1789 hielt sich Humboldt mit seiner Verlobten in Weimar auf und hatte dort erste Begegnungen mit Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.
Anfang 1790 trat er nach Beendigung des viersemestrigen Studiums in den Staatsdienst und erhielt eine Anstellung im Justizdepartement, wo er für die Richterlaufbahn ausgebildet wurde, zugleich aber die Zusatzqualifikation für den diplomatischen Dienst erwarb. Schon im Mai 1791 suchte er mit Hinweis auf Familienumstände um seine Entlassung nach, sei es, dass ihm die Ausübung des Richteramts im vorgegebenen Rahmen auf Dauer zuwider war, sei es, dass seine anderweitig entwickelten Neigungen den Ausschlag gaben oder dass er die Anstellung ohnehin nur betrieben hatte, um vor seiner Mutter und vor seinem Schwiegervater in spe, dem Kammerpräsidenten von Dacheröden, bestehen zu können. Nach der Hochzeit in Erfurt am 29. Juni 1791 lebten die Jungvermählten während der darauffolgenden zweieinhalb Jahre auf den Dacheröden'schen Gütern in Thüringen, wo Humboldt nun mit Caroline seine Studien der altgriechischen Sprache, Kultur, Kunst und Philosophie fortsetzte und in regem Gedankenaustausch mit dem Hallenser Altphilologen Friedrich August Wolf vertiefte. Die Beschäftigung mit der Antikediente ihm zu dem Zweck „der philosophischen Kenntnis des Menschen überhaupt“. Den griechischen Geist begriff er „als Ideal desselben, was wir selbst sein und hervorbringen möchten.“ 1793 entstand die Schrift "Über das Studium des Altertums und des Griechischen insbesondere", die seinen betonten Philhellenismus zeigt, gegen dessen Alleingültigkeitsanspruch selbst Schiller Vorbehalte hatte.
Mit seiner für die geistesgeschichtliche Epoche des Neuhumanismus charakteristischen Hochschätzung des antiken Griechentums und mit seiner weitreichenden Kenntnis kam Humboldt bereits als „‚Juniorpartner‘ der deutschen Klassik“ (Berglar), als er 1794 mit der jungen Familie an Schillers damalige Wirkungsstätte nach Jena umzog. Die Rolle, die er fortan zunächst Schiller, dann auch Goethe gegenüber spielen sollte, war die des scharfen Analytikers, konstruktiven Kritikers und versierten Ratgebers, der u.a. auf Schillers Balladen und sein Wallenstein-Drama ebenso kunstverständig einging wie auf Goethes „Herrmann und Dorothea“.

Wilhelm (2. v.l.) mit Schiller, seinem Bruder Alexander und Goethe in Jena 
 

Auf Humboldts idealisierendes Bekenntnis zum antiken Griechenland und seinen nachfolgenden Einfluss auf das deutsche Bildungswesen Bezug nehmend, urteilt Berglar: „Obwohl Humboldt sich an Tiefe nicht mit Goethe, an Dynamik nicht mit Schiller und an Schöpferkraft mit beiden nicht von Ferne messen konnte, hat doch gerade er vielleicht den stärksten, sicher aber den längsten Einfluß auf die deutsche Entwicklung genommen.“ Bis 1797 währte das enge Miteinander Humboldts mit Schiller in Jena. Es wurde 1795/96 unterbrochen und endete im Zusammenhang mit dem Tode Elisabeths von Humboldt, deren Vermögen auf die Söhne überging und diese materiell unabhängig machte. Während Wilhelm Schloss Tegel übernahm, kam Alexander nun zu dem Kapital, mit dem er seine amerikanische Forschungsreise finanzieren konnte.

Preußens Gesandter in Rom 
Nicht nach Tegel auf das elterliche Erbgut zog es Wilhelm und seine Familie allerdings nach dem Tode der Mutter, sondern zunächst, nachdem das eigentliche Wunschziel durch Napoleons Italien-Feldzug aus Sicherheitsgründen entfallen war, für vier Jahre in das noch immer vom Revolutionswandel umgetriebene Paris, wo Humboldt neuerlich eine Reihe teils intensiver und anregender Bekanntschaften machte, wie z.B. die des Abbé Sieyès, von Mme. de Staël und des Revolutionsmalers David. Von Paris aus unternahm er dann 1799 und 1801 noch zwei längere Reisen nach Spanien, die sich vor allem hinsichtlich der sprachwissenschaftlichen Studien des Baskischen als ertragreich erweisen sollten.
Im Sommer 1801 kehrte Humboldt mit Frau und Kindern nach Tegel zurück, allerdings nur für gut ein Jahr. Denn bereits im folgenden Frühjahr eröffnete sich für ihn die Chance, nun doch nach Italien zu gelangen, auf bequeme und einträgliche Weise sogar: als preußischer Resident am päpstlichen Stuhl. Nun zahlte sich aus, dass er während seiner Anstellung im Justizbereich zugleich eine Qualifikation für den diplomatischen Dienst und den Titel des Legationsrats erworben hatte. Als Mann von Welt aus dem Adelsstand empfahl er sich für diesen Posten, der möglichen Konkurrenten für nicht sehr attraktiv gelten musste, nachdem der Kirchenstaat unter französischer Vorherrschaft zusammengeschrumpft und der Inhaber des Heiligen Stuhls von Napoleons Gnaden abhängig war. Mit der Aufgabe der konsularischen Vertretung preußischer Untertanen in Rom war Humboldt nicht ernstlich gefordert, so dass er genug Zeit und Gelegenheit hatte, sein repräsentatives Haus, den Palazzo Tomati nahe der Spanischen Treppe, gemeinsam mit Caroline zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt Roms zu machen. Hier verkehrten neben Kurienangehörigen als Gäste u.a. Lucien Bonaparte, noch als Kronprinz der spätere Ludwig I. von Bayern, die Bildhauer Thorvaldsen und Rauch sowie der junge Karl Friedrich SchinkelFriedrich Tieck und August Wilhelm Schlegel in Begleitung der Frau von Staël.
Die eigentliche Faszination, die Rom auf Wilhelm von Humboldt ausübte und die sein sechsjähriges Verweilen als preußischer Gesandter dort begründete, erschließt sein Brief vom 23. August 1804 an Goethe: „Rom ist der Ort, in dem sich für unsere Ansicht das ganze Altertum zusammenzieht… Es ist allerdings also das meiste an diesem Eindruck subjektiv, aber es ist nicht bloß der empfindelnde Gedanke, zu stehen, wo jener oder dieser große Mann stand. Es ist ein gewaltsames Hinreißen in eine von uns nun einmal, sei es durch notwendige Täuschung, als edler und erhabener angesehene Vergangenheit, eine Gewalt, der selbst, wer wollte, nicht widerstehen kann, weil die Öde, in der die jetzigen Bewohner das Land lassen, und die unglaubliche Masse der Trümmer selbst das Auge dahin führen… Aber es ist auch nur eine Täuschung, wenn wir selbst Bewohner Athens oder Roms zu sein wünschten. Nur aus der Ferne, nur von allem Gemeinen getrennt, nur als vergangen muß das Altertum uns erscheinen.“
Im Sommer 1805 besuchte der von seiner Amerika-Expedition zurückgekehrte und schon damals als „zweiter Kolumbus“ gefeierte Alexander von Humboldt für mehr als drei Monate den Bruder und die Schwägerin in Rom, bevor er sich in Paris an die umfassende wissenschaftliche Auswertung des gesammelten Forschungsmaterials machte. Dies darf doch wohl als Zeichen einer intensiven Kommunikation und herzlichen Verbundenheit der mitunter in starken Kontrast zueinander gesetzten Brüder genommen werden. Treffender erfasst sein dürfte ihr Verhältnis und komplementäres Wirken mit dem Bild von den „preußischen Dioskuren“.

Der Bildungsreformer 
Die Liquidierung des Heiligen Römischen Reiches, den Zusammenbruch Preußens nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt sowie die französische Besetzung Berlins 1806 hat Humboldt auf seinem Posten in Rom durchaus betroffen, aber doch in schonender Distanz mitverfolgt. An Staatsminister