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Eros und Thanatos in ihrer Mehrdeutigkeit

 
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Malte
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MessagePosté le: Mar 5 Aoû - 14:01 (2008)    Sujet du message: Eros und Thanatos in ihrer Mehrdeutigkeit Répondre en citant

Eros und Thanatos in ihrer Mehrdeutigkeit
4.0 Vorbemerkung
Bisher ist die Mehrdeutigkeit in Trakls Dichtung an zwei Einzelgedichten, auf der Ebene der Wörter, der Bildlichkeit und lyrischen Musik verfolgt worden. Haben wir uns dabei, allegorisch gesprochen, an ihren wie den immanenten Wurzeln dieser Poesie überhaupt bewegt, soll sie nun an einem Hauptast oder vielleicht sogar durchgängigen Stamm aus Trakls Sprachbeet beleuchtet werden. Dazu bieten sich die, von einander untrennbaren, großen Themen ‘Liebe und Tod’ an, die Schlüssel- und Hauptinhalte nicht nur bei Trakl, sondern von Literatur und Kunst überhaupt. Das Vorherrschen des Thanatos bei ihm dürfte bereits durch die ‘Lieblingswörter’ unter 3.1.1 evident geworden sein; allerdings: „Wir werden immer wieder feststellen, daß Verfall und Untergang bei Trakl nicht das letzte sind, auch wenn es manchmal so scheint.“[106] Den Eros betreffend, muß die singuläre Rolle der ‘Schwester’ bei Trakl diskutiert werden.
Zunächst ist dazu jedoch die Frage der Identität anzusprechen, weil diese eine Voraussetzung für die anvisierten Themen darstellt. Wie bereits in der Problemstellung des zweiten Kapitels anhand der Gedichte „Abendmuse“ und „Gesang einer gefangenen Amsel“ ausführlich dargelegt, konstituiert sich Mehrdeutigkeit in Trakls Texten - für die Literaturwissenschaft eminent - durch die Auflösung des lyrischen Ichs respektive sogar die Verweigerung besonders des zweiten Beispieles, ein solches kenntlich werden zu lassen. Allerdings reicht die Frage nach Identität - wie sich zeigen wird - über die eines lyrischen Ichs hinaus.
Dies soll nun als Einstieg in den Komplex Eros und Thanatos vermittels ausgewählter Textstellen näher und in seiner Breite als Mehrdeutigkeit evozierendes Element untersucht werden.
4.1 Die Auflösung des Ichs in Lyrik
Ein erster, ebenso simpler wie signifikanter Faktor des lyrischen Ichs und seiner Identität ist die Vorkommensweise des Wortes ‘ich’. In Trakls frühen lyrischen Versuchen kann seine Präsenz, wenn man den Maßstab der reifen Werke anlegt, schier penetrant wirken:
Citation:
Mich däucht, ich träumte von Blätterfall,
Von weiten Wäldern und dunklen Seen,
Von trauriger Worte Widerhall -
Doch konnt’ ich ihren Sinn nicht verstehn. (S. 129)


Kürzte man diese Strophe um den letzten Vers und entschlackte den ersten auf ‘träumen’ und ‘Blätterfall’: Könnte sie nicht als potentielle Keimzelle eines der - zumeist über viele Vorstufen mutierten - Gedichte der Spätphase fungieren? In deren, von Trakl an die Öffentlichkeit gegebenen, Werken treten die flektierten Formen von ‘ich’ nebst ‘mein’ dagegen auffallend vereinzelt und fast versteckt auf - die Gedichte sind „gleichsam subjektlos“[107]-, ohne jedoch völlig ausgespart zu sein. So hebt das Gedicht „Die Nacht“ an:
Citation:
Dich sing ich wilde Zerklüftung, (S. 90)


Zwischen der im weiteren leitmotivisch aufgefächerten ‘Zerklüftung’ verschwindet das hier schier hölderlinisch ansetzende ‘ich’ dann folgerichtig, ohne daß nochmals klar auf es referiert würde.
Das Ich hat, wie unter 2.1 am Beispiel „Abendmuse“ aufgezeigt, in Trakls lyrischem Erwachsen einem breiten Spektrum von Sinnes- und Traum- oder Visionseindrücken den Raum überlassen, realen und phantastischen Identifikations-Figuren, die menschlich, aber auch Tiere und Pflanzen sein können. All dies ist geeignet, mit Gedanken des zwei Jahre nach Trakl gestorbenen Ernst Mach in Parallele gesetzt zu werden: „Das Ich ist nicht scharf abgegrenzt, die Grenze ist ziemlich unbestimmt und willkürlich verschiebbar.“ - „Der Gegensatz zwischen Ich und Welt, Empfindung oder Erscheinung und Ding fällt dann weg (...).“[108] In diesem Phänomen liegt - nebenbei bemerkt - ein wesentlicher Anteil an der qualitativen Steigerung, die Trakls Dichtung zu ihrem Ende hin errang. Besagte Auflösung liefert eine Basis, welche die Expansion zu ungeahnten Perspektiven, Sprachfügungen und Empathien zu ermöglichen vermochte. „Trakl steht dem, was er ausdrückt, nicht distanziert gegenüber, sondern sein Ich und seine dichterische Welt gehen unmittelbar ineinander. Er findet im beseelten Außen eine Ausdrucksmöglichkeit für seine Innenwelt, oder - was auf dasselbe herauskommt - die äußere Welt beginnt in sein Inneres einzufließen.“[109]
Am Rande sei darauf verwiesen, daß sich dies - im folgenden Zitat besonders auf ‘Subjekt’ und nicht ausschließlich auf ‘ich’ bezogen - schon auf grammatischer Ebene ausmachen läßt beziehungsweise durch grammatische Faktoren konstituiert wird. Wichtig zur Erläuterung dessen ist die Beobachtung, „(...) daß allein die syntaktische Polyvalenz der Verse Trakls eine rein naive Leseweise nicht zuläßt. (...) Fehlen des Artikels, formale Gleichheit der Kasus machen oft eine grammatische Bestimmung der Substantive unmöglich, so daß vielerorts Unklarheit darüber herrscht, ob ein Substantiv als Subjekt, Objekt oder als Apposition aufzufassen ist.“[110]
Doch geht die Meidung des ‘ich’ zunächst vordringlich mit Gefährdung und Schwund, ja einer bewußten Degradierung einher.
Citation:
Fremdling! Dein verlorner Schatten
Im Abendrot (...) (S. 88)


Der hier als ‘Du’ angeredete scheint das Selbst zu sein, wie uns dies schon in „Abendmuse“ als eine Methode der Verschleierung des Ichs begegnet ist.
Citation:
Die fremde Schwester erscheint wieder in jemands bösen Träumen. (S. 31)


Bei diesem Vers ist die abqualifizierende Ersetzung des zu erwartenden ‘in meinen bösen Träumen’ durch ‘jemands’ besonders durch den von Trakl als schuldhaft empfundenen Inzest mit Grete nachvollziehbar.
Vor allem aber wird der Schwund der eigenen respektive jeglicher Identität bildlich thematisiert:
Citation:
und da ich mit silbernen Fingern mich über die schweigenden Wasser bog, sah ich daß mich mein Antlitz verlassen. Und die weiße Stimme sprach zu mir: Töte dich! (S. 96) -
Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn,
Erscheinen unsere bleichen Gestalten vor uns. (S. 37)


Zum ersten Zitat schreibt Killy: „Der Mensch erblickt sich - und findet sich nicht“; zum zweiten ebenso treffend vom „Bild des Doppelgängers“[111], damit an ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Motiv erinnernd. Diese wie weitere, in dieser Hinsicht nicht so eindringlichen Stellen, werfen die Diagnose auf, daß das Ich abhanden gekommen ist; und kreist nicht dieses Kapitel ebenso wie Trakls Poesie um die peinvolle Frage, wo es abgeblieben ist?
Um endgültig zum Aspekt der Aufsplitterung des Ichs hinzuleiten, eignen sich fünf Verse aus „Siebengesang des Todes“:
Citation:
O des Menschen verweste Gestalt; gefügt aus kalten Metallen,
Nacht und Schrecken versunkener Wälder
Und der sengenden Wildnis des Tiers;
Windesstille der Seele.
Auf schwärzlichem Kahn fuhr jener schimmernde Ströme hinab, (...) (S. 70)


Das ähnlich wie ‘jemands’ aus einer kurz zuvor angeführten Stelle abqualifizierende ‘jener’ kann kaum anders als auf ‘des Menschen verweste Gestalt’ bezogen werden, was durch dessen Zerrissenheit zwischen ‘Windesstille’ und ‘Wildnis’ eindrucksvoll vorbereitet ist. Letztere rückt das seltsame, oft auftretende Motiv ‘Wild’ - wieder ein polysemes Wort - in den Blickpunkt, das neben anderen durchaus die Deutung als Personifizierung eines verselbstständigten Segmentes des Ichs zuläßt. In ihm ereignet sich ein weiterer Aspekt der oben erwähnten Degradierung des Ichs, da es uns in eine animalische und anonyme Sphäre verweist. Dazu adäquat tritt es stets in Verbindung mit ‘scheu’, ‘sanft’, ‘blau’, ‘blutend’ ‘Nacht’ auf und läßt ein versteckt-verletztes Wesen denken[112]; an zumindest einer Stelle deutet es sogar über die Animalität hinaus, wenn es vom ‘Fremdling’ - einem weiteren von Trakls anonymen Außenseitern - heißt: „Gedächte ein blaues Wild seines Pfads“ (S. 75). Dennoch muß mit dem so charakterisierten ‘Wild’ - diesem nahezu synonym wird auch ‘Tier’ häufig gebraucht - vordringlich die Natur assoziiert werden, welche schon allein durch dessen Erscheinungsorte im den Gedichten - ‘Hollunder’, ‘Saum des Waldes’ - repräsentiert ist. Die durch diese Mehrdeutigkeit eröffnete identifikatorische Transformation, die hier bei Trakl manifest wird, erweist ihren frappierenden Realismus: „Eine furchtbare Wechselwirkung hat stattgefunden. Im Maße der Ausgeschlossenheit des Menschen verdarb auch die Natur und verfiel seiner Vergänglichkeit, und im Maße ihres Verfalls wächst die Fremdheit des Menschen.“[113]
In auffälligem Kontrast zum verletzt-passiven ‘Wild’ steht die Bedeutung des Adjektives ‘wild’, das oft und meistens seiner üblichen Semantik und Verwendung überraschend gemäß im Gesamtwerk auftaucht. Im Kontext seiner Verwendung innerhalb des folgenden Beispieles geleitet es uns daher zu einem konkreten Tier:
Citation:
(...) Und folgend dem Schatten der Schwester;
Dunkle Liebe
Eines wilden Geschlechts, (...).Unter finsteren Tannen
Mischten zwei Wölfe ihr Blut
In steinerner Umarmung; (...) (S. 68 f.)


Noch klarer als durch die Nähe zur Schwester weist sich der Wolf in den beiden Vorfassungen des dieses Zitat enthaltenden Gedichtes „Passion“ als Identifikationsfigur aus:
Citation:
Zwei Wölfe im finsteren Wald
Mischten wir unser Blut in steinerner Umarmung (S. 216 u. 218)


Doch erscheint der Wolf neben dieser eindeutig erotischen ebenfalls in gängigeren Konnotationen, die ihn als Träger schuldhaft-animalischer Triebe auch im destruktiven Sinn kennzeichnen:
Citation:
Ein roter Wolf, den ein Engel würgt. (S. 71)


Das Schwanken zwischen Ausleben und Unterdrücken der Triebhaftigkeit ist auch in den folgenden Auszügen virulent, wo an die Stelle des Engels als einer höheren, quasi Gewissensinstanz, die Mutter[114] tritt:
Citation:
Aber in dunkler Höhle verbrachte er seine Tage, log und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem weißen Antlitz der Mutter. (...) Ein Wolf zerriß das Erstgeborene (...) (S. 80 u. 82)


Der ‘Knabe’ als Protagonist der die letzten beiden ‘Wolf’-Belege enthaltenden Prosadichtung „Traum und Umnachtung“ eröffnet ein weiteres Feld unseres Zusammenhanges; weitere der Aufsplitterungen in Figuren, Körperteile und -bewegungen lieferten bereits die eingangs dieser Arbeit diskutierten Gedichte „Abendmuse“: ‘Stirn’, ‘Lider’ - sowie „Gesang einer gefangenen Amsel“: ‘Der Einsame’, ‘den goldnen Schritt’, ‘ein brechendes Herz’ und - allerdings weniger identifikatorisch - ‘Arme’. Die Verwendung von Körperteilen geschieht dabei mit einer die Identität in weit komplexerem Sinn bergenden und verbergenden Weise, als dies mit einer Stilfigur wie pars pro toto zu beschreiben wäre. Weiter sind neben dem oben erwähnten ‘Fremdling/Fremder’, ‘Mondener’ und ‘Jüngling’ sowie Neutra wie ein ‘Dunkles’, ‘Totes’, ‘Krankes’ und ‘Ruhendes’ sowie ‘Schatten’, der uns schon öfter begegnet ist, zu nennen, welche in den Rahmen des Ausgeführten passen. Die meist mythischen, namentlich genannten Identifikationsfiguren sollen im nächsten Abschnitt besprochen werden.
Einen zusätzlichen, hier nur zu erwähnenden Faktor von Mehrdeutigkeit gewinnen alle aufgelisteten Seelen-, Ich- oder Teil-Ich-Figurationen, werden sie aus der Perspektive des Verdiktes Bollis betrachtet: „Trakl differenziert in keiner Weise zwischen seiner Person und dem Werk, er hält beides fraglos für zusammengehörig.“[115] Trakls Paradegedicht für die Vielfältigkeit der Aufsplitterung des Ichs ist der „Psalm“ (S. 31 f.): „In Psalm bewegt sich eine Gestalt - vielleicht die des Dichters selbst - in verschiedenen, aber folgerichtigen Erscheinungen durch das Gedicht.“[116] Hier trifft man neben anderem auf einen ‘Betrunkenen’, den gestorbenen ‘Wahnsinnigen’, ‘Fremden’, ‘den Studenten, vielleicht ein Doppelgänger’, ‘jungen Novizen’ sowie den schon angeführten ‘jemand’ und den ‘weißen Magier’, der schon in „Abendmuse“ auftauchte. In diesem Zusammenhang stellt sich eine von Killy formulierte Erkenntnis ein, die für unser Thema Mehrdeutigkeit und die benamten Figuren im nächsten Abschnitt fundamental ist: „Ebenso, wie die Dinge der Welt in den Gedichten dieses Dichters immer neuer Wandlung unterworfen werden, sind es hier die lebendigen Gestalten. Als bloße nomina sind sie noch nichts. Sie bedürfen der Identifikation mit einem anderen, um in ihrem jeweiligen Sein erkennbar zu werden; die Identifikation verrätselt und entlarvt sie zugleich.“[117]
Wie schon an manchen der vorherigen Stellen ersichtlich, unterliegen fast alle beschriebenen Formen oder potentiellen Erscheinungsweisen des Ichs dem Einfluß des Thanatos. Es braucht nicht weiter exemplifiziert zu werden, wie oft ihm Fremdheit, Wahnsinn, Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Sterben und Tod zugehören. Der Einzelne, aber auch das Gesamte existiert in der Phase des Untergangs. Da dieser wichtige, in jede Facette der Identität reichende Punkt auf die im nächsten Kapitel anstehende Betrachtung Trakls als Apokalyptiker vorausgreift, muß er hier kurz angerissen verbleiben.
So weitreichend und ausdrucksstark diese Auswahl die Ich-Splitter bei Trakl vorstellt, es muß abschließend eine konterkarierende Frage gestellt sein: Kann und sollte ein Gedicht oder literarisches Werk überhaupt einen holistischen Anspruch bezüglich Welt und Identität hegen, ob mikro- oder makrokosmisch? Darf lyrischem Empfinden ‘ich’ nicht sowohl vermessen als auch oberflächlich erscheinen?
Kommen wir nun auf den schon angedeuteten expansiven Aspekt der Ich-Auflösung zu sprechen, der zwar manchem bisher in diesem Zusammenhang Gesagten eine andere Deutung bescheren, es aber nicht völlig nivellieren kann. Wie sehr das oft nur zu erspekulierende lyrische Ich in Identifikationen, Musik, Anschauung und Empfindung in fast schon animistischer Weise ausgeweitet erscheint, zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegende Arbeit. Entscheidend und grundlegend ist dabei der, bei Trakl oft anzutreffende, Begriff ‘Seele’ und die gerade für „Gesang einer gefangenen Amsel“ so entscheidende ‘Seelenwirklichkeit’, die unter 2.2 mit C.G. Jung eingeführt wurde. Wie weit dies gehen kann, zeigt der folgende Vers, in dem der ungewohnte transitive Einsatz des Verbs[118] - als eine sich in unserem Zusammenhang aufdrängende Deutungsvariante - Seele sogar eine Wirklichkeit konstituieren läßt:
Citation:
Es schweigt die Seele den blauen Frühling. (S. 78)

Um diese Spur weiterzuverfolgen, sei Jung abermals herangezogen: „Woher stammt das Wort Seele? Seele, wie das englische soul, ist im Gotischen saiwala, urgermanisch saiwalo, das etymologisch mit dem griechischen aiolos, beweglich, bunt, schillernd, zusammengestellt wird. Das griechische Wort psyche heißt bekanntlich auch Schmetterling. Saiwalo wird andererseits auch mit dem altslawischen sila, Kraft, zusammengestellt. Aus diesen Beziehungen fällt ein erklärendes Licht auf die Urbedeutung des Wortes Seele: sie ist bewegende Kraft, wohl Lebenskraft.“[119]
Die bei manchen Beispielen entdeckte kosmisierende Tendenz Trakls, seine in alle Richtungen auswachsende Mehrdeutigkeit koinzidiert mit diesem dynamischen Seelenbegriff. Noch entscheidender ist allerdings der über rationale Raum-, Zeit- und Realitätsauffassungen hinausreichende Anteil von Seele, den Jung als ‘kollektives Unbe wußtes’ bezeichnet. In diesem Kontext sind die anschließenden Ergänzungen zu lesen: „Könnte man das Unbewußte personifizieren, so wäre es ein kollektiver Mensch, jenseits der geschlechtlichen Besonderheit, jenseits von Jugend und Alter, von Geburt und Tod (...).“[120] Zu erinnern ist hier auch an die schon unter 2.2 zitierte Aussage, daß dieser kollektive Mensch keine Person darstellt.
Trakl gemäß des letzten dieser beiden Sätze zu verstehen, dürfte uns mittlerweile einleuchten, wie sehr auch der erste zutrifft, wird sich noch zeigen. In eine ähnliche Richtung hat schon Mach gezielt, wenn er schreibt: „Bewußtseinsinhalte von allgemeiner Bedeutung durchbrechen aber diese Schranken des Individuums und führen, natürlich wieder an Individuen gebunden, unabhängig von der Person, durch die sie sich entwickelt haben, ein allgemeineres unpersönliches, überpersönliches Leben fort. Zu diesem beizutragen, gehört zu dem größten Glück des Künstlers, Forschers, Erfinders, Sozialreformators u.s.w.“[121] Es scheint, als habe der Dichter all dies selbst in einem seiner frühen Gedichte quasi als Programm oder Leitmotiv für seine Entwicklung angekündigt:
Citation:
Meine Seele schauert erinnerungsdunkel,
Als ob sie in allem sich wiederfände -
In unergründlichen Meeren und Nächten,
und tiefen Gesängen, ohn’ Anfang und Ende. (S. 129 f.)


‘Seele’ scheint hier wie auch nach Jung mehr als ‘ich’ zu sein, doch wird sie ebenso abgetrennt und geschrumpft - letzteres durchaus nicht nur negativ - erfahren:
Citation:
Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. (S. 78)[122]
Ein blauer Augenblick ist nur mehr Seele. (S. 45)


Der Dualismus Reduktion - Expansion, der zur Annäherung an das Thema dieses Kapitel gedient hat, läßt sich kaum aufrechterhalten; sind die diesen Begriffen innewohnenden Entwicklungsrichtungen überhaupt zu trennen? Die Ich-Auflösung unterliegt einer grundsätzlichen Divergenz und Zweischneidigkeit, konkretisiert sich in gegenseitiger Ein- und Durchdringung von Dichter und Welt im Raum der Sprache. Müssen wir dies nicht als kosmische Empathie bezeichnen, die allerdings mit dem - wie unter 3.1.1 erwähnt - polyvalenten ‘Schmerz’ einhergeht und zumindest phasenweise Schwund und/oder Auflösung der Individuation impliziert?
Die Hinterfragung von ‘ich’ ist für die Poesie unabdinglich, hat sie Mehrdeutigkeit als Grundprinzip des Seins und ihrer selbst erkannt. Trakl leistet dies unter anderem, indem er vom herkömmlichen, künstlich vom Rest der Welt abgespaltenen Ich-Subjekt, das nach Jungs Aussagen ohnehin nur einen kleinen Teil der Psyche und des Selbst repräsentiert, abrückt. Auf die Welt - was Zivilisation und Natur meint - seiner Epoche bezogen hat Trakl all dies allerdings auch als Zerrissenheit erfahren, die ihn selbst nicht ausnahm. Das Ergebnis dieser Prozesse innerhalb der Lyrik ist indessen bestechend: „Vieldeutigkeit ist das Mittel, welches die Unvereinbarkeiten dieser Welt auflöst.“[123] Damit ist die umfassende Größe, welche die Mehrdeutigkeit erzeugende Auflösung des Ichs im Kosmos der Lyrik mit ihrer unbegrenzbaren Expressivität zu stiften vermag, vielleicht sogar als eine Art von höherem Sinn ausgemacht.
Dennoch bleiben die Gegensätze im Selbst und der Welt erhalten, und zwar auf die schon beschriebene zerrissene, ja zerstörerische Weise. Die Todgeweihtheit aller hier beschriebenen Ausformungen des Ichs und die drohende Apokalypse korrespondieren miteinander. Und so ist, um die obige Auflistung des ‘Wolfs’ im reifen Werk zu vervollständigen, der folgende Vers des kurz vor Trakls Tod entstandenen, wahrhaft infernalischen Gedichtes „Im Osten“ auch mit der Einsicht zu lesen, daß die an den germanischen Fenrirs-Wolf gemahnenden Eigenschaften nicht zuletzt auch aus dem Ich hervorbrechen:
Citation:
Wilde Wölfe brachen durchs Tor. (S. 93)


Damit hat uns die Auflösung des Ichs die unterschiedlichen Dispositionen des Menschen freigelegt, die zur Apokalypse führen können, aber auch die Keime der Utopie beherbergen. Wie anders wären denn auch die Unvereinbarkeiten der Welt aufzulösen?



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